Juli 26, 2026



Grün


(Tanka)


 – grün die himmelshaut

grün gefiedert die äste

und grün der schatten:


dieses mächtige waldgrün

von sonne vollgesogen



– Hans Hermann –



Juli 25, 2026



Bergpredigt (Kurzfassung)



«Wer Weisheit sucht, der muss die Schlauen fragen»,

spricht Jesus. «Saht ihr jemals Meisen prahlen?

Ein guter Christ darf niemals Frauen schlagen!

Die Mühle wird zu Wucherpreisen mahlen.


Zum Abgrund muss der Reiche schmählich sausen.

Jehova wird dem Stolz sein Zelt verwehren.

Die Hungernden, sie werden selig schmausen,

die sich nach Recht in dieser Welt verzehren.


Der Teufel mag des Nachts nach Fliegen suchen,

doch schlecht soll es dem Bösen flott ergehen.

Ihr dürft nicht nach verpassten Siegen fluchen.

Das Heil lässt sich allein von Gott erflehen.


Ich sage: Mensch, du wirst vom Saufen toll!

Nur Wasser ist's, womit man taufen soll.»



– Cornelius –



Juli 24, 2026



Schweigemond



 – Die ferne Liebe verblasste
zwischen Kopfhörern
Sprachnachrichten
und Mitternachtszügen

[Schweigen]

Jetzt such ich dich in jedem Lied
das nachts auf Spotify läuft
wenn die Stadt endlich still wird
und selbst der Mond aussieht
als hätte er Liebeskummer



– Morphea –



Juli 23, 2026



Aufklärung



 – Familientag im Saunabad.

Die Luft stagniert bei achtzig Grad.

Ein Fliederblütenaufguss dampft,

man plaudert, transpiriert, entkrampft.


Da wundert sich der kleine Fritz

auf seinem warmen Erlensitz:

«Wer mag der Herr dort drüben sein?

Er streckt nur sein Gesäß herein …»


Die Tante sagt, im Blick die Tür,

mit pädagogischem Gespür:

«So merke, dass du's nicht vergisst:

Der Herr dort ist ein Posaunist!»



– Cornelius –



Juli 22, 2026



Stille



– Höchst behäbig naht der Morgen.
Grauer Himmel, tief und schwer,
hält das Licht im Dunst verborgen,
duldet keine Gegenwehr.

Von dem Dach der Silberlinde
kugelt sich der Samen Flut,
tollt noch mit dem letzten Winde,
bis ein jedes Blättchen ruht.

Stille liegt vor meinem Fenster,
zart durchwirkt mit Wiesenduft.
Sie erstickt die Traumgespenster.
und gibt meiner Seele Luft.

Bald schon ruft die frühe Meise
ihren Liebsten zärtlich heim.
Wohlig kühlend, plätscherleise,
regnet sich der Morgen ein.



– Andrea M. Fruehauf –



Juli 21, 2026

 


Übergestern



 – Wären wir wahrhaft frei,

wir würden springen.


Dies zu greifen macht aus dem Unmöglichen nur eine Möglichkeit

einer unmöglichen Erfüllung:


ein Streben immerfort ins gestrige Morgen.


Nur ein Gott kann uns noch helfen;

er ist Schmerz – die Furcht

vor einer Freiheit.


Ohne Grund,

unentschieden,

zu leicht gefangen

zwischen unseren Händen.


Bewahren wir ihn,

manchmal

zu nah am Herzen.


Liebe,

eine geschmiedete

Notwendigkeit


Wie die Angst,

dass nur die Angst uns hält.


Wer hielte ihn –

ließ ich ihn gehen?


Morgenstern


Vielleicht:

ein Verlangen, ein Wollen,

ein Wille im Werden –

im Fallen sein,


kollidieren und

Zerschmettern?


Die Welt ist alles,

wenn sie fällt.


Jeder Grund,

unhaltbare Notwendigkeit –

sie zerbricht

an unserem Wesen.


Mit verdrehten Köpfen

schöpfen wir ein Gestern

im Morgen,

als gäbe es eine Kraft,

die uns zu Schöpfern heißt.


Stella Nova


Ich frage dich,

und dein Ende

beginnt.



– Rufus –



Juli 20, 2026



Tenorgedanken


(Drabble, sonettartig)



Die Liebe ist am Donnerstag erloschen.

Sie – hat sich einen neuen Hut gekauft,

Ihm – blieb das Herz stehn. Durchgeschnauft

Hat er am Freitagmorgen und verdroschen

Hätt‘ er am liebsten erst einmal sich selber,

Wie kann ein Mann so dämlich sein und stellt

Das Glück, das er in festen Händen hält,

Um zweier rotlackierter Kicherkälber …

Setzt es aufs Spiel? Stellt es in Frage? Ginge

Er jetzt zu ihr und nähm‘ sie in den Arm …

(er denkt) … ich steh an ihrem Fenster … singe

(er ist Tenor, trainierter Frauenschwarm) …


Ich singe ihr vom unglücklichen Dieter …

Er tuts. Sie hörts – und küsst den Untermieter.


– ogolo –