Schweigemond
– Morphea –
– die Wege die ich gehe
sind nicht mehr dieselben
und der Regen fällt
ich suche traurig
deine letzten Momente
am Lieblings-Schnüffelbaum
ich gehe nun weiter
ein seltsamer Wind
und Tränen wie Regen
man soll,
wenn man am Boden liegt
aufsteh’n und die Krone richten.
Ich kann das nicht mehr –
weil du meine Krone bist.
– Morphea –
– Zwischen einer Unschärfe
zwischen Ebbe und Flut
bin ich ein Schrödinger-Mensch.
Von Geburt an
lebenslänglich undefiniert!
Geboren aus dem Zellgestöber
einer Zufälligkeit
am Rande des Kontinuums.
Immer ohne zu wissen
in welchem Bewusstseinsaggregat,
zwischen welcher Welle
ich gerade ertrinke.
– Morphea –
👉 Mit dem Bild des «Schrödinger-Menschen» wird ein Bezug zur Quantenphysik hergestellt – ähnlich, wie Schrödingers Katze gleichzeitig lebendig und tot ist, empfindet sich der moderne Mensch als nicht eindeutig festlegbar. Er bezieht sich auf Relationen, er braucht Koordinaten, um sich als solcher wahrzunehmen.
«Was wir wirklich sind, waren und werden, das lässt sich leider nicht auf die Quantenebene herunterbrechen, aber genau das wäre hochinteressant, und wir wären superpositionär, funktioniert aber im Makroversum nicht.» (Morphea)
👉 Interpretationsversuch:
Das Gedicht «zwischen dem Vielleicht» bewegt sich stark im Spannungsfeld von Chaos, Möglichkeit und flüchtiger Ordnung. Es wirkt wie eine philosophische Reflexion über die Natur der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung davon.
Der erste Teil zeichnet ein Bild von Chaos, das «ein Gewand aus zerbrochenen Spiegeln» trägt. Zerbrochene Spiegel stehen oft für Fragmentierung – nichts ist ganz, alles ist in Teile zerfallen. Gleichzeitig spiegeln diese Splitter jeweils ein eigenes Bild wider. Die Formulierung «in jedem Splitter ein Universum / das sich selbst betrachtet» deutet darauf hin, dass jede Perspektive eine eigene Realität enthält. Das kann man so lesen, dass es keine objektive, einheitliche Wirklichkeit gibt, sondern viele subjektive «Mini-Universen», die jeweils ihre eigene Wahrheit reflektieren. Der «Wind der Wahrscheinlichkeit» verstärkt diese Idee: Alles ist im Fluss, nichts ist festgelegt, sondern entsteht aus Möglichkeiten und Zufällen.
Im zweiten Teil verschiebt sich der Fokus von Chaos hin zu Schönheit und Ordnung. Die Aussage «vielleicht ist die Schönheit / nur ein kurzer Moment / einer Ordnung» relativiert den Begriff von Schönheit stark. Schönheit ist hier nichts Dauerhaftes, sondern ein flüchtiger Zustand – ein kurzes Aufscheinen von Struktur innerhalb des Chaos. Besonders interessant ist die letzte Zeile: «in dem das Universum innehält / und sich selbst versteht». Das legt nahe, dass Ordnung und Schönheit Momente sind, in denen das Universum gewissermaßen Bewusstsein oder Klarheit erreicht. Man könnte das auch auf den Menschen übertragen: In Momenten, in denen wir Schönheit wahrnehmen, erkennen wir für einen Augenblick eine tiefere Ordnung hinter allem.
Insgesamt lässt sich das Gedicht als Meditation über Unsicherheit und Erkenntnis lesen. Das «Vielleicht» im Titel ist zentral: Es gibt keine festen Antworten, nur Annäherungen. Wirklichkeit erscheint als etwas Vielschichtiges und Instabiles, während Erkenntnis und Schönheit seltene, fast zufällige Momente sind, in denen sich für einen Augenblick Sinn zeigt.
– Morphea –
– Nachts fallen Sterne ins Meer
weiß nicht wer sie wirft, wer sie fängt
und dass es mich meerwärts drängt
gezeitenlängs, die Nacht wiegt schwer
Bin ich die, die wartend am Saum
sich in den Elementen fand
treibendes Zeitgut verloren im Sand
zerriebener Sterne – im Zwischenraum
– Morphea –
– tief unter dem Eis der Gezeiten
mischt sich ein träges, schweres Meer
mit leisen winterblauen Klängen
vibriert ein unbestimmtes Sirren
aus kristallinem Schwingen
in feinstgefrorenen Gesängen
die Nacht vermischt ihr Dunkelblau
mit Tausendsterngebilden
die südwärts sich zum Sterben neigen
der Mond flaniert am Horizont
umhüllt vom Halofrostgewande
Und ich: Ich atme Schweigen
– Morphea –
– Der Saft des ausgepressten Lebens einer Apfelsine
Die Füße laufen quicklebendig und recht froh
Ins Meer und trennen fleißig Molekülstrukturen.
Milliarden Jahre drängen sich durch alle Zehen
Die Gischt aus Zeit mir ins geleerte Glas zu wehen.
– Morphea –