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September 23, 2026



das dritte Kind



 – das Herbstkind kommt leise

stellt sich an den Rand des Sommers

und pustet Nebel

über die warmen Felder


es erntet die Früchte des Jahres

und spuckt die Kerne durch die Welt

der Sommer flieht in den Süden

- mit Händen voller Licht


in Spiegelpfützen kentern

im Sturm gefallene Blätter -

die nicht länger glauben wollen

dass Bleiben eine Form von Ewigkeit ist


das Herbstkind malt seinen eigenen Himmel

Sonnenbögen aus Regen

und einen Schmetterling der Nacht

über gesponnenen Netzen in denen sich

die Schönheit der Vergänglichkeit verfängt



– Morphea –



August 29, 2026



Quantenwanderer






 – du trägst einen Mantel
gewebt aus ungeborenen Zeiten

mit aufgestickten Galaxien

und unmöglichen Koordinaten

zwischen allen Welten
wanderst du durch
die Vielleichts jener Räume

die sich erst bilden
wenn du sie verlässt


die Sprache spricht Zufall

und träumt dich [oder nicht]

für einen flüchtigen Augenblick
als Mensch der war ist und wird


und du erkennst
dass du

dieser Traum bist
der sich weigert
beim Erwachen
zu enden



– Morphea –



Juli 24, 2026



Schweigemond



 – Die ferne Liebe verblasste
zwischen Kopfhörern
Sprachnachrichten
und Mitternachtszügen

(Schweigen)

Jetzt such ich dich in jedem Lied
das nachts auf Spotify läuft
wenn die Stadt endlich still wird
und selbst der Mond aussieht
als hätte er Liebeskummer



– Morphea –



Juni 30, 2026



Alles gleich aber anders



– die Wege die ich gehe

sind nicht mehr dieselben

und der Regen fällt


ich suche traurig

deine letzten Momente

am Lieblings-Schnüffelbaum


ich gehe nun weiter

ein seltsamer Wind

und Tränen wie Regen


man soll, 

wenn man am Boden liegt

aufsteh’n und die Krone richten.


Ich kann das nicht mehr –

weil du meine Krone bist.



– Morphea – 



Mai 06, 2026



Zeit ohne Punkt 



 – Zwischen einer Unschärfe 

zwischen Ebbe und Flut 

bin ich ein Schrödinger-Mensch. 

Von Geburt an

lebenslänglich undefiniert! 

Geboren aus dem Zellgestöber 

einer Zufälligkeit 

am Rande des Kontinuums. 

Immer ohne zu wissen 

in welchem Bewusstseinsaggregat, 

zwischen welcher Welle 

ich gerade ertrinke.



– Morphea –



👉  Mit dem Bild des «Schrödinger-Menschen» wird ein Bezug zur Quantenphysik hergestellt – ähnlich, wie Schrödingers Katze gleichzeitig lebendig und tot ist, empfindet sich der moderne Mensch als nicht eindeutig festlegbar. Er bezieht sich auf Relationen, er braucht Koordinaten, um sich als solcher wahrzunehmen.

 

«Was wir wirklich sind, waren und werden, das lässt sich leider nicht auf die Quantenebene herunterbrechen, aber genau das wäre hochinteressant, und wir wären  superpositionär, funktioniert aber im Makroversum nicht.» (Morphea)


 

April 28, 2026



zwischen dem Vielleicht



 – das Chaos trägt ein Gewand
aus zerbrochenen Spiegeln
flatternd im Wind der Wahrscheinlichkeit
in jedem Splitter ein Universum
das sich selbst betrachtet

vielleicht ist die Schönheit
nur ein kurzer Moment
einer Ordnung
in dem das Universum innehält
und sich selbst versteht



– Morphea –



👉  Interpretationsversuch:
 

Das Gedicht «zwischen dem Vielleicht» bewegt sich stark im Spannungsfeld von Chaos, Möglichkeit und flüchtiger Ordnung. Es wirkt wie eine philosophische Reflexion über die Natur der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung davon.

 

Der erste Teil zeichnet ein Bild von Chaos, das «ein Gewand aus zerbrochenen Spiegeln» trägt. Zerbrochene Spiegel stehen oft für Fragmentierung – nichts ist ganz, alles ist in Teile zerfallen. Gleichzeitig spiegeln diese Splitter jeweils ein eigenes Bild wider. Die Formulierung «in jedem Splitter ein Universum / das sich selbst betrachtet» deutet darauf hin, dass jede Perspektive eine eigene Realität enthält. Das kann man so lesen, dass es keine objektive, einheitliche Wirklichkeit gibt, sondern viele subjektive «Mini-Universen», die jeweils ihre eigene Wahrheit reflektieren. Der «Wind der Wahrscheinlichkeit» verstärkt diese Idee: Alles ist im Fluss, nichts ist festgelegt, sondern entsteht aus Möglichkeiten und Zufällen.

 
Im zweiten Teil verschiebt sich der Fokus von Chaos hin zu Schönheit und Ordnung. Die Aussage «vielleicht ist die Schönheit / nur ein kurzer Moment / einer Ordnung» relativiert den Begriff von Schönheit stark. Schönheit ist hier nichts Dauerhaftes, sondern ein flüchtiger Zustand – ein kurzes Aufscheinen von Struktur innerhalb des Chaos. Besonders interessant ist die letzte Zeile: «in dem das Universum innehält / und sich selbst versteht». Das legt nahe, dass Ordnung und Schönheit Momente sind, in denen das Universum gewissermaßen Bewusstsein oder Klarheit erreicht. Man könnte das auch auf den Menschen übertragen: In Momenten, in denen wir Schönheit wahrnehmen, erkennen wir für einen Augenblick eine tiefere Ordnung hinter allem.
 

Insgesamt lässt sich das Gedicht als Meditation über Unsicherheit und Erkenntnis lesen. Das «Vielleicht» im Titel ist zentral: Es gibt keine festen Antworten, nur Annäherungen. Wirklichkeit erscheint als etwas Vielschichtiges und Instabiles, während Erkenntnis und Schönheit seltene, fast zufällige Momente sind, in denen sich für einen Augenblick Sinn zeigt. 


Januar 06, 2026

 


Klecks im Meer



 – die Luft sie flirrt und irgendwer

hat rote Farben angemischt

mit Blau aus nordgeneigtem Meer

und über’s Morgenland gewischt


gen Westen zieht ein lila Band

legt sich auf Leinwand-Schafe

verwirkt sich mit dem Abendland

ins Dunkelblau - zum Schlafe



 – Morphea –



April 08, 2025



 Haukes Land 



– wenn Nacht sich über Deiche legt
wo grade noch im Lichtgewand
ein Himmel tausend Farben trug 
und schleichend mit der Zeit verschwand 

die Stille summt, mit ihr der Wind 
der nicht mehr durch die Gräser streift 
die Schafe wandern dämmerwärts 
bis Dunkelheit nach ihnen greift 


– Morphea –


März 13, 2025



die letzten 

Gernerationierenden



ein mehrgewichtiger Orange Moon glänzt ziemlich narzisstisch
auf laktosebefreite links- und rechtsdrehende Joghurtkulturen
twiXernd hüpfen sie regenverbogen ins MetaLand

stellen sich queer und atmen verlogene Freiheit
sie influenzieren und podcastisieren sich tumb
haben die Wahl zwischen Lippen, Brust- und Po-Pimping

im TikTok–Takt marschieren sie mit oder ohne ADHS
nach Untopia. In eine verlorene geile Zukunfts-KI
einheitlich und Hand in Hand in den Gehirnuntergang 



 – Morphea –



März 11, 2025

 


the big tiny 



– Nachts fallen Sterne ins Meer 

weiß nicht wer sie wirft, wer sie fängt 

und dass es mich meerwärts drängt 

gezeitenlängs, die Nacht wiegt schwer 


Bin ich die, die wartend am Saum 

sich in den Elementen fand 

treibendes Zeitgut verloren im Sand 

zerriebener Sterne – im Zwischenraum 



– Morphea –



Februar 23, 2025

 


Frozean




 – tief unter dem Eis der Gezeiten

mischt sich ein träges, schweres Meer

mit leisen winterblauen Klängen


vibriert ein unbestimmtes Sirren

aus kristallinem Schwingen

in feinstgefrorenen Gesängen


die Nacht vermischt ihr Dunkelblau

mit Tausendsterngebilden

die südwärts sich zum Sterben neigen


der Mond flaniert am Horizont

umhüllt vom Halofrostgewande

Und ich: Ich atme Schweigen



 – Morphea –



Februar 20, 2025




Friesisch herb 



 – Der Ostwind scheitelt streng von links
Legt Dauerwellen übers Meer
Die Jollen wippen aufgeregt
Und Wolken jagen regenschwer

Die Brandung schäumt derweil vor Wut
Der Leuchtturm lächelt Licht ins Weit
Das sich an Horizonten bricht
Im Möwenland und durch die Zeit

Der mondgezognen Wasserwelt.
Ich bin der gelbe Fleck im Bild
Im Grau aus Wolkenmeer und Gischt.
Bis  Dunkelheit darüberwischt.


– Morphea –


Oktober 09, 2024

 


Mr. Bluemoon



 – Der olle Mond ist angenagt
er wandert einsam über'n Deich 
verfolgt von Flut und Meeresgischt 

und ob er lacht? ich weiß es nicht! 


Sirenen singen Meerschaumlieder 

sie stranden flutwärts mit dem Wind 

und Wolken fetzen sich im Licht 

Herr Mond hat heute Himmelsschicht. 



 – Morphea –



September 23, 2024



Kastanienherbst



ich spür das Sterben in den Dingen

die dort fallen. Und im Weitergeh'n

durch dunkle Zeit, durch die Alleen

blick ich in jene Schöpfungskronen

seh Sterne die aus Bäumen regnen

aus jenem Drehen dieser Welt

ist neben mir – gerade jetzt –

ein Stern auf dem Asphalt zerschellt



 – Morphea –