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Dezember 16, 2025

 


Gespräch mit dem Stein



 – Ich klopfe an die Tür des Steins.

«Ich bin's, mach auf.» (W. Szymborska)



Die Haltbarkeit klebt außen an den Dingen

als Zweck und Wert am Weltenmobiliar,

will auch der Sinnsuchgeist ins Tiefe dringen,

das Schöne zeigt sich oberflächlich wahr.


Und bohrt sich einer durch die Daseinsrinde

und hofft im Untergrund auf reichen Lohn

(die Kindernarretei vom Such-und-finde):

Er stößt auf Dreck und ein Das-gibt-es-schon.


Wir Außenseiter ohne Innenleben!

Wir steh‘n mit mehr als einem Bein im Sein,

zwar möchten wir zum Kern der Dinge streben,

doch graben uns nur in uns selber ein.



 – sufnus –



Dezember 08, 2025



Blick übern Tellerrand



 – Ein Mitmensch stand am Rand

der Welt und er befand,

dass die besagte Stelle

so nahe am Gefälle

ihm nicht so recht gefalle

er fürchte sehr, er knalle

im Fall-Fall voll ins Leere,

was ihm ganz sicher schwere

Verletzungen beschere,

weil nichts beim Absturz stütze

und so den Stürzer schütze.

Drum sprach er: "So. Ich denke,

ich lenke von der Senke

ins Vakuum die Schritte

zurück zur Tellermitte.".

Dann trat er sacht zur Seite

und wählte statt der Weite

die Gunst der Lebensenge

und lebte im Gedränge,

zwar aussichtsarm, doch heiter,

nun bis auf Weitres weiter.



– sufnus –



November 30, 2025



Weltformel



 - Auf Nullniveau mit Schwundgebärde

zur Niederkunft - das Einmaleins

der Goetheklasse: Stirb & werde!

Wer jetzt noch «Herz» ruft, der hat keins


und macht sich selber ungeschehen

in Fluchtdistanz zum großen Staunen,

wenn Niemandsnamen uns verwehen

beim Zeitvertreiben (Ablaufraunen).


Und Totstelltricks? Bloß faule Zauber

aus Sinn und Form und Material;

der Letzte wischt den Tatort sauber:

Das läuft schon, Leute! Präfinal


blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe

kein Schwein mehr durch. Die nackten Zahlen

zerformeln sich: Die Welt als Scheibe

mit schlimmer Neigung zum Realen.



- sufnus –



Eine Interpretation des Gedichts von – ubertas –

Vom Titel «Weltformel», dem die Sehnsucht des Strebens, eine gültige Formel zu finden, die Alles in sich vereinend beschreibt, wage ich mich in eine nähere Betrachtung:


Auf Nullniveau mit «Schwundgebärde» sehe ich das Bild eines frei gewählten Ausgangspunkts gesetzt, der in einem Gefüge aus Himmel und Erde beliebig wählbar ist. Somit wird dieser Ausgangspunkt, das Nullniveau, gleichzeitig auch zu einer selbst bestimmten Basis, von der ich den Eindruck habe, sie würde die Welt regeln, ihr Energie zuschreiben, nach meiner Festsetzung, dadurch auch «funktionieren». Dagegen winkt förmlich die «Schwundgebärde», die aufzeigt, dass sich diese Ansichten womöglich bereits in Auflösung befinden und sei es die eigene Wahrnehmung oder auch unser selbst geschaffenes Weltbild schwinden lässt. «zur Niederkunft», ob verstanden als den Weg zur Geburt eines gewandelten, höheren Ichs oder in Anlehnung an das Herabsinken aus unseren oben für uns selbst ausgemachten Fixpunkten, erscheint in der dritten Verszeile «Stirb & werde!» wie ein stilles Ausrufen, in diesem irdischen und überirdischen Zerfallsprozess noch Bestand haben zu wollen, durch Wandel und Erkenntnis. Was wie ein Einmaleins erscheint, wird wie in «Seliger Sehnsucht» beschrieben, zu einer der schwierigsten Aufgaben, zur Wahrheit zu gelangen oder weiter in dunkler Erde ummantelt zu liegen. Ich denke dabei an das Bild des verbrannten Schmetterlings. Erst wenn es gelingt, diese «Aufgabe» zu erreichen, erreicht auch das «Herz» eine Loslösung. 


In der zweiten Strophe finden sich verschiedene «Methoden», die wohl am ehesten das menschliche Versuchen beschreiben. «und macht sich selber ungeschehen in Fluchtdistanz zum großen Staunen». Der Mensch macht sich ungeschehen, er entzieht sich, verharrt mit sicherem Abstand zum großen «Staunen» hin, will es begreifen, kann es aber nicht. Zur gleichen Zeit wird ihm bewusst, dass er endlich ist und «Niemandsnamen» uns verwehen können, während wir uns die Zeit damit vertreiben, dem Ablauf einer Bewusstwerdung nachzuflüstern. Es weht der Wind der Vergänglichkeit um ihn.


Die Frage «Und Totstelltricks?», die Freunde und Feinde des sich schützen wollenden, aber blinden Geistes, sie werden entlarvt in der dritten Strophe. «Bloß fauler Zauber aus Sinn und Form und Material»; diese Formulierungen deuten an, dass die «Weltformel» wohl nicht in den gegebenen Statuten zu finden ist, sich dieser von uns festgelegten Ordnung sogar zu entledigen scheint. Nach seiner Suche widmet sich der Mensch wieder dem, was er erkennen kann und gibt sich ebenso geschlagen. «der letzte wischt den Tatort sauber: Das läuft schon, Leute!» Er gibt die Verantwortung für sich selbst ab. Präfinal als Vorbote seiner sich entschuldigen wollenden Vergänglichkeit. 


Was bleibt ihm letztlich? «blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe kein Schwein mehr durch»: Sein Bemühen zwischen dem Rufen, Ausschreien, seiner nach Hilfe schreienden Fragen und dem, was er sich dazu niederschreiben will, dazwischen bleibt nur das «und». Da kein Schwein mehr durchblickt, macht es nur Sinn für ihn, dass sich auch die Fakten «zerformeln», sie brechen auseinander, die «Zahlen» lösen nicht sein Rätsel. Die als Scheibe wahrgenommene Welt zerspringt zwar nicht, aber sie neigt sich hin zum «Realen». «Mit schlimmer Neigung» nimmt sie sich die Substanz.

– ubertas –



November 03, 2025



Verdunkelung



In den Schlaf stolpern.

Verdammt schlecht ausgeleuchtet

der Notausgang in die Nacht.

Ein paar letzte Sorgen

lassen dich auf sich beruhen

und von hier an ist dann wohl

Austräumen angesagt.



– sufnus –



Oktober 31, 2025



Als wir jung waren



 – Ich hab mich Dir ans Herz gelegt –

erregt und leicht verlegen,

dann hat die Welt sich fortbewegt,

sie ging mit unsrem Segen.


Die Nacht hielt uns die Türe auf,

wir blieben zögernd stehen.

Man konnte lang im Glücksverlauf

den Zeitpfeil stecken sehen.


Ich hab mich Dir ans Herz gelegt –

beschädigt hinbeschieden

und eigenmächtig eingehegt,

so gings mit uns hienieden.


Ans Herz gelegt – so steht es hier,

doch das ist nie passiert:

Hab nur zum Spiel (avec plaisir)

ein Du und Ich fingiert.



 – sufnus –

Oktober 04, 2025



Schwarzfahren



Die Sonne über Westberlin
mit Gummibärchen ausgestopft
zu einem toten Kind
also ich weiß nicht

und zwei Verliebte aus Grimma erschießen



sufnus



August 23, 2025



Einanderung



 – Ich kann Dich noch denken Marie

jetzt komm lass uns

verleisebaren


Wir finden uns

die kleinste Tür ins Freie

da geht es in den Wald bei Nacht


Ein Märchen endet immer

mit dem nächsten Satz

hier hört es also auf

und da (weit fort)

wo weiter niemand liest


Da fängt es letztlich an.



– sufnus –





Interpretation von N.Valen


„Einanderung“ – das ist ein Wort, das sofort hängenbleibt.

Für mich klingt es wie der Vorgang des Einander-Werdens, etwas Dauerhaftes, fast Beschwörendes. Es wirkt vertraut und fremd zugleich – weil es so sauber aus der deutschen Wortbildung heraus wächst, und doch völlig neu ist.


Dass daneben auch „verleisebaren“ auftaucht, verstärkt die Wirkung: die Wörter klingen nicht wie Spielerei, sondern wie ernstgemeinte Zauberformeln. Das Gedicht wird dadurch zu einer Szene, in die man hineingezogen wird.


Ich habe mich beim Lesen gefragt, wie unterschiedlich Wortschöpfungen klingen können – mal beschwörend wie hier, mal spielerisch oder augenzwinkernd. Aber so oder so: sie öffnen einen Raum, den nur Lyrik erschaffen kann.


Bewertung:

„Der Text hat eine schöne, märchenhafte Stimmung und die Wortneuschöpfungen wirken originell. Für mich hakt es an manchen Stellen aber etwas im Lesefluss, sodass die Bilder nicht ganz so klar und geschlossen wirken.“

Juli 31, 2025



Bitte hier austragen



 – In der Urzeit kroch der Mensch

feucht aus einem Loch

und im Märchen kann man lesen:

Er lebt heute noch,


wenn er nicht gestorben ist –

woll'mer mal nicht hoffen,

denn, gesetzt dies wär der Fall,

blieben Fragen offen.


Etwa diese: Lohnt das Leben

sich fürs Glücklichsein?

Und um eine Antwortsuche

scherte sich kein Schwein,


stünden wir nicht grade hier,

prasseldumm und nackt,

die mit bodenlosen Herzen,

seelisch unverpackt


nachgeburtlich als Retoure

(heißt: Es gab Beschwerden!)

von dem großen Weltkurier

ausgetragen werden.



– sufnus –



👉  Eine Interpretation von N.Valen:


Ein Gedicht wie ein schnoddriger Schlag in die Rippen –

wir kriechen also feucht aus dem Loch der Urzeit und werden heute,

nach all den Jahrmillionen, wieder als Retoure zurückgeschickt?

Das ist schwarzer Humor mit Paketaufkleber.


Der Witz sitzt, weil die Verse so unschuldig marschieren:

glatte Reime, kein Stolpern – und dann knallt die Vorstellung:

Wir stehen da, „prasseldumm und nackt“, von der Existenz zurückgewiesen,

weil offenbar jemand „Beschwerden“ hatte.

(Wer? Das Universum? Oder nur wir selbst?)


Es ist bissig und absurd zugleich – ein Lächeln mit Nachgeschmack.

Für mich genau das, was ein Gedicht darf:

kurz lachen lassen und dann diese eine kleine Stachelfrage in den Kopf setzen.

– N.Valen –