Posts mit dem Label sufnus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label sufnus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

September 29, 2026



Wie einst im November



 – Streit in der Erstbezugswohnung,

Eifersucht, Stolz und Betrug,

für das Geschirr keine Schonung:

Weinglas - ballistischer Flug.


Und wenn die Vasen zerspringen

(Sturz vom Ikearegal)

und im Zerspringen erklingen

wie ein Keramikfanal,


liegt eine Ära in Scherben:

zwiebelmustergeschmückt.

Hoffnungen künftiger Erben

rings aufs Parkett gestückt.


So geht die Liebe zuschanden!

Wasser im Hochzeitsbouquet:

tagsdrauf schon abgestanden,

und die Romantik passé,


und das Zuzweitsein zersplittert

hart in der Realität

noch bevor sie verwittert,

ists für die Liebe zu spät.


Nachtrag


Mannomann ist das triste!

Bei diesem traurigen Chor

sargt' ich mich ein in die Kiste,

wär da die Liebste nicht vor.


Und jetzt genug mit dem Reden,

Glück ist doch, was man sich traut.

Schnupper mal: Frische Reseden.

Hab sie vom Friedhof geklaut.



– sufnus –



April 03, 2026

 


Versuch über 

wohlfeilen Glauben



 – Instantgötter aus der Tüte,

schnell mit Wasser angerührt,

Glaubensinhalt erster Güte,

schluckweis seelisch eingeführt.


Hosianna um die Ohren

und im Herz ein Jubelchor

und im Frostfach eingefroren

hält der Spirit länger vor.


Nichts mehr vom «Verstande, der

glaubend nach Verstehen strebt».

Die Scholastik? Längst verlebt!


Denken macht das Dasein schwer,

also halt dein Hirn schön hohl,

freu dich dumm am Seelenwohl.



 – sufnus –



Dezember 08, 2025



Blick übern Tellerrand



 – Ein Mitmensch stand am Rand

der Welt und er befand,

dass die besagte Stelle

so nahe am Gefälle

ihm nicht so recht gefalle

er fürchte sehr, er knalle

im Fall-Fall voll ins Leere,

was ihm ganz sicher schwere

Verletzungen beschere,

weil nichts beim Absturz stütze

und so den Stürzer schütze.

Drum sprach er: «So. Ich denke,

ich lenke von der Senke

ins Vakuum die Schritte

zurück zur Tellermitte.»

Dann trat er sacht zur Seite

und wählte statt der Weite

die Gunst der Lebensenge

und lebte im Gedränge,

zwar aussichtsarm, doch heiter,

nun bis auf Weitres weiter.



– sufnus –



November 30, 2025



Weltformel



 - Auf Nullniveau mit Schwundgebärde

zur Niederkunft - das Einmaleins

der Goetheklasse: Stirb & werde!

Wer jetzt noch «Herz» ruft, der hat keins


und macht sich selber ungeschehen

in Fluchtdistanz zum großen Staunen,

wenn Niemandsnamen uns verwehen

beim Zeitvertreiben (Ablaufraunen).


Und Totstelltricks? Bloß faule Zauber

aus Sinn und Form und Material;

der Letzte wischt den Tatort sauber:

Das läuft schon, Leute! Präfinal


blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe

kein Schwein mehr durch. Die nackten Zahlen

zerformeln sich: Die Welt als Scheibe

mit schlimmer Neigung zum Realen.



- sufnus –



Eine Interpretation des Gedichts von – ubertas –

Vom Titel «Weltformel», dem die Sehnsucht des Strebens, eine gültige Formel zu finden, die Alles in sich vereinend beschreibt, wage ich mich in eine nähere Betrachtung:


Auf Nullniveau mit «Schwundgebärde» sehe ich das Bild eines frei gewählten Ausgangspunkts gesetzt, der in einem Gefüge aus Himmel und Erde beliebig wählbar ist. Somit wird dieser Ausgangspunkt, das Nullniveau, gleichzeitig auch zu einer selbst bestimmten Basis, von der ich den Eindruck habe, sie würde die Welt regeln, ihr Energie zuschreiben, nach meiner Festsetzung, dadurch auch «funktionieren». Dagegen winkt förmlich die «Schwundgebärde», die aufzeigt, dass sich diese Ansichten womöglich bereits in Auflösung befinden und sei es die eigene Wahrnehmung oder auch unser selbst geschaffenes Weltbild schwinden lässt. «zur Niederkunft», ob verstanden als den Weg zur Geburt eines gewandelten, höheren Ichs oder in Anlehnung an das Herabsinken aus unseren oben für uns selbst ausgemachten Fixpunkten, erscheint in der dritten Verszeile «Stirb & werde!» wie ein stilles Ausrufen, in diesem irdischen und überirdischen Zerfallsprozess noch Bestand haben zu wollen, durch Wandel und Erkenntnis. Was wie ein Einmaleins erscheint, wird wie in «Seliger Sehnsucht» beschrieben, zu einer der schwierigsten Aufgaben, zur Wahrheit zu gelangen oder weiter in dunkler Erde ummantelt zu liegen. Ich denke dabei an das Bild des verbrannten Schmetterlings. Erst wenn es gelingt, diese «Aufgabe» zu erreichen, erreicht auch das «Herz» eine Loslösung. 


In der zweiten Strophe finden sich verschiedene «Methoden», die wohl am ehesten das menschliche Versuchen beschreiben. «und macht sich selber ungeschehen in Fluchtdistanz zum großen Staunen». Der Mensch macht sich ungeschehen, er entzieht sich, verharrt mit sicherem Abstand zum großen «Staunen» hin, will es begreifen, kann es aber nicht. Zur gleichen Zeit wird ihm bewusst, dass er endlich ist und «Niemandsnamen» uns verwehen können, während wir uns die Zeit damit vertreiben, dem Ablauf einer Bewusstwerdung nachzuflüstern. Es weht der Wind der Vergänglichkeit um ihn.


Die Frage «Und Totstelltricks?», die Freunde und Feinde des sich schützen wollenden, aber blinden Geistes, sie werden entlarvt in der dritten Strophe. «Bloß fauler Zauber aus Sinn und Form und Material»; diese Formulierungen deuten an, dass die «Weltformel» wohl nicht in den gegebenen Statuten zu finden ist, sich dieser von uns festgelegten Ordnung sogar zu entledigen scheint. Nach seiner Suche widmet sich der Mensch wieder dem, was er erkennen kann und gibt sich ebenso geschlagen. «der letzte wischt den Tatort sauber: Das läuft schon, Leute!» Er gibt die Verantwortung für sich selbst ab. Präfinal als Vorbote seiner sich entschuldigen wollenden Vergänglichkeit. 


Was bleibt ihm letztlich? «blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe kein Schwein mehr durch»: Sein Bemühen zwischen dem Rufen, Ausschreien, seiner nach Hilfe schreienden Fragen und dem, was er sich dazu niederschreiben will, dazwischen bleibt nur das «und». Da kein Schwein mehr durchblickt, macht es nur Sinn für ihn, dass sich auch die Fakten «zerformeln», sie brechen auseinander, die «Zahlen» lösen nicht sein Rätsel. Die als Scheibe wahrgenommene Welt zerspringt zwar nicht, aber sie neigt sich hin zum «Realen». «Mit schlimmer Neigung» nimmt sie sich die Substanz.

– ubertas –



November 03, 2025



Verdunkelung



In den Schlaf stolpern.

Verdammt schlecht ausgeleuchtet

der Notausgang in die Nacht.

Ein paar letzte Sorgen

lassen dich auf sich beruhen

und von hier an ist dann wohl

Austräumen angesagt.



– sufnus –



Oktober 31, 2025



Als wir jung waren



 – Ich hab mich Dir ans Herz gelegt –

erregt und leicht verlegen,

dann hat die Welt sich fortbewegt,

sie ging mit unsrem Segen.


Die Nacht hielt uns die Türe auf,

wir blieben zögernd stehen.

Man konnte lang im Glücksverlauf

den Zeitpfeil stecken sehen.


Ich hab mich Dir ans Herz gelegt –

beschädigt hinbeschieden

und eigenmächtig eingehegt,

so gings mit uns hienieden.


Ans Herz gelegt – so steht es hier,

doch das ist nie passiert:

Hab nur zum Spiel (avec plaisir)

ein Du und Ich fingiert.



 – sufnus –

Oktober 04, 2025



Schwarzfahren



Die Sonne über Westberlin
mit Gummibärchen ausgestopft
zu einem toten Kind
also ich weiß nicht

und zwei Verliebte aus Grimma erschießen



– sufnus –



August 23, 2025



Einanderung



 – Ich kann Dich noch denken Marie

jetzt komm lass uns

verleisebaren


Wir finden uns

die kleinste Tür ins Freie

da geht es in den Wald bei Nacht


Ein Märchen endet immer

mit dem nächsten Satz

hier hört es also auf

und da (weit fort)

wo weiter niemand liest


Da fängt es letztlich an.



– sufnus –





Interpretation von N.Valen


„Einanderung“ – das ist ein Wort, das sofort hängenbleibt.

Für mich klingt es wie der Vorgang des Einander-Werdens, etwas Dauerhaftes, fast Beschwörendes. Es wirkt vertraut und fremd zugleich – weil es so sauber aus der deutschen Wortbildung heraus wächst, und doch völlig neu ist.


Dass daneben auch „verleisebaren“ auftaucht, verstärkt die Wirkung: die Wörter klingen nicht wie Spielerei, sondern wie ernstgemeinte Zauberformeln. Das Gedicht wird dadurch zu einer Szene, in die man hineingezogen wird.


Ich habe mich beim Lesen gefragt, wie unterschiedlich Wortschöpfungen klingen können – mal beschwörend wie hier, mal spielerisch oder augenzwinkernd. Aber so oder so: sie öffnen einen Raum, den nur Lyrik erschaffen kann.


Bewertung:

„Der Text hat eine schöne, märchenhafte Stimmung und die Wortneuschöpfungen wirken originell. Für mich hakt es an manchen Stellen aber etwas im Lesefluss, sodass die Bilder nicht ganz so klar und geschlossen wirken.“