Februar 02, 2026
Januar 19, 2026
der Andere
– die Stimmungsbörse schon wieder im Keller
bei diesem Stau tanzt ganz allein
ein von Schnabel bis zu den Krallen
beringter Spaßvogel
vor der Ampel und jongliert
ballert voll Allegro um sich
wie ein Finanzberater mit seinen Verheißungen
wenigstens fällt ihm nach jedem großen Wurf
eine Nulldividende spielend in die Hände
so in etwa
funktioniert wohl die Wirtschaft:
der Eine sitzt am Steuer und sieht ständig rot
während sich der Andere sein täglich
Glück aus der Luft zaubern muss
wir kommen uns trotzdem näher
in den letzten Sekunden vor der nächsten
Konjunkturwelle der Abgasindustrie
Danke, Amigo! – jauchzt er mir noch hinterher
– Dirk Tilsner –
aus DAS GEDICHT, Bd. 32: Menschlichkeit
Die Poesie der Nähe, 2024
Januar 05, 2026
Versuch über das Scheitern
– nie aufzugeben – es unermüdlich aufs Neue versuchen:
beim undichten Schuh nicht das Wetter verfluchen
denselben auch einmal pro Monat putzen
das Firmenklo nicht fürs Nickerchen nutzen
Gewieher bei zotigen Witzen vermeiden
die Scheiben in kleinere Scheibchen schneiden
nicht acht Gläser trinken, wenn sieben genügen
die Klappe halten, wenn andere lügen
wenn's sakrosankt schwabbelt, nicht heimlich glotzen
nicht durchdrehen, weil wieder mal alles – zum Kotzen …
als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:
das Binsengepinsel daktylisch vernickeln
den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen
hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen
dann klar und verständlich, in manischen Festen
(Legende, Traktat, messianisches Mästen)
in dampfenden Jamben den Lorbären fangen
und zähmen, mit alles durchbrechenden Stangen
zuweilen zart-bitteres Herzdampfgebläse
und endlich dein Opus: das Wort in der Fräse
frag dich doch selbst:
..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber
..... wie viele braucht ein geiler Vers?
– Dirk Tilsner –
Dezember 26, 2025
Treffpunkt Alexandrowka
Die Zeiten, die wir unbeschwert verbrachten.
Wenn's manchmal nichts zu lachen gab, wir lachten!
Weil dann die graue Werkstatt bunter war.
Wir kamen ziemlich weit, und offenbar
Auf Wegen, die wir nicht im Traum bedachten.
Das Altern kann man dabei so betrachten:
Wo sich heut' Wolken spiegeln, störte Haar.
Verdammt lang her! Ein Fetzen Jugend reißt
Sich täglich los von uns. Nichts wird sie halten.
Quatsch! Wer zu früh flennt, den bestraft ... Das heißt:
Trotz ein paar Kilo mehr und Lächelfalten,
Das Foto mit uns beiden drauf beweist,
Im Grunde sind wir ganz und gar die Alten!
– Dirk Tilsner –
November 12, 2025
Kastanien
– Dirk Tilsner –
Juli 08, 2025
wenn du mich rufst
– Dirk Tilsner –
Mai 22, 2025
rot und zugenäht
– roter Faden, ziel-sicher
frisst er sich hartnäckig durchs Labyrinth
der Nacht, von Anfang bis Ende spannend (also
mein schlafloses Fell auf seine Trommel)
reißt mich aus der Fieber-Haft und vorwärts (als Zügel
der Schimären), schneidet sich ein in meine
Brust, noch schmerzhafter als bei Tag die Fesseln
deiner Augen
roter Knopf, zum Drücken gern
blitzt wie kandiert und erinnert mich in der Tat
(einer brüllenden Hoffnung) irgendwie an
Frischobst im Maul der Schlange, wenn ich
jetzt nachgebe, ist es wohl endgültig
vorbei mit unserer
Contenance
– Dirk Tilsner –
Mai 06, 2025
April 18, 2025
Osterwunsch
Lieber Jesus,
wenn du nächstens, wie alljährlich,
neu erscheinst zur großen Feier
der Gebete, falsch und ehrlich,
Völlerei und bunter Eier,
der Erneuerung der Säfte
und des Lichts in Herzbereichen,
dann vergeude deine Kräfte
statt an uns – an deinesgleichen!
Ja, an einem wie den einen
mit der blonden Endzeit-Tolle,
den Jongleur (mit kurzen Beinen)
in der Action-Dauerrolle,
jenen ich-weiß-alles-Brüller,
Spieglein-an-der-Wand-Versteher,
Bärenbinder, Taschenfüller,
Edeldieb und Nebelkräher.
Preise ihn und seine Rache
an den nimmersatten Maden,
dass er alles(!) besser mache
als du selbst, von Gottes Gnaden.
Will er dann mit dir verhandeln,
um die Jünger auszurauben,
lass ihn übers Wasser wandeln
und ganz fest in seinem Glauben.
Wenn er endlich aufsteigt – bitte
bitte in Gewittermitte …
– Dirk Tilsner –
März 30, 2025
Vorausgicht
März 15, 2025
Jogger‘s delight
– Die Mahnung: Pumpe, Glatze, Bauch und Falten.
Mir schwant, ich bin als Macker laue Luft
und muss was machen. Hoch jetzt, fauler Schuft!
Die Sonne scheint. Heut kann mich nichts mehr halten.
Ich lege los. Ganz locker. Drei Schritt ein-
und wieder ausgepustet. Bleibe standhaft
im Takt und flöge förmlich durch die Landschaft (!),
blies nicht von vorn der Wind so hundsgemein.
Der Wind, der alte Schinder, hemmt erheblich.
Ich schalte runter: ein zwo Phuuh und ein zwo Phooh,
als just ein Fräulein naht. Oh Libido!
Mein Lächeln, wohl vom Schmerz verzerrt – vergeblich.
Ich fluche, weil der Weg nun aufwärts geht.
Vorbei an Häusern, Gärten, einer Laube,
aus der die Lust schreit, einem Rest von Taube,
an trauten Rasen, die ein Mäher mäht.
Der Durst, die Hitze und ein fraktioneller
Ventilationsverlust auf halber Strecke
beschweren Herz und Bein, als um die Ecke
ein Köter schießt. Erregt! Schon lauf ich schneller.
Fürwahr ein Marathon! Am Automarkt
wird abgekürzt, durch Sand bis zu den Knöcheln.
Das Echo einer Wand klingt fast wie Röcheln.
(Starb Pheidippides gar an Herzinfarkt?)
Kurz vor dem Ziel, noch einmal runterschalten
den Gang, den wirklich letzten vor dem Tod.
Erreiche meinen Hof mit Müh und Not.
Erschöpft, doch glücklich, bald ein Bier zu halten …
– Dirk Tilsner –