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Februar 02, 2026



der Schreiber von ui!



 – Das Echo der Rose im Mark. –  versuchte er zunächst.
Zu sentimental,
lautete die Antwort.

Meine Sehnsucht verschlingt den Mond. – ersann er darauf.
Pah! Das ist viel zu pathetisch,
höhnte der Lektor.

Der Juni ist tot. Lass die Ziegen fliegen! – experimentierte er.
Misogyner Schwachsinn,
frotzelte der andere.

Flügel zu Messern! – hieß sein neuer Titel.
Oh nein, nicht schon wieder ein Pamphlet,
stöhnte der Lektor.

Alles schmilzt bei ihrer Hitze wie ein Toffee aus Lakritze.
Das soll Lyrik sein?

das täglich allrot | gelübde im krumengewölk
Lächerliches Rilke-Imitat! (oder doch Celan? Hm …)

Veröffentlicht in Anthologien und online. – stand in der Vita.
Diesem Schnösel wird nie ein Gedicht gelingen,
sagte der Lektor vom Schreiber.



– Dirk Tilsner –


Januar 19, 2026




der Andere



 – die Stimmungsbörse schon wieder im Keller

bei diesem Stau tanzt ganz allein

ein von Schnabel bis zu den Krallen

beringter Spaßvogel

vor der Ampel und jongliert


ballert voll Allegro um sich

wie ein Finanzberater mit seinen Verheißungen

wenigstens fällt ihm nach jedem großen Wurf

eine Nulldividende spielend in die Hände


so in etwa

funktioniert wohl die Wirtschaft:

der Eine sitzt am Steuer und sieht ständig rot

während sich der Andere sein täglich

Glück aus der Luft zaubern muss


wir kommen uns trotzdem näher

in den letzten Sekunden vor der nächsten

Konjunkturwelle der Abgasindustrie

Danke, Amigo! – jauchzt er mir noch hinterher



– Dirk Tilsner –



aus DAS GEDICHT, Bd. 32: Menschlichkeit

Die Poesie der Nähe, 2024

 

Januar 05, 2026



Versuch über das Scheitern



 – nie aufzugeben – es unermüdlich aufs Neue versuchen:

beim undichten Schuh nicht das Wetter verfluchen

denselben auch einmal pro Monat putzen

das Firmenklo nicht fürs Nickerchen nutzen

Gewieher bei zotigen Witzen vermeiden

die Scheiben in kleinere Scheibchen schneiden

nicht acht Gläser trinken, wenn sieben genügen

die Klappe halten, wenn andere lügen

wenn's sakrosankt schwabbelt, nicht heimlich glotzen

nicht durchdrehen, weil wieder mal alles – zum Kotzen …


als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:

das Binsengepinsel daktylisch vernickeln

den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen

hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen

dann klar und verständlich, in manischen Festen

(Legende, Traktat, messianisches Mästen)

in dampfenden Jamben den Lorbären fangen

und zähmen, mit alles durchbrechenden Stangen

zuweilen zart-bitteres Herzdampfgebläse

und endlich dein Opus: das Wort in der Fräse


frag dich doch selbst:

..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber

..... wie viele braucht ein geiler Vers?



 – Dirk Tilsner –



Dezember 26, 2025



Treffpunkt Alexandrowka


(für Heike)


– Erinnerst du dich? Weißt du noch? Na klar!

Die Zeiten, die wir unbeschwert verbrachten. 

Wenn's manchmal nichts zu lachen gab, wir lachten! 

Weil dann die graue Werkstatt bunter war. 


Wir kamen ziemlich weit, und offenbar 

Auf Wegen, die wir nicht im Traum bedachten. 

Das Altern kann man dabei so betrachten: 

Wo sich heut' Wolken spiegeln, störte Haar. 


Verdammt lang her! Ein Fetzen Jugend reißt 

Sich täglich los von uns. Nichts wird sie halten. 

Quatsch! Wer zu früh flennt, den bestraft ... Das heißt: 


Trotz ein paar Kilo mehr und Lächelfalten, 

Das Foto mit uns beiden drauf beweist, 

Im Grunde sind wir ganz und gar die Alten! 



– Dirk Tilsner –



November 12, 2025



Kastanien



  – sobald der große Maler
durch die Parkanlagen zog
fielen sie
noch heimlicher als Neuschnee über Nacht
in unser Reich ein: als zerstreutes Heer
rundbäuchiger Wichtel, die alle Wege belagerten

nur wenige drangen
bis in die Festungen der Neuzeit vor
o weh! in jämmerlichem Zustand
ohne Panzer, der an Morgenstern erinnerte
wir halfen ihnen wieder auf die Beine
und polierten Helm und Harnisch bis sie glänzten wie
unsere Stiefel am Nikolaustag

so bewachten sie noch wochenlang
Regal und Fensterbrett

wir aber, selbst edle Ritter, dachten stets zuerst
an Reh und Kitz im Winter
war doch ein voller Sack so kostbar fast
wie eine Ladung Seide und ergab durchaus
drei Tafeln Schokolade



– Dirk Tilsner –



Juli 08, 2025



 wenn du mich rufst



 – wenn du mich rufst
halte ich ein und den Puls
im Takt deiner Wogen
mein Kompass zeigt wieder
traumwärts geradezu ins Herz
der Weite die mir freie Sicht
und Horizont verspricht
das unverfälschte Spiel der Elemente und
auch Trost in deinen Liedern voller Gischt
all das was ich an Land nicht finde

wenn du mich rufst, kehre ich heim
zu mir
als Teil von dir und
jedem Wesen das durch deine Tiefen zieht
auf dieser Reise ist mein Kurs
schon längst bestimmt
ich lass mich treiben



 – Dirk Tilsner –



Mai 22, 2025



rot und zugenäht



 – roter Faden, ziel-sicher

frisst er sich hartnäckig durchs Labyrinth

der Nacht, von Anfang bis Ende spannend (also

mein schlafloses Fell auf seine Trommel)

reißt mich aus der Fieber-Haft und vorwärts (als Zügel

der Schimären), schneidet sich ein in meine

Brust, noch schmerzhafter als bei Tag die Fesseln

deiner Augen


roter Knopf, zum Drücken gern

blitzt wie kandiert und erinnert mich in der Tat

(einer brüllenden Hoffnung) irgendwie an

Frischobst im Maul der Schlange, wenn ich

jetzt nachgebe, ist es wohl endgültig

vorbei mit unserer

Contenance



 – Dirk Tilsner –



Mai 06, 2025

 


Haiku 


 – die Fliege spurtet
den Wettlauf an der Scheibe 
gewinnt der Tropfen 



 – Dirk Tilsner –



April 18, 2025



Osterwunsch



Lieber Jesus,


wenn du nächstens, wie alljährlich,

neu erscheinst zur großen Feier

der Gebete, falsch und ehrlich,

Völlerei und bunter Eier,

der Erneuerung der Säfte

und des Lichts in Herzbereichen,

dann vergeude deine Kräfte

statt an uns – an deinesgleichen!


Ja, an einem wie den einen

mit der blonden Endzeit-Tolle,

den Jongleur (mit kurzen Beinen)

in der Action-Dauerrolle,

jenen ich-weiß-alles-Brüller,

Spieglein-an-der-Wand-Versteher,

Bärenbinder, Taschenfüller,

Edeldieb und Nebelkräher.


Preise ihn und seine Rache

an den nimmersatten Maden,

dass er alles(!) besser mache

als du selbst, von Gottes Gnaden.

Will er dann mit dir verhandeln,

um die Jünger auszurauben,

lass ihn übers Wasser wandeln

und ganz fest in seinem Glauben.


Wenn er endlich aufsteigt – bitte

bitte in Gewittermitte …



 – Dirk Tilsner –



März 30, 2025



Vorausgicht



 – Planung, sagt man, sei das halbe Leben.
Wie zum Beispiel: sich ein Gläschen Wein,
einer Dame einen Edelstein
und dem Chef (dem Arsch) ein Lächeln geben.

Selbst ein Blinder plant die besten Wege
und der Stumme sagt sie sich voraus.
Gute Bürger bauen sich ein Haus
und der Mörder kauft sich eine Säge.

Ganz besonders bei den hehren Zielen
hat der Mensch meist einen Plan im Sinn:
Marktanteile, Maximal-Gewinn,
ein verstecktes Blatt beim Kartenspielen,

Edelhölzer, geile Bodenschätze,
eine gute Lage fürs Projekt,
Friedensabschluss, wenn mit Nutzeffekt,
spaßeshalber nächste Kampfeinsätze.

Fragst du nach der zweiten halben Seite,
bist du sicherlich ein Moralist.
Heuchler, Dummkopf oder Utopist.
Spielverderber. Omen unsrer Pleite.


– Dirk Tilsner –


März 15, 2025



 Jogger‘s delight



 – Die Mahnung: Pumpe, Glatze, Bauch und Falten.

Mir schwant, ich bin als Macker laue Luft

und muss was machen. Hoch jetzt, fauler Schuft!

Die Sonne scheint. Heut kann mich nichts mehr halten.


Ich lege los. Ganz locker. Drei Schritt ein-

und wieder ausgepustet. Bleibe standhaft

im Takt und flöge förmlich durch die Landschaft (!),

blies nicht von vorn der Wind so hundsgemein.


Der Wind, der alte Schinder, hemmt erheblich.

Ich schalte runter: ein zwo Phuuh und ein zwo Phooh,

als just ein Fräulein naht. Oh Libido!

Mein Lächeln, wohl vom Schmerz verzerrt – vergeblich.


Ich fluche, weil der Weg nun aufwärts geht.

Vorbei an Häusern, Gärten, einer Laube,

aus der die Lust schreit, einem Rest von Taube,

an trauten Rasen, die ein Mäher mäht.


Der Durst, die Hitze und ein fraktioneller

Ventilationsverlust auf halber Strecke

beschweren Herz und Bein, als um die Ecke

ein Köter schießt. Erregt! Schon lauf ich schneller.


Fürwahr ein Marathon! Am Automarkt

wird abgekürzt, durch Sand bis zu den Knöcheln.

Das Echo einer Wand klingt fast wie Röcheln.

(Starb Pheidippides gar an Herzinfarkt?)


Kurz vor dem Ziel, noch einmal runterschalten

den Gang, den wirklich letzten vor dem Tod.

Erreiche meinen Hof mit Müh und Not.

Erschöpft, doch glücklich, bald ein Bier zu halten …



 – Dirk Tilsner –