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Oktober 08, 2026

 


Vollmond heute



 Spukgestalten in Gemäuern, 

Sagen, die vom Werwolf handeln.

Späßchen, die das Herz erneuern,

Mädchen, die im Schlafe wandeln.


Fahler Glanz von Himmelsküsten,

Eulen, die vor Freude jodeln.

Schimmer macht aus stillen Lüsten

Beulen, die im Fieber brodeln.


Über das Gewölbe jagen

pegasüße Feuerreiter.

Glühende Zentauren tragen

Sternenschnüppchen als Begleiter.


Trolle hoffen auf Romanzen,

holde Feen auf fette Beute.

Krater platzen. Kälbchen tanzen

in Ekstase: Vollmond heute!



– Dirk Tilsner –



September 22, 2026



Von der Last der Leidenschaft



 – Wir fanden uns am Waffel-Stand. Tja, Liebe
geht durch den Bauch, wie schon die Alten sungen.
Kaum fluchte ich: «Pfui Deibel, eine Griebe!»
Schon hatte sie und hielt mich fest umschlungen.

Sie lud mich ein, zu drei Stück Sachertorte,
vier Cappuccino und fünf Apfeltaschen.
Ich sei wohl einer von der süßen Sorte;
mit solchen ließe es sich trefflich naschen …

Sie war so weich, viel weicher gar als Knete,
doch eisenhart im Drang, mich zu besiegen.
Ganz zog sie mich, ganz sank ich ein und flehte
umsonst. Ich musste nonstop unten liegen.

Ihr Kamasutra glich dem wilder Bären.
Bei manchem «Akt» war auch ein Finger hin.
Doch Hand aufs Herz, wie könnte ich mich wehren?
Sie liebte mich! – die Sumoringerin.



– Dirk Tilsner –


September 12, 2026


am Meer 


( Pantun ) 



– das stete Hin und Her, das große Rauschen

der Beutezug der Wellen hin zum Strand

das Herz am Wind, der Ewigkeit zu lauschen

ein Segel, das am Horizont verschwand


der Beutezug der Wellen hin zum Strand

für kurzen Ruhm und Agonie in Kreisen

ein Segel, das am Horizont verschwand

in Mythen, die das Heldentum beweisen


für kurzen Ruhm und Agonie in Kreisen

ein Schaum, der stets vergeht und doch verharrt

in Mythen, die das Heldentum beweisen

wie Geister, in der Muschel aufbewahrt


ein Schaum, der stets vergeht und doch verharrt

das Herz am Wind, der Ewigkeit zu lauschen

und Geistern, in der Muschel aufbewahrt

das stete Hin und Her, das große Rauschen



– Dirk Tilsner –



Juli 09, 2026



Eine lyrische Reise

durch Portugal






Bei einem Gang durch Lissabons Altstadt fällt uns alles Prächtige sofort ins Auge, während sich die unscheinbaren Dinge eher nur dem aufmerksamen Betrachter darbieten. Dabei hätten uns eigentlich jede Gasse, jedes Haus und sogar jeder Stein eine Menge aus ihrem zuweilen bereits Jahrhunderte zählenden Dasein zu berichten. Lesen und lauschen wir mal etwas genauer …



Die Türen der Altstadt



 – sind recht eigenwillige Literaten

dösen am liebsten in der Sonne vor sich hin als

ihre Zeit zu vergeuden, mit rastlosen Banausen!

dabei würden ihre Werke ganze Bibliotheken füllen


seht nur diese hier zum Beispiel

schrieb gewiss ein Bühnenstück über die Kabale 

der Seidensticker und Silberschmiede und das

herzzerreißende Ende von José und Maria, so hießen 

in den Gassen damals Romeo und Julia 


andere, weit offener, entzücken dich sogleich mit 

einer Probe ihrer Kunst: in Topf und Vase eine Ode auf 

den Sommer, Villanellen im Duett von Weiß und Blau, 

der Prolog eines Schauerromans, die Ballade einer

Waschfrau und schließlich noch der Teil jener Fabel 

wo der Kater vor der Katze Reißaus nimmt


traurig anzuschauen die bereits Erblindeten,

so rissig und vergilbt nicht bloß die Haut, selbst jede Seite 

der Komödien und Tragödien, doch hältst du inne 

einen Augenblick und lauschst, hörst du ihr Flüstern 

über Liebe, Leid, den Strom und eine Nacht im Feuersturm(?)


was es auch immer war, du schlenderst weiter



– Dirk Tilsner –


https://lyrischereiseportugal.wordpress.com/







April 26, 2026



 der Demolition Man


ist einer, der sich endlich mal was traut

hier durchgreift, aufräumt, sich um Ordnung kümmert

der alles was im Wege steht, zertrümmert

vor allem wenn man uns vom Teller klaut


die allerbesten Häppchen (also seine)

da wütet er, bis sich die Balken biegen

und bleibt kein Fakt auf einem andern liegen

begräbt der Stall beim Einsturz … arme Schweine


wo Unrecht weilt, erscheint er als Befreier

und wirft sich wie Godzilla in die Schlacht

erst fliegen Bomben, dass die Börse lacht

dann wieder Korken auf der Siegesfeier


er fing bescheiden an, mit einem Haus

(ein altes weißes, völlig démodé)

Gesetz, Verträgen, Booten auf der See

dem Napf der nimmersatten Kirchenmaus


bis er begriff, er könne ‚Großes' wagen

und demoliert seitdem (wo es sich lohnt)

so ziemlich alles und wohl bald den Mond

selbst Tempel, die nicht seinen Namen tragen


die Liste seiner Taten füllen Bände

was immer seine Hand berührt … muss sterben

was er noch vorhat? Chaos, Schutt und Scherben

und auch ein Armageddon, ganz am Ende



– Dirk Tilsner –



Februar 02, 2026



der Schreiber von ui!



 – Das Echo der Rose im Mark. –  versuchte er zunächst.
Zu sentimental,
lautete die Antwort.

Meine Sehnsucht verschlingt den Mond. – ersann er darauf.
Pah! Das ist viel zu pathetisch,
höhnte der Lektor.

Der Juni ist tot. Lass die Ziegen fliegen! – experimentierte er.
Misogyner Schwachsinn,
frotzelte der andere.

Flügel zu Messern! – hieß sein neuer Titel.
Oh nein, nicht schon wieder ein Pamphlet,
stöhnte der Lektor.

Alles schmilzt bei ihrer Hitze wie ein Toffee aus Lakritze.
Das soll Lyrik sein?

das täglich allrot | gelübde im krumengewölk
Lächerliches Rilke-Imitat! (oder doch Celan? Hm …)

Veröffentlicht in Anthologien und online. – stand in der Vita.
Diesem Schnösel wird nie ein Gedicht gelingen,
sagte der Lektor vom Schreiber.



– Dirk Tilsner –


Januar 19, 2026




der Andere



 – die Stimmungsbörse schon wieder im Keller

bei diesem Stau tanzt ganz allein

ein von Schnabel bis zu den Krallen

beringter Spaßvogel

vor der Ampel und jongliert


ballert voll Allegro um sich

wie ein Finanzberater mit seinen Verheißungen

wenigstens fällt ihm nach jedem großen Wurf

eine Nulldividende spielend in die Hände


so in etwa

funktioniert wohl die Wirtschaft:

der Eine sitzt am Steuer und sieht ständig rot

während sich der Andere sein täglich

Glück aus der Luft zaubern muss


wir kommen uns trotzdem näher

in den letzten Sekunden vor der nächsten

Konjunkturwelle der Abgasindustrie

Danke, Amigo! – jauchzt er mir noch hinterher



– Dirk Tilsner –



aus DAS GEDICHT, Bd. 32: Menschlichkeit

Die Poesie der Nähe, 2024

 

Januar 05, 2026



Versuch über das Scheitern



 – nie aufzugeben – es unermüdlich aufs Neue versuchen:

beim undichten Schuh nicht das Wetter verfluchen

denselben auch einmal pro Monat putzen

das Firmenklo nicht fürs Nickerchen nutzen

Gewieher bei zotigen Witzen vermeiden

die Scheiben in kleinere Scheibchen schneiden

nicht acht Gläser trinken, wenn sieben genügen

die Klappe halten, wenn andere lügen

wenn's sakrosankt schwabbelt, nicht heimlich glotzen

nicht durchdrehen, weil wieder mal alles – zum Kotzen …


als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:

das Binsengepinsel daktylisch vernickeln

den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen

hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen

dann klar und verständlich, in manischen Festen

(Legende, Traktat, messianisches Mästen)

in dampfenden Jamben den Lorbären fangen

und zähmen, mit alles durchbrechenden Stangen

zuweilen zart-bitteres Herzdampfgebläse

und endlich dein Opus: das Wort in der Fräse


frag dich doch selbst:

..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber

..... wie viele braucht ein geiler Vers?



 – Dirk Tilsner –



Dezember 26, 2025



Treffpunkt Alexandrowka


(für Heike)


– Erinnerst du dich? Weißt du noch? Na klar!

Die Zeiten, die wir unbeschwert verbrachten. 

Wenn's manchmal nichts zu lachen gab, wir lachten! 

Weil dann die graue Werkstatt bunter war. 


Wir kamen ziemlich weit, und offenbar 

Auf Wegen, die wir nicht im Traum bedachten. 

Das Altern kann man dabei so betrachten: 

Wo sich heut' Wolken spiegeln, störte Haar. 


Verdammt lang her! Ein Fetzen Jugend reißt 

Sich täglich los von uns. Nichts wird sie halten. 

Quatsch! Wer zu früh flennt, den bestraft ... Das heißt: 


Trotz ein paar Kilo mehr und Lächelfalten, 

Das Foto mit uns beiden drauf beweist, 

Im Grunde sind wir ganz und gar die Alten! 



– Dirk Tilsner –