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Juni 25, 2026

 


Der Gartenzwerg



 – Ein Mann aus Eichsfeld, westlich einst gegossen,

zur Ostfigur erst hinterher lackiert,

steht hinterm Rhododendron, unverdrossen,

man hat ihn nicht bestellt, nur importiert.

Sobald der Grill entflammt, erhebt der Mann

den rechten Arm, doch deutet er nur schlecht,

die Richtung stimmt nicht ganz. Man lacht ihn an.

Die Gäste finden ihn erstaunlich echt.

Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,

vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,

die Gäste hörens zischen, und sie zechen,

bis echtes Donnern überm Garten steht.

Der Krieg, den er so gerne kommen sah,

kommt wirklich an, nur leider hier, zu Haus.

Die Gäste flüchten, keiner bleibt mehr da:

man birgt, was glänzt, und schifft das Glänzen aus.

Die Kiste reist, wie Kriegsgut eben reist,

verstellt, verzollt, vergessen, bis sie dann,

ein Junge öffnet, welcher Hamsa heißt,

in einem Hinterhof in Matheran.

Die Mutter sieht den steifen Arm: er winkt!?

Der Arm steht gut: man könnte Wäsche hängen,

das Safranhuhn, den Korb, das nasse Tuch.

Man tut es nicht. Man will ihn nicht bedrängen.

Der Gast ist keine Stange! Denn das wäre Fluch!

Sie winkt zurück und bringt ihm Tee und Reis,

ein Kissen auch, sobald die Sonne sinkt,

die liebevollen Blicke überreichen ihm ein Eis -

man pflegt den Gast. Das ist hier leider so!

Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,

vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,

da hört der Hof nur seine Brunnen plätschern,

weil hier kein Mensch die Sprache je versteht.

Er sieht sich satt an Leuten, die er hasste,

und trägt, was schwerer wiegt als jede Last:

dass keiner hier in seine Rede passte.

Er kam als Feind und wird gepflegt als Gast.



– seefeldmaren –



Juni 19, 2026



Du gehst



 – Du gehst und nimmst nicht mich. Du nimmst den Blick,

in dem ich war, und trägst ihn aus dem Haus.

So bin ich nur noch in mir aufbewahrt.

Du gehst und lässt dein Bild in meiner Hand,

ich halt es fest und halt es doch nicht still

(es wird mir fremd, je fester ich es fass).

Es bleibt nicht, wie du warst. Ich mal daran,

ich übermal, was du gewesen bist,

und werde, wer ich war, zum letzten Mal.

Du gehst und nimmst den Anfang mit dir fort,

das Bild von mir, das Du allein noch hast:

wie klein ich war, bevor ich von mir wusste.

Du warst der Blick, der mich zuerst gehalten,

und gehst, und mit dir geht mein erstes Ich.



– seefeldmaren –





November 16, 2025



alles bleibt kurz



ich wach auf und denk,

vielleicht ist das hier gar kein morgen.

die sonne hängt wie ein ladebalken

über den häusern,

alles wartet auf ein update,

auch die vögel,

auch ich. beim frühstück

sagt brudi: man müsse sich entscheiden,

aber wofür,

wenn jede richtung

bloß eine andere form von warten ist.

danach seh ich menschen im supermarkt

mit gesenkten köpfen,

verwelkt wie sonneblumen vor den kühlregalen,

die den fettrand ihrer sehnsucht mustern.

an der kasse lacht die kassiererin,

du lellek,

so hell,

dass für einen moment

alles ruckelt.

ich denk:

vielleicht war das glück,

oder bloß ein fehler in der wiedergabe.



– seefeldmaren –



November 01, 2025



Hinter den Feldern



 – sah ich den Tag, wie er im Nebel stand,

sein letztes Gold verschwamm im Mühlengraben.

Die Ähre trug den Schlaf schon in der Hand,

und schien den Sommer still davonzutragen.


Ein Reiher zog, so weiß, als wüsste er

vom Gleichgewicht der Flügel und der Zeit.

Er trug im Schnabel Heimat und das Meer

und ließ mich dort in seiner Wirklichkeit.


Sah Felder, die im Dämmerlicht verglommen,

der Abend hielt den Tag noch in der Hand.

Ein Stück vom Licht war in die Flur gekommen,

und hing wie Rauch in unbewohntem Land.


Hier lag der Tau, hier sangen einst die Halme,

hier trug der Wind mein Herz in jedes Blatt.

Nun gehn die Jahre über diese Psalme,

die ich aus Erde lernte

heimatblass.


Dann kam der Pflug, zog Narben in die Tage,

die Ackerhaut war wund und übersehnt.

Das alte Haus, der Himmel leise Klage

um das, was grünt. Geblieben -

ist vergangen.


Die Nacht erschien mir wie ein Engel, wollte

sie einmal suchen noch mit einem Kuss,

doch weil sie fern blieb, kühl in ihrem Golde

erahnte ich, dass ich

bald gehen muss.



– seefeldmaren –



September 07, 2025

 


Juni-Elegie



 – Wenn du erklingst - ein geknickter schmaler Hals, grau-verfilzte Schläfen.

Abgewandter Pilger, daneben seidene Säulen und nur nächtliche Kühle im Sinn.

Die Einfachheit unberechenbarer Sand-Ströme: Stumm wie ein Glasblau voller Risse,

ein Rausch mitten durch schattiges und schneidendes Gestein. Zeitfalten Orgelklang, entfernte Wagen.


Bierlachengeruch am Waldesrand, ein sich dahinzüngelnder Waldpfad, das Klirren

in der Nettoplastiktüte, der Himmel kippt, verschrägt die Umlaufbahn der Blicke,

wir werden euch suchen, wenn ihr vergeht. Ich bin entstellt, ein Arm

an der Wand, erinnere: ferne Versprechen Bahre des Stromes, Fragmente

von denen ich dir erzähle, während du durch die Fenster tastest, ins Fremde.


Schimmer eines Karussells, vor der Dämmerung, ein krächzender Reiher

– taumelnde Florelegien, ich atme, nur in dieser Ordnung, zähle

die Balken der Brücke. Das matte Flussufer, ein Kinderdrachen

taucht ein in das Dickicht der Weiden, mir ist, als ob ich träumend wachte.


Laute versiegen, der Mond kreist – und ruht sich aus im Gedicht

wir werden dich heben, wenn du ermattest. Ich stehe verloren, ein Knie

auf der Schwelle, erinnere: Milde Umarmung Mutter der Wälder, Geschichten

von denen ich dir erzähle, während du über die Dächer schaust, ins Offene.


Stillstand erschien als Abriss. die Stunde verharrte im Geröll

– was war, war wie verätzt. Über den zerbrochenen Dächern, in der letzten Glut

einige Drohnen im versickerndem Eigelb. Rückkehr über gläserne Rampen. Ersticktes.

Und unser Schweigen dauerte an als wir durch die Wasserfedern schwammen.



 – seefeldmaren –



August 20, 2025



Schwereloses Protokoll



 – zwischen zwei Atemzügen

schwenkt das Licht

in eine andere Umlaufbahn


ihre Stimme ist

ein Becken voller Regentropfen

mit der Temperatur von Kindheit

die Möbel: auf Kippe

als hätten sie den Körper vergessen

der sie einmal gestützt hat


am Küchentisch

kniet eine Kaffeetasse

im Schatten der eigenen Henkelkurve

das Wort Mutter

löst sich von der Zunge

Mutter...

und driftet ab

wie ein Satellit ohne Funkkontakt


ein Messer blitzt

beim Umfallen

kurz auf im Licht

und es ist nicht klar,

ob es fällt

oder schon gefallen ist



 – seefeldmaren –



August 12, 2025



der hurensohn



 – was ein joke dieser hurensohn er stieg aufs schiff

und zeichnete mit seiner abnehmenden spur linden in die ferne

in den horizont

welche mutter muss er wohl gehabt haben?

dieses wohlverdiente glück einer geburt

aus einer mauer, aus spalten, aus einem mauerriss ist er gestiegen

direkt ins licht – es gab ihm sofort einen schatten

und niemanden ging es etwas an

er blickte auf zu seiner mutter

der regen hat im himmel

das erste mal mit seinem leben herumgehurt.



 – seefeldmaren –