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Oktober 07, 2026

 


Elegie der stehenden Gewässer



  Über zehn Jahre, und immer dieselben beschissenen Stunden. 

Raus mit dem Laken, nur raus, alles hier stinkt nach Urin.

Mutter, ich drehe dich um, und du schreist, und ich zähle Sekunden,

Blick auf die Uhr, dann zur Tür, gleich hab ich einen Termin!


Unten im Treppenhaus bleibe ich stehen und lausche nach oben:

nichts, und schon renne ich hoch: «Mutter, was machst du da bloß?»

Mutter, ich bleibe, ich habe das Treffen auf morgen verschoben,

hebst nur die Augen zu mir, lasse die Türklinke los.


Später im Bus riecht die Jacke nach dir, und ich wechsle die Plätze,

Handy auf lautlos gestellt, schalte den Ton wieder ein:

Vater, er fragt, ob ich komme, ich tippe und lösche die Sätze,

tippe ein Ja, dann ein Nein, lasse es lieber ganz sein.


«Sorry», sagst du, ich ziehe das Laken und höre dich schlucken,

tu so, als suchte ich was. (Wo ist ein sauberes Tuch?) -

Wasche die Hände, noch einmal die Hände, dann würgen und spucken,

streiche das Laken glatt, atme den vollen Geruch.



– seefeldmaren –



September 25, 2026



haut



 – ich sitze mich ins sofa, das seit tagen

die form von meinem fortgehn in sich trägt,

und höre, wie die uhr minuten sägt,

um sie als späne aus dem tag zu tragen.


mein mund hält jedes wort im ritual,

der bildschirm kaut an einem fremden leben,

die hand vergisst, sich von dem knie zu heben,

im flur zerfällt das nächste rufsignal.


ich hielt den blick gesenkt, die hand am riegel,

und ließ den menschen vor der türe stehn,

nun übt mein mund sein bitten vor dem spiegel,

doch niemand bleibt, die lippen anzusehn.


es wird genommen, und es wird genommen,

die tür ist fort, der flur ist abgebaut,

selbst meine fenster sind dem blick entkommen,

ich taste nach dem ausgang meiner haut.



– seefeldmaren –



September 16, 2026



september



 – du möchtest die haare kürzer.

wir tragen einen stuhl auf den balkon.

kinder sind draußen am spielen,

es dauert, eines hat noch einen stein gefunden.


dann lege ich dir ein handtuch um.

dein nacken kommt zum vorschein,

diese helle, von dir selbst

so selten angesehene stelle.

wie schön.

hier auch, sagst du und zeigst

nach hinten. deine hand sucht etwas,

das ich sehen kann.

die schere haben wir sonst für papier.

ich nehme wenig zwischen die finger,

schneide über ihnen ab.

du erzählst von deiner arbeit,

bei jedem namen bewegt sich dein kopf.


warte mal.


du wartest mitten im satz.

ich halte ihn mit einer strähne fest.

so bleiben wir, bis unten jemand hupt

und du die schultern hochziehst.

ein büschel landet in der minze.

ich kriege es nicht wieder ganz heraus.

im sommer, sagst du,

riechst du dann beim kochen nach mir.

links ist es kürzer.

du tastest nach und sagst, das wächst definitiv.

ich weiß das.

trotzdem gehe ich noch einmal um dich herum.

danach hältst du den spiegel

und ich den anderen dahinter.

erst siehst du die gegenüberliegenden häuser,

meinen arm und ein stück september.

höher, sagst du. ein bisschen.



– seefeldmaren –



August 10, 2026



Im Saal sechshundert



 – Im Saal sechshundert sitzt, in grauer Jacke,

der letzte Schluck von einem Reichsmarschall.

Die Leinwand zeigt die Bilder der Baracke,

er hört nicht hin. Es ist nicht mehr sein Fall.


Er sagt es Gilbert, abends, in der Zelle:

das Volk will keinen Krieg, in keinem Land.

Doch dass es folgt, ist keine Kunst, die Schwelle

ist niedrig, und das Werkzeug liegt zur Hand.


Man meldet nur, das Land sei angegriffen,

das wirkt in Reich und Rat und Republik,

ein Handgriff, über Jahre eingeschliffen:

wer fragt, verrät. So einfach ist der Trick.


Er starb durch Gift, bevor die Stricke fielen,

das Urteil traf den Wahn und die Gestalt.

Er schleicht durchs Land, um wieder zu erzielen,

was einst gelang: das Nicken für Gewalt.



– seefeldmaren –



Juni 25, 2026

 


Der Gartenzwerg



 – Ein Mann aus Eichsfeld, westlich einst gegossen,

zur Ostfigur erst hinterher lackiert,

steht hinterm Rhododendron, unverdrossen,

man hat ihn nicht bestellt, nur importiert.

Sobald der Grill entflammt, erhebt der Mann

den rechten Arm, doch deutet er nur schlecht,

die Richtung stimmt nicht ganz. Man lacht ihn an.

Die Gäste finden ihn erstaunlich echt.

Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,

vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,

die Gäste hörens zischen, und sie zechen,

bis echtes Donnern überm Garten steht.

Der Krieg, den er so gerne kommen sah,

kommt wirklich an, nur leider hier, zu Haus.

Die Gäste flüchten, keiner bleibt mehr da:

man birgt, was glänzt, und schifft das Glänzen aus.

Die Kiste reist, wie Kriegsgut eben reist,

verstellt, verzollt, vergessen, bis sie dann,

ein Junge öffnet, welcher Hamsa heißt,

in einem Hinterhof in Matheran.

Die Mutter sieht den steifen Arm: er winkt!?

Der Arm steht gut: man könnte Wäsche hängen,

das Safranhuhn, den Korb, das nasse Tuch.

Man tut es nicht. Man will ihn nicht bedrängen.

Der Gast ist keine Stange! Denn das wäre Fluch!

Sie winkt zurück und bringt ihm Tee und Reis,

ein Kissen auch, sobald die Sonne sinkt,

die liebevollen Blicke überreichen ihm ein Eis -

man pflegt den Gast. Das ist hier leider so!

Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,

vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,

da hört der Hof nur seine Brunnen plätschern,

weil hier kein Mensch die Sprache je versteht.

Er sieht sich satt an Leuten, die er hasste,

und trägt, was schwerer wiegt als jede Last:

dass keiner hier in seine Rede passte.

Er kam als Feind und wird gepflegt als Gast.



– seefeldmaren –



Juni 19, 2026



Du gehst



 – Du gehst und nimmst nicht mich. Du nimmst den Blick,

in dem ich war, und trägst ihn aus dem Haus.

So bin ich nur noch in mir aufbewahrt.

Du gehst und lässt dein Bild in meiner Hand,

ich halt es fest und halt es doch nicht still

(es wird mir fremd, je fester ich es fass).

Es bleibt nicht, wie du warst. Ich mal daran,

ich übermal, was du gewesen bist,

und werde, wer ich war, zum letzten Mal.

Du gehst und nimmst den Anfang mit dir fort,

das Bild von mir, das Du allein noch hast:

wie klein ich war, bevor ich von mir wusste.

Du warst der Blick, der mich zuerst gehalten,

und gehst, und mit dir geht mein erstes Ich.



– seefeldmaren –





November 16, 2025



alles bleibt kurz



ich wach auf und denk,

vielleicht ist das hier gar kein morgen.

die sonne hängt wie ein ladebalken

über den häusern,

alles wartet auf ein update,

auch die vögel,

auch ich. beim frühstück

sagt brudi: man müsse sich entscheiden,

aber wofür,

wenn jede richtung

bloß eine andere form von warten ist.

danach seh ich menschen im supermarkt

mit gesenkten köpfen,

verwelkt wie sonneblumen vor den kühlregalen,

die den fettrand ihrer sehnsucht mustern.

an der kasse lacht die kassiererin,

du lellek,

so hell,

dass für einen moment

alles ruckelt.

ich denk:

vielleicht war das glück,

oder bloß ein fehler in der wiedergabe.



– seefeldmaren –



November 01, 2025



Hinter den Feldern



 – sah ich den Tag, wie er im Nebel stand,

sein letztes Gold verschwamm im Mühlengraben.

Die Ähre trug den Schlaf schon in der Hand,

und schien den Sommer still davonzutragen.


Ein Reiher zog, so weiß, als wüsste er

vom Gleichgewicht der Flügel und der Zeit.

Er trug im Schnabel Heimat und das Meer

und ließ mich dort in seiner Wirklichkeit.


Sah Felder, die im Dämmerlicht verglommen,

der Abend hielt den Tag noch in der Hand.

Ein Stück vom Licht war in die Flur gekommen,

und hing wie Rauch in unbewohntem Land.


Hier lag der Tau, hier sangen einst die Halme,

hier trug der Wind mein Herz in jedes Blatt.

Nun gehn die Jahre über diese Psalme,

die ich aus Erde lernte

heimatblass.


Dann kam der Pflug, zog Narben in die Tage,

die Ackerhaut war wund und übersehnt.

Das alte Haus, der Himmel leise Klage

um das, was grünt. Geblieben -

ist vergangen.


Die Nacht erschien mir wie ein Engel, wollte

sie einmal suchen noch mit einem Kuss,

doch weil sie fern blieb, kühl in ihrem Golde

erahnte ich, dass ich

bald gehen muss.



– seefeldmaren –