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April 02, 2026



revierheimat, oder was wir waren



wir waren arglose geisterfahrer und rasten durch halbstarke zeiten

im stroboskopwesten verschwitzten wir unsere unschuld

und ritten uns unter dem applaus der nachtfalter in viriler einfalt zuschanden


wir waren kutten aus betonierter aggression

schossen nieten auf die blutarmut der sonntagsfahrer

in deren zellen wir stählerne messen feierten

manchmal beschworen blondierte hoffnungen eine engelszunge

bevor uns neue realitäten zur musterung schickten


wir waren proletarische alchemisten

verwandelten schwarzes gold in schwieligen wohlstand

vertauschten die selbstgefälligkeit der straße mit zukunftsängstlicher demut

destillierten den lohn der finsternis zu kornklarem vergessen

und umschlossen empathie mit dem abraum der voyeure


wir träumten uns in ferne weiten

badeten im eisblau fremder gedanken

erzählten uns im schwarzweiß der hornbrillen, pomaden und blümchenkittel

in die wärme schlichter selbstvergewisserung


und wir waren flüchtlinge eines längst beendeten krieges

dessen dämonen wir tief in unseren herzen gefangen hielten


wir waren motor und plage

wir waren laut und unsichtbar

wir waren feinripp und krawattennadel

wir waren klassenclowns und jederleute

und wir waren

zuhause



– Marcus Sommerstange –



👉  Interpretationsversuch:

 
«Revierheimat, oder was wir waren» zeichnet in dichter, bildhafter Sprache ein kollektives Selbstporträt einer Generation – vermutlich aus einem industriell geprägten Milieu (das Ruhrgebiet – angedeutet durch Begriffe wie «schwarzes Gold», also Kohle). Insgesamt geht es um Erinnerung und Identität: Das «Wir» blickt auf eine Vergangenheit zurück, die von Jugend, Rebellion und Härte geprägt war. Am Anfang stehen Wildheit, Orientierungslosigkeit und eine gewisse Naivität («arglose Geisterfahrer»), verbunden mit exzessiven Erfahrungen und einem fast selbstzerstörerischen Lebensstil.

Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus stärker auf soziale Realität: harte Arbeit, Arbeiterkultur und das Leben im industriellen Umfeld. Es wird gezeigt, wie diese Menschen versuchen, aus schwierigen Bedingungen etwas zu machen («proletarische Alchemisten»), gleichzeitig aber auch Abstumpfung, Verdrängung und emotionale Distanz entwickeln. Zwischendurch blitzen Sehnsucht und Träume auf – der Wunsch nach einem anderen Leben, nach Weite und Sinn. Doch diese bleiben eher imaginär und stehen im Kontrast zur tatsächlichen Lebenswelt.

Gegen Ende wird das Ganze ernster und nachdenklicher: Die Menschen erscheinen wie «Flüchtlinge eines längst beendeten Krieges», was darauf hindeutet, dass sie innere Konflikte, Traumata oder gesellschaftliche Prägungen mit sich tragen, die nie ganz verschwunden sind.

Die abschließenden Zeilen bündeln die Gegensätze: laut und unsichtbar, gewöhnlich und besonders, Teil der Masse und doch individuell. Trotz aller Widersprüche und Härten mündet alles in einem Gefühl von Zugehörigkeit – «wir waren zuhause».

 

Das Gedicht ist eine rückblickende, leicht melancholische Reflexion über Herkunft, Jugend, Arbeitermilieu und den Versuch, in einer widersprüchlichen Welt eine Identität und ein Gefühl von Heimat zu finden.

 

März 24, 2026

 


befreiung



 – winzige tode liebkosen den himmel

sie singen in silbernen zungen

stoßen in wolkiges menschengewimmel

und ist ihr lied schließlich verklungen


greift ein gesäusel nach dampfenden herzen

bevor sie zu traumstaub gerinnen

führt ihren glauben weit hinter die schmerzen

und faltet das diesseits nach innen


unbeirrt predigen untote wächter

seid folgsam und betet sie nieder

doch nur das echo der lachenden schlächter

hallt von ihren hoffnungen wider


endlich betritt eine stille den tatort

und nimmt sich der heiligen schein

brennt dann ein einsames amen als schlusswort

in jedes erlöste gebein



– Marcus Sommerstange – 



👉  Interpretationsversuch: 

  

Die «Befreiung» im Titel ist bewusst ambivalent. Es geht nicht um eine eindeutig positive Erlösung, sondern eher um ein Entkommen aus Schmerz, Illusionen und vielleicht auch religiöser Bevormundung – allerdings um den Preis des Todes oder der völligen Auflösung.


Das Gedicht beschreibt eine Welt voller Leid und trügerischer Heilsversprechen. Die eigentliche Befreiung liegt nicht im Glauben oder in äußeren Autoritäten, sondern in einer stillen, endgültigen Auflösung – die gleichzeitig Frieden und Leere bedeutet.


 

Januar 21, 2026



eine auferstehung



 – wir sitzen auf der schlachtbank

und schauen gen osten

wo das echo großer ideen immer noch

sein mausoleum sucht


du fragst mich, ob ich gott spielen will

wenn ich bloß wüsste, wie napalm riecht

doch ich schmecke nur die filterlosen

diese kriegsberichterstattungsschlager

ihre kippen hebe ich auf

für die wirklich schlechten zeiten


du fragst mich, ob sie bald kommen

wenn ich bloß wüsste, aus welcher richtung

dennoch habe ich begonnen zu beten

und stelle mir dabei vor, wie sie ist

die ewigkeit

ich bete ihre farbe in mein blut

ich bete ihr aroma in die form

eines verbrannten satzzeichens

ich bete sie als vorschlag in ein amen

aber wer hört mir schon zu?


wenn ich auf die knie falle

sehnt sich mein herz zugleich

nach einem neuen deal

mit meinem verstand

doch auch ihn zog es fort

auf einen kreuzzug unter der flagge

eines woken tinnitus

ich wüsste zu gern

ob er tatsächlich kämpfen wird


vielleicht spiele ich ja doch

ich spiele mit dir

denke dich morgen-rot

und erkläre dir den reim

dann ziehen wir gemeinsam los

ihn zu suchen

irgendwo in jener hölle

dort im osten



 – Marcus Sommerstange – 



Dezember 04, 2025



Ein kleines Tröpfchen Staunen



 – Ein kleines Tröpfchen Staunen senkt sich sanft ins Kerzenlicht.

Es hört das Singen heller Stimmen durch die Scheibe nicht,

noch ahnt es von den Worten, die der Prediger dort spricht.

Sacht streichelt es das Spiegeln auf dem gläsernen Gesicht

und schreibt mit seiner Seidenspur für dich dieses Gedicht.


Das kleine Tröpfchen Staunen spricht die Sprache, die entsteht,

wenn eines langen Tages Leuchten schwach wird und vergeht.

Es braucht den Ton nicht, keinen Spruch, kein Kreuz und kein Gebet,

nur Achtsamkeit benötigt es. Denn sie ist’s, die versteht:

Im Unscheinbaren wird der Welt Beschaffenheit konkret.


Siehst Du ein kleines Tröpfchen Staunen, schau genauer hin.

Auch wenn es wesenlos erscheint, steckt so viel für dich drin.

Sein Dasein ist ein flüchtiges, und dennoch ein Gewinn:

In seinem steten Schwinden schenkt sein Schimmern dir den Sinn

für jedes Tages oder jedes Jahres Neubeginn.


– Marcus Sommerstange –



November 27, 2025



paralyse



 – in dir legt sich dunkel auf das

an halt ende ein aus

und wieder die suche nach der frage


ja. atme. immer noch!


findest sie nicht

hast mit ihr gerungen, zu lange

glaubtest sie besiegt, endgültig


doch dieser schatten

ein ... blick ... fällst hinab in ihre asche

und diese trübe

aus ... halten ... driftest durch ihren vampiratem

und dieses echo

ein ... brechen ... verdorrst in ihrem sirenengesang

und dieses erinnern

aus ... weg ... fühlst ihr keusches gewicht


immer noch. ja. atme!


ein ... sie war sie ist sie bleibt

aus ... vermächtnis jedes tages

ein ... geißel jeder emotion

aus ... provokation jeder nacht

ein ... tränen jedes kusses

aus ... das wimmern vor dem augenaufschlag

ein ... die unendliche leere in deiner brust

aus ...


die frage? vielleicht gibt es sie wirklich nicht mehr

nur die zeit. so verdammt viel zeit


atme. immer noch. ja!



– Marcus Sommerstange –



November 09, 2025



Und wenn es schließlich



 – Und wenn es schließlich kalt und leis im Dunkeln,

ein schützend Flackern zünd ich in dir an.

Erblühen lass ich’s, bringe es zum Funkeln,

so stark, so kraftvoll wie nur ich es kann.


Ein Jahr lang warte ich auf diese Zeit,

wart ich darauf, dir dieses Licht zu schenken,

um Glück und Zuversicht und Heiterkeit

mit guten Wünschen in dein Herz zu lenken.


Lass mich dich sanft nun wärmen im Erhellen.

Verspür das Gute, was still in uns wohnt.

All finstres Denken soll daran zerschellen.

Zurück bleibt, wofür sich das Leben lohnt.


Nur kurz scheine ich stark und voll in dir.

Verweilen wird ein Glühen, ein Erinnern,

das anderntags dir zeigt: Ich bin noch hier.

Lass stetig meine Quelle in dir schimmern.



– Marcus Sommerstange –