Standort
– dort der Zaun
da der Kirschbaum
dazwischen du
hier die Sträucher
talwärts die Weiden
dazwischen ich
jenseits des Mondes
über den Wolken
inzwischen wir
– tulpenrot –
es wird zeit mich anzuziehen
ich friere
die kälte kriecht mir unters hemd
es wird zeit
draußen scheint die sonne
die gegnerin der dunkelheit
im garten blühen noch die letzten rosen
gelbe und weiße
sie üben sich im widerstand
gegen den raureif auf den dächern der nachbarhäuser
auch ich werde mich
wappnen
starkmachen
für und gegen
für alle fälle
es wird zwar niemand an der tür klingeln
oder klopfen
aber ich will vorbereitet sein
vielleicht bringt ja jemand
eine tüte mit weichem quittenkonfekt vorbei
oder mit knusperharten springerle
ich würde die tür öffnen
bedenkenlos
– tulpenrot –
– es ist 7:30 Uhr
der herbstliche Laubbaum dort drüben leuchtet gelb
die Morgensonne bereitet ihren Auftritt vor
die dunklen Wolken ziehen weiter
die kleinen Buschzweige vor meinem Fenster wippen im Wind
nun ist es 7:36 Uhr
es ist schon fast hell
Sonnenaufgang – so lese ich – war um 7:34 Uhr
ich hab ihn erlebt
im Nachthemd
es ist 1,3 Grad draußen
drinnen 23 Grad
ein Moment nur eines neuen Tages
es wird
Sonntag
– tulpenrot –
– Wenn dieselben Leute,
die Texte schön finden,
die ich grauenhaft finde,
wenn dieselben Leute also loben,
was ich unter keinen Umständen für lobenswert erachte,
wenn genau sie meine Texte aber auch loben
und schön finden,
wie grauenhaft schreibe ich dann eigentlich?
– tulpenrot –