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Juli 04, 2026



Das längste Gedicht
der Welt


– hören >>



 – Ein schlafend eingerollter Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

 Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt,

So hat er sich beeilt

Und siebenmal zerteilt.

 Die sieben Würmer teilten auch

Sich wiederum von Kopf bis Bauch

 Und ließen nur den Schwanz

Als Wurmgebilde ganz.

 Ich weiß nicht, wieviel Würmer nun

Schon Würmerwühlarbeiten tun,

 Sie wühlen ohne mich

Im Matsch und teilen sich.

 Dann ist der Traum auf einmal aus,

Der Träumerwurm schiebt Augen raus,

 Er sieht den Sonnenschein,

Und schleunigst schläft er ein.

 Der schlafend eingerollte Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

 Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt …  …



– Peter Welk –



Juni 21, 2026



Selbstbegegnung



 – Fliederstein erdenkt sich eine Brille,

Die statt am – im Kopf zu tragen ist,

Diese tragend, blickt er in die Stille

Seines Wesens durch Erfinderlist.


Und er sieht sich selbst verhundertfältigt,

Sieht sein Ich vom eignen Ich umstrahlt,

Die Begegnung mit sich selber überwältigt

Fliederstein. Er sitzt und staunt und malt


In Gedanken sich ein Weltgebäude,

Das für andrer Leute Ich nicht gilt,

Ach, wie schwelgt er da in Einfallsfreude,

Ach, wie narrt ihn das gemalte Bild!


Ach, wie fliegt er! Liegt er! Steht und hängt er,

Ja, er hängt! An einem Fadenstück!

Etwas stimmt nicht mit der Brille, denkt er,

Und mit einem Schreckensaufschrei schwenkt er

Ins vertraute Außenglück zurück.



– Peter Welk –



Juni 01, 2026








Blicketrick



 – Mein Mensch spricht dann und wann genervt vom Hundeblick,

Und dem zu widerstehn, sei kaum zu schaffen.

Das stimmt. Ein Hund, wie ich, kocht mit dem Blicketrick

Den Menschen weich und macht ihn dann zum Affen.



– Peter Welk –



Mai 28, 2026



Omas Brille


(Kindergedicht)


– hören >>



 – Da liegt die Zeitung … und wo ist die Brille?

Die Oma sucht … wo hab ich sie bloß hingelegt?

Die Oma sucht sie auf der Fensterbank …

Wo ist sie? Liegt sie unterm Küchenschrank?

Ist sie im Müll gelandet? Aus Versehn?

Die Oma kann die Welt nicht mehr verstehn …

Sie sucht die Brille in der Blumenvase …

Da fällt die Brille Oma von der Nase. 



– Peter Welk –



Mai 23, 2026

 




(Fotografie von 1925)



Im Lesegarten I


– Ach, wissen Sie, ich liebe Literaten,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Dem einen hab ich mal ein Steak gebraten

Und nahm ihn in den Lesegarten mit.


Mein Literat hat seine eigne Glätte,

Man bleibt als Frau nicht lange an ihm dran.

Jedoch, wenn ich ihn überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Kerlen aufgepeppt.





Im Lesegarten II



Ach, wissen Sie, ich liebe Lyrikfrauen,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Die eine hab ich mal im Rausch verhauen

Und nahm sie in den Lesegarten mit.


Sie  hat als Perle ihre  eigne Glätte,

Man bleibt als Mann nicht lange an ihr dran.

Jedoch, wenn ich sie überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Perlen aufgepeppt.



– Peter Welk –



Mai 14, 2026

 


Himmelfahrt


– hören >>



 – Lieber Gott, ich sah dich gestern kommen

Gradewegs zur Kneipentür herein.

Anfangs glaubte ich, es könnt ein Irrtum sein,

Denn ich sah dich zwar, doch sah ich dich verschwommen,

Und dein Gang, entschuldige, war mehr ein Wanken,

Und das ließ mich rundherum im Glauben schwanken.

 

Doch dann hast du zu den Himmelsachsen

Dich ins Lot gebracht und aufrecht kamst du her,

Nichts von Wanken oder Schwanken sah ich mehr,

Vielmehr schiens, als sollten dir jetzt Flügel wachsen,

Und wie dir – mir auch! So dass wir Schleifen flogen

Kneipenauswärts und vereint gen Himmel zogen.

 

Möglich, dass wir bis zur Himmelspforte kamen,

Bloß, ich weiß es nicht und wüsst es gerne,
amen.



– Peter Welk –



Mai 09, 2026



Ursel



 – Ursel steht am Fenster, und sie lächelt

Hoch zum Mond, der heute Henry heißt,

Henry seinerseits guckt auf die Ursel,

Die nach oben lächelnd Fingernägel beißt.


Ursel sucht nach einer leichten Zeile,

Die sie zum Gedicht verlängern will,

Einen Kuss schickt Henry ihr vom Himmel,

Um die Ursel wirds gedankenschwer und still.


Ursel sieht die Welt umarmt von Henry,

Wörter fliegen um die Ursel rum …


Aus den Wörtern werden Träume,

Um die Ursel wachsen Räume …


Ob die Ursel schließlich henrywärts entschwebt?

Wenn, dann – hat sie dies‘ Gedicht nicht überlebt.



– Peter Welk –



April 11, 2026



Durch den 

Fensterladenspalt


(Ballade)



 – Es war einmal ein Mensch, der war zufrieden,

Der hatte einen Zaun und einen Hund,

Ihm war der hominide Gang beschieden,

Und zur Beschwerde sah er keinen Grund.


Er hatte außerdem ein Gegenüber,

Das ihm den Zweifel von der Seele nahm,

Er litt an gar nichts – nur am Lampenfieber,

Wenn ihm die Zukunft in die Quere kam.


Zum Beispiel fing sein Nachbar an zu fliegen,

Der Mensch sahs durch den Fensterladenspalt,

Und tags darauf ist er aufs Dach gestiegen,

Und in Gedanken flog er Richtung Wald,


Es hat der Mensch die Arme ausgebreitet,

Und nur der Absprung hätte noch gefehlt,

Der Brustkorb war ihm heldenhaft geweitet,

Der Mensch hat froh bis hundertelf gezählt


Und stieg bei hundertzwölf vom Dach herunter,

Er ging zu Bett und träumte von dem Flug,

Der ihn als Schwalbe aus Papier dann unter

Den Sternen hin zum Kinderspielplatz trug.


Dort ist er lautlos übern Sand geglitten,

Verfing sich jäh in einem Purzelbaum,

Und eine Besenhexe kam geritten –

Dann war er aber aus, der schöne Traum.


Der Mensch ist wieder hoch aufs Dach geklettert,

Und nunmehr hob er wirklich ab und flog,

Ist rein in einen Schweinestall gebrettert,

Als ihn der Wind auf Nachbars Grundstück zog.


Die Zukunft, sprach der Mensch, liegt nicht im Fliegen,

Des Bürgers Zukunft liegt im Flugverbot.

Dann ist er einmal noch aufs Dach gestiegen,

Man sah ihn fliegend um den Kirchturm biegen,

Er wollte einen Überflieger kriegen …

(und falls er abgestürzt ist – ist er tot).



– Peter Welk –