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Mai 23, 2026

 




(Fotografie von 1925)



Im Lesegarten I


– Ach, wissen Sie, ich liebe Literaten,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Dem einen hab ich mal ein Steak gebraten

Und nahm ihn in den Lesegarten mit.


Mein Literat hat seine eigne Glätte,

Man bleibt als Frau nicht lange an ihm dran.

Jedoch, wenn ich ihn überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Kerlen aufgepeppt.





Im Lesegarten II



Ach, wissen Sie, ich liebe Lyrikfrauen,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Die eine hab ich mal im Rausch verhauen

Und nahm sie in den Lesegarten mit.


Sie  hat als Perle ihre  eigne Glätte,

Man bleibt als Mann nicht lange an ihr dran.

Jedoch, wenn ich sie überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Perlen aufgepeppt.



– Peter Welk –



Mai 14, 2026

 


Himmelfahrt


– hören >>



 – Lieber Gott, ich sah dich gestern kommen

Gradewegs zur Kneipentür herein.

Anfangs glaubte ich, es könnt ein Irrtum sein,

Denn ich sah dich zwar, doch sah ich dich verschwommen,

Und dein Gang, entschuldige, war mehr ein Wanken,

Und das ließ mich rundherum im Glauben schwanken.

 

Doch dann hast du zu den Himmelsachsen

Dich ins Lot gebracht und aufrecht kamst du her,

Nichts von Wanken oder Schwanken sah ich mehr,

Vielmehr schiens, als sollten dir jetzt Flügel wachsen,

Und wie dir – mir auch! So dass wir Schleifen flogen

Kneipenauswärts und vereint gen Himmel zogen.

 

Möglich, dass wir bis zur Himmelspforte kamen,

Bloß, ich weiß es nicht und wüsst es gerne,
amen.



– Peter Welk –



Mai 09, 2026



Ursel



 – Ursel steht am Fenster, und sie lächelt

Hoch zum Mond, der heute Henry heißt,

Henry seinerseits guckt auf die Ursel,

Die nach oben lächelnd Fingernägel beißt.


Ursel sucht nach einer leichten Zeile,

Die sie zum Gedicht verlängern will,

Einen Kuss schickt Henry ihr vom Himmel,

Um die Ursel wirds gedankenschwer und still.


Ursel sieht die Welt umarmt von Henry,

Wörter fliegen um die Ursel rum …


Aus den Wörtern werden Träume,

Um die Ursel wachsen Räume …


Ob die Ursel schließlich henrywärts entschwebt?

Wenn, dann – hat sie dies‘ Gedicht nicht überlebt.



– Peter Welk –



April 11, 2026



Durch den 

Fensterladenspalt


(Ballade)



 – Es war einmal ein Mensch, der war zufrieden,

Der hatte einen Zaun und einen Hund,

Ihm war der hominide Gang beschieden,

Und zur Beschwerde sah er keinen Grund.


Er hatte außerdem ein Gegenüber,

Das ihm den Zweifel von der Seele nahm,

Er litt an gar nichts – nur am Lampenfieber,

Wenn ihm die Zukunft in die Quere kam.


Zum Beispiel fing sein Nachbar an zu fliegen,

Der Mensch sahs durch den Fensterladenspalt,

Und tags darauf ist er aufs Dach gestiegen,

Und in Gedanken flog er Richtung Wald,


Es hat der Mensch die Arme ausgebreitet,

Und nur der Absprung hätte noch gefehlt,

Der Brustkorb war ihm heldenhaft geweitet,

Der Mensch hat froh bis hundertelf gezählt


Und stieg bei hundertzwölf vom Dach herunter,

Er ging zu Bett und träumte von dem Flug,

Der ihn als Schwalbe aus Papier dann unter

Den Sternen hin zum Kinderspielplatz trug.


Dort ist er lautlos übern Sand geglitten,

Verfing sich jäh in einem Purzelbaum,

Und eine Besenhexe kam geritten –

Dann war er aber aus, der schöne Traum.


Der Mensch ist wieder hoch aufs Dach geklettert,

Und nunmehr hob er wirklich ab und flog,

Ist rein in einen Schweinestall gebrettert,

Als ihn der Wind auf Nachbars Grundstück zog.


Die Zukunft, sprach der Mensch, liegt nicht im Fliegen,

Des Bürgers Zukunft liegt im Flugverbot.

Dann ist er einmal noch aufs Dach gestiegen,

Man sah ihn fliegend um den Kirchturm biegen,

Er wollte einen Überflieger kriegen …

(und falls er abgestürzt ist – ist er tot).



– Peter Welk –



März 28, 2026



Nachtgedicht


(Grabrede autobiografisch)



Es war einmal ein Elefant,

Der kam in einen Laden

Und sprach: «Ich möcht, ich möcht so gern

Im Porzellane baden!»


«Ein Bad», sprach die Verkäuferin,

«das nehmen Sie am besten

Dort zwischen Meißen zweite Wahl

Und Nymphenburger Resten.»


Der Elefant bedankte sich

Und ging zu den Regalen,

Er warf die ihm benannten um,

Dann trat er in die Schalen


Und Schüsseln, dass es Scherben gab,

Ganz wundervoll zerstampfte,

Darinnen nahm er dann ein Bad,

Dass es bis Meißen dampfte.


Und als er aus dem Bade stieg,

Gewaschen und erfrischet,

Da hat er die Verkäuferin

(sie war ja noch im Laden drin)

Am Blusenknopf erwischet:


«Sie!» sprach er, «Sie verstehen mei-

ne Porzellanneurose,

Doch darf die nie ans Tageslicht!

Was sag’ ich! Schon als Nachtgedicht

Verschweigen wir die Chose!»


Dann ging der Elefant hinaus

Und ward nicht mehr gesehen …

Zwei Fragezeichen blieben lang

Mit unverhohlnem Fragedrang

Am Ladenfenster stehen.



 – Peter Welk –




👉  Interpretationsversuch: 

 

Auf den ersten Blick wirkt das Nachtgedicht wie eine ulkige Geschichte, an der es nicht viel zu interpretieren gibt: ein Elefant, der in einem Porzellanladen baden möchte. Steckt dahinter womöglich mehr als nur ein lustiger Einfall?

 

Die Handlung spielt bewusst mit der bekannten Redewendung «wie ein Elefant im Porzellanladen». Der Elefant tut genau das, was man erwartet: Er zerstört alles. Die Szene wird dabei übertrieben und fast genüsslich beschrieben («ganz wundervoll zerstampfte»), was den komischen Effekt verstärkt. 

 

Interessant ist, dass der Elefant sein Verhalten bewusst auslebt. Er fragt höflich nach einem Bad und bekommt sogar eine scheinbar ernsthafte Antwort. Alle Beteiligten tun so, als sei die Situation ganz normal, obwohl sie völlig absurd ist.

Der Elefant könnte für ungehemmte Triebe oder zerstörerische Impulse stehen: Er weiß, dass sein Verhalten problematisch ist («darf nie ans Tageslicht»), trotzdem lebt er es vollständig aus. Das deutet auf einen Konflikt hin: Menschen haben oft Wünsche, die sie gesellschaftlich unterdrücken müssen. Das Bad im Porzellan wird so zu einem Symbol für verbotene Lust, heimliches Ausleben von Chaos oder Zerstörung.


Am Ende wird alles vertuscht («Verschweigen wir die Chose!»). Die letzten Zeilen sind besonders auffällig: «Zwei Fragezeichen blieben lang … am Ladenfenster stehen.» Das kann bedeuten: Es bleiben Zweifel und ungelöste Fragen. Die Fragezeichen symbolisieren: Staunen, Unverständnis, vielleicht auch Kritik am Geschehen.

 

👉  Oder sollte man diesen Interpretationsversuch als Geschwafel abtun und das Nachtgedicht als das nehmen, was es vermutlich nur ist: eine ulkige Geschichte?

 



März 13, 2026



Alfred zum Achtzigsten



 – Die Zeit ist da! Er wagt ein letztes Schmunzeln,

Das sich ihm schütter um die Wangen spinnt,

Vergebens deckt er Runen zu und Runzeln,

Und seine letzte Locke hebt der Wind.


Wir alle denken noch an jene Glücksmomente,

Da wir ihm sagen konnten: «Siebzig, Alfred, und!

Es geht dein Geist noch lange nicht in Rente,

Du brauchst noch lange keinen Ausgehhund!»


Das war einmal. Jetzt, da die Achtzig kommen,

Und kommt Umnachtung unaufhaltsam auch,

Jetzt stehn wir stumm und irgendwie benommen

Vor einem einstens aufgeblühten Strauch.


Jetzt muss ein Hund her, dass der Strauch nicht dorre,

Jetzt macht die letzte Kraft den letzten Schnitt.

Tritt aus dem Dunkel, Alfred, und verknorre

Nicht gar so schnell! Wir kommen da nicht mit!


Bleib noch ein Weilchen in der alten Wärme,

Halts noch ein Weilchen in den Dingen aus,

Lass die Gedanken noch mal los und lärme

Unter den Fenstern ferner Jugendschwärme,

Dann geh uns tapfer und gefasst voraus.



– Peter Welk –