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Oktober 10, 2026



Gebet 

vor dem Badezimmerspiegel


– hören >> 


 Lieber Gott, wie wärs mit mir als Micker,

Dünn und drahtig könnte ich durchs Leben gehn?

Du, seit Wochen werd' ich immer dicker,

Du, ich kann schon meine Zehen nicht mehr sehn!

Guck ich runter, seh ich einen Hügel,

Unter dem ich Zehen nur vermuten kann,

Das Barockgespenst im Badezimmerspiegel

Guckt mich aus verschweinsten kleinen Augen an.


Manchmal träum' ich einer Stadtgazelle

Hinterher, wenn sie an mir vorüberschnürt,

Schließlich steh ich wieder an der Schwelle,

Die zu meinem Albtraumbadezimmer führt.

Ach, warum nur quälst du mich mit Träumen,

Füllst mich mit Gewicht und Sehnsuchtsbildern ab?

Stadtgazellen grasen in entfernten Räumen,

Und als Dicker hast'e dorthin nicht den Trab.


Lieber Gott, auch wenn wir es beklagen,

Sind wir beide – guck mal in den Spiegel! – viel zu dick.

Soll'n wir eine Kur dagegen wagen?

Oder nehmen wir's gefasst als Daseinsknick?

Was? Du schweigst? Na, dann in Gottes Namen

Kann nur das die Lösung unsres Falles sein:

Lass uns einfach noch viel dicker werden, amen.

(Und jetzt lad’ ich uns zum Schweinebraten ein.)



– Peter Welk –



September 30, 2026



Der erkältete Omnibus


( für Kinder )


– hören >>



– Ein Omnibus ist müde

Und stellt sich vor ein Haus,

Er schiebt die Türen leise zu

Und löscht die Lampen aus.


Er ist schon eingeschlafen,

Ein Schild sagt gute Nacht,

Da hat im Haus der kleine Klaus

Ein Fenster aufgemacht.


Er schüttet kaltes Wasser

Dem Omnibus aufs Dach,

Der Omnibus kriegt einen Schreck,

Und davon wird er wach.


Der kleine Klaus am Fenster

Gießt Wasser immer mehr,

Der Omnibus erkältet sich,

Das Fieber plagt ihn sehr.


Der kleine Klaus holt Tücher

Und geht zum Omnibus

Und reibt ihn ab und drückt ihm auf

Die Scheibe einen Kuss.

   

«Jetzt darf ich dich behalten,

Du bist gesund gemacht!»

Und hopplahopp, der kleine Klaus

Steigt ein und hupt und lacht.


Der Omnibus soll fahren,

Und müde ist er doch,

Er fährt – und plötzlich fährt er quer,

Hängt fest in einem Loch.


Der kleine Klaus muss laufen,

Die Augen gehn ihm zu,

Er kommt nach Haus zurück und fällt

Ins Bett mit Hemd und Schuh.



– Peter Welk –



September 24, 2026



Attacke


( Sonett )



– Herr Meier-Moltke ist sich manchmal selber

Ein Rätsel, wenn er vor dem Spiegel steht,

Er sieht in ein Gesicht, das ihn an Kälber-

gesichter denken lässt, sein Atem geht


In einem solchen Augenblick in Stößen,

Ihm schwindet die Verankerung im Sein,

Er sieht sich jäh im Kreis der Gernegrößen

Geschrumpft zu einem Kalb im Spiegelschein,


Ein Meier-Moltke! Ha! Steht wortlos fragend

Vor einem ausgelöschten höh’ren Ich!

In ihm der Moltke, eine Antwort wagend,


Stürmt unversehens los, ermutigt sich,

Indem er dreimal spuckt und sich am Ohr zöpft,

Den Spiegel stürmt und sich den Meier vorknöpft.



– Peter Welk –



August 31, 2026



Manchmal mittwochmorgens



 – Fliederstein auf seine Weise

Ist im Blau auf Schwebereise,

Und er reist in einer Welt,

Die ihm aus dem Rahmen fällt.


Häuser hat sie nicht und Dome,

Diese Welt hat nur Atome,

Die mit hemmungslosem Walten

Irgendwas zusammenhalten,


Aber weder Dom noch Haus

Kommt bei diesem Tun heraus,

Auch kein Baum, vom Wind umweht,

Nur der Raum an sich entsteht;


Fliederstein, indem er den umschlingt

Und beherzt in einen Rahmen zwingt,

Sieht sich allumfassend abgehoben

Nun als Mensch an sich durchs All geschoben.



– Peter Welk –



Juli 04, 2026



Das längste Gedicht
der Welt


– hören >>



 – Ein schlafend eingerollter Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

 Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt,

So hat er sich beeilt

Und siebenmal zerteilt.

 Die sieben Würmer teilten auch

Sich wiederum von Kopf bis Bauch

 Und ließen nur den Schwanz

Als Wurmgebilde ganz.

 Ich weiß nicht, wieviel Würmer nun

Schon Würmerwühlarbeiten tun,

 Sie wühlen ohne mich

Im Matsch und teilen sich.

 Dann ist der Traum auf einmal aus,

Der Träumerwurm schiebt Augen raus,

 Er sieht den Sonnenschein,

Und schleunigst schläft er ein.

 Der schlafend eingerollte Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

 Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt …  …



– Peter Welk –



Juni 21, 2026



Selbstbegegnung



 – Fliederstein erdenkt sich eine Brille,

Die statt am – im Kopf zu tragen ist,

Diese tragend, blickt er in die Stille

Seines Wesens durch Erfinderlist.


Und er sieht sich selbst verhundertfältigt,

Sieht sein Ich vom eignen Ich umstrahlt,

Die Begegnung mit sich selber überwältigt

Fliederstein. Er sitzt und staunt und malt


In Gedanken sich ein Weltgebäude,

Das für andrer Leute Ich nicht gilt,

Ach, wie schwelgt er da in Einfallsfreude,

Ach, wie narrt ihn das gemalte Bild!


Ach, wie fliegt er! Liegt er! Steht und hängt er,

Ja, er hängt! An einem Fadenstück!

Etwas stimmt nicht mit der Brille, denkt er,

Und mit einem Schreckensaufschrei schwenkt er

Ins vertraute Außenglück zurück.



– Peter Welk –



Juni 01, 2026








Blicketrick



 – Mein Mensch spricht dann und wann genervt vom Hundeblick,

Und dem zu widerstehn, sei kaum zu schaffen.

Das stimmt. Ein Hund, wie ich, kocht mit dem Blicketrick

Den Menschen weich und macht ihn dann zum Affen.



– Peter Welk –



Mai 28, 2026



Omas Brille


(Kindergedicht)


– hören >>



 – Da liegt die Zeitung … und wo ist die Brille?

Die Oma sucht … wo hab ich sie bloß hingelegt?

Die Oma sucht sie auf der Fensterbank …

Wo ist sie? Liegt sie unterm Küchenschrank?

Ist sie im Müll gelandet? Aus Versehn?

Die Oma kann die Welt nicht mehr verstehn …

Sie sucht die Brille in der Blumenvase …

Da fällt die Brille Oma von der Nase. 



– Peter Welk –



Mai 23, 2026

 




(Fotografie von 1925)



Im Lesegarten I


– Ach, wissen Sie, ich liebe Literaten,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Dem einen hab ich mal ein Steak gebraten

Und nahm ihn in den Lesegarten mit.


Mein Literat hat seine eigne Glätte,

Man bleibt als Frau nicht lange an ihm dran.

Jedoch, wenn ich ihn überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Kerlen aufgepeppt.





Im Lesegarten II



Ach, wissen Sie, ich liebe Lyrikfrauen,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Die eine hab ich mal im Rausch verhauen

Und nahm sie in den Lesegarten mit.


Sie  hat als Perle ihre  eigne Glätte,

Man bleibt als Mann nicht lange an ihr dran.

Jedoch, wenn ich sie überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Perlen aufgepeppt.



– Peter Welk –