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Oktober 04, 2026


 

Vielleicht war das Leben 

nie anders



 Vielleicht waren wir es,

die immer versucht haben,

es anders zu machen.


Wir nannten es

Anfang,

weil wir nicht wussten,

dass alles längst begonnen hatte.


Wir nannten es

Ende,

weil wir Angst davor hatten,

dass nichts wirklich endet.


Und irgendwo dazwischen

gingen wir durch die Jahre,


mit unseren kleinen Wahrheiten

in den Taschen,


als könnten sie uns

vor der Dunkelheit schützen.


Wir liebten,

als gäbe es ein Morgen.


Wir verloren,

als wäre gestern

noch irgendwo zu finden.


Wir suchten nach einem Sinn

und übersahen dabei

die Dinge,

die keinen brauchten.


Eine Hand,

die uns hielt.


Ein Blick,

der blieb.


Das Geräusch eines Menschen,

der neben uns atmete,

während die Welt

für einen Augenblick

aufhörte,

etwas von uns zu verlangen.


Vielleicht ist das

alles gewesen.


Nicht die großen Antworten.


Nicht das,

was wir erreicht haben.


Nicht einmal

die Geschichten,

die wir später über uns

erzählen werden.


Vielleicht war das Wichtigste

immer nur dieser eine

unbemerkte Augenblick,


in dem wir

noch nicht wussten,

dass er gerade

unser Leben war.


Und vielleicht


ist das Geheimnis

nicht herauszufinden,

warum wir hier waren,


sondern irgendwann

zu begreifen,


dass wir nie

woanders sein mussten.



– Önder Özkan –



September 20, 2026

 


Hinter dem Verstehen



 – Es waren Fragen,

die mich durchs Leben trieben.


Eine scheinbar endlose Route,

die sich spiralförmig

nach außen wand.


Immer weiter fort

von dem,

was ich zu sein glaubte.


Und vielleicht

immer näher

an das,

was ich niemals

benennen konnte.


Jede Gewissheit

wurde zum Anfang

eines neuen Zweifels.


Es war nie der Weg,

der mich führte.


Vielleicht waren es

die Fragen selbst,

die mich

am Leben hielten.


Vielleicht war das Ziel,

es nicht verstehen zu müssen.



– Önder Özkan –



September 09, 2026



Manche Lichter



 – Denn manche Lichter

sind nicht dafür da,

uns den Weg zu zeigen.


Sie sind dafür da,

dass wir uns selbst

nicht verlieren.


Und vielleicht

ist es genau das,

was Dunkelheit bedeutet:


Nicht, dass kein Funke mehr da ist,

sondern dass wir vergessen,

wo in uns

das Licht noch brennt.


Ich bewahre dich in mir

wie eine Sonne.



– Önder Özkan –



August 09, 2026



Die anonymen Lyriker



– Sie sitzen nicht auf Bühnen.
Ihre Namen stehen auf keiner Liste,
und niemand wartet auf ihre Unterschrift.


Sie schreiben,

wenn die Welt schläft,

wenn Erinnerungen zu schwer werden,

wenn Worte die einzige Form von Atem sind.


Sie kennen das Schweigen,

das zwischen zwei Zeilen wohnt.

Sie wissen,

dass ein Gedicht manchmal mehr Mut verlangt

als ein ganzes Leben aus Erklärungen.


Sie sammeln keine Berühmtheit.

Sie sammeln Augenblicke,

die andere übersehen:

den Staub im Licht,

die Falte im Gesicht einer alten Frau,

den Klang einer Tür,

die sich für immer schließt.


Sie schreiben gegen das Vergessen.

Nicht aus Eitelkeit,

sondern weil jeder Mensch

ein unausgesprochenes Universum ist.


Ihre Texte wandern

durch Foren,

über vergilbte Notizbücher,

durch unbeachtete Dateien

auf längst vergessenen Festplatten.

Manchmal liest sie nur ein einziger Mensch.

Und manchmal reicht genau das.


Denn kein Gedicht wird klein,

weil es nur wenige erreicht.

Es wird klein,

wenn es nichts wagt.


Die anonymen Lyriker

sind die stillen Chronisten der Seele.

Sie retten keine Welt.

Aber sie bewahren,

was von ihr verschwindet.


Vielleicht wird sich niemand

an ihre Namen erinnern.


Doch irgendwo

wird ein Mensch

eine ihrer Zeilen lesen,

sie für einen Augenblick

für seine eigene halten

und deshalb weitergehen.


Manchmal

ist das der größte Erfolg,

den Sprache erreichen kann.



– Önder Özkan –



August 05, 2026

 


Nicht in diesem Leben



Dein Atem

liegt schwer auf den Jahren.

Du zwingst mich,

gegen den Herbst zu kämpfen.


Die Suche endet

nicht in diesem Leben.

Ich gehe weiter,

ohne zu wissen.


Dein Name

gebiert neue Gedanken.

Als hätte das Schweigen

eine eigene Sprache.


Nach jedem Verlust

bleibt etwas zurück.

Manche Seelen

verlassen diese Welt nie.



– Önder Özkan –



Juli 31, 2026



Die Berge schweigen



 – Die Welt trägt ihre Narben mit Würde.

Alte Bäume strecken ihre Äste in den Himmel,

als hätten sie nie aufgehört,

an das Licht zu glauben.

Flüsse bewahren Geschichten,

ohne sie festzuhalten.

Die Berge schweigen,

und gerade deshalb erzählen sie so viel.


Und wenn die Nacht kommt,

legt sie keinen Schatten über das Leben.

Sie sammelt nur die Stimmen des Tages ein

und verwandelt sie in Sterne.

Jeder von ihnen erinnert daran,

dass Licht niemals verschwindet.

Es wartet geduldig darauf,

wieder gesehen zu werden.


Und irgendwo

zwischen dem Schweigen der Berge

und dem Glanz der ersten Sterne


finde ich dich.



– Önder Özkan –



Juli 19, 2026

 


Rotkäppchen Reloaded



– Rotkäppchen kam nicht mehr mit einem

Körbchen in den Wald.

Es hatte einen Rucksack voller Snacks,
eine Powerbank
und sieben ungelesene Nachrichten von seiner Mutter.

Die Natur verhallte,

ungehört und ignoriert.


Der Wolf lag nicht mehr hinter einem Baum.

Er saß auf einer Parkbank,

mit Sonnenbrille,
einem Smoothie in der Pfote
und einem Smartphone in der anderen.
Wie ein Gemälde
eines unbekannten Künstlers,
der noch auf seine Entdeckung wartete.

«Na, wen haben wir denn da?»,

fragte Rotkäppchen.

«Ich bin der Wolf», sagte er.
«Früher war ich hier der Böse.
Heute bin ich Influencer für natürliche Ernährung.»
«Und was empfiehlst du?»
«Alles, was nicht aus einer Plastikschale kommt.»

Rotkäppchen wurde misstrauisch.

Nebel umschlang seine Gedanken,

wie eine riesige Schlange,
aus dem Paradies verbannt.

«Warum hast du so große Ohren?»


«Damit ich besser höre,
wenn jemand in einem Podcast über mich lästert.»
«Warum hast du so große Augen?»
«Damit ich sehe,
wer meine Story anschaut, aber nie liked.»
«Warum hast du so große Pfoten?»
«Damit ich schneller tippen kann,
wenn ich mich online entschuldigen muss.»
«Und warum hast du so ein riesiges Maul?»

Der Wolf lächelte.

Ein geheimnisvolles Lächeln,

das kein gutes Ende erahnen ließ,
wie der Vorbote des Verderbens.

«Damit ich dich besser fressen kann.»


Rotkäppchen schaute ihn an.

«Ernsthaft? Im Jahr 2026?

Du willst immer noch Menschen fressen?

Hast du keine Therapie gemacht?
Keinen Selbstfindungskurs?
Keine vegane Phase?»

Der Wolf wurde nervös.

Die Wendung der Geschichte

ist wie ein Quant,
das sich endlich entscheidet
einen einzigen Zustand einzunehmen.
«Ich habe es versucht.

Ich war drei Wochen Pflanzenfresser.»

«Und?»
«Ich habe ständig an Würstchen gedacht.»

Unsere unterdrückten Gefühle

sind der Antrieb für Handlungen,

die der armselige Verstand
nicht erklären kann.
Er irrt umher,
wie ein Küken,
das nach dem Ruf der Mutter dürstet.

Da kam die Großmutter aus dem Haus.

Sie trug Kopfhörer,

einen Bademantel
und hatte gerade eine Online-Bestellung zurückgeschickt.

«Wolf», sagte sie,

«du bist wirklich noch auf dem alten Stand.»

«Was soll ich denn machen?», fragte der Wolf.
«Vielleicht nicht immer versuchen, jemanden zu fressen.
Vielleicht einfach mal zuhören.»

Der Wolf dachte nach.

Das dauerte ungefähr fünf Minuten.

Für einen Wolf war das eine Ewigkeit.
Der richtige Gedanke
ist eine rote Blüte
inmitten des pulsierenden Graus
der feuernden Neuronen.

Dann sagte er:

«Okay. Ich eröffne einen YouTube-Kanal.»

«Worum geht es?», fragte Rotkäppchen.
«Darum, wie ich gelernt habe,
meine Probleme nicht mehr mit den Zähnen zu lösen.»

Und seit diesem Tag

war der Wolf nicht mehr der Schrecken des Waldes.


Er war der Typ mit dem blauen Haken,

der jeden Montag ein Video hochlud:


«Fünf Dinge, die ich früher gefressen habe

und warum ich heute lieber darüber rede.»