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August 09, 2026



Die anonymen Lyriker



– Sie sitzen nicht auf Bühnen.
Ihre Namen stehen auf keiner Liste,
und niemand wartet auf ihre Unterschrift.


Sie schreiben,

wenn die Welt schläft,

wenn Erinnerungen zu schwer werden,

wenn Worte die einzige Form von Atem sind.


Sie kennen das Schweigen,

das zwischen zwei Zeilen wohnt.

Sie wissen,

dass ein Gedicht manchmal mehr Mut verlangt

als ein ganzes Leben aus Erklärungen.


Sie sammeln keine Berühmtheit.

Sie sammeln Augenblicke,

die andere übersehen:

den Staub im Licht,

die Falte im Gesicht einer alten Frau,

den Klang einer Tür,

die sich für immer schließt.


Sie schreiben gegen das Vergessen.

Nicht aus Eitelkeit,

sondern weil jeder Mensch

ein unausgesprochenes Universum ist.


Ihre Texte wandern

durch Foren,

über vergilbte Notizbücher,

durch unbeachtete Dateien

auf längst vergessenen Festplatten.

Manchmal liest sie nur ein einziger Mensch.

Und manchmal reicht genau das.


Denn kein Gedicht wird klein,

weil es nur wenige erreicht.

Es wird klein,

wenn es nichts wagt.


Die anonymen Lyriker

sind die stillen Chronisten der Seele.

Sie retten keine Welt.

Aber sie bewahren,

was von ihr verschwindet.


Vielleicht wird sich niemand

an ihre Namen erinnern.


Doch irgendwo

wird ein Mensch

eine ihrer Zeilen lesen,

sie für einen Augenblick

für seine eigene halten

und deshalb weitergehen.


Manchmal

ist das der größte Erfolg,

den Sprache erreichen kann.



– Önder Özkan –



August 05, 2026

 


Nicht in diesem Leben



Dein Atem

liegt schwer auf den Jahren.

Du zwingst mich,

gegen den Herbst zu kämpfen.


Die Suche endet

nicht in diesem Leben.

Ich gehe weiter,

ohne zu wissen.


Dein Name

gebiert neue Gedanken.

Als hätte das Schweigen

eine eigene Sprache.


Nach jedem Verlust

bleibt etwas zurück.

Manche Seelen

verlassen diese Welt nie.



– Önder Özkan –



Juli 31, 2026



Die Berge schweigen



 – Die Welt trägt ihre Narben mit Würde.

Alte Bäume strecken ihre Äste in den Himmel,

als hätten sie nie aufgehört,

an das Licht zu glauben.

Flüsse bewahren Geschichten,

ohne sie festzuhalten.

Die Berge schweigen,

und gerade deshalb erzählen sie so viel.


Und wenn die Nacht kommt,

legt sie keinen Schatten über das Leben.

Sie sammelt nur die Stimmen des Tages ein

und verwandelt sie in Sterne.

Jeder von ihnen erinnert daran,

dass Licht niemals verschwindet.

Es wartet geduldig darauf,

wieder gesehen zu werden.


Und irgendwo

zwischen dem Schweigen der Berge

und dem Glanz der ersten Sterne


finde ich dich.



– Önder Özkan –



Juli 19, 2026

 


Rotkäppchen Reloaded



– Rotkäppchen kam nicht mehr mit einem

Körbchen in den Wald.

Es hatte einen Rucksack voller Snacks,
eine Powerbank
und sieben ungelesene Nachrichten von seiner Mutter.

Die Natur verhallte,

ungehört und ignoriert.


Der Wolf lag nicht mehr hinter einem Baum.

Er saß auf einer Parkbank,

mit Sonnenbrille,
einem Smoothie in der Pfote
und einem Smartphone in der anderen.
Wie ein Gemälde
eines unbekannten Künstlers,
der noch auf seine Entdeckung wartete.

«Na, wen haben wir denn da?»,

fragte Rotkäppchen.

«Ich bin der Wolf», sagte er.
«Früher war ich hier der Böse.
Heute bin ich Influencer für natürliche Ernährung.»
«Und was empfiehlst du?»
«Alles, was nicht aus einer Plastikschale kommt.»

Rotkäppchen wurde misstrauisch.

Nebel umschlang seine Gedanken,

wie eine riesige Schlange,
aus dem Paradies verbannt.

«Warum hast du so große Ohren?»


«Damit ich besser höre,
wenn jemand in einem Podcast über mich lästert.»
«Warum hast du so große Augen?»
«Damit ich sehe,
wer meine Story anschaut, aber nie liked.»
«Warum hast du so große Pfoten?»
«Damit ich schneller tippen kann,
wenn ich mich online entschuldigen muss.»
«Und warum hast du so ein riesiges Maul?»

Der Wolf lächelte.

Ein geheimnisvolles Lächeln,

das kein gutes Ende erahnen ließ,
wie der Vorbote des Verderbens.

«Damit ich dich besser fressen kann.»


Rotkäppchen schaute ihn an.

«Ernsthaft? Im Jahr 2026?

Du willst immer noch Menschen fressen?

Hast du keine Therapie gemacht?
Keinen Selbstfindungskurs?
Keine vegane Phase?»

Der Wolf wurde nervös.

Die Wendung der Geschichte

ist wie ein Quant,
das sich endlich entscheidet
einen einzigen Zustand einzunehmen.
«Ich habe es versucht.

Ich war drei Wochen Pflanzenfresser.»

«Und?»
«Ich habe ständig an Würstchen gedacht.»

Unsere unterdrückten Gefühle

sind der Antrieb für Handlungen,

die der armselige Verstand
nicht erklären kann.
Er irrt umher,
wie ein Küken,
das nach dem Ruf der Mutter dürstet.

Da kam die Großmutter aus dem Haus.

Sie trug Kopfhörer,

einen Bademantel
und hatte gerade eine Online-Bestellung zurückgeschickt.

«Wolf», sagte sie,

«du bist wirklich noch auf dem alten Stand.»

«Was soll ich denn machen?», fragte der Wolf.
«Vielleicht nicht immer versuchen, jemanden zu fressen.
Vielleicht einfach mal zuhören.»

Der Wolf dachte nach.

Das dauerte ungefähr fünf Minuten.

Für einen Wolf war das eine Ewigkeit.
Der richtige Gedanke
ist eine rote Blüte
inmitten des pulsierenden Graus
der feuernden Neuronen.

Dann sagte er:

«Okay. Ich eröffne einen YouTube-Kanal.»

«Worum geht es?», fragte Rotkäppchen.
«Darum, wie ich gelernt habe,
meine Probleme nicht mehr mit den Zähnen zu lösen.»

Und seit diesem Tag

war der Wolf nicht mehr der Schrecken des Waldes.


Er war der Typ mit dem blauen Haken,

der jeden Montag ein Video hochlud:


«Fünf Dinge, die ich früher gefressen habe

und warum ich heute lieber darüber rede.»



Juni 06, 2026



Wenn die Nacht das Land berührt




 – Zwischen den Häusern

atmet der Abend langsam aus,

und die Fenster tragen

das letzte Licht wie eine Erinnerung.


Die Straßen werden leiser,

doch irgendwo hinter den Mauern

ein Lachen,

das die Nacht noch offen hält.


Ein Baum bewegt sich im Wind,

als würde er jemandem zuwinken,

der nie zurückgekehrt ist.

Unter ihm sammelt sich Schatten,

wie stilles Wasser.


Selbst die Müdigkeit

trägt einen kleinen goldenen Kern in sich:

die Hoffnung,

dass morgen jemand deinen Namen sagt,

als wäre er ein Geheimnis.


Und über der Stadt

erscheinen die ersten Sterne,

vorsichtig,

um nicht zu früh zu leuchten.



– Önder Özkan –



Mai 17, 2026

 


Viele Fragen



 – Es beginnt im Stillen,

dort, wo kein Maßstab greift

und kein Auge je verweilte,


mit der Frage,

warum überhaupt etwas ist

und nicht vielmehr nichts.


Ein Flimmern im Vakuum,

ein kaum gedachter Anfang,

der sich ausdehnt ohne Ziel,

und wir stehen darin

wie ein Atemzug,

der sich selbst betrachtet.


Warum trägt das Universum

die Form, die es trägt,

warum diese Gesetze,

diese leise, unerschütterliche Ordnung

inmitten scheinbarer Unruhe.


Warum hat ein Elektron

genau diese Ladung,

nicht mehr, nicht weniger,

warum diese Masse,

als wäre sie beschlossen worden

in einer Sprache, die niemand kennt.


Warum verharren die Konstanten

auf ihren stillen Werten,

fein austariert

wie ein Gleichgewicht

auf Messers Schneide,

als hätte jemand gerechnet,

lange bevor Zeit entstand.


Warum krümmt sich Raum,

und formt den Weg des Lichtes.

Warum zerfällt, was existiert,

und bildet sich neu

aus den Trümmern des Vorherigen.


Warum trägt jede Antwort

den Keim einer weiteren Frage,

wie ein Schatten,

der sich nicht abschütteln lässt.


Während wir zählen,

messen, beschreiben,

während wir Formeln

in die Stille schreiben,

bleibt etwas offen,

immer,

wie ein Fenster ohne Rahmen.


Und dann,

ganz am Rand

dieses großen,

schweigenden Rätsels,

die entscheidende Frage,

leise,

unerwartet konkret:


Wann muss die Steuererklärung

abgegeben werden?



– Önder Özkan –