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Mai 17, 2026

 


Viele Fragen



 – Es beginnt im Stillen,

dort, wo kein Maßstab greift

und kein Auge je verweilte,


mit der Frage,

warum überhaupt etwas ist

und nicht vielmehr nichts.


Ein Flimmern im Vakuum,

ein kaum gedachter Anfang,

der sich ausdehnt ohne Ziel,

und wir stehen darin

wie ein Atemzug,

der sich selbst betrachtet.


Warum trägt das Universum

die Form, die es trägt,

warum diese Gesetze,

diese leise, unerschütterliche Ordnung

inmitten scheinbarer Unruhe.


Warum hat ein Elektron

genau diese Ladung,

nicht mehr, nicht weniger,

warum diese Masse,

als wäre sie beschlossen worden

in einer Sprache, die niemand kennt.


Warum verharren die Konstanten

auf ihren stillen Werten,

fein austariert

wie ein Gleichgewicht

auf Messers Schneide,

als hätte jemand gerechnet,

lange bevor Zeit entstand.


Warum krümmt sich Raum,

und formt den Weg des Lichtes.

Warum zerfällt, was existiert,

und bildet sich neu

aus den Trümmern des Vorherigen.


Warum trägt jede Antwort

den Keim einer weiteren Frage,

wie ein Schatten,

der sich nicht abschütteln lässt.


Während wir zählen,

messen, beschreiben,

während wir Formeln

in die Stille schreiben,

bleibt etwas offen,

immer,

wie ein Fenster ohne Rahmen.


Und dann,

ganz am Rand

dieses großen,

schweigenden Rätsels,

die entscheidende Frage,

leise,

unerwartet konkret:


Wann muss die Steuererklärung

abgegeben werden?



– Önder Özkan –



Mai 03, 2026



Was in uns bleibt


 – Irgendwo zwischen

der Schwere des Körpers

und der vorsichtigen Hoffnung,

dass der Tag etwas bereithält,

das sich lohnt zu berühren.


Freude kommt selten laut.

Sie setzt sich eher neben dich,

wie jemand, der nichts verlangt,

und plötzlich ist da ein Licht,

das nicht blendet,

sondern wärmt.


Traurigkeit dagegen

kennt deinen Namen.

Sie spricht ihn nicht aus,

aber du spürst, wie sie ihn trägt,

in jeder langsamen Bewegung,

in jedem Blick, der zu lange verweilt.


Dann ist da diese Stille,

die alles enthält,

wie ein Fundament,

auf dem die Kathedrale steht,

an der du ein Leben lang baust.

Manche Zimmer

willst du nie wieder betreten,

in anderen wohnt der Frieden.


Und vielleicht ist das genug:

dass alles, was in dir lebt,

nicht gelöst werden muss,

sondern gehalten,

wie der Mond

die Nacht hält.



– Önder Özkan –



April 14, 2026



Vollendung



 – Liebe ist wie eine Blüte,

nicht nur zart, sondern vergänglich im Kern,

ein leises Aufbegehren gegen das Vergehen,

ein Duft, der schon im Entstehen Abschied in sich trägt.


Sie wächst nicht im Licht allein,

sondern in den Rissen unserer Unvollkommenheit,

dort, wo Sehnsucht sich mit Angst vermischt

und Nähe zugleich Rettung und Abgrund wird.


Jede Berührung ist ein Versprechen,

das die Zeit nicht halten kann,

und doch halten wir daran fest,

als wäre gerade dieses Zerbrechen der Sinn.


Denn Liebe ist kein Zustand,

sie ist ein Übergang,

ein ständiges Werden und Verlieren,

ein stilles Erkennen,

dass wir im Anderen nie ganz ankommen,

aber ohne ihn noch weniger bei uns selbst sind.


Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,

weil sie uns nicht erfüllt,

sondern uns öffnet,

wie eine Blüte,

die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,

im vollen Wissen,

dass sie fallen wird.



– Önder Özkan –



März 20, 2026



manchmal wünsche ich mir


 – manchmal wünsche ich mir

du sprichst meine Gedanken aus

während deine Stille

mich begleitet


und zwischen uns

nur der Raum bleibt

in dem alles verstanden wird


manchmal wünsche ich mir

den Regen zurück

der uns überraschte


und wir lachten

ohne zu wissen

dass dieser Moment

einmal fehlen würde



– Önder Özkan –



März 11, 2026



Das Wesen der Zeit



 – Die Zeit kommt nicht.

Sie ist schon da,

wie Licht in einem geschlossenen Raum,

das auch dann existiert,

wenn niemand es betrachtet.


Sie hat kein Gesicht

und trägt doch alle Züge.

In ihren unsichtbaren Händen

liegen die ersten Schreie

und die letzten Atemzüge

wie zwei Seiten derselben Bewegung.


Zeit ist kein Fluss.

Sie ist das Gefälle,

das uns zwingt zu fließen.

Kein Ticken,

sondern das leise Nachgeben der Dinge,

wenn sie sich verwandeln,

wenn sie vergehen.


Sie wohnt im Staub auf alten Büchern,

im warmen Geruch von Sommerregen,

in der kaum merklichen Veränderung

einer vertrauten Stimme.

Sie arbeitet ohne Eile

und ohne Unterlass.


Man kann sie nicht halten,

doch sie hält uns

in der Spannung zwischen

Erinnerung und Erwartung,

zwischen dem, was war,

und dem, was noch keinen Namen trägt.


Vielleicht ist sie nichts anderes

als die Art,

wie das Universum atmet.

Ein Ausdehnen.

Ein Zusammenziehen.

Ein Rhythmus ohne Absicht.


Und wir,

für einen Augenblick bewusst,

nennen diesen Rhythmus

Leben.



– Önder Özkan –