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Mai 13, 2026



Späte Stunde 

(Spiel mit dem archaischen Torso Apolls)


– hören >> 


 – Du, der du wachst in dieser späten Stunde,

als alles Heilge sank, zu Asche fiel,

und keine Stimme blieb, kein Spruch, kein Ziel —

nur dieses Schweigen aus der tiefen Wunde.


Das Haus ist leer. Die Engel sind gegangen.

Wo einst ihr Flügelschlag das Dach erhob,

da fault die Stille wie ein falsches Lob,

da hält der Staub die Spiegel still gefangen.


Und über dir zerbricht das alte Zeichen:

Der Himmel reißt, ein Riss geht durch den Raum,

und was du Gott genannt – wird Asche, Schaum,

ein Wüten, dem die Ufer ewig weichen.


Geh nicht hinaus. Die Welten sind verwaist.

Doch tief in dir, in deinem letzten Saal,

wacht noch ein Engel, dunkel wie ein Mal,

der dich in deine eigne Tiefe weist.

Du musst hinab.

Du musst die Treppen finden,

die keiner ging, die unter Asche stehn.

Durch alle eignen Tode musst du gehn

und alle Namen, die dich halten, binden –

— um sie zu lösen. Allesamt.

Bis Dich kein Wort mehr trägt.


Bis selbst das Ich vergeht

im Schweigen,

das dich auflöst, wie der Tropfen

sich im All des Alls verliert.

Bis nichts mehr dir im Herzen

schlägt.


Und dann – erst dann –

wirst du das Dunkel spüren,

das vor dem ersten Wort,

vor jedem Sein, dich ruft,

dich nennt, dich doch erst macht

zu Mut, zu Heim -

komm wie du bist

und komm allein:


Du musst dich wandeln. Oder dich zerstören.



– Dionysos von Enno –




👉  Interpretationsversuch


Das Gedicht nimmt schon im Titel Bezug auf «Archaischer Torso Apollos» von Rainer Maria Rilke – und tatsächlich ist es wie eine radikale Fortschreibung von Rilkes berühmtem Schluss «Du musst dein Leben ändern». Hier wird dieser Imperativ jedoch existenziell verschärft und ins Dunklere gezogen.

Die erste Strophe entwirft eine Welt nach de
m Zusammenbruch aller Sinnsysteme. «alles Heilge sank» – Religion, metaphysische Ordnung, Orientierung sind verschwunden. Übrig bleibt nur «Schweigen aus der tiefen Wunde». Dieses Schweigen ist nicht friedlich, sondern schmerzhaft: Es verweist auf eine Verletzung, eine Leerstelle im Menschen oder in der Welt.

Das leere Haus und die verschwundenen Engel stehen für den Verlust von Transzendenz. Was früher lebendig und erhebend war («Flügelschlag»), ist jetzt verfallen («fault die Stille»). Besonders stark ist das Bild der «gefangenen Spiegel»: Selbstreflexion ist blockiert, Identität erstarrt im Staub. Hier zeigt sich ein Motiv, das man aus der Moderne kennt: die Erfahrung einer entgöttlichten Welt.

Die dritte Strophe steigert das: Der Himmel selbst «reißt». Gott wird entlarvt als etwas Instabiles («Asche, Schaum»). Das klingt fast wie eine poetische Verarbeitung der Idee vom «Tod Gottes», wie sie Nietzsche formuliert hat.
Wichtig: Es geht nicht nur um Zweifel, sondern um vollständige Desintegration der bisherigen Wirklichkeit.

Ab hier kippt das Gedicht. Es sagt: Geh nicht nach außen – dort ist nichts mehr zu finden («Welten sind verwaist»). Stattdessen wird die Innenwelt zum einzigen Ort von Bedeutung. Der «dunkle Engel» im Inneren ist ambivalent: kein tröstender Bote, sondern eher eine Art Gewissen, Schatten oder existenzieller Kern. Er «weist» dich – zwingt zur Selbsterkenntnis.

«Du musst hinab» ist der zentrale Imperativ. Das erinnert an mythologische Unterweltfahrten, aber auch an psychologische Prozesse (Selbstkonfrontation, Krise). Die «Treppen, die keiner ging» deuten darauf hin: Dieser Weg ist radikal individuell. Niemand kann ihn für dich gehen. «Durch alle eignen Tode» heißt: Alte Identitäten, Rollen, Selbstbilder müssen sterben.

Im letzten Teil wird es fast mystisch. Oder nihilistisch: Sprache («kein Wort mehr») trägt nicht mehr, das Ich selbst löst sich auf, der Mensch wird wie ein «Tropfen», der im Ganzen verschwindet. Das kann man doppelt lesen: als Selbstvernichtung oder als Übergang in etwas Größeres.


Das «Dunkel vor dem ersten Wort» ist ein Ursprungszustand – vor Sprache, vor Identität, vor Sein. Es ist gleichzeitig bedrohlich und schöpferisch – es «ruft» und «macht». Hier liegt ein entscheidender Gedanke: Erst durch den totalen Verlust entsteht die Möglichkeit von etwas Neuem.

Der letzte Satz ist kompromisslos: «Du musst dich wandeln. Oder dich zerstören.»
Das ist die zugespitzte Version von Rilkes Forderung. Veränderung ist nicht mehr eine Option, sondern eine existentielle Notwendigkeit. Ohne Wandlung bleibt nur Selbstzerfall.

👉  Link zu Rilkes Archaïscher Torso Apollos



 

April 30, 2026



Du, wenn du bist


– hören >>


 – Es reift in mir, was keiner je benannt,

seit diesem Frühling trag ichs wie ein Schweigen,

das sich nicht lösen will, das nur in Zweigen

des Schlafs sich regt und tastet nach der Hand.


Ich wohn in einem Haus aus dünnem Licht,

und meine Stimme findet nicht hinaus;

die Engel, die mir nisten überm Haus,

sie wenden still und langsam ihr Gesicht.


Manchmal, wenn sich der frühe Himmel kleidet

(Dunkelblau)

und Vögel durch das Dämmerlicht sich heben,

scheint mir, ein Ewiges sei mir gegeben –

doch wie ich hinseh, ist, was ausgebreitet, Kleid,

nicht mehr und

grau.


Vielleicht bin ich ein Zimmer, das man mied,

zu lang, und wo die Dinge schweigend stehen

wie Tote, die durch keinen Himmel gehen,

und horchen auf ein Wort, das nie geschieht.


Du, wenn du bist: du bist in diesem Raum,

der ich geworden bin aus lauter Warten.

Ich rufe nicht. Ich will dein dunkler Garten,

dein langes Schweigen sein, dein allerletzter Saum.


So werd ich still für dich. So wird das Jahr

zu einer Tiefe, die sich selbst vergisst.

Ich bin nicht mehr, was einst gewesen ist –

ich bin, was unter allem Schweigen war.


Und einmal, spät, wenn alle Namen schweigen

und selbst der meine mich nicht mehr umfasst,

wirst du, der ungesagte , ohne Last

aus meiner Stille wie ein Atem steigen.



– Dionysos von Enno –


( Musik KI )

Februar 06, 2026



Winterwanderung



– Endlich liegt wieder Schnee

auf kahlgewehten Bäumen.

Schweigen, das sich

einen Körper gibt.

Und wer die Stille wirklich liebt,

der findet sie beim Wandern

in den weiß verschneiten

Räumen.


Im Wald, da wohnt jetzt eine Ferne

von allem Leben, wie die

fast perfekte

Einsamkeit.

Und glänzten dort am Himmel nicht die Sterne,

man sähe nichts und spürte

bloß die Zärtlichkeit

der Kälte.


Birkenspiel.

Bräute in weißem Kleid aus Reif.

Mit letzten Ästen fassen sie sich an.

Das Sternenlicht auf Eis,

es frommt

dem späten Wandersmann,

der leis anstimmt den alten Sang

an Steingerðr,

die Wintermaid.


Nacht kommt.

Hand, die so gerne trösten will

und doch nicht kann.

Gottes Nähe hängt daran,

sagt man.

Nicht, weil er still

in größter Dunkelheit verschwand,

nein, weil man

spüren kann,

wie sehr er in den rauen Nächten

fehlt.


Vieles bleibt fern

in diesen stillen kalten Tagen,

so fern, dass selbst die Sehnsucht nicht mehr reicht.

Schneeflocken beklagen.

Ein längst verloschener Stern.

Kunst, die schmilzt,

bevor man sie begreift.



 – Dionysos von Enno –



Dezember 23, 2025



Sterne


Musik-Link KI

 


– Nachtfahrt durch die kleine Stadt,

die all unsere Erinnerungen hat.

An jeder Birke hat ein Kuss von uns

Pause gemacht,

bevor er in die letzte Nacht

verschwand.


Dein schwarzes Haarband

liegt in meiner alt gewordenen Hand.

Träfest du mich in dieser Nacht,

du hättest mich nicht mehr erkannt.

Vermutlich hättest du sogar gelacht

über den Mann,

der, angelehnt an deine alte Kinderzimmerwand,

wie damals

Gänseblümchen

band.


Ich binde sie mit deinem alten Band

und bringe sie dir gerne.

Dort am Stadtrand

sagtest du,

dort liegt die letzte Ferne.

Einmal holt uns seine Ruh‘

dann schließen wir die Augen zu

und werden Sterne.



– Dionysos von Enno –



November 07, 2025



Die kleine Brücke


– hören >>



 – Da liegt sie,

zwischen den Atemzügen des Bachs,

ein Gedanke aus Stein. Tags

und nachts ein kleines

Hochgehobensein zu den Sternen,

zu den fernen, die

uns hinüberführen wollen

wie sie.


Eine Hand,

die hinüberreichen will.

Sie trägt uns still,

von Land zu Land,

spürt frohgesinntes Gehen,

verträumtes Innehalten, Stehen,

dunkles Vergehen sehnsuchtsvoller Blicke

ins dunkelblaue Band

der Zeit.


Jeder ihrer Steine ist Geleit.

Es gibt kein Verirren.

Ein Kind lässt flache Steine schwirren,

lacht.

Doch kommt die Nacht,

zieht sie die dunklen Schatten an.

Schau sie dir an –

du siehst das Leid nicht mehr

der Hand, die sie geschaffen hat.


Grad tanzt auf ihr ein kleines Blatt

im Schatten grauer Gänse.

Wie ein begnadeter Pianist,

der die Finger tanzen lässt,

bis ein Wunder aufsteigt.


Nichts verbindet

wie das, was bleibt,

wenn alles

gegangen ist.



– Dionysos von Enno –


( Gesang und Begleitung: KI )