färbung
aus sonnenbäumen
banden sie mein haar
nach hinten september
zogen eine strähne
orangerieroten lockens
– ubertas –
– im weinbaum
wuchs ein garten hoch
im stamm
da griffen hände
hoffnung
los auf blättern
tanzte morgen
licht im zweig
die adern sprechen
bände
– ubertas –
👉 Interpretationsversuch:
«spalier» erzählt vom Leben, das sich seinen Weg bahnt. Natur und Mensch werden dabei nicht klar voneinander getrennt. Der Baum wird zum Körper, der Garten zum inneren Lebensraum und die Adern zu einer Sprache.
Spannend ist der Gegensatz zwischen «hoffnung / los» und dem «morgen». Das Gedicht lässt offen, ob tatsächlich Hoffnungslosigkeit herrscht oder ob die Hoffnung gerade «losgelassen» wird. Diese Mehrdeutigkeit macht den Text geheimnisvoll.
Man könnte die zentrale Aussage ungefähr so formulieren: Auch dort, wo Verletzung, Eingriff oder Hoffnungslosigkeit vorhanden sind, bleibt ein Impuls zum Wachsen und zur Erneuerung bestehen. Das Leben muss nicht ausdrücklich sprechen – seine Spuren und Bewegungen erzählen bereits davon. Auch formal passt das dazu: Die kurzen Zeilen, fehlende Satzzeichen und ungewöhnliche Zeilenumbrüche erzeugen einen tastenden, fragmentarischen Eindruck. Man liest es nicht wie eine abgeschlossene Geschichte, sondern eher wie einzelne Wahrnehmungen, die sich allmählich zu einer Bedeutung verbinden.
freiheit
vorausgegangen
ich will deine hände über feuer
will
deine augen weiter
horizont
noch eins will ich
noch mit feuer über händen
enden
fänden wieder:
ich will
du willst
sehen wir
ins feuer
teilen
über ihnen
halten was
verbrennt
entgangen
feuer über hände deine will ich
will
weiter augen deine
vertikal
ich will eins noch
ein könig
am zaun fliegt
die versammlung
zum wald
– ubertas –
– nur zeitwurm
wurm und machtgedanke
immerzu ein
schrankenwart und achte
wurmzeit
wanke
Im Kopf tobt Leib
im Zeitvertreib erlischt
ein kleines Schlängeln
zerdreht sich frei
in Einverleib aus
Spiralenwurmlaibgängen
– ubertas –
👉 Interpretationsversuch:
Das Gedicht «Weltraumintoleranz» wirkt stark verdichtet, fragmentarisch und experimentell – typisch für moderne Lyrik, die weniger eine klare Geschichte erzählt als vielmehr Zustände, Spannungen und Assoziationen erzeugt. Eine eindeutige «richtige» Interpretation gibt es hier nicht, aber man kann einige zentrale Motive herausarbeiten.
Gleich zu Beginn fällt die Wortkombination «Zeitwurm» auf. Das erinnert an die Idee, dass Zeit nicht linear ist, sondern sich windet, krümmt oder «frisst». Der Wurm kann mehrere Bedeutungen haben: etwas Zersetzendes (wie ein Verfall der Zeit oder des Denkens), etwas sich Schlängelndes (eine nicht-lineare Zeitstruktur – ein Bild für das Innere, vielleicht auch das Unbewusste).
Der «Machtgedanke» daneben deutet darauf hin, dass Zeit und Kontrolle zusammenhängen könnten – vielleicht der Versuch, Zeit zu beherrschen oder ihr ausgeliefert zu sein.
Begriffe wie «Schrankenwart» und «wanke» bringen ein Gefühl von Kontrolle vs. Unsicherheit: Ein Schrankenwart überwacht Grenzen (Ordnung, Kontrolle) – «wanke» signalisiert Instabilität, Unsicherheit. Das Gedicht bewegt sich also zwischen dem Wunsch nach Struktur und einem Zustand des Schwankens oder Zerfalls.
«Im Kopf tobt Leib» ist eine starke Umkehrung. Normalerweise denkt man: Der Kopf kontrolliert den Körper – hier «tobt» der Leib im Kopf – körperliche Impulse, Emotionen oder Triebe übernehmen das Denken; das deutet auf einen inneren Konflikt hin, vielleicht zwischen Rationalität und Körperlichkeit.
Im zweiten Teil wird die Sprache noch dichter: «Schlängeln», «Spiralen», «Wurmlaibgänge» – alles kreisende, sich windende Bewegungen «zerdreht sich frei» – Zerstörung führt zu einer Art Befreiung, das könnte bedeuten: Identität oder Bewusstsein löst sich auf – Ordnung wird aufgebrochen und verwandelt sich in etwas Neues.
Der Titel «Weltraumintoleranz» wirkt fast wissenschaftlich oder ironisch. «Weltraum»: Unendlichkeit, Leere, Orientierungslosigkeit – «Intoleranz»: Unfähigkeit, damit umzugehen; zusammen könnte das heißen: Das lyrische Ich ist überfordert von Weite, Zeit oder Existenz selbst – oder unfähig, die Komplexität der Welt (oder des eigenen Inneren) zu «ertragen».
Gesamtdeutung
Das Gedicht scheint einen Zustand von innerer Zerrissenheit und Desorientierung darzustellen. Zeit, Körper und Bewusstsein vermischen sich, verlieren klare Grenzen und geraten in Bewegung. Es geht weniger um eine konkrete Handlung als um ein Gefühl: Kontrollverlust, Auflösung von Ordnung, gleichzeitige Suche nach Struktur. Die zahlreichen Wortneuschöpfungen verstärken das: Sprache selbst wird «instabil», so wie die Welt, die sie beschreibt.