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Januar 01, 2026



Wir gehen nach Haus



 – Die Stille hier drinnen.

Ich weiß, dass sie mir zuhört.

Und nur darauf wartet.

Ja, ich glaube inzwischen,

sie wartet nicht auf ein Kommando von mir.

Sie will ertragen werden.

Sie lauert.

Ja, das tut sie.

Sie hört das Geräusch des Kritzelns,

wenn ich auf Papier schreibe über sie.

Sie hört mich sogar noch ein Streichholz nehmen.



– ubertas –



Dezember 02, 2025



kornblumenweg



es zog mich

in die stunde 

deines sternenkranzes

du nahmst mich

aus den reihen

wie hände

sich aus staub

ein windstrich

ließ dich liegen

er brach

dein blaues leuchten

wie mich

in deinen grund 



– ubertas –




 

 

Bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas …

 … Andernorts hatte ich ja eine Infragestellung bestimmter Formen von Gedichtinterpretation formuliert, nämlich solcher Interpretationen, welche eine Gedichtrede in «Klarsprech» übersetzen und damit alles das über Bord gehen lassen, was für mich ein Gedicht typischerweise (mit regelbestätigenden Ausnahmen!) zum Gedicht macht.

Diese meine Skepsis gegenüber bestimmten Formen von Interpretationen im Dienste der De-Poetisierung bedeutet aber keineswegs, dass ich nicht auch mit einem verstehenwollenden Anspruch an ein Gedicht herantrete, er wird eben nur durch einen emotionalen Ansatz ergänzt und am Ende steht je nachdem entweder ein: «Ich fühle es, weil ich es verstehe» oder ein: «Ich fühl es, das genügt» oder auch ein «Ich fühle es, weil (sic!) ich es nicht verstehe».
 
… bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas, wohne ich irgendwo zwischen all diesen drei Ansätzen und das ist mir beim Gedichtelesen der liebste Zustand …
 
… zunächst einmal, dass hier ein lyrisches Ich eine gefährdete Glückserfahrung in der Begegnung mit einem lyrischen Du schildert. Das lyrische Ich ist die Singstimme des Gedichts, das lyrische Du ist eine Kornblume und die (nicht ganz eindeutig wirksame) Bedrohung geht vom «Windstrich» aus. Dieser Windstrich – und hier verlasse ich die Ebene des «unpoetischen Redens und Fühlens» – scheint mir eine Art luftiger Landstrich zu sein und im Gegensatz zum geläufigen und auf festem Boden ruhenden Landstrich ist diesem luftgeisthaften Windstrich eine gewisse Geschäftigkeit zu eigen, die dem ortsfesten Landstrich, zumindest außerhalb eines Gedichts, fremd bleibt. Ob die Wirkungen des Windstrichs nun eher dem Schönen oder dem Destruktiven verpflichtet sind, bleibt ein bisschen offen, woraus ich schließe, dass hier ein bisschen was von beidem «im Spiel» ist.
Zuletzt, komme ich bei der Aufhebung jeder Versteh-Haltung an und genieße die Vorstellung, dass in diesem Gedicht eine kleine Kornblume einen glücksempfänglichen Menschen aus dem grauen Leutestrom gebrochen hat (mit tätiger Windhilfe) und die zwei hübschen, Blume und Mensch, nun Einträchtigkeit üben. Es müsste doch unbedingt einen Kornblumenkavalier geben, der könnte sich dann von seinem großen Geschwister eine Zeile ausborgen: «Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein.»

 – sufnus –

November 23, 2025



Interpunktion



Ich kann einen Punkt setzen

.

es ist mein Leben


hinter mein Komma

,

trete dann ich


Und einen Gedankenstrich

-

für alles was ich nicht getan hab


Nach meinem Doppelpunkt

:

zu einem gleichem ich


Ein Fragezeichen weglassen

?

an einem Tag ohne Antwort


Um keinen Ausruf zu erzeugen

!

bei dem ich immer noch schrei


Und selbst in diesem Unterstrich

_

bin ich ich



– ubertas –



November 10, 2025



Distelherz



– Wir haben über dich gesprochen.

Aus deinem Blatt

Stacheln und Dornen entfernt,

damit wir dich nicht mehr

fürchten müssen,

wenn du blühst.


Wir haben über dich geschwiegen.

Aus deiner Mitte

die Blüte gerissen für unsere Vase.

Ein Lichtspiel aus Asche gedreht

um deine Wurzeln.


Ohne fragen zu müssen,

wovor du dich schützt.



– ubertas –



November 05, 2025



Demut



Auf verlorenen Posten

waschen sie sich

Splitter aus,

sehen sich in ihnen wieder.

Längst sind sie tot.



– ubertas –



Oktober 09, 2025



so einsam 

sind die schlüsselblumen



lass mir den saum

vom ufer

den lauf

den stand

der böschung

schilf

und pfützen

seiner kleider

ihre briefe

nichts mehr

nun

nichts mehr

nichts

nur alte

die auf händen

kinder tragen zum bach



ubertas



Oktober 02, 2025



gold



so

herbst bin ich

das angeschwemmte

verlorene blatt

das gefallene

in deinen handflächen

will ich

herbst sein

welken sitzen

rascheln und wieder

sinken

wieder der eine

Baum sein

der tausendfach zweigt



ubertas



September 14, 2025



Ein Gedicht, 

das im Wald beginnt



Dein Glanz

Dein Licht

Dein Tanz im Moos

Als Springkraut

Deiner Weben

Zu Ihnen setz ich mich

Zu deinen Stümpfen

Die mir Rast sind

Verblasst sind

Und wir

Die Felsen

Ein Glanz sind

Ein Licht

Ein Tanz aus Flechten

Aus Fugen

Wirrt es Sprengkraft

Schwirrt es

Klirrt es

Wirft es uns ein

Läuft uns im Bade

Ein Wasser von hier

zum Flusskieselstein


– ubertas –





August 31, 2025

 


Herbstgedeck



 – Zweifach gebündelt

Ein Fall aus Sommerstrahlen

Zu grünen Schindeln


Totenblätter färben sich

Orangerot sinkt ihr Grau



 – ubertas –