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Oktober 06, 2026



färbung



 aus sonnenbäumen 

banden sie mein haar

nach hinten september

zogen eine strähne

orangerieroten lockens



– ubertas –



September 28, 2026



ein letzter beweis



 – wir sehen aus diesem fenster

in übergroßen mänteln

vermuten wir wärme dort draußen

einen glockenschlag

dein glas erhebt sich

der abdruck deiner lippen

ein windhauch

unter der tür

im flackernden

docht

zwei tropfen kühler


du bist wieder da



– ubertas –



September 14, 2026



spalier



 – im weinbaum

wuchs ein garten hoch

im stamm

da griffen hände


hoffnung

los auf blättern

tanzte morgen


licht im zweig

die adern sprechen


bände



– ubertas –




👉  Interpretationsversuch:

«spalier» erzählt vom Leben, das sich seinen Weg bahnt. Natur und Mensch werden dabei nicht klar voneinander getrennt. Der Baum wird zum Körper, der Garten zum inneren Lebensraum und die Adern zu einer Sprache.

Spannend ist der Gegensatz zwischen «hoffnung / los» und dem «morgen». Das Gedicht lässt offen, ob tatsächlich Hoffnungslosigkeit herrscht oder ob die Hoffnung gerade «losgelassen» wird. Diese Mehrdeutigkeit macht den Text geheimnisvoll. 

 
Man könnte die zentrale Aussage ungefähr so formulieren: Auch dort, wo Verletzung, Eingriff oder Hoffnungslosigkeit vorhanden sind, bleibt ein Impuls zum Wachsen und zur Erneuerung bestehen. Das Leben muss nicht ausdrücklich sprechen – seine Spuren und Bewegungen erzählen bereits davon. Auch formal passt das dazu: Die kurzen Zeilen, fehlende Satzzeichen und ungewöhnliche Zeilenumbrüche erzeugen einen tastenden, fragmentarischen Eindruck. Man liest es nicht wie eine abgeschlossene Geschichte, sondern eher wie einzelne Wahrnehmungen, die sich allmählich zu einer Bedeutung verbinden.

August 27, 2026



gedankenfledermäuse 


(für d.)



 – dein flug wird schneller

in die nachthaut gespannt

will ich sie begreifen


die holzbank

bin ich

hingerückt


ein schlag

in mir

war nichts


blinzelschnell



– ubertas –



August 14, 2026



Lass uns



 – Lass uns lieben,

lass uns betrunken.

Ohne T-Shirt, ohne Hosen.

Lass uns die Illusion,

die keine ist.

Lass uns tauchen,

kopfüber springen.

Lass uns aneinander fühlen

bis auf den Grund.

Lass uns die Augen.

Lass uns offen

wie wir es nie waren.

Lass uns sein.



– ubertas –



Juli 10, 2026



Illustriert



Die Häuser weggedacht

Ihre Stimmen

Ihr Trotzen

Auf irrlichternden Aussparungen


Ihre Ziegel

Ihr Klingen


In den Giebeln

Aufruf


Eine schwarze Schwinge


Die zurück

Die Stämme hinauf läuft

Am Dach ein Poltern ein Flug


Blaugrün

Getragen


Nahten zum Wald



– ubertas –




Juni 29, 2026



Planken



Ein Tritt von Sohlen


Durchlaufen


Ein eintretender Stein

Ein Stück

Ein Splitter


Erschüttern


Murmeln


Schießen


Kullern


Ein Astloch wachsender

Zweige

Aus jemands Hand gefallen


Ein letzter Brief


Zwischen ihnen



– ubertas –



Juni 23, 2026



sommer schreiben



den knopf in der tasche

das eine

vertrocknete gänseblümchen

zwischen dem kleinen

und ringfinger

wolken der pusteblume

im haar


in der hand

auf dem tisch

den verneigten kopf

zur schulter lachen


nur sonnenblumen

sattgelb

in den pupillen

erwidern


erwidern

wo sommer ist



– ubertas –



Juni 10, 2026



semantischer frühling



freiheit

vorausgegangen

ich will deine hände über feuer

will

deine augen weiter

horizont

noch eins will ich

noch mit feuer über händen

enden

fänden wieder:


ich will

du willst


sehen wir

ins feuer

teilen

über ihnen

halten was

verbrennt

entgangen


feuer über hände deine will ich

will

weiter augen deine

vertikal

ich will eins noch


ein könig

am zaun fliegt

die versammlung

zum wald



– ubertas –




Mai 01, 2026



Weltraumintoleranz



 – nur zeitwurm

wurm und machtgedanke

immerzu ein

schrankenwart und achte

wurmzeit

wanke


Im Kopf tobt Leib

im Zeitvertreib erlischt

ein kleines Schlängeln

zerdreht sich frei

in Einverleib aus

Spiralenwurmlaibgängen



– ubertas –



👉  Interpretationsversuch:

 

Das Gedicht «Weltraumintoleranz» wirkt stark verdichtet, fragmentarisch und experimentell – typisch für moderne Lyrik, die weniger eine klare Geschichte erzählt als vielmehr Zustände, Spannungen und Assoziationen erzeugt. Eine eindeutige «richtige» Interpretation gibt es hier nicht, aber man kann einige zentrale Motive herausarbeiten.


Gleich zu Beginn fällt die Wortkombination «Zeitwurm» auf. Das erinnert an die Idee, dass Zeit nicht linear ist, sondern sich windet, krümmt oder «frisst». Der Wurm kann mehrere Bedeutungen haben: etwas Zersetzendes (wie ein Verfall der Zeit oder des Denkens), etwas sich Schlängelndes (eine nicht-lineare Zeitstruktur – ein Bild für das Innere, vielleicht auch das Unbewusste).

Der «Machtgedanke» daneben deutet darauf hin, dass Zeit und Kontrolle zusammenhängen könnten – vielleicht der Versuch, Zeit zu beherrschen oder ihr ausgeliefert zu sein.


Begriffe wie «Schrankenwart» und «wanke» bringen ein Gefühl von Kontrolle vs. Unsicherheit: Ein Schrankenwart überwacht Grenzen (Ordnung, Kontrolle) – «wanke» signalisiert Instabilität, Unsicherheit. Das Gedicht bewegt sich also zwischen dem Wunsch nach Struktur und einem Zustand des Schwankens oder Zerfalls.


«Im Kopf tobt Leib» ist eine starke Umkehrung. Normalerweise denkt man: Der Kopf kontrolliert den Körper – hier «tobt» der Leib im Kopf – körperliche Impulse, Emotionen oder Triebe übernehmen das Denken; das deutet auf einen inneren Konflikt hin, vielleicht zwischen Rationalität und Körperlichkeit.


Im zweiten Teil wird die Sprache noch dichter: «Schlängeln», «Spiralen», «Wurmlaibgänge» – alles kreisende, sich windende Bewegungen «zerdreht sich frei» – Zerstörung führt zu einer Art Befreiung, das könnte bedeuten: Identität oder Bewusstsein löst sich auf – Ordnung wird aufgebrochen und verwandelt sich in etwas Neues.


Der Titel «Weltraumintoleranz» wirkt fast wissenschaftlich oder ironisch. «Weltraum»: Unendlichkeit, Leere, Orientierungslosigkeit – «Intoleranz»: Unfähigkeit, damit umzugehen; zusammen könnte das heißen: Das lyrische Ich ist überfordert von Weite, Zeit oder Existenz selbst – oder unfähig, die Komplexität der Welt (oder des eigenen Inneren) zu «ertragen».


Gesamtdeutung

Das Gedicht scheint einen Zustand von innerer Zerrissenheit und Desorientierung darzustellen. Zeit, Körper und Bewusstsein vermischen sich, verlieren klare Grenzen und geraten in Bewegung. Es geht weniger um eine konkrete Handlung als um ein Gefühl: Kontrollverlust, Auflösung von Ordnung, gleichzeitige Suche nach Struktur. Die zahlreichen Wortneuschöpfungen verstärken das: Sprache selbst wird «instabil», so wie die Welt, die sie beschreibt.