Volk im Wind
– Ich trage dich aus,
Sturm.
Kein Blatt von mir
will weiter fallen.
Ich zähle dich an,
Sturm.
Keine Ader von mir
schlägt in deinen Schneisen nach.
Ich fege dich ein,
Sturm.
In mir
wirst du
Kronen.
– ubertas –
– Die Stille hier drinnen.
Ich weiß, dass sie mir zuhört.
Und nur darauf wartet.
Ja, ich glaube inzwischen,
sie wartet nicht auf ein Kommando von mir.
Sie will ertragen werden.
Sie lauert.
Ja, das tut sie.
Sie hört das Geräusch des Kritzelns,
wenn ich auf Papier schreibe über sie.
Sie hört mich sogar noch ein Streichholz nehmen.
– ubertas –
es zog mich
in die stunde
deines sternenkranzes
du nahmst mich
aus den reihen
wie hände
sich aus staub
ein windstrich
ließ dich liegen
er brach
dein blaues leuchten
wie mich
in deinen grund
– ubertas –
Bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas …
… Andernorts hatte ich ja eine Infragestellung bestimmter Formen von Gedichtinterpretation formuliert, nämlich solcher Interpretationen, welche eine Gedichtrede in «Klarsprech» übersetzen und damit alles das über Bord gehen lassen, was für mich ein Gedicht typischerweise (mit regelbestätigenden Ausnahmen!) zum Gedicht macht.
Diese meine Skepsis gegenüber bestimmten Formen von Interpretationen im Dienste der De-Poetisierung bedeutet aber keineswegs, dass ich nicht auch mit einem verstehenwollenden Anspruch an ein Gedicht herantrete, er wird eben nur durch einen emotionalen Ansatz ergänzt und am Ende steht je nachdem entweder ein: «Ich fühle es, weil ich es verstehe» oder ein: «Ich fühl es, das genügt» oder auch ein «Ich fühle es, weil (sic!) ich es nicht verstehe».
… bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas, wohne ich irgendwo zwischen all diesen drei Ansätzen und das ist mir beim Gedichtelesen der liebste Zustand …
… zunächst einmal, dass hier ein lyrisches Ich eine gefährdete Glückserfahrung in der Begegnung mit einem lyrischen Du schildert. Das lyrische Ich ist die Singstimme des Gedichts, das lyrische Du ist eine Kornblume und die (nicht ganz eindeutig wirksame) Bedrohung geht vom «Windstrich» aus. Dieser Windstrich – und hier verlasse ich die Ebene des «unpoetischen Redens und Fühlens» – scheint mir eine Art luftiger Landstrich zu sein und im Gegensatz zum geläufigen und auf festem Boden ruhenden Landstrich ist diesem luftgeisthaften Windstrich eine gewisse Geschäftigkeit zu eigen, die dem ortsfesten Landstrich, zumindest außerhalb eines Gedichts, fremd bleibt. Ob die Wirkungen des Windstrichs nun eher dem Schönen oder dem Destruktiven verpflichtet sind, bleibt ein bisschen offen, woraus ich schließe, dass hier ein bisschen was von beidem «im Spiel» ist.
Zuletzt, komme ich bei der Aufhebung jeder Versteh-Haltung an und genieße die Vorstellung, dass in diesem Gedicht eine kleine Kornblume einen glücksempfänglichen Menschen aus dem grauen Leutestrom gebrochen hat (mit tätiger Windhilfe) und die zwei hübschen, Blume und Mensch, nun Einträchtigkeit üben. Es müsste doch unbedingt einen Kornblumenkavalier geben, der könnte sich dann von seinem großen Geschwister eine Zeile ausborgen: «Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein.»
– sufnus –
Ich kann einen Punkt setzen
.
es ist mein Leben
hinter mein Komma
,
trete dann ich
Und einen Gedankenstrich
-
für alles was ich nicht getan hab
Nach meinem Doppelpunkt
:
zu einem gleichem ich
Ein Fragezeichen weglassen
?
an einem Tag ohne Antwort
Um keinen Ausruf zu erzeugen
!
bei dem ich immer noch schrei
Und selbst in diesem Unterstrich
_
bin ich ich
– ubertas –
– Wir haben über dich gesprochen.
Aus deinem Blatt
Stacheln und Dornen entfernt,
damit wir dich nicht mehr
fürchten müssen,
wenn du blühst.
Wir haben über dich geschwiegen.
Aus deiner Mitte
die Blüte gerissen für unsere Vase.
Ein Lichtspiel aus Asche gedreht
um deine Wurzeln.
Ohne fragen zu müssen,
wovor du dich schützt.
– ubertas –
lass mir den saum
vom ufer
den lauf
den stand
seiner kleider
ihre briefe
nichts mehr
nun
nichts mehr
nichts
nur alte
die auf händen
kinder tragen zum bach
– ubertas –