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Juni 28, 2026



Mitte des Jahres



 – Verstummt sind Nachtigall und Kuckucksrufe.

Das weiße Gold des Spargels glänzt nicht länger.

Ein letztes Erdbeerköpfchen rollt vom Hänger.

Der Jahreslauf erklimmt die nächste Stufe.


Nun schwingt das Heupferd wieder seine Hufe.

Im Roggen schleichen heimlich Rattenfänger

und unterm Mond brillieren neue Sänger.

Ein feiner Staub bedeckt die Schlittschuhkufe.


Sobald es dunkelt, glimmen Glühwurmfunken.

Kein Feuerwerk, das dieses überböte,

begleitet vom Geläut der Rotbauchunken.


Die junge Nacht weicht bald der Morgenröte.

Der Schleier hebt sich, kaum herabgesunken,

und wieder spielt die Amsel auf der Flöte …



– Cornelius –



Juni 08, 2026



Die Zwillinge



 – Geschniegelt und behütet liegen

zwei neue Bürger dieser Welt

in parallel drapierten Wiegen,

wie aus demselben Ei gepellt.


Zwei allerliebste Nervensägen,

so hübsch, dass die Natur befand:

«Dies Bildnis muss ich zweimal prägen,

mit blauem und mit rotem Band.»


Doch scheint es bei genauem Schauen

auf dieses eingespielte Team,

er sehe (ganz speziell die Brauen)

ihr stärker ähnlich als sie ihm ...



– Cornelius –

Juni 03, 2026



Dichtung und Wahrheit



 – Frau Nachtigall, du Holde, dir zu danken 

hat meine Feder niemals ausgeruht.

Doch jüngst geriet mein Überschwang ins Wanken.

Ein Tropfen Wermut mischt sich in mein Blut:


Du seist mit «Herr», nicht «Frau» zu titulieren,

im Grzimek steht es (neunter Band) gedruckt,

weil schon seit alters bei euch Federtieren

allein das Männchen solche Töne spuckt.


Es schmettert nächtlich seine Serenaden,

gleich Orpheus feiert es sein Sängerfest.

Das Publikum ist gerne eingeladen -

Frau Nachtigall sitzt schweigend auf dem Nest.


Die Lehre: Singt ein Vöglein in den Haseln,

dann glaube nicht, was ein paar Dichter faseln.



– Cornelius – 



Mai 30, 2026



Warum ich keine Sonette schreibe



 – Sonette, heißt es, müssen stets belehren,

sich jambisch aus dem Sumpf des Alltags heben,

kristallklar dialektisch auch verqueren

Gedankengängen eine Richtung geben.


Zu diesem Zwecke sollen vierzehn Zeilen,

wobei auf reinen Reim zu achten wäre,

beim selben hohen Gegenstand verweilen.

Die Luft wird dünn in solcher lichten Sphäre.


Zu meiden seien alle balladesken

Begebenheiten. Zweckfrei schmucke Schnörkel

verbanne man aus solchen Wörterfresken.

Wer hier versagt, zählt nicht zum «Inner Circle»


der Koryphäen, die Gedichte schreiben,

und deshalb lasse ich es lieber bleiben.



– Cornelius



Mai 27, 2026



Willst du?



 – Willst Du mit mir Pferde stehlen,

wenn sich dazu Chancen böten?

Dich und mich, zwei halbe Seelen,

kühn zu neuem Wir verlöten?


Willst Du mit mir Sterne pflücken,

über allen Dingen schweben?

Glaubend Bergmassive rücken,

Welten aus den Angeln heben?


Willst Du Dich im Rausch verlieren?

Soll Dein Name alle Tage

unser Klingelschildchen zieren?

Dreimal Nein? Verzeih die Frage ...



– Cornelius –

Mai 18, 2026



Das Schnabeltier




(Bild Wikipedia)



– Was hat der liebe Gott gedacht

in seinem Schöpferwahn,

als er das Schnabeltier gemacht?

Es paddelt seine Bahn

 

in manchem trägen Dschungelfluss

im Antipodenland

und ist nach Gottes weisem Schluss

nur mit sich selbst verwandt,

 

entschlüpft der Ente gleich dem Ei,

bloß harmoniert nicht ganz

sein Entenschnabelkonterfei

mit seinem Biberschwanz.

 

Ein Fersensporn mit Kobragift

zählt auch zum Arsenal.

Ein Feind, den dieser Stachel trifft,

empfindet Todesqual.

 

Es nähme gern den Schnabel voll,

doch leider bleibt es stumm.

Das findet es so semitoll.

Es wüsste gern, warum.



– Cornelius –

Mai 02, 2026



Schwäbische R(h)apsodie




 – Aus einem Haus in Balderschwang

erscholl melodischer Gesang.


Dort tanzte eine Frau und lachte,

nachdem sie sich zur Witwe machte.


Es gibt ja häusliche Gewalten,

die leicht Persönlichkeiten spalten.


So ging es ihrem Herrn Gemahl:

Ihn traf die Axt aus Edelstahl.


Die Dame trank ein Gläschen Schnaps,

gebrannt aus selbst gepflücktem Raps


und las (ihr Herz schlug laut im Takt)

das Kleingedruckte im Kontrakt,


worauf sie das Ersparte zählte

und «Ehegattensplitting» wählte …



– Cornelius –



April 16, 2026

 


Kuckuck …



 – Ein Tagblatt titelt: «Liebe Leser

an Elbe, Mosel, Rhein und Weser!

Der Lenz beginnt nun seinen Lauf.

Wir fordern euch zum Dichten auf:


Vier Zeilen schickt uns, reimgebunden,

die schnörkellos und unumwunden

dem Kuckuck zugeeignet seien

und seinem heuer ersten Schreien.


Ergreift die Chance gleich beim Schopf!

Dem Sieger winkt ein Blumentopf.»

Die Resonanz, sie war gewaltig,

das Resultat recht vielgestaltig.


Nach angemessen kurzer Zeit

war jene Redaktion bereit

(obschon mit leichtem Wimpernzucken),

die folgenden «Top 5» zu drucken:


«Der Buntspecht lässt sein Ticktock hören,

die Meise singt ihr Zizidäh,

der Zeisig zwitschert in den Föhren,

doch ohne Kuckuck fehlt der Schmäh!»


*


«Ich blas auf meiner Klarinette

mit jedem Kuckuck um die Wette.

Wie hüpft beim Klang der kleinen Terz

mein altes Vogelfreunde-Herz!»


*


«So mancher kleinkarierte Motzer

beschimpft ihn wohl als Brutschmarotzer,

doch alle Schmähungen erlahmen,

ruft uns der Kuckuck seinen Namen!»


*


«Was treibt mich an, mich aufzurappeln

zum Wandern unter grünen Pappeln,

beschnürschuht und spazierbestockt?

Es ist der Kuckuck, der mich lockt!»


*


«Der Hund liegt träge hinterm Ofen.

Ihn lockt kein Frühlingslied zum Schwofen,

weil so ein Lied erst richtig groovt,

wenn mittendrin der Kuckuck ruft!»


*


Darunter, etwas eingerückt,

stand, durch kursive Schrift geschmückt:

«Wir danken allen für ihr Streben.

Es wird kein erster Preis vergeben.»



– Cornelius –



April 09, 2026

 


Träumerei



 – Leise rauschen Meereswellen

an den blütenweißen Strand

einer Insel der Seychellen,

wo ich meine Ruhe fand.


Schaukelnd in der Hängematte

liege ich, wie Gott mich schuf.

Aus der Ferne dringt durchs satte

Palmengrün ein Vogelruf,


scheint mich in den Wald zu locken,

wo die süße Feige reift.

Sorgen sind gleich Baumwollsocken

unauffindbar abgestreift.


Hoch vom Orchideenhügel

weht ein seidenweicher Hauch

sanft um meine Nasenflügel.

- Was ist das? Ein scharfer Rauch


beißt in meine Augenlider

und erstickt die Träumerei.

Unverhofft umgibt mich wieder

graues Großstadt-Einerlei


und ich sehe statt der Palmen

- ach, mein Wahn zerstob verfrüht -

nur den Ventilator qualmen,

welcher grüne Funken sprüht.


Weggerissen ist der Schleier,

Alltag nimmt mich in Besitz.

Nur der vogelwilde Schreier

bleibt im Bilde: Nachbars Fritz ...



– Cornelius –