Mai 21, 2026

 


abwracknacht



 – in dieser nacht änderte sich alles

(du jedoch wirst dich niemals ändern)

eine ahnung von unberechenbarkeit

erbrach sich in unsere realität

und gebar ihr wort

es kündete von neuer größe

und altem zorn


bescheidene besonnenheit verätzte es zu

zügelloser leidenschaft

(du kennst diese geile, brutale gier)

fraß forderungen in unsere verwahrlosung:

verweigert euch belangloser verantwortung

vergesst längst verblichene schuld

vertraut eurer versteckten gesinnung

(du weißt genau, was ich meine)


und wieder waren wir gehorsam

kreuzigten unsere zweifel

und verschrieben ihren kindern empfehlungen

gesammelt auf schwarzen listen

(du weißt, wie man befehle ausführt)


zurück zu den waffen rief es uns

(du hörst das echo nicht)

griff nach unseren hüllen

die noch immer tage schauten und welten spiegelten

und ihre oberflächen mit wokem lack schützten

vielleicht war es nur eine vermutung von liebe

(du willst es nicht verstehen)


zurück in die schlacht warf es uns

das irre lachen hörten wir nicht

nur die sirenen und das geheul

der enthaupteten zukunft

(du bist ihr untotes gedicht)


zum schluss erinnerten wir fragmente eines bildes:

geriatrische zehen in öligem terrain

virile tattoos auf kraftlosen muskeln

verbrannte augen im geschichtsblinden himmel

im hintergrund das stimmvieh im stillen gebet

an den müll der stadt

dazwischen, brennend auf einer matten scheibe, ein

NIE WIEDER

und, die szenerie dominierend, ein invertierter phallus

scheinbar unentschlossen über einem roten knopf schwebend


ja, in dieser nacht änderte sich alles

(du jedoch wirst dich niemals ändern)



 – Marcus Sommerstange – 



Mai 20, 2026



Der Zuertragende



 – Dein Verständnis

ist meine Pflicht.

Bin ich nur

der Zauberspruch,

der dein faules Gebräu

zur Wirkung bringt?


Weder Opfer

noch Vollstrecker,

nur das zwischen dir

und …


und wem eigentlich?


Dir und dir?


Wäre ich doch nur

ein Spiegel,

du könntest ertrinken

in mir.


Doch du trinkst mich leer

und hüllst dich in mich ein.


Geschmeidig und ein wenig schwer,

so erträgst du mich.


Wäre ich doch Sackleinen,

das dir die Haut aufreißt,

dass du mich ablegst und vergisst.


Doch: der Zuertragende,

der zu tragende,

der schwere Schal,

der dich wärmt


und erstickt.



– Rufus –



Mai 19, 2026



Sonnengleich



 – Oh, wie lieb ich diese kleinen

sonnengleich wie silberfeinen

Tausendschönchen grad im Mai.

Wenn ich mir ein Kränzchen winde,

blätterweis das Glück ergründe,

wirds mir sonntagsleicht dabei.



– Andrea M. Fruehauf –



Mai 18, 2026



Das Schnabeltier




(Bild Wikipedia)



– Was hat der liebe Gott gedacht

in seinem Schöpferwahn,

als er das Schnabeltier gemacht?

Es paddelt seine Bahn

 

in manchem trägen Dschungelfluss

im Antipodenland

und ist nach Gottes weisem Schluss

nur mit sich selbst verwandt,

 

entschlüpft der Ente gleich dem Ei,

bloß harmoniert nicht ganz

sein Entenschnabelkonterfei

mit seinem Biberschwanz.

 

Ein Fersensporn mit Kobragift

zählt auch zum Arsenal.

Ein Feind, den dieser Stachel trifft,

empfindet Todesqual.

 

Es nähme gern den Schnabel voll,

doch leider bleibt es stumm.

Das findet es so semitoll.

Es wüsste gern, warum.



– Cornelius –

Mai 17, 2026

 


Viele Fragen



 – Es beginnt im Stillen,

dort, wo kein Maßstab greift

und kein Auge je verweilte,


mit der Frage,

warum überhaupt etwas ist

und nicht vielmehr nichts.


Ein Flimmern im Vakuum,

ein kaum gedachter Anfang,

der sich ausdehnt ohne Ziel,

und wir stehen darin

wie ein Atemzug,

der sich selbst betrachtet.


Warum trägt das Universum

die Form, die es trägt,

warum diese Gesetze,

diese leise, unerschütterliche Ordnung

inmitten scheinbarer Unruhe.


Warum hat ein Elektron

genau diese Ladung,

nicht mehr, nicht weniger,

warum diese Masse,

als wäre sie beschlossen worden

in einer Sprache, die niemand kennt.


Warum verharren die Konstanten

auf ihren stillen Werten,

fein austariert

wie ein Gleichgewicht

auf Messers Schneide,

als hätte jemand gerechnet,

lange bevor Zeit entstand.


Warum krümmt sich Raum,

und formt den Weg des Lichtes.

Warum zerfällt, was existiert,

und bildet sich neu

aus den Trümmern des Vorherigen.


Warum trägt jede Antwort

den Keim einer weiteren Frage,

wie ein Schatten,

der sich nicht abschütteln lässt.


Während wir zählen,

messen, beschreiben,

während wir Formeln

in die Stille schreiben,

bleibt etwas offen,

immer,

wie ein Fenster ohne Rahmen.


Und dann,

ganz am Rand

dieses großen,

schweigenden Rätsels,

die entscheidende Frage,

leise,

unerwartet konkret:


Wann muss die Steuererklärung

abgegeben werden?



– Önder Özkan –



Mai 16, 2026



Herne-Sodingen 1986



 – Ja damals war’s, auf dieser Fete

Was war ich voll, denn nur dann tanz ich

Da sagt mein Freund: «Du kriss ne Pläte

Bei dir sind die Hormone ranzich!»

 

Den Spiegel her, er hatte recht

Trank Alpecin, hab mich bekleckert

Der Hals, er brannte, mir war schlecht

Und die Verdauung hat gemeckert

 

Ich lallte laut, ich wollte Haare!

Ich wollte dicke, schöne, lange

Doch nix passierte all die Jahre

Mir war so vor ner Glatze bange!

 

Wat hatt’ ich Spaß an diesen Gildo

Der hatte Haare, meine Güte

Doch ein Toupet, als Kopfhautdildo?

Ne, dat kommt gar nicht in die Tüte!  

 

Noch heute kämme ich die Strähnen

Von links nach rechts, von rechts nach quer

Vom Schnitt her ähnelts den Hyänen

Doch wenigstens lacht mein Friseur!



– Volker Teodorczyk –



Mai 15, 2026

 


Der zweite Atem



 – Vor etwa zweieinhalb Milliarden Jahren,

brach eine erste Katastrophe aus.

Aus allen Badewannen wurden Bahren,

und eine Eiszeit überzog das Haus.


Wie kam es zu dem Sterben und Erkalten?

Ein kleiner Mörder, ein Bakterium,

nahm sich das Sonnenlicht zum Wasserspalten,

und blubberte mit Giftgas um sich rum.


Die Anaerobier im Meer verreckten

und in der Atmosphäre das Methan.

Das Kohlendioxid, das es erweckte,

hat kaum noch was als Treibhausgas getan.


Nur Arten, die Entgiftungswege fanden,

und gegen lange Fröste stille Glut,

sind leicht bis schwer verwandelt noch vorhanden

und nutzen dieses Giftgas ziemlich gut.


Doch eine will nun wieder Mörder spielen,

indem sie dessen Nutzung übertreibt,

schon sterben die Empfindlichsten der Vielen,

wer weiß, ob diesmal jemand übrig bleibt …



– gummibaum –



👉  Cornelius kommentiert das Gedicht so:

Die «große Sauerstoffkatastrophe» vor knapp zweieinhalb Milliarden Jahren hast du so wunderbar lyrisch dargestellt, dass man buchstäblich den Atem anhalten muss.


Was die mikroskopisch kleinen Cyanobakterien damals mit ihrer «Wasserspalterei» anrichteten, führte zwar zu einem Massenaussterben anaerober Daseinsformen, legte aber die Grundlage für die Entfaltung des Lebens, wie es bis heute existiert – und hoffentlich weiter bestehen wird, wenn nicht, wie in deinem Gedicht angedeutet, eine einzelne aerobe Spezies allen anderen die Luft zum Atmen nimmt.


Leider neigt Geschichte, auch Naturgeschichte, dazu, sich zu wiederholen ...