März 24, 2026

 


befreiung



 – winzige tode liebkosen den himmel

sie singen in silbernen zungen

stoßen in wolkiges menschengewimmel

und ist ihr lied schließlich verklungen


greift ein gesäusel nach dampfenden herzen

bevor sie zu traumstaub gerinnen

führt ihren glauben weit hinter die schmerzen

und faltet das diesseits nach innen


unbeirrt predigen untote wächter

seid folgsam und betet sie nieder

doch nur das echo der lachenden schlächter

hallt von ihren hoffnungen wider


endlich betritt eine stille den tatort

und nimmt sich der heiligen schein

brennt dann ein einsames amen als schlusswort

in jedes erlöste gebein



– Marcus Sommerstange – 



👉  Interpretationsversuch: 

  

Die «Befreiung» im Titel ist bewusst ambivalent. Es geht nicht um eine eindeutig positive Erlösung, sondern eher um ein Entkommen aus Schmerz, Illusionen und vielleicht auch religiöser Bevormundung – allerdings um den Preis des Todes oder der völligen Auflösung.


Das Gedicht beschreibt eine Welt voller Leid und trügerischer Heilsversprechen. Die eigentliche Befreiung liegt nicht im Glauben oder in äußeren Autoritäten, sondern in einer stillen, endgültigen Auflösung – die gleichzeitig Frieden und Leere bedeutet.


 

März 23, 2026



Allerwelts-Limericks



Das Technikmuseum in Boston

vergab einen Nachtwächterposten.

Den Weg zur Toilette

versperrt eine Kette,

weshalb nun Metallteile rosten.

 

*

 

Ein Freizeitathlet aus Jaunde

verbrannte im Busch seine Pfunde.

Das Hemd frisch gebügelt,

so lief er, beflügelt

von Löwengebrüll, eine Runde.

 

*

 

Ein zweifelnder Mönch aus Mombasa

befand: «Ich mach Tabula Rasa!»

Er schloss sein Brevier,

trank rasch noch ein Bier

und arbeitet jetzt für die NASA.

 

*

 

Geflüster im Beichtstuhl in Lüttich:

«Vergebung für Sünden erbütt ich!

Doch trink ich mit Stil

und niemals zu viel.

Das meiste, Hochwürden, verschütt ich.»

 

*

 

Ein Goldkehlchen aus Okinawa

spuckt Töne wie flüssige Lava.

Meist schafft die Verehrte

nur Näherungswerte,

doch trifft sie mal, jubelt man: «Brava!»

 

*

 

Ein Bastler aus Nuku'alofa

frisierte sein klappriges Mofa.

Zuerst ritt er cool

den feurigen Stuhl.

Nun liegt er lädiert auf dem Sofa.

 

*

 

Ein Forscher am südlichen Pol

isst täglich gedünsteten Kohl.

Er sagt mit Genuss:

«Das hält mich in Schuss!»

Doch klopft er ans Stirnbein, klingts hohl.



– Cornelius –



März 22, 2026

 


regenspiel



 – du bist mir regen

regen war ich

dort ein name

doch ich höre dich


du bist mir regen

wolke war ich

dort ein name trüben

doch ich sehe dich


du bist mir regen

war ich

dort name bogen

doch ich scheine mich


an mir

prasselnd

pochend

fallend


bin ich dir regen

bist du

hier ein rauschen

mich noch hörend mich


bin ich dir regen

unverstellt

hier name siegen

mir nach


bin ich dir regen

log ich fort

dort dein name

bin ich dich


im nacken wirft sich

regen

du streckst mich

leicht nach hinten


im fallen

küsst du



 – ubertas –




👉  Interpretationsversuch:

«regenspiel» beschreibt eine intensive Beziehung zwischen zwei Personen, in der sich beide gegenseitig beeinflussen und verändern. Der immer wiederkehrende Begriff «Regen» dient als zentrales Symbol für Gefühle, Nähe und Vergänglichkeit.
Das lyrische Ich erlebt sich selbst nicht als fest, sondern als wandelbar (regen war ichwolke war ich). Diese Veränderungen zeigen, dass die eigene Identität stark von der Beziehung zur anderen Person abhängt. Gleichzeitig wird deutlich, dass Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt (ich höre dich, ich sehe dich): Beide versuchen, sich gegenseitig zu erfassen und zu verstehen. Die Sprache ist dabei fragmentarisch und teilweise unvollständig, was die Unsicherheit und emotionale Bewegung innerhalb der Beziehung widerspiegelt. Gegen Ende wird die Darstellung körperlicher und intensiver (prasselnd, pochend), bis sie in einer intimen Szene (im fallen / küsst du) ihren Höhepunkt findet.

Insgesamt zeigt das Gedicht eine Beziehung, die von Nähe, Wandel und einem teilweisen Verlust klarer Grenzen zwischen Ich und Du geprägt ist.



März 21, 2026



Er ist wieder da



 – Der Lenz! Der Lenz ist ausgebrochen!

Schon sitzt er jung auf altem Thron.

Er kommt nicht still ins Land gekrochen -

er zündet eine Explosion

 

von Farben, Düften und Gesängen,

dass jedes Herz, vom Frost beengt,

geweckt von hellen Jubelklängen

sich dehnt und seine Fesseln sprengt.

 

Statt Flocken schneit es Mandelblüten.

Nur Glanz und Glück, so weit man sieht.

Der Frühling öffnet Wundertüten.

Die Amsel widmet ihm ihr Lied,

 

die Ode, die sie komponierte,

im stillen Tannenwald ersann,

als noch der Reif die Zweige zierte.

Ihr erstes Flöten bricht den Bann.

 

Zwar ist zuweilen noch recht frostig

im März die sternenklare Nacht,

doch alte Liebe, niemals rostig,

ist neu vom Sonnenkuss erwacht.



– Cornelius –



März 20, 2026



manchmal wünsche ich mir


 – manchmal wünsche ich mir

du sprichst meine Gedanken aus

während deine Stille

mich begleitet


und zwischen uns

nur der Raum bleibt

in dem alles verstanden wird


manchmal wünsche ich mir

den Regen zurück

der uns überraschte


und wir lachten

ohne zu wissen

dass dieser Moment

einmal fehlen würde



– Önder Özkan –