September 25, 2026



haut



 – ich sitze mich ins sofa, das seit tagen

die form von meinem fortgehn in sich trägt,

und höre, wie die uhr minuten sägt,

um sie als späne aus dem tag zu tragen.


mein mund hält jedes wort im ritual,

der bildschirm kaut an einem fremden leben,

die hand vergisst, sich von dem knie zu heben,

im flur zerfällt das nächste rufsignal.


ich hielt den blick gesenkt, die hand am riegel,

und ließ den menschen vor der türe stehn,

nun übt mein mund sein bitten vor dem spiegel,

doch niemand bleibt, die lippen anzusehn.


es wird genommen, und es wird genommen,

die tür ist fort, der flur ist abgebaut,

selbst meine fenster sind dem blick entkommen,

ich taste nach dem ausgang meiner haut.



– seefeldmaren –



September 24, 2026



Attacke


( Sonett )



– Herr Meier-Moltke ist sich manchmal selber

Ein Rätsel, wenn er vor dem Spiegel steht,

Er sieht in ein Gesicht, das ihn an Kälber-

gesichter denken lässt, sein Atem geht


In einem solchen Augenblick in Stößen,

Ihm schwindet die Verankerung im Sein,

Er sieht sich jäh im Kreis der Gernegrößen

Geschrumpft zu einem Kalb im Spiegelschein,


Ein Meier-Moltke! Ha! Steht wortlos fragend

Vor einem ausgelöschten höh’ren Ich!

In ihm der Moltke, eine Antwort wagend,


Stürmt unversehens los, ermutigt sich,

Indem er dreimal spuckt und sich am Ohr zöpft,

Den Spiegel stürmt und sich den Meier vorknöpft.



– Peter Welk –



September 23, 2026



das dritte Kind



 – das Herbstkind kommt leise

stellt sich an den Rand des Sommers

und pustet Nebel

über die warmen Felder


es erntet die Früchte des Jahres

und spuckt die Kerne durch die Welt

der Sommer flieht in den Süden

- mit Händen voller Licht


in Spiegelpfützen kentern

im Sturm gefallene Blätter -

die nicht länger glauben wollen

dass Bleiben eine Form von Ewigkeit ist


das Herbstkind malt seinen eigenen Himmel

Sonnenbögen aus Regen

und einen Schmetterling der Nacht

über gesponnenen Netzen in denen sich

die Schönheit der Vergänglichkeit verfängt



– Morphea –



September 22, 2026



Von der Last der Leidenschaft



 – Wir fanden uns am Waffel-Stand. Tja, Liebe
geht durch den Bauch, wie schon die Alten sungen.
Kaum fluchte ich: «Pfui Deibel, eine Griebe!»
Schon hatte sie und hielt mich fest umschlungen.

Sie lud mich ein, zu drei Stück Sachertorte,
vier Cappuccino und fünf Apfeltaschen.
Ich sei wohl einer von der süßen Sorte;
mit solchen ließe es sich trefflich naschen …

Sie war so weich, viel weicher gar als Knete,
doch eisenhart im Drang, mich zu besiegen.
Ganz zog sie mich, ganz sank ich ein und flehte
umsonst. Ich musste nonstop unten liegen.

Ihr Kamasutra glich dem wilder Bären.
Bei manchem «Akt» war auch ein Finger hin.
Doch Hand aufs Herz, wie könnte ich mich wehren?
Sie liebte mich! – die Sumoringerin.



– Dirk Tilsner –


September 21, 2026



Die beiden Eremiten



– Zwei tiefe Felsenschlünde gähnen 

bei Hornberg in den Wald hinein. 

Kein Atlas möchte sie erwähnen.

Hier lässt es sich gut einsam sein.


Die linke Höhle hat ein Dichter

als seine Wohnstatt ausgewählt.

Nun fließt sein Leben deutlich schlichter,

seit ihn kein Kritikus mehr quält.


Daneben, einen Steinwurf weiter,

logiert ein zweiter Eremit.

Vor Zeiten war er Bauamtsleiter,

dann pfiff er plötzlich auf Profit.


Den Weg des Nachbarn nicht zu schneiden,

so lautet ihr geheimer Pakt,

Zusammentreffen streng zu meiden,

wenn möglich auch den Blickkontakt.


Sie sind sich ohne Worte einig:

Dass man die Einsamkeit im Tann

(der Weg hierher war steil und steinig)

nur mit sich selber teilen kann.



– Cornelius –



September 20, 2026

 


Hinter dem Verstehen



 – Es waren Fragen,

die mich durchs Leben trieben.


Eine scheinbar endlose Route,

die sich spiralförmig

nach außen wand.


Immer weiter fort

von dem,

was ich zu sein glaubte.


Und vielleicht

immer näher

an das,

was ich niemals

benennen konnte.


Jede Gewissheit

wurde zum Anfang

eines neuen Zweifels.


Es war nie der Weg,

der mich führte.


Vielleicht waren es

die Fragen selbst,

die mich

am Leben hielten.


Vielleicht war das Ziel,

es nicht verstehen zu müssen.



– Önder Özkan –



September 19, 2026



Was von meiner Sprache 

noch übrig ist


***


Worte haben hier

keinerlei Wirkung,


Wirklichkeiten

finden nicht mehr statt.



"Schachmatt", sagt die Taube



und kackt aufs Brett.


***


Ok, Boomer.


Das hier ist

Winke-Winke-Endzeit-Linguistik

laut krakeelender Logikfehler.


Das hier sind

staatszersetzende Satzfetzen;


toxische Syntax-Faxen

politisch interessierter Teletubbies.


Frechgrins. Brechreiz. Gringe.


***


Völlig lost

beim endlosen

Stille-Post-Spielen

um Tod und Leben,


machst du "Piep"


- einfach nur,

um ein Geräusch

von dir zu geben -


&


sprengst allzu enge

Assoziationsketten

durch den gezielten Einsatz

archaischer Tierlaute.


***



Wuff! Wuff!! Wuff!!!



Sinnlos verpufft das Gebelle

an den kargen Wänden

der letzten intakten Gehirnzelle.


Bewusstsein blökt

IN GROSSBUCHSTABEN,


dass alle anderen

farbenblind sind,


während man selbst immerhin

schwarz und weiß

fehlerfrei erkennt.


***


Bürgerkriegsähnliche Zustände

beim Bingo der Bauchgefühle


&


blubberndes Gebrabbel

innerhalb der Bubble.


Sinn geht nirgendwo mehr hin,

doch schreit dafür seit Stunden schon

per Livestream Wahnsinn ins Weltnetz.


Diskussionen

wie tödlich drehende

Diskokugeln.


Sub-semantische

Untergangsromantik.


Und vor wutschnaubenden Mäulern

veranstalten sie

rauschende Schaumpartys!


***


Nur noch Tierstimmen

in Bild und Schrift:


Was von

meiner Sprache

noch übrig ist,


kehre ich einfach

zu einem Gedicht

zusammen.


***



– klaatu –