September 16, 2026



september



 – du möchtest die haare kürzer.

wir tragen einen stuhl auf den balkon.

kinder sind draußen am spielen,

es dauert, eines hat noch einen stein gefunden.


dann lege ich dir ein handtuch um.

dein nacken kommt zum vorschein,

diese helle, von dir selbst

so selten angesehene stelle.

wie schön.

hier auch, sagst du und zeigst

nach hinten. deine hand sucht etwas,

das ich sehen kann.

die schere haben wir sonst für papier.

ich nehme wenig zwischen die finger,

schneide über ihnen ab.

du erzählst von deiner arbeit,

bei jedem namen bewegt sich dein kopf.


warte mal.


du wartest mitten im satz.

ich halte ihn mit einer strähne fest.

so bleiben wir, bis unten jemand hupt

und du die schultern hochziehst.

ein büschel landet in der minze.

ich kriege es nicht wieder ganz heraus.

im sommer, sagst du,

riechst du dann beim kochen nach mir.

links ist es kürzer.

du tastest nach und sagst, das wächst definitiv.

ich weiß das.

trotzdem gehe ich noch einmal um dich herum.

danach hältst du den spiegel

und ich den anderen dahinter.

erst siehst du die gegenüberliegenden häuser,

meinen arm und ein stück september.

höher, sagst du. ein bisschen.



– seefeldmaren –



September 15, 2026



Stimmungskiller



 – Was früher reichlich war, wird knapp,

es geht gefühlt konstant bergab,

auf eines ist jedoch Verlass:

Zu meckern gibt es immer was.

  

Da wird gemosert und gemotzt

und sich gehörig ausgekotzt.

Die Stänkerei mit viel Trara

gehört zur deutschen DNA.

  

Ein jedes Argument verpufft,

gemeiner Pöbel macht sich Luft

und die verpestet er extrem.

Das ist das übelste Problem.



– Didi.Costaire –



September 14, 2026



spalier



 – im weinbaum

wuchs ein garten hoch

im stamm

da griffen hände


hoffnung

los auf blättern

tanzte morgen


licht im zweig

die adern sprechen


bände



– ubertas –




👉  Interpretationsversuch:

«spalier» erzählt vom Leben, das sich seinen Weg bahnt. Natur und Mensch werden dabei nicht klar voneinander getrennt. Der Baum wird zum Körper, der Garten zum inneren Lebensraum und die Adern zu einer Sprache.

Spannend ist der Gegensatz zwischen «hoffnung / los» und dem «morgen». Das Gedicht lässt offen, ob tatsächlich Hoffnungslosigkeit herrscht oder ob die Hoffnung gerade «losgelassen» wird. Diese Mehrdeutigkeit macht den Text geheimnisvoll. 

 
Man könnte die zentrale Aussage ungefähr so formulieren: Auch dort, wo Verletzung, Eingriff oder Hoffnungslosigkeit vorhanden sind, bleibt ein Impuls zum Wachsen und zur Erneuerung bestehen. Das Leben muss nicht ausdrücklich sprechen – seine Spuren und Bewegungen erzählen bereits davon. Auch formal passt das dazu: Die kurzen Zeilen, fehlende Satzzeichen und ungewöhnliche Zeilenumbrüche erzeugen einen tastenden, fragmentarischen Eindruck. Man liest es nicht wie eine abgeschlossene Geschichte, sondern eher wie einzelne Wahrnehmungen, die sich allmählich zu einer Bedeutung verbinden.

September 13, 2026



Absage an eine 

altehrwürdige Gedichtform


( Sonett )



– Was? Ein Sonett soll ich noch heute schreiben?

Da möchte ich doch gleich den Mut verlieren.

Es wird gewiss den Oden-Wald nicht zieren,

deswegen lasse ich es lieber bleiben.


So eins mit Reimen, die sich steif umarmen?

Und jeder Vers gespickt mit Knobelnüssen,

die Leser eichhornfleißig knacken müssen?

Wer dies erdachte, kannte kein Erbarmen.


Mir fehlen Handwerkszeug sowie die Themen,

solch ein Gebilde kunstgerecht zu drechseln.

Petrarca, Shakespeare sind für mich nur Schemen.


Ich würde zum Gespött der Lyrikforen,

drum seid so nett: Lasst uns das Thema wechseln

und mich und meine Muse ungeschoren ...



*


Das Fundstück


( Sonett )


– Verborgen unter allerlei Gerümpel

im stillen Kämmerlein, wohin kein Strahl

der Sonne, noch des Mondes je sich stahl,

dort liegst du stets bereit: mein treuer Pümpel.


Ich fischte dich aus einem seichten Tümpel.

Selenes scheues Lächeln huschte fahl

vorüber. Du schienst lockend wie ein Gral

zu raunen: «Sieh nur, wie ich trostlos dümpel!»


Will etwas nicht so flutschen, wie es muss,

entsiegelst du die allzu schmale Pforte,

die zu passieren ist, mit deinem Kuss.


Wo finde ich für dich die rechten Worte?

Du hältst die Dinge im gewohnten Fluss,

was kommen mag, ob Braten oder Torte ...



– Cornelius –



September 12, 2026


am Meer 


( Pantun ) 



– das stete Hin und Her, das große Rauschen

der Beutezug der Wellen hin zum Strand

das Herz am Wind, der Ewigkeit zu lauschen

ein Segel, das am Horizont verschwand


der Beutezug der Wellen hin zum Strand

für kurzen Ruhm und Agonie in Kreisen

ein Segel, das am Horizont verschwand

in Mythen, die das Heldentum beweisen


für kurzen Ruhm und Agonie in Kreisen

ein Schaum, der stets vergeht und doch verharrt

in Mythen, die das Heldentum beweisen

wie Geister, in der Muschel aufbewahrt


ein Schaum, der stets vergeht und doch verharrt

das Herz am Wind, der Ewigkeit zu lauschen

und Geistern, in der Muschel aufbewahrt

das stete Hin und Her, das große Rauschen



– Dirk Tilsner –



September 11, 2026



Interview 

mit einer Eintagsfliege



 – Manch ein Reporter, der besticht,

weil er der Tiere Sprache spricht.

Und einen gab’s, der war im Nu

mit Eintagsfliegen gleich per du

und kriegte so ein Interview.


Er fragte eindringlich und viel,

die letzte Frage war subtil:

«Ach, sage mir am Schluss mal eben,

was ist im Eintagsfliegenleben

denn nun das wichtigste Bestreben?»


Lang hat die Fliege nachgedacht,

die Antwort sich nicht leicht gemacht:

«Ich weiß, man schläft ja gern bis zehn,

mein Rat ist daher nicht sehr schön:

Am wichtigsten ist Frühaufstehn!»



– Fritz Pfeiffer –



September 10, 2026

 


Der wahre Feind



 – Na,

wer will uns ins Verderben locken?


Natürlich

feministisch-marxistische Schneeflocken!


Und wer

sitzt fettgefressen

an den Futtertrögen?


Richtig:

Linksliberale Regenbögen!


Für wen

müssen wir alle

die Rechnung tragen?


Selbstverständlich für

transsexuelle Solaranlagen!


Und wer

hört einfach nicht auf,

uns auszurauben?


Diese

humanistisch aufgeklärten

Friedenstauben!


Ist doch offensichtlich!


Oder?



 – klaatu –