Oktober 03, 2026



Effigie




Sie trägt noch immer jenes blaue Kleid.

Im Hintergrund verdunkeln sich die Bäume.

Der Maler gab ihr einen Mund aus unbezahlter Zeit

und um die Schultern unbewohnte Räume.


Als wäre jemand längst

Vergessenes heimgekehrt,

liegt auf den Lippen dieses tiefe Beben.

So hat sie einst auf deinen Schritt gehört,

bevor er unterging in all dem

deinen

ungelebten Leben.


Du hast ihr Zimmer fortgegeben.

Langsam zuerst:

den Schrank. Das Bett. Zuletzt

den Reif, der ihr im Leben

das lange Haar gehalten hat.

Und abends kam ein

Nachtigallenpaar

und starb.


Du wurdest groß.

Dann älter als die Hände,

die doch so vieles von dir nahmen.

Und manchmal gingst du nachts durch fremde Wände

im Traum zu ihr.

Sie ruft dich immer noch,

als seist du Kind

und habest keinen

Namen.


Nun stehst du wieder da. Auf ihren Knien

ruht eine Hand, als müsse sie dich halten,

wie damals, als du gingst,

ihr zu entfliehen und

deine Flügel zu entfalten

– und gingst doch bloß, um

furchtbar lang

und schwer zu altern.


Nun trittst du hin

zu ihrem Stein

ins Licht.

Etwas beginnt zu steigen:

dein Angesicht. Vom langen Leben blind

darfst du dich endlich wieder hin zu ihren vielen Armen neigen.

Sie wartet auf ihr Kind.

Und du bist alt genug.



– Dionysos von Enno – 



Oktober 02, 2026



Rückschnitt



 – Die Minze ist schwarz

an den Rändern.

Zwischen den Stängeln

Spinnfäden,

an denen Nässe hängt.


Ich schneide zurück,

was über den Topf wuchert.


So tief im Jahr

noch ein grünes Inneres,

feucht

an der Schnittstelle.


Du strichst im Vorübergehen

mit der Hand darüber.

Lange blieb Duft

an allem,

was du berührtest.


Ich zerreibe

das letzte Blatt.


An meinen Fingern

stirbt der Geruch

des Sommers.



– Chandrika Wolkenstein –



Oktober 01, 2026



Albatros



 Vom schwarzen Fels, das Meer im Schaume klar,

herab und dieser Welt ein Letztes auszurichten …

Der Himmel eilt herbei und unsagbar

spricht er uns an, auf seiner Stirn zu sichten


der hohen Wolken weites Treiben,

des Sturmes Sprung von Wind zu Wind,

der Vögel Flügelspiel ein Bleiben

in Lüften warmen Blaus gewinnt.


So schleichen wir von schroffen Steinen fort,

ersegeln schneidig unseres der Firmamente.

Wir wanken anfangs, träumen diesen Ort

und flattern weiter. Nichts, was uns zertrennte.



– Béla Wiesner –



September 30, 2026



Septemberausklang



 – Lieber Sommer, lass dir sagen:

Länger sollst du uns nicht plagen,

denn ab morgen ist Oktober

und die Ernte liegt im Schober -


ausgenommen jene Orte,

wo der goldne Halm verdorrte

oder man das Notgereifte

traurig in die Scheunen schleifte.


Nur der größte Zeitverschwender

blickt noch müde zum Kalender.

Herbst - nur mehr ein bloßer Name,

unverbindlich wie Reklame.


Sommer, ja, ich sehe schon:

Du sitzt fest auf deinem Thron,

willst dort fürstlich weiter dösen

und den Würgegriff nicht lösen.


Selbst die Wetterfrösche schweigen.

Wagte einer, sich zu zeigen,

packte ihn der Storch beim Hintern,

statt am Nil zu überwintern ...



– Cornelius –





Der erkältete Omnibus


( für Kinder )


– hören >>



– Ein Omnibus ist müde

Und stellt sich vor ein Haus,

Er schiebt die Türen leise zu

Und löscht die Lampen aus.


Er ist schon eingeschlafen,

Ein Schild sagt gute Nacht,

Da hat im Haus der kleine Klaus

Ein Fenster aufgemacht.


Er schüttet kaltes Wasser

Dem Omnibus aufs Dach,

Der Omnibus kriegt einen Schreck,

Und davon wird er wach.


Der kleine Klaus am Fenster

Gießt Wasser immer mehr,

Der Omnibus erkältet sich,

Das Fieber plagt ihn sehr.


Der kleine Klaus holt Tücher

Und geht zum Omnibus

Und reibt ihn ab und drückt ihm auf

Die Scheibe einen Kuss.

   

«Jetzt darf ich dich behalten,

Du bist gesund gemacht!»

Und hopplahopp, der kleine Klaus

Steigt ein und hupt und lacht.


Der Omnibus soll fahren,

Und müde ist er doch,

Er fährt – und plötzlich fährt er quer,

Hängt fest in einem Loch.


Der kleine Klaus muss laufen,

Die Augen gehn ihm zu,

Er kommt nach Haus zurück und fällt

Ins Bett mit Hemd und Schuh.



– Peter Welk –



September 29, 2026



Wie einst im November



 – Streit in der Erstbezugswohnung,

Eifersucht, Stolz und Betrug,

für das Geschirr keine Schonung:

Weinglas - ballistischer Flug.


Und wenn die Vasen zerspringen

(Sturz vom Ikearegal)

und im Zerspringen erklingen

wie ein Keramikfanal,


liegt eine Ära in Scherben:

zwiebelmustergeschmückt.

Hoffnungen künftiger Erben

rings aufs Parkett gestückt.


So geht die Liebe zuschanden!

Wasser im Hochzeitsbouquet:

tagsdrauf schon abgestanden,

und die Romantik passé,


und das Zuzweitsein zersplittert

hart in der Realität

noch bevor sie verwittert,

ists für die Liebe zu spät.


Nachtrag


Mannomann ist das triste!

Bei diesem traurigen Chor

sargt' ich mich ein in die Kiste,

wär da die Liebste nicht vor.


Und jetzt genug mit dem Reden,

Glück ist doch, was man sich traut.

Schnupper mal: Frische Reseden.

Hab sie vom Friedhof geklaut.



– sufnus –



September 28, 2026



ein letzter beweis



 – wir sehen aus diesem fenster

in übergroßen mänteln

vermuten wir wärme dort draußen

einen glockenschlag

dein glas erhebt sich

der abdruck deiner lippen

ein windhauch

unter der tür

im flackernden

docht

zwei tropfen kühler


du bist wieder da



– ubertas –