April 08, 2026

 


Stein



 – Es ist,

was es nicht ist –

ein andereres.


Und


alles schwieg,

als ob –

in dieser Stille

Worte bedeutsamer

wären.


Als ob

ein Wort jemals

Stille bedeuten

könnte.


Ich schrieb,

des Schweigens

trotzend,

dieser wunderlichen

Stille –


Als ob.



– Rufus –



April 07, 2026



Alles für ihn



 – Die Kinder sind im Wald und bauen

für einen Wichtel Haus und Garten.

Er scheint den beiden zuzuschauen

und sorgsam im Versteck zu warten.


Ein lichtes Dach aus vielen Zweigen,

die einen hohen Stamm umstehen

und sich zu seiner Rinde neigen,

kann er von dort aus deutlich sehen.


Darunter steht, ins Laub gebreitet,

für ihn nach harten Arbeitstagen,

ein Bett aus Moos, und es bereitet

ihm schon von Ferne Wohlbehagen.


Im Garten sieht er ein paar Beete,

bestreut mit einer Samenmischung

für Blumen, die ihm eine stete

Gesellschaft bringen und Erfrischung.


Die Kinder, ehe sie nun gehen,

verlassen ihn mit dem Versprechen,

er könne sie bald wieder sehen,

sie kämen, ihm das Laub zu rechen …



– gummibaum –



April 06, 2026



subtraktion der engel



 – es weht dich

durch die kirchenschiffe


voraus

geht dir mondgeleit


um hörner der altäre

schlängelnd

ein abziehbild


legst du dich

ins blumenweiß


ein licht

geht an

ein licht

verlischt dich


ein falter

noch

im flügelschlag



– ubertas –



👉  Interpretationsversuch:

Das Gedicht beschreibt einen Menschen, der sich wie in einem Traum oder in einer anderen Welt bewegt. Er wird nicht selbst aktiv, sondern «wird geweht» – also von etwas Unsichtbarem geführt. Der Ort wirkt wie eine Kirche, was auf etwas Religiöses oder auf den Tod hinweisen kann. Der Mond begleitet den Weg. Das Licht des Mondes ist aber kein echtes Licht, sondern nur ein Spiegelbild. Das zeigt: Alles wirkt etwas unwirklich oder wie eine Illusion.

Später legt sich die Person «ins Blumenweiß». Das kann an Blumen bei einer Beerdigung erinnern. Es könnte also bedeuten, dass die Person stirbt oder sich dem Tod nähert.

Dann kommt ein wichtiges Bild: Ein Licht geht an, aber dieses Licht «löscht» den Menschen aus. Das heißt, das Licht steht hier nicht für Leben, sondern eher dafür, dass das Ich verschwindet.

Am Ende bleibt nur noch ein «Falter im Flügelschlag». Der Falter (Schmetterling) ist ein Symbol für die Seele und für Vergänglichkeit. Das «noch» zeigt, dass nur ein letzter Rest von Leben oder Bewegung da ist.

 «Subtraktion der Engel» handelt wahrscheinlich vom Sterben oder vom Verschwinden des eigenen Ichs. Es zeigt diesen Moment ruhig und in schönen, aber auch etwas unheimlichen Bildern.


April 05, 2026


Osterposter



 – Was schenk ich meiner Gerda bloß zu Ostern,

Sie hätt so gern ein rosa Fahrradschloss?

Sie schenkt mir ihren Po auf rosa Postern,

Die sie beim Selfen in der Dusche schoss


Aus super Perspektive ganz in rosa,

Als es grad rosa aus der Dusche floss,

Und weil den Po kein Mensch bis heute so sah,

Wie sich darauf die rosa Flut ergoss,


Hat ihn die Gerda zum Geschenk erkoren,

Weil sie zu Ostern gern was Buntes schenkt.

Ich schenk ihr rosa Schützer für die Ohren,


Die sie als Muschelwärmer drüberhängt,

Denn Fahrradschlösser gibts nur lilagräulich

Nicht mal, wie‘s fast gepasst hätt, lilabläulich.



– klausKuckuck –




April 04, 2026

 


fluss



 – alle sind wir fließende:

du, ich und der fluss.

wir sind auch verharrende:

du und ich – im fluss.



– Hans Hermann –



April 03, 2026

 


Versuch über 

wohlfeilen Glauben



 – Instantgötter aus der Tüte,

schnell mit Wasser angerührt,

Glaubensinhalt erster Güte,

schluckweis seelisch eingeführt.


Hosianna um die Ohren

und im Herz ein Jubelchor

und im Frostfach eingefroren

hält der Spirit länger vor.


Nichts mehr vom «Verstande, der

glaubend nach Verstehen strebt».

Die Scholastik? Längst verlebt!


Denken macht das Dasein schwer,

also halt dein Hirn schön hohl,

freu dich dumm am Seelenwohl.



 – sufnus –



April 02, 2026



revierheimat, oder was wir waren



wir waren arglose geisterfahrer und rasten durch halbstarke zeiten

im stroboskopwesten verschwitzten wir unsere unschuld

und ritten uns unter dem applaus der nachtfalter in viriler einfalt zuschanden


wir waren kutten aus betonierter aggression

schossen nieten auf die blutarmut der sonntagsfahrer

in deren zellen wir stählerne messen feierten

manchmal beschworen blondierte hoffnungen eine engelszunge

bevor uns neue realitäten zur musterung schickten


wir waren proletarische alchemisten

verwandelten schwarzes gold in schwieligen wohlstand

vertauschten die selbstgefälligkeit der straße mit zukunftsängstlicher demut

destillierten den lohn der finsternis zu kornklarem vergessen

und umschlossen empathie mit dem abraum der voyeure


wir träumten uns in ferne weiten

badeten im eisblau fremder gedanken

erzählten uns im schwarzweiß der hornbrillen, pomaden und blümchenkittel

in die wärme schlichter selbstvergewisserung


und wir waren flüchtlinge eines längst beendeten krieges

dessen dämonen wir tief in unseren herzen gefangen hielten


wir waren motor und plage

wir waren laut und unsichtbar

wir waren feinripp und krawattennadel

wir waren klassenclowns und jederleute

und wir waren

zuhause



– Marcus Sommerstange –



👉  Interpretationsversuch:

 
«Revierheimat, oder was wir waren» zeichnet in dichter, bildhafter Sprache ein kollektives Selbstporträt einer Generation – vermutlich aus einem industriell geprägten Milieu (das Ruhrgebiet – angedeutet durch Begriffe wie «schwarzes Gold», also Kohle). Insgesamt geht es um Erinnerung und Identität: Das «Wir» blickt auf eine Vergangenheit zurück, die von Jugend, Rebellion und Härte geprägt war. Am Anfang stehen Wildheit, Orientierungslosigkeit und eine gewisse Naivität («arglose Geisterfahrer»), verbunden mit exzessiven Erfahrungen und einem fast selbstzerstörerischen Lebensstil.

Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus stärker auf soziale Realität: harte Arbeit, Arbeiterkultur und das Leben im industriellen Umfeld. Es wird gezeigt, wie diese Menschen versuchen, aus schwierigen Bedingungen etwas zu machen («proletarische Alchemisten»), gleichzeitig aber auch Abstumpfung, Verdrängung und emotionale Distanz entwickeln. Zwischendurch blitzen Sehnsucht und Träume auf – der Wunsch nach einem anderen Leben, nach Weite und Sinn. Doch diese bleiben eher imaginär und stehen im Kontrast zur tatsächlichen Lebenswelt.

Gegen Ende wird das Ganze ernster und nachdenklicher: Die Menschen erscheinen wie «Flüchtlinge eines längst beendeten Krieges», was darauf hindeutet, dass sie innere Konflikte, Traumata oder gesellschaftliche Prägungen mit sich tragen, die nie ganz verschwunden sind.

Die abschließenden Zeilen bündeln die Gegensätze: laut und unsichtbar, gewöhnlich und besonders, Teil der Masse und doch individuell. Trotz aller Widersprüche und Härten mündet alles in einem Gefühl von Zugehörigkeit – «wir waren zuhause».

 

Das Gedicht ist eine rückblickende, leicht melancholische Reflexion über Herkunft, Jugend, Arbeitermilieu und den Versuch, in einer widersprüchlichen Welt eine Identität und ein Gefühl von Heimat zu finden.