Mai 07, 2026



ausklang



 – nachts,

wenn die träume ihre kulissen aufbauen,

der mond, sich hinter wolken versteckend,

nach gründen für sein halbes gesicht sucht,

jeder schlag der kirchturmuhr ein tiefes oommm hinter sich herzieht,

der efeu sich nach und nach durch unser zimmer rankt,

licht und schatten, von vorbeifahrenden autos in den raum geworfen,

«ich fang dich» spielen,

das ticken und tacken des weckers, schon längst nicht mehr nervend,

mehr willkommener schlaftrunk,

das grüne standby des receivers an einen leuchtturm

in den tiefen des grau und schwarz erinnert … 


lausche ich heimlich der spinne beim bau ihres netzes,

beobachte glühwürmchen beim irrenden-wirrenden flug

und erzähle dir still von meiner liebe.



 – Otto Lenk – 



Mai 06, 2026



Zeit ohne Punkt 



 – Zwischen einer Unschärfe 

zwischen Ebbe und Flut 

bin ich ein Schrödinger-Mensch. 

Von Geburt an

lebenslänglich undefiniert! 

Geboren aus dem Zellgestöber 

einer Zufälligkeit 

am Rande des Kontinuums. 

Immer ohne zu wissen 

in welchem Bewusstseinsaggregat, 

zwischen welcher Welle 

ich gerade ertrinke.



– Morphea –



👉  Mit dem Bild des «Schrödinger-Menschen» wird ein Bezug zur Quantenphysik hergestellt – ähnlich, wie Schrödingers Katze gleichzeitig lebendig und tot ist, empfindet sich der moderne Mensch als nicht eindeutig festlegbar. Er bezieht sich auf Relationen, er braucht Koordinaten, um sich als solcher wahrzunehmen.

 

«Was wir wirklich sind, waren und werden, das lässt sich leider nicht auf die Quantenebene herunterbrechen, aber genau das wäre hochinteressant, und wir wären  superpositionär, funktioniert aber im Makroversum nicht.» (Morphea)


 

Mai 05, 2026



Doppeltes Erinnern



 – Ein Geniales, das ich habe,

(manche zählen mich zu Spinnern)

ist die ausgeprägte Gabe,

mich an Frühstes zu erinnern.


Diese Fähigkeit ist doppelt:

Schwimme ich in Mutters Teich,

öffnet sich, daran gekoppelt,

der Ur-Ozean sogleich.


Embryo mit Kiemenbögen,

winke ich dem Lungenfisch,

unser Darm lernt das Vermögen,

Luft zu atmen, atemfrisch.


Kurz danach kann ich jetzt schon

meine Gliederknospen zeigen,

und im wärmenden Devon

flossenlos das Land besteigen.


Danach bin ich Fötus gerne,

sehe, höre mit Pläsier,

und Erinnern schenkt aus Ferne

Saurier und Säugertier.


Schön ist schließlich die Geburt,

als die Eltern mich begrüßen.

Und ich blick sie an – absurd –

mit vorangeschickten Füßen …



– gummibaum –



Mai 04, 2026



gebet 

an einen zweifel



 – verweigere die wärme

sei spiegelndes irrlicht

in klirrender nacht


bereite mir die ferne

schenk zeitlose einsicht

belanglose macht


erwarte nicht belohnung

weitab vom gestade

der endlosigkeit


gewähre keine schonung

gewähre die gnade

der gottlosigkeit


durchtrenne meine bande

mit mitleid und zucht

und gieriger schuld


wo immer ich auch lande

sei stets meine flucht

von glauben und kult



– Marcus Sommerstange –



Mai 03, 2026



Was in uns bleibt


 – Irgendwo zwischen

der Schwere des Körpers

und der vorsichtigen Hoffnung,

dass der Tag etwas bereithält,

das sich lohnt zu berühren.


Freude kommt selten laut.

Sie setzt sich eher neben dich,

wie jemand, der nichts verlangt,

und plötzlich ist da ein Licht,

das nicht blendet,

sondern wärmt.


Traurigkeit dagegen

kennt deinen Namen.

Sie spricht ihn nicht aus,

aber du spürst, wie sie ihn trägt,

in jeder langsamen Bewegung,

in jedem Blick, der zu lange verweilt.


Dann ist da diese Stille,

die alles enthält,

wie ein Fundament,

auf dem die Kathedrale steht,

an der du ein Leben lang baust.

Manche Zimmer

willst du nie wieder betreten,

in anderen wohnt der Frieden.


Und vielleicht ist das genug:

dass alles, was in dir lebt,

nicht gelöst werden muss,

sondern gehalten,

wie der Mond

die Nacht hält.



– Önder Özkan –



Mai 02, 2026



Schwäbische R(h)apsodie




 – Aus einem Haus in Balderschwang

erscholl melodischer Gesang.


Dort tanzte eine Frau und lachte,

nachdem sie sich zur Witwe machte.


Es gibt ja häusliche Gewalten,

die leicht Persönlichkeiten spalten.


So ging es ihrem Herrn Gemahl:

Ihn traf die Axt aus Edelstahl.


Die Dame trank ein Gläschen Schnaps,

gebrannt aus selbst gepflücktem Raps


und las (ihr Herz schlug laut im Takt)

das Kleingedruckte im Kontrakt,


worauf sie das Ersparte zählte

und «Ehegattensplitting» wählte …



– Cornelius –



Mai 01, 2026



Weltraumintoleranz



 – nur zeitwurm

wurm und machtgedanke

immerzu ein

schrankenwart und achte

wurmzeit

wanke


Im Kopf tobt Leib

im Zeitvertreib erlischt

ein kleines Schlängeln

zerdreht sich frei

in Einverleib aus

Spiralenwurmlaibgängen



– ubertas –



👉  Interpretationsversuch:

 

Das Gedicht «Weltraumintoleranz» wirkt stark verdichtet, fragmentarisch und experimentell – typisch für moderne Lyrik, die weniger eine klare Geschichte erzählt als vielmehr Zustände, Spannungen und Assoziationen erzeugt. Eine eindeutige «richtige» Interpretation gibt es hier nicht, aber man kann einige zentrale Motive herausarbeiten.


Gleich zu Beginn fällt die Wortkombination «Zeitwurm» auf. Das erinnert an die Idee, dass Zeit nicht linear ist, sondern sich windet, krümmt oder «frisst». Der Wurm kann mehrere Bedeutungen haben: etwas Zersetzendes (wie ein Verfall der Zeit oder des Denkens), etwas sich Schlängelndes (eine nicht-lineare Zeitstruktur – ein Bild für das Innere, vielleicht auch das Unbewusste).

Der «Machtgedanke» daneben deutet darauf hin, dass Zeit und Kontrolle zusammenhängen könnten – vielleicht der Versuch, Zeit zu beherrschen oder ihr ausgeliefert zu sein.


Begriffe wie «Schrankenwart» und «wanke» bringen ein Gefühl von Kontrolle vs. Unsicherheit: Ein Schrankenwart überwacht Grenzen (Ordnung, Kontrolle) – «wanke» signalisiert Instabilität, Unsicherheit. Das Gedicht bewegt sich also zwischen dem Wunsch nach Struktur und einem Zustand des Schwankens oder Zerfalls.


«Im Kopf tobt Leib» ist eine starke Umkehrung. Normalerweise denkt man: Der Kopf kontrolliert den Körper – hier «tobt» der Leib im Kopf – körperliche Impulse, Emotionen oder Triebe übernehmen das Denken; das deutet auf einen inneren Konflikt hin, vielleicht zwischen Rationalität und Körperlichkeit.


Im zweiten Teil wird die Sprache noch dichter: «Schlängeln», «Spiralen», «Wurmlaibgänge» – alles kreisende, sich windende Bewegungen «zerdreht sich frei» – Zerstörung führt zu einer Art Befreiung, das könnte bedeuten: Identität oder Bewusstsein löst sich auf – Ordnung wird aufgebrochen und verwandelt sich in etwas Neues.


Der Titel «Weltraumintoleranz» wirkt fast wissenschaftlich oder ironisch. «Weltraum»: Unendlichkeit, Leere, Orientierungslosigkeit – «Intoleranz»: Unfähigkeit, damit umzugehen; zusammen könnte das heißen: Das lyrische Ich ist überfordert von Weite, Zeit oder Existenz selbst – oder unfähig, die Komplexität der Welt (oder des eigenen Inneren) zu «ertragen».


Gesamtdeutung

Das Gedicht scheint einen Zustand von innerer Zerrissenheit und Desorientierung darzustellen. Zeit, Körper und Bewusstsein vermischen sich, verlieren klare Grenzen und geraten in Bewegung. Es geht weniger um eine konkrete Handlung als um ein Gefühl: Kontrollverlust, Auflösung von Ordnung, gleichzeitige Suche nach Struktur. Die zahlreichen Wortneuschöpfungen verstärken das: Sprache selbst wird «instabil», so wie die Welt, die sie beschreibt.