Juni 05, 2026
Juni 04, 2026
Juni 03, 2026
Dichtung und Wahrheit
– Frau Nachtigall, du Holde, dir zu danken
hat meine Feder niemals ausgeruht.
Doch jüngst geriet mein Überschwang ins Wanken.
Ein Tropfen Wermut mischt sich in mein Blut:
Du seist mit «Herr», nicht «Frau» zu titulieren,
im Grzimek steht es (neunter Band) gedruckt,
weil schon seit alters bei euch Federtieren
allein das Männchen solche Töne spuckt.
Es schmettert nächtlich seine Serenaden,
gleich Orpheus feiert es sein Sängerfest.
Das Publikum ist gerne eingeladen -
Frau Nachtigall sitzt schweigend auf dem Nest.
Die Lehre: Singt ein Vöglein in den Haseln,
dann glaube nicht, was ein paar Dichter faseln.
– Cornelius –
Juni 02, 2026
Unersättlich
– Ich sollte mit
ihr sprechen,
sagen, wie sehr es mich verletzt.
Was bin ich mehr
als diese Verletzung?
Dein Tag –
wie eine unmögliche Forderung
kriecht er mir über den Rücken.
Als könnte ich unterscheiden:
Zwischen Sehnsucht und
Angst vor dir.
Doch ich fürchte deine Liebe
mehr noch als deine Wut.
Wer gab dir diese unsterbliche
Macht?
Zeile für Zeile schneide ich dich raus
aus mir.
Jeder Gedanke an dich
urteilt über mich.
Du bist Teil von mir.
Vielleicht sogar der größte.
Und bin ich nur das,
was du nicht bist?
Du nahmst dir so viel Raum –
Unersättliche.
Nie überwand ich dich.
Nie war ich mehr
als deine Wunde.
Unersättlich II
Solange ich dich bestrafe,
dein Leid genieße,
hast du Macht
über mich.
Du hast die Kette geschmiedet,
aber sie bindet auch dich.
Ich bin nicht stark genug,
dich zu begnadigen
wäre mein Tod.
Noch brauche ich dich
– Rufus –
Juni 01, 2026
Mai 31, 2026
Kapillargefüge
(Und sie müssen gar nichts mehr tun)
Alles bleibt im Innern,
verborgen und doch wohlbekannt.
Wer schon eine Reise tat,
will hier nicht leben müssen.
Jeder Punkt ein Hebel,
jede Bewegung eine Letter.
Wir stellen Bilder auf den Kopf
und werden doch nicht besser.
Im besten Fall
kursiv beschrieben.
Ein leiser Rest,
eine Linie, die sich in uns sucht.
Nicht die Egge,
auch wenn der Name passt.
Der Apparat.
Ein Gefüge aus Bewegung.
Nicht sichtbar,
nur wirksam.
Nichts bleibt allein,
verschränkt,
keine Linie für sich.
Weil wir nicht anders können,
richten wir uns nicht ein.
Wir nennen es nicht Widerstand,
nur Zweifel,
nur Restmenschlichkeit,
die sich verweigert.
Darin. Nie allein.
– Philip Radke –
Mai 30, 2026
Warum ich keine Sonette schreibe
– Sonette, heißt es, müssen stets belehren,
sich jambisch aus dem Sumpf des Alltags heben,
kristallklar dialektisch auch verqueren
Gedankengängen eine Richtung geben.
Zu diesem Zwecke sollen vierzehn Zeilen,
wobei auf reinen Reim zu achten wäre,
beim selben hohen Gegenstand verweilen.
Die Luft wird dünn in solcher lichten Sphäre.
Zu meiden seien alle balladesken
Begebenheiten. Zweckfrei schmucke Schnörkel
verbanne man aus solchen Wörterfresken.
Wer hier versagt, zählt nicht zum «Inner Circle»
der Koryphäen, die Gedichte schreiben,
und deshalb lasse ich es lieber bleiben.
– Cornelius –
