September 30, 2026



Der erkältete Omnibus


( für Kinder )


– hören >>



– Ein Omnibus ist müde

Und stellt sich vor ein Haus,

Er schiebt die Türen leise zu

Und löscht die Lampen aus.


Er ist schon eingeschlafen,

Ein Schild sagt gute Nacht,

Da hat im Haus der kleine Klaus

Ein Fenster aufgemacht.


Er schüttet kaltes Wasser

Dem Omnibus aufs Dach,

Der Omnibus kriegt einen Schreck,

Und davon wird er wach.


Der kleine Klaus am Fenster

Gießt Wasser immer mehr,

Der Omnibus erkältet sich,

Das Fieber plagt ihn sehr.


Der kleine Klaus holt Tücher

Und geht zum Omnibus

Und reibt ihn ab und drückt ihm auf

Die Scheibe einen Kuss.

   

«Jetzt darf ich dich behalten,

Du bist gesund gemacht!»

Und hopplahopp, der kleine Klaus

Steigt ein und hupt und lacht.


Der Omnibus soll fahren,

Und müde ist er doch,

Er fährt – und plötzlich fährt er quer,

Hängt fest in einem Loch.


Der kleine Klaus muss laufen,

Die Augen gehn ihm zu,

Er kommt nach Haus zurück und fällt

Ins Bett mit Hemd und Schuh.



– Peter Welk –



September 29, 2026



Wie einst im November



 – Streit in der Erstbezugswohnung,

Eifersucht, Stolz und Betrug,

für das Geschirr keine Schonung:

Weinglas - ballistischer Flug.


Und wenn die Vasen zerspringen

(Sturz vom Ikearegal)

und im Zerspringen erklingen

wie ein Keramikfanal,


liegt eine Ära in Scherben:

zwiebelmustergeschmückt.

Hoffnungen künftiger Erben

rings aufs Parkett gestückt.


So geht die Liebe zuschanden!

Wasser im Hochzeitsbouquet:

tagsdrauf schon abgestanden,

und die Romantik passé,


und das Zuzweitsein zersplittert

hart in der Realität

noch bevor sie verwittert,

ists für die Liebe zu spät.


Nachtrag


Mannomann ist das triste!

Bei diesem traurigen Chor

sargt' ich mich ein in die Kiste,

wär da die Liebste nicht vor.


Und jetzt genug mit dem Reden,

Glück ist doch, was man sich traut.

Schnupper mal: Frische Reseden.

Hab sie vom Friedhof geklaut.



– sufnus –



September 28, 2026



ein letzter beweis



 – wir sehen aus diesem fenster

in übergroßen mänteln

vermuten wir wärme dort draußen

einen glockenschlag

dein glas erhebt sich

der abdruck deiner lippen

ein windhauch

unter der tür

im flackernden

docht

zwei tropfen kühler


du bist wieder da



– ubertas –



September 27, 2026



Nights in white satin



 – Ich erinnere mich an angezogene Wäscheleinen.

An das HB-Männchen, das immer in die Luft ging, so hoch flog,

dass es die Antennenwälder auf den Dächern von oben sah.

Sehe Kaugummi-Automaten, mit verborgenen Schätzen drinnen.

Habe immer noch meine damaligen Träume vor Augen.

(Sehe immer noch diesen Abenteurer in mir)

Erinnere mich an den Mann auf dem Mond, Nächte mit Cassius und Ali.

Im Schlag meines Hosenbeins hätte ein Elefant Platz gefunden.

(In meinen Träumen das Universum)

Tonbandgeräte.

Die immer wieder scheiternden Versuche, rechtzeitig die Pausentaste zu drücken.

Die erste Zigarette, die wie Scheiße schmeckte.

Der erste Vollsuff. Dieses Gefühl, sich schneller als die Erde zu drehen.

An die Gartenparty. Nichts besonderes, dachte ich.

Und dann … Martina und Moody Blues.

Plötzlich diese Gefühle.

Du sahst mich an und lächeltest.

Dein Lächeln beruhigte mich.

Bis ich dieses leicht Frivole darin erkannte.

Du erzähltest von Unschuld und keine Angst.

Später im Zelt von Schuld und Koitus Interruptus und alles wird gut.

Ich verstand nichts, fühlte nur, auf eine Art und Weise, die es gar nicht gab.

(Oder nur in den Träumen, in anderen Universen, die Abenteurer entdecken)

Irgendwann, viel später in der Nacht, verstand ich deine Worte.

Wir standen vor dem Zelt, beobachteten den Himmel, lauschten den Sternen.

Träumten von fernen Universen, die wir gemeinsam entdecken wollten.




Richtung Gott?



 – Ich steh oben auf dem Kirchturm,

mit ´nem Papierflieger voller Träume in der Hand.

Lass ihn fliegen.

Richtung Mond.

Hoffe auf gute Sonnenwinde dort.

Passat Richtung Mars – Jupiter.

Bei den Ringen des Saturn die Thermik mitnehmen

und dann nur noch geradeaus.

Spätestens hinterm Pluto sollte was zu erkennen sein.

Falls nicht … na ja.

Vielleicht lags ja dann nur am falschen Papier.

Oder an den falschen Träumen.

Wer weiß das schon?



– Otto Lenk –



September 26, 2026



Erfüllungsstunde



 – Sie hat am Smartphoneknopf gespielt,

Und unaufhörlich kam ein Tuten,

Obgleich er das Versprochne hielt,

Vielleicht sogar zu viel des Guten


In ihren Armen unternahm,

Erfüllungsstunde im Quadrat!

Und dennoch kam und kam und kam

Das Tuten aus dem Apparat.


Ihm wurde bang, ihm wurde bänger,

Er seufzte tief in sich hinein:

«Es war doch lang, es geht nicht länger,

Das Tuten muss ein Irrtum sein … »



– ogolo –




September 25, 2026



haut



 – ich sitze mich ins sofa, das seit tagen

die form von meinem fortgehn in sich trägt,

und höre, wie die uhr minuten sägt,

um sie als späne aus dem tag zu tragen.


mein mund hält jedes wort im ritual,

der bildschirm kaut an einem fremden leben,

die hand vergisst, sich von dem knie zu heben,

im flur zerfällt das nächste rufsignal.


ich hielt den blick gesenkt, die hand am riegel,

und ließ den menschen vor der türe stehn,

nun übt mein mund sein bitten vor dem spiegel,

doch niemand bleibt, die lippen anzusehn.


es wird genommen, und es wird genommen,

die tür ist fort, der flur ist abgebaut,

selbst meine fenster sind dem blick entkommen,

ich taste nach dem ausgang meiner haut.



– seefeldmaren –



September 24, 2026



Attacke


( Sonett )



– Herr Meier-Moltke ist sich manchmal selber

Ein Rätsel, wenn er vor dem Spiegel steht,

Er sieht in ein Gesicht, das ihn an Kälber-

gesichter denken lässt, sein Atem geht


In einem solchen Augenblick in Stößen,

Ihm schwindet die Verankerung im Sein,

Er sieht sich jäh im Kreis der Gernegrößen

Geschrumpft zu einem Kalb im Spiegelschein,


Ein Meier-Moltke! Ha! Steht wortlos fragend

Vor einem ausgelöschten höh’ren Ich!

In ihm der Moltke, eine Antwort wagend,


Stürmt unversehens los, ermutigt sich,

Indem er dreimal spuckt und sich am Ohr zöpft,

Den Spiegel stürmt und sich den Meier vorknöpft.



– Peter Welk –