März 11, 2026



Das Wesen der Zeit



 – Die Zeit kommt nicht.

Sie ist schon da,

wie Licht in einem geschlossenen Raum,

das auch dann existiert,

wenn niemand es betrachtet.


Sie hat kein Gesicht

und trägt doch alle Züge.

In ihren unsichtbaren Händen

liegen die ersten Schreie

und die letzten Atemzüge

wie zwei Seiten derselben Bewegung.


Zeit ist kein Fluss.

Sie ist das Gefälle,

das uns zwingt zu fließen.

Kein Ticken,

sondern das leise Nachgeben der Dinge,

wenn sie sich verwandeln,

wenn sie vergehen.


Sie wohnt im Staub auf alten Büchern,

im warmen Geruch von Sommerregen,

in der kaum merklichen Veränderung

einer vertrauten Stimme.

Sie arbeitet ohne Eile

und ohne Unterlass.


Man kann sie nicht halten,

doch sie hält uns

in der Spannung zwischen

Erinnerung und Erwartung,

zwischen dem, was war,

und dem, was noch keinen Namen trägt.


Vielleicht ist sie nichts anderes

als die Art,

wie das Universum atmet.

Ein Ausdehnen.

Ein Zusammenziehen.

Ein Rhythmus ohne Absicht.


Und wir,

für einen Augenblick bewusst,

nennen diesen Rhythmus

Leben.



– Önder Özkan –



März 10, 2026



Die Zwillinge



– Geschniegelt und behütet liegen

zwei neue Bürger dieser Welt

in parallel drapierten Wiegen,

wie aus demselben Ei gepellt.


Zwei allerliebste Nervensägen,

so hübsch, dass die Natur befand:

«Dies Bildnis muss ich zweimal prägen,

mit blauem und mit rotem Band.»


Doch scheint es bei genauem Schauen

auf dieses eingespielte Team,

er sehe (ganz speziell die Brauen)

ihr stärker ähnlich als sie ihm …



– Cornelius –



März 09, 2026



sie flüstern



 – sie flüstern vom weiß und den tagen danach,

an denen es angeblich bunt werden soll.

sie wollen erfahren haben,

dass dies alles eine vorübergehende laune der natur sei,

der man nicht allzu viel beachtung schenken solle.

sie tuscheln bereits von wärme, ja selbst das wort grün

soll gefallen sein.

aber die vögel erzählen ja viel, wenn der tag lang ist.



– Otto Lenk –



März 08, 2026



Pottseele



 – Hinauf fährt der Alltag,

wartet an der Decke hoch oben,

auf schwarze Schatten mit weißen Augen.


Der helle Schein als Begleiter

folgt treu dem Blick der Schatten

in der Zelle hinab ins Dunkle des Tags


Schweiß der Natur dampft in heißer Luft

in der Seele des rauen Gesteins

auch wenn weiße Flocken die Halden bedecken


Die dunklen Wege verzweigen sich

wie Äste zum Labyrinth

wo Schläge wie Donner grollen


Ströme von eiserner Lava

erbringt der grobe Stein

Fundament der Zukunft von vielen


Doch sein kleiner Bruder

ganz unscheinbar, geheim

wiegt schwer auf alter Brust



– Zettelin –



März 07, 2026



Naturerlebnis



 – Ich sitze einsam an dem Feuer
An dem ich Wildgemüse grille
Mein Leben ist ein Abenteuer
Ein Vogelschrei durchbricht die Stille

Gar bald umfängt mich Dunkelheit
Doch hält die Wildnis mich noch wach
Verliere das Gefühl für Zeit
Wie lieb' ich diese Weite, ach!

Dann sehe ich ein blaues Licht
Von einem schicken Streifenwagen
Man fand mich laut dem Dienstbericht
Im Stadtpark, in den Grünanlagen



 – Volker Teodorczyk – 


März 06, 2026



im Straßencafé



– im Straßencafé
jeder für sich
ein paar Menschen mittleren Alters
die Hände gelegentlich
mit Umrühren beschäftigt
und die Gesichter
graue Blüten
der Sonne zugewandt



– Christian Fechtner –


März 05, 2026



Zwei Gärten



 – Auf den getrimmten Rasenmatten

steht eine Tafel, weiß gedeckt,

und Gäste, zahlreich, wie geleckt,

dinieren vornehm und im Schatten.


Man klopft ans Glas, man redet sinnig,

ein kühner Scherz, ein Witz mit Bart,

und auch der Garten säuselt zart

mit Duft und macht die Liebe innig.


Da tritt ein Häusler, frisch geschieden,

in seinen Garten, düngt mit Mist -

und was herüberweht, zerfrisst

das Perlenweiß im Hochzeitsfrieden …



– gummibaum –