Oktober 16, 2026



12. Februar 1809


( Sonett )


 Vom Blockhaus pfeifen es die Schwarzkopfmeisen: 

Dem neuen Erdenbürger wird man trauen,

das Land zu neuen Höhen aufzubauen,

wirft Sklavenketten bald zum alten Eisen.


Sein Sternen-Zwilling* geht auf weite Reisen,

wird Finken auf die Schnabelspitzen schauen,

sodann, entblößt von seinem Gottvertrauen,

die Schöpfung in das Reich der Fabel weisen.


Ihr Leben läuft in streng getrennten Gleisen,

doch alle beide schlagen (beim genauen

Betrachten) dem Jahrhundert neue Schneisen.


(Dem Brockhaus ist dies Wissen leicht zu klauen.

Wer danach hungrig ist, muss solche Speisen,

die man ihm auftischt, freilich auch verdauen …)



– Cornelius –

 

*  «Sternen-Zwilling» im früher geläufigen Sinne für zwei Menschen, 

die am selben Tag und im selben Jahr geboren sind.

 


Kaufkraft



( Fatras )


 Wir schlafen längst in Betten,
die niemand nötig hat.

 Wir schlafen längst in Betten
als auch auf Lagerstätten
vorm Fundbüro der Stadt.
Wir schlucken nur Tabletten,
die Nervenstränge retten
und lesen uns am Blatt-
salat der Zeitung satt.
Wir bilden Ladenketten
und übersehen glatt,
dass wir gern Dinge hätten,
die niemand nötig hat.



– FrankReich –



Oktober 15, 2026



Meerbild ohne Rahmen



 Der Ostwind scheitelt streng von links
legt Dauerwellen übers Meer
der Horizont ist ausradiert
und Wolken jagen regenschwer

ein Leuchtturm lächelt Licht ins Weit
die Brandung schäumt vor Wut
und über dieser wilden Flut
meckern Möwen durch die Zeit

Ich bin der kleine Fleck im Bild
im Grau aus Gischt und Quallen
ich laufe durch das Aquarell
ans Ende - um dort rauszufallen



– Morphea –



Oktober 13, 2026



heimat



 geht in suche

ist ein kaum

aus der nacht

steigt ein tag

ein los geflogen


sie weht weht sie

als sei sie selbst

der wind im wind

unselig formation

am strick

den wetterkasten


sie schwindet

vertraut sich fern

dem alten

erschreckend ähnlich



– rachel –



Oktober 12, 2026



Internet essen Seele auf



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 Da sitzt du,

wie von einem kranken Gott

dahin gerotzt.


Wie vom Ozean der Schöpfung

angespültes Strandgut.


Mit Gedanken,

die einfach mittendrin


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Die gemeinsamen Nenner

haben sich

gegen dich verschworen!


Wo einst

alle Quellen frei sprudelten,

stehen nun Absperrgitter

und überteuerte Getränkeautomaten.


Geh viral

oder geh zur Hölle.


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Märtyrer mit

eingebauten Münzschlitzen

bieten lizensierte Seelenmassagen.



Du kannst einfach sitzenbleiben,


deine Wahnvorstellungen

werden in Watte gepackt.


Hier verrechnet sich keiner,

hier wird Mathematik revolutioniert!


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Realitäten

werden feierlich

zu Grabe getragen,


während sie

vor den Trümmern zerbombter Brücken,

Obszönitäten ans andere Ufer rufen.


Wirf das Handtuch

in die dafür bereitgestellten Sammelbehälter.


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Du hast seit

sechs Wochen schon

nicht mehr geblinzelt,


aus Angst davor,

etwas zu verpassen.


Denn hier ist alles möglich,

schon hinter dem nächsten Ausrufezeichen

könnte der Tod lauern!


Dein Affenhirn springt

weiter aufgeregt kreischend

im endlosen Dauerlauf

um den ewig klingelnden Monolithen:


Internet essen Seele auf


Internet essen Seele auf


Internet essen Seele auf


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– klaatu –



Oktober 11, 2026



In der Fremde



 Nicht die Heimat 

die verlorene

Unschuld suchen wir


Als Tage sich dehnten

zu Feldern und Vögel

pfeilten zum Wald


Den Kopf voller Tänze

die Hände im Regen

am Ende der Segen

auf ledriger Haut



– Manfred Hahn –



Oktober 10, 2026



Gebet 

vor dem Badezimmerspiegel


– hören >> 


 Lieber Gott, wie wärs mit mir als Micker,

Dünn und drahtig könnte ich durchs Leben gehn?

Du, seit Wochen werd' ich immer dicker,

Du, ich kann schon meine Zehen nicht mehr sehn!

Guck ich runter, seh ich einen Hügel,

Unter dem ich Zehen nur vermuten kann,

Das Barockgespenst im Badezimmerspiegel

Guckt mich aus verschweinsten kleinen Augen an.


Manchmal träum' ich einer Stadtgazelle

Hinterher, wenn sie an mir vorüberschnürt,

Schließlich steh ich wieder an der Schwelle,

Die zu meinem Albtraumbadezimmer führt.

Ach, warum nur quälst du mich mit Träumen,

Füllst mich mit Gewicht und Sehnsuchtsbildern ab?

Stadtgazellen grasen in entfernten Räumen,

Und als Dicker hast'e dorthin nicht den Trab.


Lieber Gott, auch wenn wir es beklagen,

Sind wir beide – guck mal in den Spiegel! – viel zu dick.

Soll'n wir eine Kur dagegen wagen?

Oder nehmen wir's gefasst als Daseinsknick?

Was? Du schweigst? Na, dann in Gottes Namen

Kann nur das die Lösung unsres Falles sein:

Lass uns einfach noch viel dicker werden, amen.

(Und jetzt lad’ ich uns zum Schweinebraten ein.)



– Peter Welk –