Juni 06, 2026



Wenn die Nacht das Land berührt




 – Zwischen den Häusern

atmet der Abend langsam aus,

und die Fenster tragen

das letzte Licht wie eine Erinnerung.


Die Straßen werden leiser,

doch irgendwo hinter den Mauern

ein Lachen,

das die Nacht noch offen hält.


Ein Baum bewegt sich im Wind,

als würde er jemandem zuwinken,

der nie zurückgekehrt ist.

Unter ihm sammelt sich Schatten,

wie stilles Wasser.


Selbst die Müdigkeit

trägt einen kleinen goldenen Kern in sich:

die Hoffnung,

dass morgen jemand deinen Namen sagt,

als wäre er ein Geheimnis.


Und über der Stadt

erscheinen die ersten Sterne,

vorsichtig,

um nicht zu früh zu leuchten.



– Önder Özkan –



Juni 05, 2026

 



Hannas Gleichung
mit 3 Bekannten






– Hanna, 8 Jahre alt – 


Juni 04, 2026



Überlistet euch!



 – Ihr müsst euch überraschen:

Springt!

Maskiert

Hinter einem Busch hervor

Und haltet euch etwas vor

Die Brust

Bebt

Etwas in euch?

Leben

Genannt

Wird immer etwas

Anderes

Wird andersartig

Behandelt

Euch

Mit Empörung

Nennt

Was euch hindert

Zu leben

Ist immer

Genug

Juni 03, 2026



Dichtung und Wahrheit



 – Frau Nachtigall, du Holde, dir zu danken 

hat meine Feder niemals ausgeruht.

Doch jüngst geriet mein Überschwang ins Wanken.

Ein Tropfen Wermut mischt sich in mein Blut:


Du seist mit «Herr», nicht «Frau» zu titulieren,

im Grzimek steht es (neunter Band) gedruckt,

weil schon seit alters bei euch Federtieren

allein das Männchen solche Töne spuckt.


Es schmettert nächtlich seine Serenaden,

gleich Orpheus feiert es sein Sängerfest.

Das Publikum ist gerne eingeladen -

Frau Nachtigall sitzt schweigend auf dem Nest.


Die Lehre: Singt ein Vöglein in den Haseln,

dann glaube nicht, was ein paar Dichter faseln.



– Cornelius – 



Juni 02, 2026



Unersättlich



 – Ich sollte mit

 ihr sprechen,

sagen, wie sehr es mich verletzt.


Was bin ich mehr

als diese Verletzung?


Dein Tag –

wie eine unmögliche Forderung

kriecht er mir über den Rücken.

Als könnte ich unterscheiden:


Zwischen Sehnsucht und

Angst vor dir.


Doch ich fürchte deine Liebe

mehr noch als deine Wut.


Wer gab dir diese unsterbliche

Macht?


Zeile für Zeile schneide ich dich raus

aus mir.


Jeder Gedanke an dich

urteilt über mich.


Du bist Teil von mir.

Vielleicht sogar der größte.


Und bin ich nur das,

was du nicht bist?


Du nahmst dir so viel Raum –

Unersättliche.

Nie überwand ich dich.


Nie war ich mehr

als deine Wunde.




Unersättlich II



Solange ich dich bestrafe,

dein Leid genieße,

hast du Macht

über mich.


Du hast die Kette geschmiedet,

aber sie bindet auch dich.


Ich bin nicht stark genug,

dich zu begnadigen

wäre mein Tod.


Noch brauche ich dich



– Rufus –



Juni 01, 2026








Blicketrick



 – Mein Mensch spricht dann und wann genervt vom Hundeblick,

Und dem zu widerstehn, sei kaum zu schaffen.

Das stimmt. Ein Hund, wie ich, kocht mit dem Blicketrick

Den Menschen weich und macht ihn dann zum Affen.



– Peter Welk –



Mai 31, 2026



Kapillargefüge 


(Und sie müssen gar nichts mehr tun)



Alles bleibt im Innern,

verborgen und doch wohlbekannt.

Wer schon eine Reise tat,

will hier nicht leben müssen.


Jeder Punkt ein Hebel,

jede Bewegung eine Letter.

Wir stellen Bilder auf den Kopf

und werden doch nicht besser.

Im besten Fall

kursiv beschrieben.


Ein leiser Rest,

eine Linie, die sich in uns sucht.

Nicht die Egge,

auch wenn der Name passt.


Der Apparat.

Ein Gefüge aus Bewegung.

Nicht sichtbar,

nur wirksam.


Nichts bleibt allein,

verschränkt,

keine Linie für sich.


Weil wir nicht anders können,

richten wir uns nicht ein.

Wir nennen es nicht Widerstand,

nur Zweifel,

nur Restmenschlichkeit,

die sich verweigert.

Darin. Nie allein.



– Philip Radke –