März 13, 2026



Alfred zum Achtzigsten



 – Die Zeit ist da! Er wagt ein letztes Schmunzeln,

Das sich ihm schütter um die Wangen spinnt,

Vergebens deckt er Runen zu und Runzeln,

Und seine letzte Locke hebt der Wind.


Wir alle denken noch an jene Glücksmomente,

Da wir ihm sagen konnten: «Siebzig, Alfred, und!

Es geht dein Geist noch lange nicht in Rente,

Du brauchst noch lange keinen Ausgehhund!»


Das war einmal. Jetzt, da die Achtzig kommen,

Und kommt Umnachtung unaufhaltsam auch,

Jetzt stehn wir stumm und irgendwie benommen

Vor einem einstens aufgeblühten Strauch.


Jetzt muss ein Hund her, dass der Strauch nicht dorre,

Jetzt macht die letzte Kraft den letzten Schnitt.

Tritt aus dem Dunkel, Alfred, und verknorre

Nicht gar so schnell! Wir kommen da nicht mit!


Bleib noch ein Weilchen in der alten Wärme,

Halts noch ein Weilchen in den Dingen aus,

Lass die Gedanken noch mal los und lärme

Unter den Fenstern ferner Jugendschwärme,

Dann geh uns tapfer und gefasst voraus.



– Peter Welk –



März 12, 2026




Dem Mohn


 – Ein Zauber liegt im warmen Ton,

aus dem die Bilder keimen.

Mir hilft des Schlafes Bruder Mohn,

beim Dichten nicht zu leimen.


Im Garten an geheimem Ort

verheißt sein Blühen zartes

von Licht erfülltes mildes Wort,

ein welkend noch Apartes.


Die volle Kapsel lässt den Saft,

wenn ich sie ritze, schießen,

und trocknend bündelt er die Kraft,

ins All des Traums zu fließen.


Und bin ich dort, von Rauch umrankt

und selig ohnegleichen,

so pflücke ich, was farbig wankt

und binde es in Zeichen …



– gummibaum (2016) –



März 11, 2026



Das Wesen der Zeit



 – Die Zeit kommt nicht.

Sie ist schon da,

wie Licht in einem geschlossenen Raum,

das auch dann existiert,

wenn niemand es betrachtet.


Sie hat kein Gesicht

und trägt doch alle Züge.

In ihren unsichtbaren Händen

liegen die ersten Schreie

und die letzten Atemzüge

wie zwei Seiten derselben Bewegung.


Zeit ist kein Fluss.

Sie ist das Gefälle,

das uns zwingt zu fließen.

Kein Ticken,

sondern das leise Nachgeben der Dinge,

wenn sie sich verwandeln,

wenn sie vergehen.


Sie wohnt im Staub auf alten Büchern,

im warmen Geruch von Sommerregen,

in der kaum merklichen Veränderung

einer vertrauten Stimme.

Sie arbeitet ohne Eile

und ohne Unterlass.


Man kann sie nicht halten,

doch sie hält uns

in der Spannung zwischen

Erinnerung und Erwartung,

zwischen dem, was war,

und dem, was noch keinen Namen trägt.


Vielleicht ist sie nichts anderes

als die Art,

wie das Universum atmet.

Ein Ausdehnen.

Ein Zusammenziehen.

Ein Rhythmus ohne Absicht.


Und wir,

für einen Augenblick bewusst,

nennen diesen Rhythmus

Leben.



– Önder Özkan –



März 10, 2026



Die Zwillinge



– Geschniegelt und behütet liegen

zwei neue Bürger dieser Welt

in parallel drapierten Wiegen,

wie aus demselben Ei gepellt.


Zwei allerliebste Nervensägen,

so hübsch, dass die Natur befand:

«Dies Bildnis muss ich zweimal prägen,

mit blauem und mit rotem Band.»


Doch scheint es bei genauem Schauen

auf dieses eingespielte Team,

er sehe (ganz speziell die Brauen)

ihr stärker ähnlich als sie ihm …



– Cornelius –



März 09, 2026



sie flüstern



 – sie flüstern vom weiß und den tagen danach,

an denen es angeblich bunt werden soll.

sie wollen erfahren haben,

dass dies alles eine vorübergehende laune der natur sei,

der man nicht allzu viel beachtung schenken solle.

sie tuscheln bereits von wärme, ja selbst das wort grün

soll gefallen sein.

aber die vögel erzählen ja viel, wenn der tag lang ist.



– Otto Lenk –



März 08, 2026



Mit vollem Munde vorzutragen



 – O welche Lust, der Pfühling naht!

Im Pfeien grünt die junge Saat.

Ich blicke nach den Ausflugsbötchen,

im Mund ein Pfikadellenbrötchen.


Wie doch den Park die Vögel zieren,

die pfiedlich auf dem Weg flanieren!

Mit Pfeuden möchte ich verweilen

und pfomm mein Brot mit ihnen teilen.


Was glotzt ihr Leute so pikiert,

als sei ich nicht ganz pfisch pfisiert

und hätte einen leichten Schlag?

Ist heute nicht Weltpfauentag?



– Cornelius –





Pottseele



 – Hinauf fährt der Alltag,

wartet an der Decke hoch oben,

auf schwarze Schatten mit weißen Augen.


Der helle Schein als Begleiter

folgt treu dem Blick der Schatten

in der Zelle hinab ins Dunkle des Tags


Schweiß der Natur dampft in heißer Luft

in der Seele des rauen Gesteins

auch wenn weiße Flocken die Halden bedecken


Die dunklen Wege verzweigen sich

wie Äste zum Labyrinth

wo Schläge wie Donner grollen


Ströme von eiserner Lava

erbringt der grobe Stein

Fundament der Zukunft von vielen


Doch sein kleiner Bruder

ganz unscheinbar, geheim

wiegt schwer auf alter Brust



– Zettelin –