April 01, 2026

 

 

Feng shui mal an!

 

 

Fachmann 1:
Sollen wir das Bett shui aufstellen?
 
Fachmann 2:
Jo, dann feng shui mal an.
 
Fachmann 1:
Angefengt hast du doch immer.
 
Fachmann 2:
Muss du jetzt Streit anfengen?
 
Fachmann 1:
Stimmt das, dass der Kopf immer nach Osten liegen soll?
Nach Norden fengt er unruhig an zu werden.
 
Fachmann 2:
Kann shui sein!
 
Fachmann 1:
Die Wand nach Osten ist aber zu klein. Hier kann ich nicht anfengen.
 
Fachmann 2:
Dann nimm die andere, wird shui irgendwie passen!
 
Fachmann 1:
Nee, da shui ich mich etwas davor. Die Wand nach Süden ist besser.
Ich feng dann an der Tür an. Dann hat der Mann sie im Blick.
Linke Seite, Blick zur Tür ist gut. Ist die Frau mal im ein Gezänk
anfengen, kann er weglaufen. Ist shui voll gut!
 
Fachmann 1:
Du, da hängt aber ein Spiegel an der Wand nach Süden.
Ist shui komisch. Mit Spiegeln im Schlafzimmer fengt man
lieber nicht an. Hab ich gehört.
 
Fachmann 2:
Häng ihn ab und stell hinter den Schrank. Wird shui keiner merken.
Die fengen doch erst zu gucken an, wenn wir shui weg sind.
 
Fachmann 1:
Und die Palme?
 
Fachmann 2:
Pflanzen sollten shui sein. Wegen der Atem-osphäre.
 
Fachmann 1:
Was soll das denn shui wieder sein?
 
Fachmann 2:
Feng zu denken an! Sauerstoff und Stickstoff!
Die Leute sind sauer auf den Stickstoff und die Pflanze muss ihn
dann shui wegatmen. Ist doch eine feine Sache.
 
Fachmann 1:
Pflanzen-Verarsche ist das aber shui.
 
Fachmann 2:
Hier steht: Vermeiden sie nach innen gerichtete Kanten und Ecken.
Das ist aber shui komisch. Wie man auch dreht, die Kanten richten
sich immer nach irgendwo.
 
Fachmann 1:

Biste jetzt fertig?


Fachmann 2:

Nö, was ich anfeng ist falsch. Ich muss mal aufs Klo!


Fachmann 1:

Pass aber shui auf, wenn du fertig bist? Der Toilettendeckel muss immer

verschlossen bleiben. Sagen sie.


Fachmann 2:

Wie soll ich das denn anfengen? Das ist ja schlimmer als bei der Kati,

zuhause. Da muss ich sitzen und hier auch noch durch den Deckel?


Fachmann 1:

Oh, shui zwölf Uhr? Feierabend! Feng shui mal an einzupacken.


Fachmann 2:

Wir sind aber noch nicht fertig!


Fachmann 1:

Egal, das wird gehen. Die fengen sowas an, dann können

sie es shui auch alleine weiter machen.



– niemand –


👉  Leser-Kommentar: Feng Shui ist die Fähigkeit, die Schuld für alles, was im Leben schief läuft, auf die Möbel zu schieben.


März 31, 2026



Okapi auf Abwegen



 – Am Fuße des Merapi

steht einsam ein Okapi,

von Dschungelgrün umrahmt.

Sein rechter Schenkel lahmt


vom unentwegten Wandern.

«Wo sind denn nur die andern?

Wo steckt der scheue Bongo,

mein Kumpel aus dem Kongo?»


Es war auch, leicht benommen,

ein Stück durchs Meer geschwommen,

blickt nun auf kalte Lava.

«Willkommen hier auf Java!»


verkündet ihm ein Schild.

Da ist das Tier im Bild

und seufzt mit tiefem Bangen:

«Ich bin zu weit gegangen …»



– Cornelius –

März 30, 2026



Tagepflückerlied



 – Geborensein, der große Fristbereiter:

Wir sind die Schwelle und die Zeit der Schreiter

auf Reisen von Paris nach Finistère:

Hic sunt dracones - keine Handbreit weiter!

Ein Kinderspiel vom Jetzt zum Ziel ... nicht schwer ...


Da darf uns schon die scheue Frage beuteln:

Was war nochmal in diesem Affenstall

der tiefre Sinn? Das ganze Kanzeldeuteln

führt in die Irre oder nirgends hin

(soweit die Innensicht vorm Einzel-Fall,

dem Absturz aus dem Traum vom Lustgewinn).


Doch wenn der Geist weht, steigt im Wind der Mut,

selbst Leib und Seele sind einander gut,

der Menschenkuckuck pfeift auf Klagefragen,

und Freude füllt den Kopf bis untern Hut

und hält das Schmuckstück lächelnd auf dem Kragen.



– Chamonixius –




👉  Interpretationsversuch – Das Gedicht beschreibt drei Stadien menschlicher Existenz

Aufbruch und Illusion: Leben als scheinbar einfacher Weg mit klaren Zielen. 

Zweifel und Sinnverlust: Kritik an Religion, Vernunft und der Idee eines festen Lebenssinns.

Lebensbejahende Wendung: Sinn entsteht nicht durch Erklärung, sondern durch Erleben, Mut und Freude.


März 29, 2026



Das Herz schlägt im Käfig



 – Das Herz ist aus Licht

Wünschen

Der Freude von Kindern

Unschuld

Glück


Daraus besteht das Herz

Doch es ist eingesperrt

In einem Käfig aus Wörtern

Damit es schlägt

Ohne zu fühlen


Im Land der kalten Herzen

Des kalten Adlers

Der kalten Kulis

Der kalten Neuroleptika

Der kalten Konten


Das Herz pocht

Das Herz schlägt

Alles funktioniert

Reibungslos

Alles gut


"Wie gehts?"

"Alles gut. Bei dir?"

"Alles gut!"


Das Herz schlägt im Käfig



– Max Neumann –



März 28, 2026



Nachtgedicht



Es war einmal ein Elefant,

Der kam in einen Laden

Und sprach: «Ich möcht, ich möcht so gern

Im Porzellane baden!»


«Ein Bad», sprach die Verkäuferin,

«das nehmen Sie am besten

Dort zwischen Meißen zweite Wahl

Und Nymphenburger Resten.»


Der Elefant bedankte sich

Und ging zu den Regalen,

Er warf die ihm benannten um,

Dann trat er in die Schalen


Und Schüsseln, dass es Scherben gab,

Ganz wundervoll zerstampfte,

Darinnen nahm er dann ein Bad,

Dass es bis Meißen dampfte.


Und als er aus dem Bade stieg,

Gewaschen und erfrischet,

Da hat er die Verkäuferin

(sie war ja noch im Laden drin)

Am Blusenknopf erwischet:


«Sie!» sprach er, «Sie verstehen mei-

ne Porzellanneurose,

Doch darf die nie ans Tageslicht!

Was sag’ ich! Schon als Nachtgedicht

Verschweigen wir die Chose!»


Dann ging der Elefant hinaus

Und ward nicht mehr gesehen …

Zwei Fragezeichen blieben lang

Mit unverhohlnem Fragedrang

Am Ladenfenster stehen.



 – Peter Welk –




👉  Interpretationsversuch: 

 

Auf den ersten Blick wirkt das Nachtgedicht wie eine ulkige Geschichte, an der es nicht viel zu interpretieren gibt: ein Elefant, der in einem Porzellanladen baden möchte. Steckt dahinter womöglich mehr als nur ein lustiger Einfall?

 

Die Handlung spielt bewusst mit der bekannten Redewendung «wie ein Elefant im Porzellanladen». Der Elefant tut genau das, was man erwartet: Er zerstört alles. Die Szene wird dabei übertrieben und fast genüsslich beschrieben («ganz wundervoll zerstampfte»), was den komischen Effekt verstärkt. 

 

Interessant ist, dass der Elefant sein Verhalten bewusst auslebt. Er fragt höflich nach einem Bad und bekommt sogar eine scheinbar ernsthafte Antwort. Alle Beteiligten tun so, als sei die Situation ganz normal, obwohl sie völlig absurd ist.

Der Elefant könnte für ungehemmte Triebe oder zerstörerische Impulse stehen: Er weiß, dass sein Verhalten problematisch ist («darf nie ans Tageslicht»), trotzdem lebt er es vollständig aus. Das deutet auf einen Konflikt hin: Menschen haben oft Wünsche, die sie gesellschaftlich unterdrücken müssen. Das Bad im Porzellan wird so zu einem Symbol für verbotene Lust, heimliches Ausleben von Chaos oder Zerstörung.


Am Ende wird alles vertuscht («Verschweigen wir die Chose!»). Die letzten Zeilen sind besonders auffällig: «Zwei Fragezeichen blieben lang … am Ladenfenster stehen.» Das kann bedeuten: Es bleiben Zweifel und ungelöste Fragen. Die Fragezeichen symbolisieren: Staunen, Unverständnis, vielleicht auch Kritik am Geschehen.

 

👉  Oder sollte man diesen Interpretationsversuch als Geschwafel abtun und das Nachtgedicht als das nehmen, was es vermutlich nur ist: eine ulkige Geschichte?