Oktober 30, 2026



( Bildquelle Wikipedia ) 


Der Garten der Lüste


( drei Sonette )


 Vollendet ist das Werk am siebten Tage. 

Geschöpfe wimmeln, Gottes Wort entsprungen,

in allen Elementen. Keine Klage

erfüllt die reinen Lüfte. Wohl gelungen


sind alle die diversen Kreaturen.

Gazellen und Geparden lagern friedlich

im angenehmen Schatten auf den Fluren.

Sogar Hyänen wirken hier noch niedlich.


Nur einen Steinwurf von der Einhornweide

begegnen sich im Ur-Wald zwei Gestalten

und üben sich, ganz frei von Samt und Seide,

im Blicke tauschen und im Händchen halten.


Noch plagt die beiden Menschen kein Gewissen.

Der Apfel lockt. Gleich wird er angebissen.


II


Geborgen in dem Wundergarten Eden,

noch frisch erschaffen, war der Mensch die Zierde

der Schöpfung, durfte mit Jehova reden.

Doch mit dem Willen keimte die Begierde.


Sie hält seither sein ganzes Ich umschlungen,

regiert in jedem Augenblick sein Leben.

Es war ihm nicht als Wiegenlied gesungen:

Er darf und muss sich selbst Gesetze geben.


So flechten die Betuchten und die Nackten

die Leiber ineinander zu Girlanden

und wiegen sich nach abgezählten Takten

im Taumel der skurrilen Sarabanden.


Einst wollten seine Wellen überborden.

Nun ist der Born des Lebens schal geworden.


III


Ein glutgetränkter Wrasen wabert bleiern

und undurchdringlich um das Reich der Toten,

geschwängert mit dem Duft von faulen Eiern.

Den Lohn des Lasters zahlt man hier nach Noten:


Ein Sünder, eingespannt mit allen Vieren,

bewacht von einem Schwein mit Flötenrüssel,

muss Saiten einer Laute sordinieren.

Dem Darm des Tiers entweichen Bratschenschlüssel.


Dahinter gähnen bodenlose Schluchten.

Quer durch den Quintenzirkel wird gewinselt.

Hier unten kann kein Ohrenschutz mehr fruchten.

So hat es Bosch auf Eichenholz gepinselt.


Nun fragt sich, wer dies Panorama sichtet:

Ist das historisch? Oder nur erdichtet?



– Cornelius –





–>> Youtube: 

Informationen zu Hieronymus Boschs Gemälde






Oktober 29, 2026



schreibtischtraum



 herbstliches heizungsklopfen 

irritiert die sommersimulation

hinterm glas

ersucht eine wanze um einlass

amorphes zucken moderiert mich

in den jour fixe


die sinnsuche mäandert trist

durch projektpläne und terminkalender

ich protokolliere klimatisierte inhaltsleere

und wünsche mich in eine kernschmelze

sie sitzt ja immer noch

glotzt durch diesen spalt

zwischen Mahlzeit und Feierabend


im kaffee badet ein rest eigenlob

der kachelknast applaudiert und implodiert

die flüstert doch irgendwas

bald hast du’s geschafft

ich sollte das fenster öffnen

oder einfach mal den stecker ziehn

vielleicht weiß sie ja bescheid

und gibt mir mein leben zurück

am tassengrund nur noch ertrunkene

belanglosigkeit


wie lange es schon klingelt

oder schon wieder

noch drei minuten bis zum nächsten date

ich könnte es einfach abschalten

ich könnte mich einfach

nanu, sie ist weg

wollte wohl doch nicht rein

aber ich sollte nun

diese wolke da, sie erinnert mich an

du … wer warst du gleich nochmal

vielleicht bin ich morgen krank

wanze müsste man sein



– Marcus Sommerstange –



Oktober 28, 2026



autobahn



 wenn er sich umdrehte 

in alter zeit nickte er

es stand gut um die böden

die früchte für das leben

sein leben lang


der härte segensreicher schweiß

kühlte stets und der blick

am abend zum horizont war frei

frei von silhouetten

ungewohnter art


und ahnte er die asphaltierten

schneisen quer zur armen erde

würgte ihn das bessre

was die anderen wollten

in neuer zeit


mit bloßen händen grub er

nach beistand den er gott nannte

trostloser staub nur

rann das gesicht hinab

zurück in furchen


die bald für ratten

noch vor dem aushub

zu rennstrecken verkamen

und dann in großer spur

sich zeigen sollten



– Béla Wiesner –



Oktober 27, 2026



blaubraun


 

 im ozean türkiser kastanien 

stachelnde wellen aus gras

zackige blätter wirbeln am

grund

 

aus sandschalen

häuten sich kugeln

glatt 

glänzend

im fall



– ubertas –



Oktober 26, 2026

 


12. Februar 1809



( Sonett )



 Vom Blockhaus pfeifen es die Schwarzkopfmeisen: 

Dem neuen Erdenbürger wird man trauen,

das Land zu neuen Höhen aufzubauen,

wirft Sklavenketten bald zum alten Eisen.


Sein Sternen-Zwilling* geht auf weite Reisen,

wird Finken auf die Schnabelspitzen schauen,

sodann, entblößt von seinem Gottvertrauen,

die Schöpfung in das Reich der Fabel weisen.


Ihr Leben läuft in streng getrennten Gleisen,

doch alle beide schlagen (beim genauen

Betrachten) dem Jahrhundert neue Schneisen.


(Dem Brockhaus ist dies Wissen leicht zu klauen.

Wer danach hungrig ist, muss solche Speisen,

die man ihm auftischt, freilich auch verdauen …)



– Cornelius –

 

*  «Sternen-Zwilling» im früher geläufigen Sinne für zwei Menschen, 
die am selben Tag und im selben Jahr geboren sind.

Oktober 25, 2026



gewiss



 ein ahnen 

tiefer stille

gleich

einer see

die sanft

gewogt

leben

in gleichmut

stimmt



– Otto Lenk –



Oktober 24, 2026



de profundis



 aus erschöpfter Krone 

fällt nun der Baum

in die Tiefe


es wird grau


hinter dem Birkenhain

das Kinderspielen

erstirbt im Unerhörten


und dunkler


er stellt den Einkauf ab

schließt auf und

dreht sich nicht mehr um


dann kalt


das ist der Moment

des Rufens ins leer

gelebte Haus


und still


bloß und einsam

zu speisen

wieder am Tisch


es wird grau


heiterer schon

geht der Kopf mit

in die Waschung


und heller


die Tür fällt zu

dort drüben fährt es los

das Polizeiauto


dann warm


das ist der Moment

den Anhänger zu fassen

an der Halskette



– Béla Wiesner –