Juli 19, 2026

 


Rotkäppchen Reloaded



– Rotkäppchen kam nicht mehr mit einem

Körbchen in den Wald.

Es hatte einen Rucksack voller Snacks,
eine Powerbank
und sieben ungelesene Nachrichten von seiner Mutter.

Die Natur verhallte,

ungehört und ignoriert.


Der Wolf lag nicht mehr hinter einem Baum.

Er saß auf einer Parkbank,

mit Sonnenbrille,
einem Smoothie in der Pfote
und einem Smartphone in der anderen.
Wie ein Gemälde
eines unbekannten Künstlers,
der noch auf seine Entdeckung wartete.

«Na, wen haben wir denn da?»,

fragte Rotkäppchen.

«Ich bin der Wolf», sagte er.
«Früher war ich hier der Böse.
Heute bin ich Influencer für natürliche Ernährung.»
«Und was empfiehlst du?»
«Alles, was nicht aus einer Plastikschale kommt.»

Rotkäppchen wurde misstrauisch.

Nebel umschlang seine Gedanken,

wie eine riesige Schlange,
aus dem Paradies verbannt.

«Warum hast du so große Ohren?»


«Damit ich besser höre,
wenn jemand in einem Podcast über mich lästert.»
«Warum hast du so große Augen?»
«Damit ich sehe,
wer meine Story anschaut, aber nie liked.»
«Warum hast du so große Pfoten?»
«Damit ich schneller tippen kann,
wenn ich mich online entschuldigen muss.»
«Und warum hast du so ein riesiges Maul?»

Der Wolf lächelte.

Ein geheimnisvolles Lächeln,

das kein gutes Ende erahnen ließ,
wie der Vorbote des Verderbens.

«Damit ich dich besser fressen kann.»


Rotkäppchen schaute ihn an.

«Ernsthaft? Im Jahr 2026?

Du willst immer noch Menschen fressen?

Hast du keine Therapie gemacht?
Keinen Selbstfindungskurs?
Keine vegane Phase?»

Der Wolf wurde nervös.

Die Wendung der Geschichte

ist wie ein Quant,
das sich endlich entscheidet
einen einzigen Zustand einzunehmen.
«Ich habe es versucht.

Ich war drei Wochen Pflanzenfresser.»

«Und?»
«Ich habe ständig an Würstchen gedacht.»

Unsere unterdrückten Gefühle

sind der Antrieb für Handlungen,

die der armselige Verstand
nicht erklären kann.
Er irrt umher,
wie ein Küken,
das nach dem Ruf der Mutter dürstet.

Da kam die Großmutter aus dem Haus.

Sie trug Kopfhörer,

einen Bademantel
und hatte gerade eine Online-Bestellung zurückgeschickt.

«Wolf», sagte sie,

«du bist wirklich noch auf dem alten Stand.»

«Was soll ich denn machen?», fragte der Wolf.
«Vielleicht nicht immer versuchen, jemanden zu fressen.
Vielleicht einfach mal zuhören.»

Der Wolf dachte nach.

Das dauerte ungefähr fünf Minuten.

Für einen Wolf war das eine Ewigkeit.
Der richtige Gedanke
ist eine rote Blüte
inmitten des pulsierenden Graus
der feuernden Neuronen.

Dann sagte er:

«Okay. Ich eröffne einen YouTube-Kanal.»

«Worum geht es?», fragte Rotkäppchen.
«Darum, wie ich gelernt habe,
meine Probleme nicht mehr mit den Zähnen zu lösen.»

Und seit diesem Tag

war der Wolf nicht mehr der Schrecken des Waldes.


Er war der Typ mit dem blauen Haken,

der jeden Montag ein Video hochlud:


«Fünf Dinge, die ich früher gefressen habe

und warum ich heute lieber darüber rede.»



Juli 18, 2026


 

G'schpian.

Österreichische Verlobung

 

 

I mog di, weil i g'schpia, dass du mi mogst.


I mog des, dass du g'schpiast, dass i di mog.


Des g'freit mi, weil i g'schpia, dass du a G'schpia host fia mi.

Und de Freid mog i.


Des g'freit mi, weil wann du di g'freist üba des, dass i a G'schpia hob fia di, dann g'schpia i des.


G'schpiast da's ?


Wos ?


I mecht di heiratn!


Na sowos! I di aa!



– Scal –

Juli 17, 2026



Den Bach hinunter



 – Ein Fischer sitzt vergnügt im Kahn

und wähnt, er reise auf der Lahn.

Das Ruder schwingt er frisch und munter,

doch plötzlich zieht es ihn hinunter.


Zum Staunen einer Handvoll Lachse

rotiert er um die eigne Achse

und sieht durchnässt und frierend ein:

«So stürmisch kann die Lahn nicht sein.»


Die Wassermassen wogen wild.

Am Ufer grüßt ein Hinweisschild.

Der Strom bestätigt es mit Brausen:

«Das war der R(h)einfall von Schaffhausen!»



– Cornelius –



Juli 16, 2026



Der Eremit



– Er hat den Hals gestrichen voll,

von dieser Menge, dieser Brut.

Da wird ihm klar, es täte gut,

sich endlich auf den Weg zu machen –

schnürt sieben Sachen, packt den Mut

und zieht in einen Riesenwald.


Hier mach ich halt, will lang verweilen –

ich brauch nicht viel, nicht einmal Schuhe.

Will meine Einsamkeit und Ruhe

mit keinem, nur der Eiche, teilen!


Bald geht zum Himmel ein Gebet:

Hab tausend Dank für diese Stätte!


Mein Sohn, ruft ihm der Herr, ich wette,

du wirst bald aus dem Forst enteilen!

Mein Herr, bin doch kein Horst, nicht dumm …

werd ich von dir hier nicht gelitten?


Da lacht der Herr: Schau dich mal um –

hier wimmelt es vor Eremiten!



– niemand –

Juli 15, 2026

 


Es ist nie zu spät ...!



 – In letzter Zeit versuche ich,

es ein bisschen entspannter

angehen zu lassen


und mich nicht mehr

so viel aufzuregen.


Es klappt wirklich gut.


Nur hin und wieder

fordere ich noch offen

einen neuen Genozid.


Aber es ist weniger geworden.


Das ist sogar den Nachbarn aufgefallen.


Es kommt nur noch äußerst selten vor,

dass ich meine Gesprächspartner

bei Meinungsverschiedenheiten würge.


Und mein letzter

Amoklauf mit Toten

ist auch schon einen ganzen Monat her.


Meine Frau hat mir dafür

sogar extra einen Kuchen gebacken.


Leider mit Rosinen.


Ich hasse Rosinen ...


Aber obwohl ich deshalb

richtig sauer war,

habe ich sie nur


mit der flachen Hand geschlagen,


Ihr seht,

es wird langsam

immer besser.


Wenn es heute in mir hochkocht,

zünde ich ein paar Obdachlose an


- früher da hätten Kinderheime gebrannt!


Es ist nie zu spät,

ein guter Mensch

zu werden!



– klaatu –



Juli 14, 2026



Stille



 – die mich an das lautlose Anlanden der Wellen erinnert

Nur hier und da die Erinnerung an Regentropfen

die auf dem Asphalt tanzen und die Blätter zum Klingen bringen

Ich blicke auf eine Landschaft, die weder von Gegenwart

noch von Vergangenheit bewohnt ist

Alles ruht


Grabesstill



– Otto Lenk –



Juli 13, 2026



Trockendock



 – Die Straßen liegen da

wie gestrandete Schiffe.


Kein Wind hebt sie an.

Kein Regen

macht sie wieder seetüchtig.


Die Hitze hämmert

unter den Planken der Welt,

als wollte sie

den Sommer vernieten.


Wir treiben weiter,

bis unsere Schatten

wie verbrannte Taue

hinter uns schleifen.



– Chandrika Wolkenstein –