September 06, 2026



Die wunderbare Wandlung



 – Sie hielt ihre Seele im leiblichen Kerker,

(ein unscheinbar sinnloses Ding,

wie sie es gern nannte) Ein Drang war viel stärker,

in dem sie sich täglich verfing.


Der Drang ihren Korpus auf Hochglanz polieren.

Die äußere Schönheit hielt stand

gar ein paar Jahrzehnte, dann kam jenes Spüren

des Wandels. Bald lag auf der Hand


die bittre Erkenntnis, es lässt sich nichts halten,

weil Schönheit, samt Frische verfliegt.

Egal was man tut, man gehört zu den Alten,

von Zeit und den Falten besiegt.


Sie schlug alle Spiegel im Hause in Scherben -

ihr Anblick verursachte Pein.

Zuweilen befiel sie der Wille zu sterben,

da rief ihr das Innere: Nein!


Es gab, nach so vielen verborgenen Jahren,

zum weiter Verleugnen kaum Grund.

So ist ihr die Seele ins Antlitz gefahren,

ins Auge, die Wangen, den Mund.


Und wer sie erblickte, der sprach: Kaum zu glauben,

was ich grad erfahre und seh –

die Zeit hat geschafft ihr die Schönheit zu rauben

und doch ist sie schöner denn je.



– niemand –



September 05, 2026



An Kristina R.


( Sonett )



– Wie soll ich jene Tage nochmals spüren 

Erinnerungen flackern ohne Sinn

Als Film in welchem ich gefangen bin 

Wohin wird mich mein Sehnen jemals führen 


Hannovers grauer Himmel weinte Tränen 

Die uns erwärmten wie der Sonnenschein 

Es schien das Glück für alle Zeit zu sein 

Sich aneinander küssend anzulehnen 


Noch heute schwebe ich durch jenen Raum

Im Geiste liege ich ganz nah bei dir

Nach dir kam niemals wieder eine Fee


Die mich von mir befreite aus dem Traum

Ein freier starker Mann zu sein ein Stier

Berauscht allein im Nachtmond hoher See



– Aron Manfeld –



September 04, 2026



( Fotografie von 1920/25 )


Dschungelmelodie



 – Klar, der Heinz ist nur Attrappe,

(dass er Heinz hieß, wussten Sie?)

Und sein Herz ist jetzt aus Pappe,

Doch die Zähnefletscherklappe

Steht dem Heinz noch irgendwie.


Mich betreffend kann man sagen,

Gestern noch war ich ein Tier,

Hacken in die Kerle schlagen,

Wie der Heinz im Dschungel jagen,

Biege-Blues auf dem Klavier,


Männerleichen ohne Ende,

Jeden nahm ich in die Kur,

Killer-Willi hob die Hände

Vorm Zerbaggern seiner Lende,

Und dann kam die Müllabfuhr.



– Ogolo –

September 03, 2026



Die Seichtigkeit des Leins


( Sonett )



 – Im stillen Talgrund, wo das Bächlein rieselt,

die Vöglein in den Zweiglein tirilieren

und Rehlein tanzen, wenn der Regen nieselt,

verführt es mich bisweilen zum Sinnieren:


Was mag die Menschheit unwillkürlich drängen,

an alles Edle, Schöne hier auf Erden

dies schnöde «Lein» so kindisch anzuhängen?

Soll dadurch unser Dasein froher werden?


Für mich kommt derlei nicht mehr in die Tüte,

seit ich versteckt ein Blümelein erblickte:

Ein Lein mit taubenetzter blauer Blüte,

die, schien es mir, verständnisinnig nickte.


Es war, als seufze dieses Blümlein kläglich:

Die Seichtigkeit des «Leins» sei unerträglich ...



– Cornelius –



September 02, 2026

 


trivial



 – Ohne dich

liebe ich dich.


dunkle blume trage mich

schwarze sonne

warme länder


Zu große Worte,

wie der alte Pull-over,

die zerschlissene Jeans,

auftragen, hineinwachsen


Verneinter Mond verneine mich.


Sind sie nicht

ungenügend?


Die Konturen

von Gedanken


Gedichte wie

verbranntes Haar


Sie ließ sich nieder

in mir

Aus ihr wuchs heraus:

Die Gnade und die Fülle.


Um zu fassen, umfasst es mich.


Sie lächelt.


Hier stehen,

so stehen –

still.


Was trage ich in mir,

bewegen,

mitbringen,

verbergen,

halten –


es fließt

und reißt.


Was fände ich,

was fände mich?


Mutter stach mir ins Herz.


Nun weiß ich,

wo es gewesen wäre.


Gut, dass du fehlst.



– Rufus –





September 01, 2026



Herbstliches Warten



Steht da jemand, steht und guckt -

einer, den sein Finger juckt,

samt Bedürfnis, mit den prahlen

Farben das zu übermalen

was vor ihm ein Stümper schuf,

folgend seinem biedren Ruf.


Der war keinem Rausch gewogen,

fort mit ihm, im Bausch und Bogen!

Dieses Grün schafft Augenschmerzen,

mit dem Wunsch es auszumerzen.


Wenn man solchen Grünstich hat,

wirkt die Welt wie Blattspinat,

über der (oh, Künstlerwonne!)

glänzt das Spiegelei der Sonne.


Kunst ist anders, Kunst braucht Größe,

sucht sich nicht an Bürgers Schöße

unterwürfig festzukrallen,

um dem Durchschnitt zu gefallen.


Und so steht da wer und guckt,

den sein Künstlerfinger juckt,

glaubend etwas Großes schuldig

dieser Welt zu sein. Geduldig

harrt er auf sein Künstler-Blühen,

in dem Farben Funken sprühen.



– niemand –



August 31, 2026



Manchmal mittwochmorgens



 – Fliederstein auf seine Weise

Ist im Blau auf Schwebereise,

Und er reist in einer Welt,

Die ihm aus dem Rahmen fällt.


Häuser hat sie nicht und Dome,

Diese Welt hat nur Atome,

Die mit hemmungslosem Walten

Irgendwas zusammenhalten,


Aber weder Dom noch Haus

Kommt bei diesem Tun heraus,

Auch kein Baum, vom Wind umweht,

Nur der Raum an sich entsteht;


Fliederstein, indem er den umschlingt

Und beherzt in einen Rahmen zwingt,

Sieht sich allumfassend abgehoben

Nun als Mensch an sich durchs All geschoben.



– Peter Welk –