Juni 02, 2026



Unersättlich



 – Ich sollte mit

 ihr sprechen,

sagen, wie sehr es mich verletzt.


Was bin ich mehr

als diese Verletzung?


Dein Tag –

wie eine unmögliche Forderung

kriecht er mir über den Rücken.

Als könnte ich unterscheiden:


Zwischen Sehnsucht und

Angst vor dir.


Doch ich fürchte deine Liebe

mehr noch als deine Wut.


Wer gab dir diese unsterbliche

Macht?


Zeile für Zeile schneide ich dich raus

aus mir.


Jeder Gedanke an dich

urteilt über mich.


Du bist Teil von mir.

Vielleicht sogar der größte.


Und bin ich nur das,

was du nicht bist?


Du nahmst dir so viel Raum –

Unersättliche.

Nie überwand ich dich.


Nie war ich mehr

als deine Wunde.




Unersättlich II



Solange ich dich bestrafe,

dein Leid genieße,

hast du Macht

über mich.


Du hast die Kette geschmiedet,

aber sie bindet auch dich.


Ich bin nicht stark genug,

dich zu begnadigen

wäre mein Tod.


Noch brauche ich dich



– Rufus –



Juni 01, 2026








Blicketrick



 – Mein Mensch spricht dann und wann genervt vom Hundeblick,

Und dem zu widerstehn, sei kaum zu schaffen.

Das stimmt. Ein Hund, wie ich, kocht mit dem Blicketrick

Den Menschen weich und macht ihn dann zum Affen.



– Peter Welk –



Mai 31, 2026



Kapillargefüge 


(Und sie müssen gar nichts mehr tun)



Alles bleibt im Innern,

verborgen und doch wohlbekannt.

Wer schon eine Reise tat,

will hier nicht leben müssen.


Jeder Punkt ein Hebel,

jede Bewegung eine Letter.

Wir stellen Bilder auf den Kopf

und werden doch nicht besser.

Im besten Fall

kursiv beschrieben.


Ein leiser Rest,

eine Linie, die sich in uns sucht.

Nicht die Egge,

auch wenn der Name passt.


Der Apparat.

Ein Gefüge aus Bewegung.

Nicht sichtbar,

nur wirksam.


Nichts bleibt allein,

verschränkt,

keine Linie für sich.


Weil wir nicht anders können,

richten wir uns nicht ein.

Wir nennen es nicht Widerstand,

nur Zweifel,

nur Restmenschlichkeit,

die sich verweigert.

Darin. Nie allein.



– Philip Radke –



Mai 30, 2026



Warum ich keine Sonette schreibe



 – Sonette, heißt es, müssen stets belehren,

sich jambisch aus dem Sumpf des Alltags heben,

kristallklar dialektisch auch verqueren

Gedankengängen eine Richtung geben.


Zu diesem Zwecke sollen vierzehn Zeilen,

wobei auf reinen Reim zu achten wäre,

beim selben hohen Gegenstand verweilen.

Die Luft wird dünn in solcher lichten Sphäre.


Zu meiden seien alle balladesken

Begebenheiten. Zweckfrei schmucke Schnörkel

verbanne man aus solchen Wörterfresken.

Wer hier versagt, zählt nicht zum «Inner Circle»


der Koryphäen, die Gedichte schreiben,

und deshalb lasse ich es lieber bleiben.



– Cornelius



Mai 29, 2026



menschenwurzel



 – wäre ich dein

sehnte mich in harmonie begriffe jedes blasse irgendwann wäre ich verschränkt mit wogender ruhe glitte ich entlang deines ursprungs wäre ich raugraues hauchen benetzte in sanften schwüngen sphären deiner sicht fauchten ahnungen eines vielleicht stifteten dir träumende fragen als schlichte wahrhaftigkeit bezeugte deine verwundbare unnahbarkeit empfinge fassungs lose küsse im glitzernden nebel des welken tags wäre ich sturm festes herz stolzer traurigkeit schenkte ich aufrichtige treue meiner gewissheit tropfte durch deinen kreis lauf ließe ich fließen ließe dich spüren ließe uns sein

wäre für immer dein

wäre ich



– Marcus Sommerstange –



Mai 28, 2026



Aus einer Lücke



 – Aus einer Lücke entstand ein Regenbogen

Aus einem Regenbogen das Licht

Aus dem Licht traten Menschen

Aus den Menschen kamen Wörter

Aus den Wörtern wurden Sätze

Aus den Sätzen entstanden Baupläne

Aus Bauplänen Häuser

Aus den Häusern drangen Geräusche

Aus Geräuschen wurden Schallmauern

Aus Schallmauern ein Ödland

Aus Ödland Enttäuschung

Aus Enttäuschung ein Wunsch



 – Max Neumann –



Mai 27, 2026



Willst du?



 – Willst Du mit mir Pferde stehlen,

wenn sich dazu Chancen böten?

Dich und mich, zwei halbe Seelen,

kühn zu neuem Wir verlöten?


Willst Du mit mir Sterne pflücken,

über allen Dingen schweben?

Glaubend Bergmassive rücken,

Welten aus den Angeln heben?


Willst Du Dich im Rausch verlieren?

Soll Dein Name alle Tage

unser Klingelschildchen zieren?

Dreimal Nein? Verzeih die Frage ...



– Cornelius –