September 01, 2026



Herbstliches Warten



Steht da jemand, steht und guckt -

einer, den sein Finger juckt,

samt Bedürfnis, mit den prahlen

Farben das zu übermalen

was vor ihm ein Stümper schuf,

folgend seinem biedren Ruf.


Der war keinem Rausch gewogen,

fort mit ihm, im Bausch und Bogen!

Dieses Grün schafft Augenschmerzen,

mit dem Wunsch es auszumerzen.


Wenn man solchen Grünstich hat,

wirkt die Welt wie Blattspinat,

über der (oh, Künstlerwonne!)

glänzt das Spiegelei der Sonne.


Kunst ist anders, Kunst braucht Größe,

sucht sich nicht an Bürgers Schöße

unterwürfig festzukrallen,

um dem Durchschnitt zu gefallen.


Und so steht da wer und guckt,

den sein Künstlerfinger juckt,

glaubend etwas Großes schuldig

dieser Welt zu sein. Geduldig

harrt er auf sein Künstler-Blühen,

in dem Farben Funken sprühen.



– niemand –



August 31, 2026



Manchmal mittwochmorgens



 – Fliederstein auf seine Weise

Ist im Blau auf Schwebereise,

Und er reist in einer Welt,

Die ihm aus dem Rahmen fällt.


Häuser hat sie nicht und Dome,

Diese Welt hat nur Atome,

Die mit hemmungslosem Walten

Irgendwas zusammenhalten,


Aber weder Dom noch Haus

Kommt bei diesem Tun heraus,

Auch kein Baum, vom Wind umweht,

Nur der Raum an sich entsteht;


Fliederstein, indem er den umschlingt

Und beherzt in einen Rahmen zwingt,

Sieht sich allumfassend abgehoben

Nun als Mensch an sich durchs All geschoben.



– Peter Welk –



August 30, 2026



Volksweise



 – Es weicht der Tag, die Sonne sinkt.

Ein Mägdlein sitzt alleine.

Ihr nagelneues Handy blinkt

im milden Abendscheine.


Am Tannensaum vorbei flaniert

ein blondgelockter Knabe.

Was Schwarzwaldjungs besonders ziert:

Er ist ein echter Schwabe.


Die Lider senkt das schöne Kind,

um Newsfeeds anzuschauen,

für des Adonis Reize blind.

Sie steht halt mehr auf Frauen.



– Cornelius –



August 29, 2026



Quantenwanderer






 – du trägst einen Mantel
gewebt aus ungeborenen Zeiten

mit aufgestickten Galaxien

und unmöglichen Koordinaten

zwischen allen Welten
wanderst du durch
die Vielleichts jener Räume

die sich erst bilden
wenn du sie verlässt


die Sprache spricht Zufall

und träumt dich [oder nicht]

für einen flüchtigen Augenblick
als Mensch der war ist und wird


und du erkennst
dass du

dieser Traum bist
der sich weigert
beim Erwachen
zu enden



– Morphea –



August 28, 2026



Berauschende Klänge


Hören: Yuja Wang /youtube-Mitschnitt 



 – Ein Mensch hört gern Musik allein,

doch stets muss diese klassisch sein,

zumindest hundert Jahre alt,

sonst lässt ihn das Gedudel kalt.

 

Im Radio tönt, nur leicht verzerrt,

ein feuriges Klavierkonzert,

das zweite von Rachmaninoff -

das ist zum Träumen guter Stoff.

 

Es klingt, als spielt' der Virtuose

am Meeresstrand im Sturmgetose.

Die Partitur bereichert sehr

die Illusion von Wind und Meer.

 

Am Ende rauscht der Schlussapplaus,

erfüllt des Lauschers stilles Haus.

Das war Genuss von A bis Z.

Nun legt er sich berauscht ins Bett.

 

Er träumt, es stehe ein Klavier

in Wladiwostok nachts am Pier.

Am Flügel sitzt Rachmaninoff

im Frack aus schwarzem Seidenstoff.

 

So kommts, das manch ein Komponist

der Schneider unsrer Träume ist.

Doch niemand schneidert solchen Stoff

zum Träumen wie Rachmaninoff.



 – Cornelius –



August 27, 2026



gedankenfledermäuse 


(für d.)



 – dein flug wird schneller

in die nachthaut gespannt

will ich sie begreifen


die holzbank

bin ich

hingerückt


ein schlag

in mir

war nichts


blinzelschnell



– ubertas –



August 26, 2026



Verdrängt



 – Wohlige Wärme geteilter Welt

Im rötlichen Licht gedämpfte Stimmen

Gebettet in seichten Wogen


Ruhe zerbricht, langsam zuerst

Dann drängen die Wände zur Flucht

Die Welt zerfließt, löst sich auf


Durch Enge getrieben, geschubst

Wie von tausend Händen

Nach vorn, nicht zurück, ins Kalte hinein


Müde, ermattet im gleißenden Licht

Verschwommene Bilder und Lärm

Überwältigende Weite


Druck bricht brennend die Stille

Bahnt sich den Weg mit äußerster Wucht

Der erste Schrei des Lebens.



 – Zettelin –