Versickerte Erde
nach einem langen Flug
tropft der Tropfen
aufs höchste Blatt
am Baum
die Spitze
rollt
fällt
tiefer
nimmt im Lauf
einen anderen Tropfen auf
fällt fällt
aufs
tiefste
Blatt
das hält
ihn nicht auf
– Rachel –
– Ich mach mein Leben wo es geht mir angenehm
und demonstriere nicht denn das ist unbequem
ich nehme meine kleinen Eitelkeiten wichtig
ich mach nichts falsch
doch mach ich alles richtig?
Ich hab so manches das mit falschem S geschrieben
und Geistreiches mit einem flachen Satz vertrieben
du stellst mir tausend Fragen aber ich bleib stumm
ich bin nicht klug
doch bin ich darum dumm?
Ich akzeptiere meine eignen Unzulänglichkeiten
und mag mit wilder Lust um fremde Fehler streiten
dem Scheine nach bin ich bisweilen selbstgerecht
ich bin nicht gut
doch bin ich deshalb schlecht?
Ich kenn den Sieg doch besser noch die Niederlagen
das Eine lässt sich leicht das Andre schwer ertragen
nachdem du gingst lag ich so viele Nächte wach
ich bin nicht stark
doch bin ich darum schwach?
– TassoTuwas –
– Ein Mann aus Eichsfeld, westlich einst gegossen,
zur Ostfigur erst hinterher lackiert,
steht hinterm Rhododendron, unverdrossen,
man hat ihn nicht bestellt, nur importiert.
Sobald der Grill entflammt, erhebt der Mann
den rechten Arm, doch deutet er nur schlecht,
die Richtung stimmt nicht ganz. Man lacht ihn an.
Die Gäste finden ihn erstaunlich echt.
Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,
vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,
die Gäste hörens zischen, und sie zechen,
bis echtes Donnern überm Garten steht.
Der Krieg, den er so gerne kommen sah,
kommt wirklich an, nur leider hier, zu Haus.
Die Gäste flüchten, keiner bleibt mehr da:
man birgt, was glänzt, und schifft das Glänzen aus.
Die Kiste reist, wie Kriegsgut eben reist,
verstellt, verzollt, vergessen, bis sie dann,
ein Junge öffnet, welcher Hamsa heißt,
in einem Hinterhof in Matheran.
Die Mutter sieht den steifen Arm: er winkt!?
Der Arm steht gut: man könnte Wäsche hängen,
das Safranhuhn, den Korb, das nasse Tuch.
Man tut es nicht. Man will ihn nicht bedrängen.
Der Gast ist keine Stange! Denn das wäre Fluch!
Sie winkt zurück und bringt ihm Tee und Reis,
ein Kissen auch, sobald die Sonne sinkt,
die liebevollen Blicke überreichen ihm ein Eis -
man pflegt den Gast. Das ist hier leider so!
Bei Dunkelheit beginnt der Mann zu sprechen,
vom großen Tausch, vom Volk, das untergeht,
da hört der Hof nur seine Brunnen plätschern,
weil hier kein Mensch die Sprache je versteht.
Er sieht sich satt an Leuten, die er hasste,
und trägt, was schwerer wiegt als jede Last:
dass keiner hier in seine Rede passte.
Er kam als Feind und wird gepflegt als Gast.
– seefeldmaren –
– Vielerlei hat man hineingeworfen,
meist alte zerbrochene Keramik,
scheinbar über die Kante geschmissen,
nur nicht zu nah an den glatten Wänden,
alles das keine Verwendung mehr fand,
kam wohl hinzu, auch etlicher Unrat,
oben ist nur ein bisschen zu sehen,
bereits verdeckt von der Erosion
manch Triviales einige Ästhe-
tik oft verschnörkelt bisweilen reich ver-
ziert mit vielen Motiven wie manchem
Dekor was geglaubt und gemeint wurde
manche Eleganz auch Ostentati-
on was erstrebt und gemessen wurde
manche Norm zuweilen Vision was
recht fragwürdig sowie veraltet er-
schien manche Hymne dazu Exzesse
was besonders und anziehend erschien
manches Fatum inmitten von Deka-
denz was ersonnen und erwogen wur-
de manche Manie selten Ingeni-
en was alltäglich und gewöhnlich war
vieles das gebraucht und verlebt wurde
liegt nun irgendwo in dieser Tiefe,
wahrscheinlich willkürlich sowie verquer
stapeln sich unzählige Bruchstücke,
alles häuft sich dort übereinander,
in hunderten zeitspannenden Schichten,
jener Rest könnte sie doch bezeugen,
die entsorgte menschliche Existenz.
– kwge –
OoO
All
diese Buchstaben
sind nur neutrale Betrachter,
die mir dabei zusehen,
wie ich weiterhin versuche,
Sonnenlicht in Einmachgläsern zu sammeln,
um es in meinen fensterlosen Verschlag zu schleppen.
Was passieren wird?
Wird passieren
&
nichts wird es aufhalten,
schon gar nicht
dieser Halbsatz.
Denn wie es ausgeht,
stand von Anfang an fest
- ganz egal,
wie dieser Text auch endet.
OoO
– klaatu –
– Fliederstein erdenkt sich eine Brille,
Die statt am – im Kopf zu tragen ist,
Diese tragend, blickt er in die Stille
Seines Wesens durch Erfinderlist.
Und er sieht sich selbst verhundertfältigt,
Sieht sein Ich vom eignen Ich umstrahlt,
Die Begegnung mit sich selber überwältigt
Fliederstein. Er sitzt und staunt und malt
In Gedanken sich ein Weltgebäude,
Das für andrer Leute Ich nicht gilt,
Ach, wie schwelgt er da in Einfallsfreude,
Ach, wie narrt ihn das gemalte Bild!
Ach, wie fliegt er! Liegt er! Steht und hängt er,
Ja, er hängt! An einem Fadenstück!
Etwas stimmt nicht mit der Brille, denkt er,
Und mit einem Schreckensaufschrei schwenkt er
Ins vertraute Außenglück zurück.
– Peter Welk –