August 12, 2026

 


dämmerung



 – im sanften strahlen eines südlichen tags

umwindet dich demütiges staunen

in die trägheit der kreise spinnt das vielauge

die erste ahnung von herbst

du blinzelst sonnentränen auf sein werk

und lächelst wehmut

in die schwünge des regenbogens

eine gelassenheit flüstert

ich bin richtig, ich bin genug.

während sich feuchtgrüner atem

mit dem flirren schlanker flügel duelliert


im nördlichen schatten

begreifst du eine erinnerung

an gewesene sommer

und folgst dem ruf der flur

zurück in die schüchternen blicke des mondes

sie entführen dich ins morgenland

nur die vielbeinige verbleibt im zwielicht

wo sie das leben am nullpunkt

verträumt



– Marcus Sommerstange –



August 11, 2026



Fremdkörper



 – Die Hügel liegen da

wie die Knöchel einer Hand,

die unter der Erde wartet.


Wurzeln ziehen

unter dem Gestein

die Sehnen straff.


Unter ihren Nägeln

eitert Plastik.


In ihren Gelenken

knirscht Metall.


Durch ihre Adern

pocht Öl

schwarz gegen das Herz.


Die Finger krümmen sich

so langsam,


dass über ihnen

Gras weiter wächst,


während tief darunter

ein Schlag

Geduld lernt.



 Chandrika Wolkenstein –





August 10, 2026



Im Saal sechshundert



 – Im Saal sechshundert sitzt, in grauer Jacke,

der letzte Schluck von einem Reichsmarschall.

Die Leinwand zeigt die Bilder der Baracke,

er hört nicht hin. Es ist nicht mehr sein Fall.


Er sagt es Gilbert, abends, in der Zelle:

das Volk will keinen Krieg, in keinem Land.

Doch dass es folgt, ist keine Kunst, die Schwelle

ist niedrig, und das Werkzeug liegt zur Hand.


Man meldet nur, das Land sei angegriffen,

das wirkt in Reich und Rat und Republik,

ein Handgriff, über Jahre eingeschliffen:

wer fragt, verrät. So einfach ist der Trick.


Er starb durch Gift, bevor die Stricke fielen,

das Urteil traf den Wahn und die Gestalt.

Er schleicht durchs Land, um wieder zu erzielen,

was einst gelang: das Nicken für Gewalt.



– seefeldmaren –



August 09, 2026



Die anonymen Lyriker



– Sie sitzen nicht auf Bühnen.
Ihre Namen stehen auf keiner Liste,
und niemand wartet auf ihre Unterschrift.


Sie schreiben,

wenn die Welt schläft,

wenn Erinnerungen zu schwer werden,

wenn Worte die einzige Form von Atem sind.


Sie kennen das Schweigen,

das zwischen zwei Zeilen wohnt.

Sie wissen,

dass ein Gedicht manchmal mehr Mut verlangt

als ein ganzes Leben aus Erklärungen.


Sie sammeln keine Berühmtheit.

Sie sammeln Augenblicke,

die andere übersehen:

den Staub im Licht,

die Falte im Gesicht einer alten Frau,

den Klang einer Tür,

die sich für immer schließt.


Sie schreiben gegen das Vergessen.

Nicht aus Eitelkeit,

sondern weil jeder Mensch

ein unausgesprochenes Universum ist.


Ihre Texte wandern

durch Foren,

über vergilbte Notizbücher,

durch unbeachtete Dateien

auf längst vergessenen Festplatten.

Manchmal liest sie nur ein einziger Mensch.

Und manchmal reicht genau das.


Denn kein Gedicht wird klein,

weil es nur wenige erreicht.

Es wird klein,

wenn es nichts wagt.


Die anonymen Lyriker

sind die stillen Chronisten der Seele.

Sie retten keine Welt.

Aber sie bewahren,

was von ihr verschwindet.


Vielleicht wird sich niemand

an ihre Namen erinnern.


Doch irgendwo

wird ein Mensch

eine ihrer Zeilen lesen,

sie für einen Augenblick

für seine eigene halten

und deshalb weitergehen.


Manchmal

ist das der größte Erfolg,

den Sprache erreichen kann.



– Önder Özkan –



August 08, 2026

 


Ex²



Exklusiv:


Ekstatische Exkremente

extrahieren

exorbitante Exzesse.


Extremisten-Extravaganza!


Exemplarische Exekutionen

exotischer Exkursionen.


Existenzielle Experimente

externer Echsenmenschen.


Expertenmeinungen

explodieren!


Exzentrische Ekzeme

expandieren

exquisite Express-Exorzismen

exhibitionistischer Existenzen.


Exhumierte

Ex-Männer,

Ex-Frauen


- Ex-Menschen.


Excalibur?


Exakt!







Exit



– klaatu –



August 07, 2026



Das Lied war ihm nicht sehr gelungen, 
er hat die Kneipe leergesungen



 – Der Wirt besang per Potpourri

das Fohlen und die Stute

und völlig unvermittelt die

Bestattungsinstitute.


Dann sang er von der Feuerwehr,

vom Kirchentagsgelände

und obendrein vom Vorstand der

Bezirksligaverbände.


Dann trällerte er irgendwas,

ich glaub von Zeltgestänge,

ich hörte es nur schwer durch das

Zumausganghingedränge.



 – Rudolf Anton Fichtl – 



August 06, 2026



Hundstage


( Sonett )



 – Verstreut liegt blondes Heu, gepresst zu Quadern,

wie Würfelspiel betrunkener Zyklopen.

Der Wind, ein Gruß aus fern gewünschten Tropen,

strömt heißer als das Blut in meinen Adern.


Was hilft es, mit der Jahreszeit zu hadern?

Wer kann, der flüchtet in die West-Rhodopen.

- Die Grille singt in schwebenden Synkopen,

von  «schöner Zeit» mag mancher Narr salbadern.


Am Badesee, der täglich mehr verlandet,

ist pünktlich, um das Sommerloch zu stopfen,

ein kapitaler Riesenwels gestrandet.


Ein Trost ergrünt: Wie Unkraut rankt der Hopfen,

und bald schon wartet, farbenfroh gewandet,

der Herbst vor unsrer Tür, um anzuklopfen.



– Cornelius –