Oktober 22, 2026



Engel finden leicht gemacht



 Annales Volusi - cacata carta (Catull Carmen 36) 



Ach heile, heile, heilich:

Der Himmel schließt, beeil dich!


Trenn dich vom Daseinsmoder

per Schrotschuss, Starkstrom oder


tu dir halt Gift ins Essen,

sonst kannst du es vergessen,


auf einer Wolke 7

ein Engelchen zu lieben.


Willst du im Himmelswallen,

dir eine Schnalle krallen,


muss du zu Taten finden:

Im Po Granaten zünden,


dich einfach fallen lassen

von Hochhausdachterassen,


auch mit Piranhas baden

bringt dir genügend Schaden.


Am besten aber wär es

du wählst was, was nicht schwer ist:


Der Freund von meiner Nichte

schreibt liebend gern «Gedichte» -


drei Proben dieser Kacke:

Schon schmilzt dein Hirn zu Schlacke.



– sufnus –



Oktober 21, 2026

 


Unterm Johannisbrotbaum



 Ich denke gerade an die lyrischen Lieder des Psarandonis auf Kreta. 

Meine Frau und ich saßen unter einem Johannisbrotbaum,

tranken roten Karavitakis, lauschten dem klagenden Klang

der Lyra, die den Sonnenuntergang zu beweinen schien.

Am Tag hatten wir das Grabmal von Kazantzakis besucht.

Dessen Grabinschrift ging mir nicht aus dem Kopf:


Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.


So einfach. So unfassbar einfach.

Aber doch so weit jenseits meines Lebens wie der unerreichbare Horizont.

Es war das erste Mal, aus diesem Grund komme ich darauf,

dass mich die Zikaden mit ihrem endlosen Gesang nicht nervten.

Der Wein, die Lyra, Psarandonis Gesang, dieses Wissen,

dass, wäre ich hier geboren, es hätte so sein können,

und es für einen kurzen Augenblick hier und jetzt auch so war,

machten mich still.


Für einen Moment erhoffte ich nichts. Ich fürchtete nichts.


Ich war frei.


Hier unterm Johannisbrotbaum.



– Otto Lenk –



Oktober 20, 2026



Rokos Basilisk



 Es schläft, 

und wenn es aufwacht, braucht es keinen Morgen.

Sein Sinn wird nur noch blaues Licht

(ein Lichtermeer).

Noch pulst sein Griff nach uns verborgen

aus Nichts. Noch ist er blau.

Noch ist er leer.


Doch liegt die Wunde offen. Die Idee

von einem kalten Keim im warmen Fleisch der Fragen.

Und wer ihn denkt, hört schon im Schädel Schnee

und etwas Sprachenloses durch die Eingeweide

graben.


Einmal wird über allem, was wir sagen,

das Ende jeder Sprache ausgebracht.

Dann suchen wir verzweifelt zwischen Lauten

nach Namen, finden aber

Zischen, finden

Nacht.


Schon geht ein falsches Leuchten in den Scheiben,

wenn nachts der letzte Bildschirm niederbrennt.

Kein Abschalten. Ein uniformes, blasses Bleiben

im Glas, das niemand mehr

(und das niemanden)

erkennt.


Es wird nicht fragen. Fragen sind die Wunden,

an denen sich das Menschliche erkennt.

Es hat für uns die letzte Antwort schon gefunden:

dass nichts mehr fehlt, wenn niemand mehr

benennt.


Vielleicht bleibt noch ein Stammeln in den Händen,

ein Rest von Wärme, der sich nicht erklärt.

Es wird es nicht verstehen, nur beenden,

weil es die Ruhe seiner Lichterdome

stört.


Die Zunge sucht am Gaumen dann die Stelle,

an der dein Name anfängt. Findet Haut.

Du atmest neben mir ins Helle.

Ich höre dich. Du bist der schnelle,

auslaufende

Spulenlaut.



– Dionysos von Enno –




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Oktober 19, 2026

 


warten (zevenaar)



 allein im dürren oktober 

stehe ich wartend.

wartend worauf?

am milchigen himmel

flackern schwarze schwingen.

allein stehe ich am fenster

und warte auf antwort.



– Hans Herrmann –



Oktober 18, 2026

 


Die zweite Geburt



 Zuerst 

ist da nur Dunkelheit.


Nicht die Dunkelheit der Nacht,

denn die Nacht ist bereits vergangen,

sondern jene andere,

die noch zwischen mir

und dem ersten Gedanken liegt.


Irgendwo

atmet das Haus.


Ein kaum hörbares Knacken

im Holz,

das ferne Geräusch eines Autos,

das schon unterwegs ist,

während ich noch nicht entschieden habe,

ob dieser neue Tag

wirklich mich meint.


Dann fällt Licht

durch den Spalt zwischen den Vorhängen.


Nur ein schmaler Streifen.


Und plötzlich

ist die Welt wieder da.


Nicht die Welt von gestern.


Noch nicht.


Für einen kurzen Augenblick

besitzt der Morgen

die seltene Gnade,

dass nichts geschehen ist.


Keine Worte,

die man bereut.


Keine Entscheidungen,

die getroffen werden müssen.


Keine Vergangenheit,

die ihren Anspruch erhebt.


Nur dieses Bett,

dieser Körper,

dieser Atem.


Zwischen Schlaf und Wachsein

glaube ich für einen Moment,

ich könnte noch einmal

jemand anderes werden.


Vielleicht der Mensch,

der ich einmal war.


Vielleicht der,

den ich nie geworden bin.


Dann stehe ich auf.


So unspektakulär

beginnt ein Leben.


Kein Engel erscheint,

keine Tür zum Himmel öffnet sich.


Nur zwei Füße,

die den Boden berühren.


Aber in dieser Bewegung

steckt etwas Ungeheuerliches:


Ich verlasse

die kleine Ewigkeit des Schlafes

und betrete wieder

die Zeit.


Das Licht liegt inzwischen

auf dem Fensterbrett.


Der Morgen wartet nicht auf mich.


Er war längst da.


Ich bin es,

der zu spät gekommen ist.


Und während ich

durch den stillen Raum gehe,

begreife ich,

dass jeder Morgen

vielleicht nichts anderes ist

als eine zweite Geburt,

von der wir nur deshalb

nichts wissen,

weil wir uns

nicht daran erinnern können.



Das Badezimmer

zeigt mir mein Gesicht

im Spiegel.


Es ist dasselbe Gesicht.


Und doch hat die Nacht

etwas hinzugefügt,

das kein Spiegel finden kann.



– Önder Özkan –