In der Fremde
Nicht die Heimat
die verlorene
Unschuld suchen wir
Als Tage sich dehnten
zu Feldern und Vögel
pfeilten zum Wald
Den Kopf voller Tänze
die Hände im Regen
am Ende der Segen
auf ledriger Haut
– Manfred Hahn –
Lieber Gott, wie wärs mit mir als Micker,
Dünn und drahtig könnte ich durchs Leben gehn?
Du, seit Wochen werd' ich immer dicker,
Du, ich kann schon meine Zehen nicht mehr sehn!
Guck ich runter, seh ich einen Hügel,
Unter dem ich Zehen nur vermuten kann,
Das Barockgespenst im Badezimmerspiegel
Guckt mich aus verschweinsten kleinen Augen an.
Manchmal träum' ich einer Stadtgazelle
Hinterher, wenn sie an mir vorüberschnürt,
Schließlich steh ich wieder an der Schwelle,
Die zu meinem Albtraumbadezimmer führt.
Ach, warum nur quälst du mich mit Träumen,
Füllst mich mit Gewicht und Sehnsuchtsbildern ab?
Stadtgazellen grasen in entfernten Räumen,
Und als Dicker hast'e dorthin nicht den Trab.
Lieber Gott, auch wenn wir es beklagen,
Sind wir beide – guck mal in den Spiegel! – viel zu dick.
Soll'n wir eine Kur dagegen wagen?
Oder nehmen wir's gefasst als Daseinsknick?
Was? Du schweigst? Na, dann in Gottes Namen
Kann nur das die Lösung unsres Falles sein:
Lass uns einfach noch viel dicker werden, amen.
(Und jetzt lad’ ich uns zum Schweinebraten ein.)
– Peter Welk –
Vorbei scheint
jedes Wachsen jedes Werden
ein stilles Sein
verlangt nach seiner Zeit
Gedämpft sind
alle hektischen Gebärden
es macht sich etwas Müdes
weit und breit
Und über allem schwebt
ein dunkles Sehnen
an welches
ein Wohin sich
fragend schmiegt
Zum Horizont
hört man den Herbstwind tönen
dorthin wo bald ein weißes
Leinen liegt
– Niemand –
Spukgestalten in Gemäuern,
Sagen, die vom Werwolf handeln.
Späßchen, die das Herz erneuern,
Mädchen, die im Schlafe wandeln.
Fahler Glanz von Himmelsküsten,
Eulen, die vor Freude jodeln.
Schimmer macht aus stillen Lüsten
Beulen, die im Fieber brodeln.
Über das Gewölbe jagen
pegasüße Feuerreiter.
Glühende Zentauren tragen
Sternenschnüppchen als Begleiter.
Trolle hoffen auf Romanzen,
holde Feen auf fette Beute.
Krater platzen. Kälbchen tanzen
in Ekstase: Vollmond heute!
– Dirk Tilsner –
Über zehn Jahre, und immer dieselben beschissenen Stunden.
Raus mit dem Laken, nur raus, alles hier stinkt nach Urin.
Mutter, ich drehe dich um, und du schreist, und ich zähle Sekunden,
Blick auf die Uhr, dann zur Tür, gleich hab ich einen Termin!
Unten im Treppenhaus bleibe ich stehen und lausche nach oben:
nichts, und schon renne ich hoch: «Mutter, was machst du da bloß?»
Mutter, ich bleibe, ich habe das Treffen auf morgen verschoben,
hebst nur die Augen zu mir, lasse die Türklinke los.
Später im Bus riecht die Jacke nach dir, und ich wechsle die Plätze,
Handy auf lautlos gestellt, schalte den Ton wieder ein:
Vater, er fragt, ob ich komme, ich tippe und lösche die Sätze,
tippe ein Ja, dann ein Nein, lasse es lieber ganz sein.
«Sorry», sagst du, ich ziehe das Laken und höre dich schlucken,
tu so, als suchte ich was. (Wo ist ein sauberes Tuch?) -
Wasche die Hände, noch einmal die Hände, dann würgen und spucken,
streiche das Laken glatt, atme den vollen Geruch.
– seefeldmaren –
– Du erklingst in Versen, Schattenkind.
Singst zu mir die wolkenschweren Weiten,
flüsterst mir die knöchernen Gezeiten.
Hauchst du einen Zauber in den Wind,
sind es Echos deiner Schöpfung Meister.
Manchmal, wenn sie in der Jetztwelt branden,
fallen Tränen ihrer klaren Geister
dort, wo jene wohl am Urgrund standen.
Schenkten ihre Weisheit kaltem Stein,
spröde Riesen, die mich sanft umkreisen.
Dieser Erde stille, stolze Waisen
laden mich in deine Träume ein.
Sternenperlen schmücken deine Lieder,
schmeicheln deinem Lichterfädenkleid.
Sinkt mein Sehnen schließlich zu dir nieder,
lächelst du nur Unergründlichkeit.
– Marcus Sommerstange –
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