Mai 05, 2026



Doppeltes Erinnern



 – Ein Geniales, das ich habe,

(manche zählen mich zu Spinnern)

ist die ausgeprägte Gabe,

mich an Frühstes zu erinnern.


Diese Fähigkeit ist doppelt:

Schwimme ich in Mutters Teich,

öffnet sich, daran gekoppelt,

der Ur-Ozean sogleich.


Embryo mit Kiemenbögen,

winke ich dem Lungenfisch,

unser Darm lernt das Vermögen,

Luft zu atmen, atemfrisch.


Kurz danach kann ich jetzt schon

meine Gliederknospen zeigen,

und im wärmenden Devon

flossenlos das Land besteigen.


Danach bin ich Fötus gerne,

sehe, höre mit Pläsier,

und Erinnern schenkt aus Ferne

Saurier und Säugertier.


Schön ist schließlich die Geburt,

als die Eltern mich begrüßen.

Und ich blick sie an – absurd –

mit vorangeschickten Füßen …



– gummibaum –



Mai 04, 2026



gebet 

an einen zweifel



 – verweigere die wärme

sei spiegelndes irrlicht

in klirrender nacht


bereite mir die ferne

schenk zeitlose einsicht

belanglose macht


erwarte nicht belohnung

weitab vom gestade

der endlosigkeit


gewähre keine schonung

gewähre die gnade

der gottlosigkeit


durchtrenne meine bande

mit mitleid und zucht

und gieriger schuld


wo immer ich auch lande

sei stets meine flucht

von glauben und kult



– Marcus Sommerstange –



Mai 03, 2026



Was in uns bleibt


 – Irgendwo zwischen

der Schwere des Körpers

und der vorsichtigen Hoffnung,

dass der Tag etwas bereithält,

das sich lohnt zu berühren.


Freude kommt selten laut.

Sie setzt sich eher neben dich,

wie jemand, der nichts verlangt,

und plötzlich ist da ein Licht,

das nicht blendet,

sondern wärmt.


Traurigkeit dagegen

kennt deinen Namen.

Sie spricht ihn nicht aus,

aber du spürst, wie sie ihn trägt,

in jeder langsamen Bewegung,

in jedem Blick, der zu lange verweilt.


Dann ist da diese Stille,

die alles enthält,

wie ein Fundament,

auf dem die Kathedrale steht,

an der du ein Leben lang baust.

Manche Zimmer

willst du nie wieder betreten,

in anderen wohnt der Frieden.


Und vielleicht ist das genug:

dass alles, was in dir lebt,

nicht gelöst werden muss,

sondern gehalten,

wie der Mond

die Nacht hält.



– Önder Özkan –



Mai 02, 2026



Schwäbische R(h)apsodie




 – Aus einem Haus in Balderschwang

erscholl melodischer Gesang.


Dort tanzte eine Frau und lachte,

nachdem sie sich zur Witwe machte.


Es gibt ja häusliche Gewalten,

die leicht Persönlichkeiten spalten.


So ging es ihrem Herrn Gemahl:

Ihn traf die Axt aus Edelstahl.


Die Dame trank ein Gläschen Schnaps,

gebrannt aus selbst gepflücktem Raps


und las (ihr Herz schlug laut im Takt)

das Kleingedruckte im Kontrakt,


worauf sie das Ersparte zählte

und «Ehegattensplitting» wählte …



– Cornelius –



Mai 01, 2026



Weltraumintoleranz



 – nur zeitwurm

wurm und machtgedanke

immerzu ein

schrankenwart und achte

wurmzeit

wanke


Im Kopf tobt Leib

im Zeitvertreib erlischt

ein kleines Schlängeln

zerdreht sich frei

in Einverleib aus

Spiralenwurmlaibgängen



– ubertas –



👉  Interpretationsversuch:

 

Das Gedicht «Weltraumintoleranz» wirkt stark verdichtet, fragmentarisch und experimentell – typisch für moderne Lyrik, die weniger eine klare Geschichte erzählt als vielmehr Zustände, Spannungen und Assoziationen erzeugt. Eine eindeutige «richtige» Interpretation gibt es hier nicht, aber man kann einige zentrale Motive herausarbeiten.


Gleich zu Beginn fällt die Wortkombination «Zeitwurm» auf. Das erinnert an die Idee, dass Zeit nicht linear ist, sondern sich windet, krümmt oder «frisst». Der Wurm kann mehrere Bedeutungen haben: etwas Zersetzendes (wie ein Verfall der Zeit oder des Denkens), etwas sich Schlängelndes (eine nicht-lineare Zeitstruktur – ein Bild für das Innere, vielleicht auch das Unbewusste).

Der «Machtgedanke» daneben deutet darauf hin, dass Zeit und Kontrolle zusammenhängen könnten – vielleicht der Versuch, Zeit zu beherrschen oder ihr ausgeliefert zu sein.


Begriffe wie «Schrankenwart» und «wanke» bringen ein Gefühl von Kontrolle vs. Unsicherheit: Ein Schrankenwart überwacht Grenzen (Ordnung, Kontrolle) – «wanke» signalisiert Instabilität, Unsicherheit. Das Gedicht bewegt sich also zwischen dem Wunsch nach Struktur und einem Zustand des Schwankens oder Zerfalls.


«Im Kopf tobt Leib» ist eine starke Umkehrung. Normalerweise denkt man: Der Kopf kontrolliert den Körper – hier «tobt» der Leib im Kopf – körperliche Impulse, Emotionen oder Triebe übernehmen das Denken; das deutet auf einen inneren Konflikt hin, vielleicht zwischen Rationalität und Körperlichkeit.


Im zweiten Teil wird die Sprache noch dichter: «Schlängeln», «Spiralen», «Wurmlaibgänge» – alles kreisende, sich windende Bewegungen «zerdreht sich frei» – Zerstörung führt zu einer Art Befreiung, das könnte bedeuten: Identität oder Bewusstsein löst sich auf – Ordnung wird aufgebrochen und verwandelt sich in etwas Neues.


Der Titel «Weltraumintoleranz» wirkt fast wissenschaftlich oder ironisch. «Weltraum»: Unendlichkeit, Leere, Orientierungslosigkeit – «Intoleranz»: Unfähigkeit, damit umzugehen; zusammen könnte das heißen: Das lyrische Ich ist überfordert von Weite, Zeit oder Existenz selbst – oder unfähig, die Komplexität der Welt (oder des eigenen Inneren) zu «ertragen».


Gesamtdeutung

Das Gedicht scheint einen Zustand von innerer Zerrissenheit und Desorientierung darzustellen. Zeit, Körper und Bewusstsein vermischen sich, verlieren klare Grenzen und geraten in Bewegung. Es geht weniger um eine konkrete Handlung als um ein Gefühl: Kontrollverlust, Auflösung von Ordnung, gleichzeitige Suche nach Struktur. Die zahlreichen Wortneuschöpfungen verstärken das: Sprache selbst wird «instabil», so wie die Welt, die sie beschreibt.

 

 

April 30, 2026



Du, wenn du bist


– hören >>


 – Es reift in mir, was keiner je benannt,

seit diesem Frühling trag ichs wie ein Schweigen,

das sich nicht lösen will, das nur in Zweigen

des Schlafs sich regt und tastet nach der Hand.


Ich wohn in einem Haus aus dünnem Licht,

und meine Stimme findet nicht hinaus;

die Engel, die mir nisten überm Haus,

sie wenden still und langsam ihr Gesicht.


Manchmal, wenn sich der frühe Himmel kleidet

(Dunkelblau)

und Vögel durch das Dämmerlicht sich heben,

scheint mir, ein Ewiges sei mir gegeben –

doch wie ich hinseh, ist, was ausgebreitet, Kleid,

nicht mehr und

grau.


Vielleicht bin ich ein Zimmer, das man mied,

zu lang, und wo die Dinge schweigend stehen

wie Tote, die durch keinen Himmel gehen,

und horchen auf ein Wort, das nie geschieht.


Du, wenn du bist: du bist in diesem Raum,

der ich geworden bin aus lauter Warten.

Ich rufe nicht. Ich will dein dunkler Garten,

dein langes Schweigen sein, dein allerletzter Saum.


So werd ich still für dich. So wird das Jahr

zu einer Tiefe, die sich selbst vergisst.

Ich bin nicht mehr, was einst gewesen ist –

ich bin, was unter allem Schweigen war.


Und einmal, spät, wenn alle Namen schweigen

und selbst der meine mich nicht mehr umfasst,

wirst du, der ungesagte , ohne Last

aus meiner Stille wie ein Atem steigen.



– Dionysos von Enno –


( Musik KI )

April 29, 2026

 


Identitas I



Das Meer erhob sich

zu Wellen in der Zeit,

und mit der Zeit

fürchtet die Welle

das Meer.





Identitas II



Das Meer –

die Welle.

Ich fürchte

das Meer.




– Rufus –