Volk im Wind
– Ich trage dich aus,
Sturm.
Kein Blatt von mir
will weiter fallen.
Ich zähle dich an,
Sturm.
Keine Ader von mir
schlägt in deinen Schneisen nach.
Ich fege dich ein,
Sturm.
In mir
wirst du
Kronen.
– ubertas –
– Endlich liegt wieder Schnee
auf kahlgewehten Bäumen.
Schweigen, das sich
einen Körper gibt.
Und wer die Stille wirklich liebt,
der findet sie beim Wandern
in den weiß verschneiten
Räumen.
Im Wald, da wohnt jetzt eine Ferne
von allem Leben, wie die
fast perfekte
Einsamkeit.
Und glänzten dort am Himmel nicht die Sterne,
man sähe nichts und spürte
bloß die Zärtlichkeit
der Kälte.
Birkenspiel.
Bräute in weißem Kleid aus Reif.
Mit letzten Ästen fassen sie sich an.
Das Sternenlicht auf Eis,
es frommt
dem späten Wandersmann,
der leis anstimmt den alten Sang
an Steingerðr,
die Wintermaid.
Nacht kommt.
Hand, die so gerne trösten will
und doch nicht kann.
Gottes Nähe hängt daran,
sagt man.
Nicht, weil er still
in größter Dunkelheit verschwand,
nein, weil man
spüren kann,
wie sehr er in den rauen Nächten
fehlt.
Vieles bleibt fern
in diesen stillen kalten Tagen,
so fern, dass selbst die Sehnsucht nicht mehr reicht.
Schneeflocken beklagen.
Ein längst verloschener Stern.
Kunst, die schmilzt,
bevor man sie begreift.
– Dionysos von Enno –
– Denkst du noch an jenen Sommerabend
Als der erste Kuss daneben ging?
Hast du noch die Rosen in der Nase?
Siehst du noch, wie hoch der Himmel hing?
Wär ich damals in den Baum gestiegen ...
Hätt' ich ein paar Sterne umgedreht ...
Hättest du beim Knöpfen still gehalten …
Ach, die Zeit hat alles überweht ...
Kälte ist schon übers Dach gekommen.
Winterblumen spannen Silbernetze.
Hätt'st du je das Ende so gedacht?
Sommerwünsche wurden über Nacht
Zwei im Schnee vergess'ne Lieblingsplätze.
– Peter Welk –
– Du stehst an der Schwelle des Morgens,
das Licht kennt deinen Namen noch nicht.
Die Zeit atmet langsam
unter deinen Füßen.
In deinen Augen liegt ein fernes Meer,
wellenlos, aber tief.
Eine Stille,
die niemand berührt hat.
Dein Herz ist wie ein altes Haus,
dessen Fenster offen geblieben sind.
Der Wind tritt ein
und hebt die Vergangenheit
behutsam aus ihrer Ruhe.
Du sprichst ein Wort,
schwerer als seine Bedeutung.
Es bleibt in der Luft
und verschwindet dann,
ohne eine Spur zu hinterlassen.
Als der Abend näherkommt,
werden die Schatten länger,
Du bleibst an deinem Ort,
mit der bloßen Existenz.
Und die Welt,
selbst wenn sie dich nicht bemerkt,
wird durch dich
still vervollständigt.
– Önder Özkan –
– Sie lässt das Tonic schon lange weg
Ist genügsam geworden
Gin reicht ihr
Darüber hinweg
Selbst worüber ist schon lange weg
Darüber hinweg reicht ihr
Die Fotografie
Längst aus dem Rahmen genommenes
Der Blick auf den leeren Rahmen reicht ihr
Tage, Stunden, Minuten vergehen
Einfach so
Das genügt ihr ...
... und der Blick auf die traurigen Gardinen
Die das Fenster ohne Aussicht umrahmen
– Otto Lenk –
– Es ist gedankliches Entrücken,
Verlust an Haftung und an Halt.
Gleich einer bunten Traumkaskade
wird Wunsch zur festen Wirklichkeit,
gewinnt an Form und an Gestalt.
Welch wunderschöne Maskerade!
Und so wird man hineingezogen
in eine dichte Wörterwelt,
um wie betäubt dann zu verweilen,
gibt sich den Sätzen haltlos hin.
Dann fällt fast jeder wie bestellt
herein auf diese Macht der Zeilen.
Welch Poesie, welch sanfte Worte!
Und letzte Zweifel sind versiebt.
Ein Lebensborn statt einer Brache.
Kritik ist ihrer Macht beraubt.
Was sich noch vor die Sonne schiebt
verschwindet mit der Kraft der Sprache.
Doch wenn sie platzt, die zarte Blase,
Die schnell zur Träumerei verführt.
Dann schließen Wolkenkuckucksheime.
Sie ist enttarnt, die Illusion.
Der Leser wach, denkt irritiert:
Sie waren täuschend schön, die Reime!
– Volker Teodorczyk –