April 11, 2026



Durch den 

Fensterladenspalt


(Ballade)



 – Es war einmal ein Mensch, der war zufrieden,

Der hatte einen Zaun und einen Hund,

Ihm war der hominide Gang beschieden,

Und zur Beschwerde sah er keinen Grund.


Er hatte außerdem ein Gegenüber,

Das ihm den Zweifel von der Seele nahm,

Er litt an gar nichts – nur am Lampenfieber,

Wenn ihm die Zukunft in die Quere kam.


Zum Beispiel fing sein Nachbar an zu fliegen,

Der Mensch sahs durch den Fensterladenspalt,

Und tags darauf ist er aufs Dach gestiegen,

Und in Gedanken flog er Richtung Wald,


Es hat der Mensch die Arme ausgebreitet,

Und nur der Absprung hätte noch gefehlt,

Der Brustkorb war ihm heldenhaft geweitet,

Der Mensch hat froh bis hundertelf gezählt


Und stieg bei hundertzwölf vom Dach herunter,

Er ging zu Bett und träumte von dem Flug,

Der ihn als Schwalbe aus Papier dann unter

Den Sternen hin zum Kinderspielplatz trug.


Dort ist er lautlos übern Sand geglitten,

Verfing sich jäh in einem Purzelbaum,

Und eine Besenhexe kam geritten –

Dann war er aber aus, der schöne Traum.


Der Mensch ist wieder hoch aufs Dach geklettert,

Und nunmehr hob er wirklich ab und flog,

Ist rein in einen Schweinestall gebrettert,

Als ihn der Wind auf Nachbars Grundstück zog.


Die Zukunft, sprach der Mensch, liegt nicht im Fliegen,

Des Bürgers Zukunft liegt im Flugverbot.

Dann ist er einmal noch aufs Dach gestiegen,

Man sah ihn fliegend um den Kirchturm biegen,

Er wollte einen Überflieger kriegen …

(und falls er abgestürzt ist – ist er tot).



– Peter Welk –



April 10, 2026



Mondsatzbibliothek/Exosphäre 
im Rucksack (für w.)



 – Ein Leben fliegt


Als Leichtgewicht


Mit luftgestimmten Saiten

Trifft es den Erdbegleiter



– Ubertas –



April 09, 2026

 


Träumerei



 – Leise rauschen Meereswellen

an den blütenweißen Strand

einer Insel der Seychellen,

wo ich meine Ruhe fand.


Schaukelnd in der Hängematte

liege ich, wie Gott mich schuf.

Aus der Ferne dringt durchs satte

Palmengrün ein Vogelruf,


scheint mich in den Wald zu locken,

wo die süße Feige reift.

Sorgen sind gleich Baumwollsocken

unauffindbar abgestreift.


Hoch vom Orchideenhügel

weht ein seidenweicher Hauch

sanft um meine Nasenflügel.

- Was ist das? Ein scharfer Rauch


beißt in meine Augenlider

und erstickt die Träumerei.

Unverhofft umgibt mich wieder

graues Großstadt-Einerlei


und ich sehe statt der Palmen

- ach, mein Wahn zerstob verfrüht -

nur den Ventilator qualmen,

welcher grüne Funken sprüht.


Weggerissen ist der Schleier,

Alltag nimmt mich in Besitz.

Nur der vogelwilde Schreier

bleibt im Bilde: Nachbars Fritz ...



– Cornelius –



April 08, 2026

 


Stein



 – Es ist,

was es nicht ist –

ein andereres.


Und


alles schwieg,

als ob –

in dieser Stille

Worte bedeutsamer

wären.


Als ob

ein Wort jemals

Stille bedeuten

könnte.


Ich schrieb,

des Schweigens

trotzend,

dieser wunderlichen

Stille –


Als ob.



– Rufus –



April 07, 2026



Alles für ihn



 – Die Kinder sind im Wald und bauen

für einen Wichtel Haus und Garten.

Er scheint den beiden zuzuschauen

und sorgsam im Versteck zu warten.


Ein lichtes Dach aus vielen Zweigen,

die einen hohen Stamm umstehen

und sich zu seiner Rinde neigen,

kann er von dort aus deutlich sehen.


Darunter steht, ins Laub gebreitet,

für ihn nach harten Arbeitstagen,

ein Bett aus Moos, und es bereitet

ihm schon von Ferne Wohlbehagen.


Im Garten sieht er ein paar Beete,

bestreut mit einer Samenmischung

für Blumen, die ihm eine stete

Gesellschaft bringen und Erfrischung.


Die Kinder, ehe sie nun gehen,

verlassen ihn mit dem Versprechen,

er könne sie bald wieder sehen,

sie kämen, ihm das Laub zu rechen …



– gummibaum –



April 06, 2026



subtraktion der engel



 – es weht dich

durch die kirchenschiffe


voraus

geht dir mondgeleit


um hörner der altäre

schlängelnd

ein abziehbild


legst du dich

ins blumenweiß


ein licht

geht an

ein licht

verlischt dich


ein falter

noch

im flügelschlag



– ubertas –



👉  Interpretationsversuch:

Das Gedicht beschreibt einen Menschen, der sich wie in einem Traum oder in einer anderen Welt bewegt. Er wird nicht selbst aktiv, sondern «wird geweht» – also von etwas Unsichtbarem geführt. Der Ort wirkt wie eine Kirche, was auf etwas Religiöses oder auf den Tod hinweisen kann. Der Mond begleitet den Weg. Das Licht des Mondes ist aber kein echtes Licht, sondern nur ein Spiegelbild. Das zeigt: Alles wirkt etwas unwirklich oder wie eine Illusion.

Später legt sich die Person «ins Blumenweiß». Das kann an Blumen bei einer Beerdigung erinnern. Es könnte also bedeuten, dass die Person stirbt oder sich dem Tod nähert.

Dann kommt ein wichtiges Bild: Ein Licht geht an, aber dieses Licht «löscht» den Menschen aus. Das heißt, das Licht steht hier nicht für Leben, sondern eher dafür, dass das Ich verschwindet.

Am Ende bleibt nur noch ein «Falter im Flügelschlag». Der Falter (Schmetterling) ist ein Symbol für die Seele und für Vergänglichkeit. Das «noch» zeigt, dass nur ein letzter Rest von Leben oder Bewegung da ist.

 «Subtraktion der Engel» handelt wahrscheinlich vom Sterben oder vom Verschwinden des eigenen Ichs. Es zeigt diesen Moment ruhig und in schönen, aber auch etwas unheimlichen Bildern.