Identitas I
Das Meer erhob sich
zu Wellen in der Zeit,
und mit der Zeit
fürchtet die Welle
das Meer.
Identitas II
Das Meer –
die Welle.
Ich fürchte
das Meer.
– Rufus –
👉 Interpretationsversuch:
Das Gedicht «zwischen dem Vielleicht» bewegt sich stark im Spannungsfeld von Chaos, Möglichkeit und flüchtiger Ordnung. Es wirkt wie eine philosophische Reflexion über die Natur der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung davon.
Der erste Teil zeichnet ein Bild von Chaos, das «ein Gewand aus zerbrochenen Spiegeln» trägt. Zerbrochene Spiegel stehen oft für Fragmentierung – nichts ist ganz, alles ist in Teile zerfallen. Gleichzeitig spiegeln diese Splitter jeweils ein eigenes Bild wider. Die Formulierung «in jedem Splitter ein Universum / das sich selbst betrachtet» deutet darauf hin, dass jede Perspektive eine eigene Realität enthält. Das kann man so lesen, dass es keine objektive, einheitliche Wirklichkeit gibt, sondern viele subjektive «Mini-Universen», die jeweils ihre eigene Wahrheit reflektieren. Der «Wind der Wahrscheinlichkeit» verstärkt diese Idee: Alles ist im Fluss, nichts ist festgelegt, sondern entsteht aus Möglichkeiten und Zufällen.
Im zweiten Teil verschiebt sich der Fokus von Chaos hin zu Schönheit und Ordnung. Die Aussage «vielleicht ist die Schönheit / nur ein kurzer Moment / einer Ordnung» relativiert den Begriff von Schönheit stark. Schönheit ist hier nichts Dauerhaftes, sondern ein flüchtiger Zustand – ein kurzes Aufscheinen von Struktur innerhalb des Chaos. Besonders interessant ist die letzte Zeile: «in dem das Universum innehält / und sich selbst versteht». Das legt nahe, dass Ordnung und Schönheit Momente sind, in denen das Universum gewissermaßen Bewusstsein oder Klarheit erreicht. Man könnte das auch auf den Menschen übertragen: In Momenten, in denen wir Schönheit wahrnehmen, erkennen wir für einen Augenblick eine tiefere Ordnung hinter allem.
Insgesamt lässt sich das Gedicht als Meditation über Unsicherheit und Erkenntnis lesen. Das «Vielleicht» im Titel ist zentral: Es gibt keine festen Antworten, nur Annäherungen. Wirklichkeit erscheint als etwas Vielschichtiges und Instabiles, während Erkenntnis und Schönheit seltene, fast zufällige Momente sind, in denen sich für einen Augenblick Sinn zeigt.
– Du bist im Kreis der zwölf das wilde Kind
von deinen Wangen perlt der erste warme Regen
die krausen Haare zaust ein ungestümer Frühjahrswind
du bist noch jung und unbeschwert verwegen
Dein Ding sind nicht die traurig ernsten Sachen
du pfeifst ein trotzig freches Lied mit spitzem Mund
wo andre weinen möchten ist es dir zum Lachen
in deinen wasserblauen Augen blickt man bis zum Grund
Hinter der Stirn logieren Unsinn Witz und Possen
ganz gleich wer etwas von dir will du machst es nicht
um deine Nase hüpfen ungezählte Sommersprossen
ich wär so gern wie du drum schreib ich dies Gedicht
... und nenne es – «Aprilgesicht» !
–TassoTuwas –
ist einer, der sich endlich mal was traut
hier durchgreift, aufräumt, sich um Ordnung kümmert
der alles was im Wege steht, zertrümmert
vor allem wenn man uns vom Teller klaut
die allerbesten Häppchen (also seine)
da wütet er, bis sich die Balken biegen
und bleibt kein Fakt auf einem andern liegen
begräbt der Stall beim Einsturz … arme Schweine
wo Unrecht weilt, erscheint er als Befreier
und wirft sich wie Godzilla in die Schlacht
erst fliegen Bomben, dass die Börse lacht
dann wieder Korken auf der Siegesfeier
er fing bescheiden an, mit einem Haus
(ein altes weißes, völlig démodé)
Gesetz, Verträgen, Booten auf der See
dem Napf der nimmersatten Kirchenmaus
bis er begriff, er könne ‚Großes' wagen
und demoliert seitdem (wo es sich lohnt)
so ziemlich alles und wohl bald den Mond
selbst Tempel, die nicht seinen Namen tragen
die Liste seiner Taten füllen Bände
was immer seine Hand berührt … muss sterben
was er noch vorhat? Chaos, Schutt und Scherben
und auch ein Armageddon, ganz am Ende
– Dirk Tilsner –
– Er war ein bisschen wirr im Kopf,
und stieg auf einen Blumentopf,
statt wie er wollte, auf sein Klo,
und machte so die Blume froh.
In seiner Dusche ein Papier
mit Waschregionen 1 – 4.
Er hakte ab, doch half der Trick
ihm keineswegs beim Überblick.
Im Supermarkt stahl er Salat
versehentlich und bat um Rat,
warum er an dem Kassenband
trotz Lupe keine Kasse fand.
Sein Handy hielt sich meist versteckt,
doch hatte er es mal entdeckt,
so rief er sich auf Festnetz an
und quatschte mit dem netten Mann.
Warum ich von dem Mann erzähl
und euch mit seinem Unsinn quäl?
Damit ihr mich darin erkennt
und mich nicht länger «Genius» nennt …
– gummibaum –
– Ich schwörs,
ich konnte nichts dafür,
plötzlich war er da.
wahrscheinlich irrte er umher,
wusst’ selbst nicht wo er war.
denn was,
um gottes willen,
hatte er gesucht?
war doch der kalte stein
des bades sein revier,
und nicht das warme laminat
im schlafgemach.
auf jeden fall, ich ging,
ja, sah ihn noch,
in einem augenblick,
wollt meinem fuß noch sagen,
geh nicht, tritt nicht,
doch schritt und quaatsch und
aus und tot der silberfisch.
da lag er nun,
noch flacher als vorher.
er tat mir schrecklich leid, denn,
so fragte mein gewissen,
konnt’ es sein,
dass seine seele keine zeit,
sich zu beflügeln für die ewigkeit,
dort auf dem boden nun,
im silberfisch gequetscht, da lag?
der ewigkeit beraubt, von mir.
was war zu tun?
ein grab, eine bestattung musste her.
frieden für des silberfisches seele.
ich kniete nieder.
war gerade noch dabei
die reste aufzusammeln,
als eine polle mich von links erwischte.
hatschi und haste nicht gesehen,
nieste ich den kleinen kerl
in alle ewigkeit hinein.
Epilog: ... mal ist man Gott
– Dass dich hier ein Möwenschiss
treffen wird, ist so gewiss,
wie der nächste Regenguss
auf dich niederprasseln muss.
Übertrieben aufgebauscht
und von Wind und Meer berauscht
brechen Wellen in die See,
selbst der Rum hat ein' im Tee.
Heut wird Scholle aufgetischt,
aus der Gischt frisch rausgefischt,
steifer Grog in steifen Hals,
Preisen mangelt's nicht an Salz.
Ist der Urlaub dann vorbei,
winkst du noch von Norderney
weit hinaus auf hohe See,
Ebbe herrscht im Protemonnaie.
– Stefan Pölt –