Juni 20, 2026




(Bild Wikipedia)


Zwiespältig



 – Bin und bin es dennoch nicht

will gern und verneine

Schrat zugleich und Riesenwicht

fuße ich und beine


Reiße gern den Schnabel auf

spür den Fuchs im Nacken

probe mich im Elchkuhlauf

kau mit Eichhorn-Backen


Übe gern des Adlers Schrei

schlüpf in Rehleins Hülle

schwöre auf mein Hirschgeweih

und des Keilers Fülle


Streich das Hasenfell mir weich

mach den Wurzelbeißer

piep als Vöglein auf der Eich

fletsche Wolfes Reißer


Finde riesig mich und klein

nutzlos auserlesen 

könnt ein Wolpertinger sein –


und bin 

Menschenwesen



– niemand –



Juni 19, 2026



Du gehst



 – Du gehst und nimmst nicht mich. Du nimmst den Blick,

in dem ich war, und trägst ihn aus dem Haus.

So bin ich nur noch in mir aufbewahrt.

Du gehst und lässt dein Bild in meiner Hand,

ich halt es fest und halt es doch nicht still

(es wird mir fremd, je fester ich es fass).

Es bleibt nicht, wie du warst. Ich mal daran,

ich übermal, was du gewesen bist,

und werde, wer ich war, zum letzten Mal.

Du gehst und nimmst den Anfang mit dir fort,

das Bild von mir, das Du allein noch hast:

wie klein ich war, bevor ich von mir wusste.

Du warst der Blick, der mich zuerst gehalten,

und gehst, und mit dir geht mein erstes Ich.



– seefeldmaren –





Juni 18, 2026



kann/sein



der geruch von maikraut

dieses schelmische 'was du nicht sagst'

hand in hand

around and around

die ewigkeit

nur einen steinwurf entfernt

und immer wieder dieser schelm in dir

alles hinterfragend bestätigend

alles alles außer frage

selbst der eingefangene sonnenstrahl

in deinen händen

außer frage


kann nicht sein kann nicht sein


der geruch von maikraut

auf deiner nackten haut

around and around

ewigkeit

alles alles

was du nicht sagtest

was deine hände erzählten

und dieser geruch von maikraut

den ich mitnehme

für die zeit danach



– otto lenk –



Juni 17, 2026



Beweisnot



 – Die Toten brauchen wenig, 

glauben wir.


Vielleicht nur Dunkel,

das nicht weh tut.


Vielleicht ein bisschen Regen,

damit die Erde

nicht so trocken klingt.


Wir Lebenden brauchen mehr.


Eine Hand.

Einen Namen.

Einen Grund,

nicht zu verschwinden.


Wir sammeln Dinge,

als könnten sie beweisen,

dass wir hier waren.


Tassen.

Fotos.

Narben.

Sätze, die niemand

zu Ende gesagt hat.


Wenn ich gehe,

soll niemand sagen,

ich hätte nichts gewollt.


Ich wollte viel.


Nicht aus Gier.


Aus Beweisnot.


Ich wollte meine Hände

so voll haben,

dass der Tod

kurz überlegen muss,

wo er mich anfassen soll.



– Chandrika Wolkenstein –



Juni 16, 2026



Gaslicht



 – Im Blick so flügellahm,

die Liebe wie der schwere Stein

als Erlösung,

die vernichten will.



– Rufus –



Juni 15, 2026



Nass



 – Der Grauhimmel  pieselt,

es wabert und rieselt

vom Dach durch die Locken

ins Hemd und die Socken!

Das war nicht der Plan!

Ich bin im Momente

so nass wie 'ne Ente,

wo ist mein Umbrella?

 

Der liegt in der Bahn!



– Andrea M. Fruehauf –



Juni 14, 2026



Gewissensfrage



 – Die Lüge schminkt sich farbenreich

Ihr Lächeln schimmert seiden

Sie bettet dich behutsam weich

Die Wahrheit lässt dich leiden

 

Doch immer wieder lassen wir

Uns streichelzart umgarnen

Und Komplimente steh’n Spalier

Wer hört da noch das Warnen?

 

Selbst ein verzaubernd süßer Schwall

Mit Schwüren eingeläutet

Wird demaskiert zu Rauch und Schall

Wenn sich die Lüge häutet

 

Der Wahrheit einfaches Gewand

Zeigt schlichten Stil und Strenge

Bescheiden, doch dezent galant

Hebt es sich aus der Menge

 

Doch wer mag schon Bescheidenheit?

Wie lieben wir die Lüge!

Sie spielt mit unsrer Eitelkeit

Doch sie macht herbe Züge



– Volker Teodorczyk –