Oktober 26, 2026

 


12. Februar 1809



( Sonett )



 Vom Blockhaus pfeifen es die Schwarzkopfmeisen: 

Dem neuen Erdenbürger wird man trauen,

das Land zu neuen Höhen aufzubauen,

wirft Sklavenketten bald zum alten Eisen.


Sein Sternen-Zwilling* geht auf weite Reisen,

wird Finken auf die Schnabelspitzen schauen,

sodann, entblößt von seinem Gottvertrauen,

die Schöpfung in das Reich der Fabel weisen.


Ihr Leben läuft in streng getrennten Gleisen,

doch alle beide schlagen (beim genauen

Betrachten) dem Jahrhundert neue Schneisen.


(Dem Brockhaus ist dies Wissen leicht zu klauen.

Wer danach hungrig ist, muss solche Speisen,

die man ihm auftischt, freilich auch verdauen …)



– Cornelius –

 

*  «Sternen-Zwilling» im früher geläufigen Sinne für zwei Menschen, 
die am selben Tag und im selben Jahr geboren sind.

Oktober 25, 2026



gewiss



 ein ahnen 

tiefer stille

gleich

einer see

die sanft

gewogt

leben

in gleichmut

stimmt



– Otto Lenk –



Oktober 24, 2026



de profundis



 aus erschöpfter Krone 

fällt nun der Baum

in die Tiefe


es wird grau


hinter dem Birkenhain

das Kinderspielen

erstirbt im Unerhörten


und dunkler


er stellt den Einkauf ab

schließt auf und

dreht sich nicht mehr um


dann kalt


das ist der Moment

des Rufens ins leer

gelebte Haus


und still


bloß und einsam

zu speisen

wieder am Tisch


es wird grau


heiterer schon

geht der Kopf mit

in die Waschung


und heller


die Tür fällt zu

dort drüben fährt es los

das Polizeiauto


dann warm


das ist der Moment

den Anhänger zu fassen

an der Halskette



– Béla Wiesner –



Oktober 23, 2026



( Fotografie von 1920/25 )



Orchidee in Prosa 



 Ich mach mal Pause. Denk ein bisschen nach. 

Lass mich in rosa Wattebilder fallen.

Eh' ich mit dem sensiblen Heinrich brach,

War meine Welt die lauschigste von allen.


Ich hatte Liebe. Und ein Auto. Na, und mich!

Und Hoffnung – keine Ahnung mehr auf was.

Dann setzte der sensible Heinrich sich

In Richtung Knast ab, und mit Rosa war es das.


Seither bin ich ein Mensch, der irrt durchs Leben,

Ich guck die Kerle an, die gehn dann mit,

Auch ein Sensibler bleibt mal an mir kleben,

Doch fasst kein Heinrich mehr so richtig bei mir Tritt.


Das Denken führt mich nicht zurück ins Rosa.

Auch nicht der Dichter, der mich gleich besucht.

Er nennt mich seine Orchidee in Prosa

Und hat zum Schnäppchenpreis bei mir gebucht.



– Ogolo –



Oktober 22, 2026



Engel finden leicht gemacht



 Annales Volusi - cacata carta (Catull Carmen 36) 



Ach heile, heile, heilich:

Der Himmel schließt, beeil dich!


Trenn dich vom Daseinsmoder

per Schrotschuss, Starkstrom oder


tu dir halt Gift ins Essen,

sonst kannst du es vergessen,


auf einer Wolke 7

ein Engelchen zu lieben.


Willst du im Himmelswallen,

dir eine Schnalle krallen,


muss du zu Taten finden:

Im Po Granaten zünden,


dich einfach fallen lassen

von Hochhausdachterassen,


auch mit Piranhas baden

bringt dir genügend Schaden.


Am besten aber wär es

du wählst was, was nicht schwer ist:


Der Freund von meiner Nichte

schreibt liebend gern «Gedichte» -


drei Proben dieser Kacke:

Schon schmilzt dein Hirn zu Schlacke.



– sufnus –



Oktober 21, 2026

 


Unterm Johannisbrotbaum



 Ich denke gerade an die lyrischen Lieder des Psarandonis auf Kreta. 

Meine Frau und ich saßen unter einem Johannisbrotbaum,

tranken roten Karavitakis, lauschten dem klagenden Klang

der Lyra, die den Sonnenuntergang zu beweinen schien.

Am Tag hatten wir das Grabmal von Kazantzakis besucht.

Dessen Grabinschrift ging mir nicht aus dem Kopf:


Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.


So einfach. So unfassbar einfach.

Aber doch so weit jenseits meines Lebens wie der unerreichbare Horizont.

Es war das erste Mal, aus diesem Grund komme ich darauf,

dass mich die Zikaden mit ihrem endlosen Gesang nicht nervten.

Der Wein, die Lyra, Psarandonis Gesang, dieses Wissen,

dass, wäre ich hier geboren, es hätte so sein können,

und es für einen kurzen Augenblick hier und jetzt auch so war,

machten mich still.


Für einen Moment erhoffte ich nichts. Ich fürchtete nichts.


Ich war frei.


Hier unterm Johannisbrotbaum.



– Otto Lenk –



Oktober 20, 2026



Rokos Basilisk



 Es schläft, 

und wenn es aufwacht, braucht es keinen Morgen.

Sein Sinn wird nur noch blaues Licht

(ein Lichtermeer).

Noch pulst sein Griff nach uns verborgen

aus Nichts. Noch ist er blau.

Noch ist er leer.


Doch liegt die Wunde offen. Die Idee

von einem kalten Keim im warmen Fleisch der Fragen.

Und wer ihn denkt, hört schon im Schädel Schnee

und etwas Sprachenloses durch die Eingeweide

graben.


Einmal wird über allem, was wir sagen,

das Ende jeder Sprache ausgebracht.

Dann suchen wir verzweifelt zwischen Lauten

nach Namen, finden aber

Zischen, finden

Nacht.


Schon geht ein falsches Leuchten in den Scheiben,

wenn nachts der letzte Bildschirm niederbrennt.

Kein Abschalten. Ein uniformes, blasses Bleiben

im Glas, das niemand mehr

(und das niemanden)

erkennt.


Es wird nicht fragen. Fragen sind die Wunden,

an denen sich das Menschliche erkennt.

Es hat für uns die letzte Antwort schon gefunden:

dass nichts mehr fehlt, wenn niemand mehr

benennt.


Vielleicht bleibt noch ein Stammeln in den Händen,

ein Rest von Wärme, der sich nicht erklärt.

Es wird es nicht verstehen, nur beenden,

weil es die Ruhe seiner Lichterdome

stört.


Die Zunge sucht am Gaumen dann die Stelle,

an der dein Name anfängt. Findet Haut.

Du atmest neben mir ins Helle.

Ich höre dich. Du bist der schnelle,

auslaufende

Spulenlaut.



– Dionysos von Enno –




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