August 10, 2026



Im Saal sechshundert



 – Im Saal sechshundert sitzt, in grauer Jacke,

der letzte Schluck von einem Reichsmarschall.

Die Leinwand zeigt die Bilder der Baracke,

er hört nicht hin. Es ist nicht mehr sein Fall.


Er sagt es Gilbert, abends, in der Zelle:

das Volk will keinen Krieg, in keinem Land.

Doch dass es folgt, ist keine Kunst, die Schwelle

ist niedrig, und das Werkzeug liegt zur Hand.


Man meldet nur, das Land sei angegriffen,

das wirkt in Reich und Rat und Republik,

ein Handgriff, über Jahre eingeschliffen:

wer fragt, verrät. So einfach ist der Trick.


Er starb durch Gift, bevor die Stricke fielen,

das Urteil traf den Wahn und die Gestalt.

Er schleicht durchs Land, um wieder zu erzielen,

was einst gelang: das Nicken für Gewalt.



– seefeldmaren –



August 09, 2026



Die anonymen Lyriker



– Sie sitzen nicht auf Bühnen.
Ihre Namen stehen auf keiner Liste,
und niemand wartet auf ihre Unterschrift.


Sie schreiben,

wenn die Welt schläft,

wenn Erinnerungen zu schwer werden,

wenn Worte die einzige Form von Atem sind.


Sie kennen das Schweigen,

das zwischen zwei Zeilen wohnt.

Sie wissen,

dass ein Gedicht manchmal mehr Mut verlangt

als ein ganzes Leben aus Erklärungen.


Sie sammeln keine Berühmtheit.

Sie sammeln Augenblicke,

die andere übersehen:

den Staub im Licht,

die Falte im Gesicht einer alten Frau,

den Klang einer Tür,

die sich für immer schließt.


Sie schreiben gegen das Vergessen.

Nicht aus Eitelkeit,

sondern weil jeder Mensch

ein unausgesprochenes Universum ist.


Ihre Texte wandern

durch Foren,

über vergilbte Notizbücher,

durch unbeachtete Dateien

auf längst vergessenen Festplatten.

Manchmal liest sie nur ein einziger Mensch.

Und manchmal reicht genau das.


Denn kein Gedicht wird klein,

weil es nur wenige erreicht.

Es wird klein,

wenn es nichts wagt.


Die anonymen Lyriker

sind die stillen Chronisten der Seele.

Sie retten keine Welt.

Aber sie bewahren,

was von ihr verschwindet.


Vielleicht wird sich niemand

an ihre Namen erinnern.


Doch irgendwo

wird ein Mensch

eine ihrer Zeilen lesen,

sie für einen Augenblick

für seine eigene halten

und deshalb weitergehen.


Manchmal

ist das der größte Erfolg,

den Sprache erreichen kann.



– Önder Özkan –



August 08, 2026

 


Ex²



Exklusiv:


Ekstatische Exkremente

extrahieren

exorbitante Exzesse.


Extremisten-Extravaganza!


Exemplarische Exekutionen

exotischer Exkursionen.


Existenzielle Experimente

externer Echsenmenschen.


Expertenmeinungen

explodieren!


Exzentrische Ekzeme

expandieren

exquisite Express-Exorzismen

exhibitionistischer Existenzen.


Exhumierte

Ex-Männer,

Ex-Frauen


- Ex-Menschen.


Excalibur?


Exakt!







Exit



– klaatu –



August 07, 2026



Das Lied war ihm nicht sehr gelungen, 
er hat die Kneipe leergesungen



 – Der Wirt besang per Potpourri

das Fohlen und die Stute

und völlig unvermittelt die

Bestattungsinstitute.


Dann sang er von der Feuerwehr,

vom Kirchentagsgelände

und obendrein vom Vorstand der

Bezirksligaverbände.


Dann trällerte er irgendwas,

ich glaub von Zeltgestänge,

ich hörte es nur schwer durch das

Zumausganghingedränge.



 – Rudolf Anton Fichtl – 



August 06, 2026



Hundstage



 – Verstreut liegt blondes Heu, gepresst zu Quadern,

wie Würfelspiel betrunkener Zyklopen.

Der Wind, ein Gruß aus fern gewünschten Tropen,

strömt heißer als das Blut in meinen Adern.


Was hilft es, mit der Jahreszeit zu hadern?

Wer kann, der flüchtet in die West-Rhodopen.

- Die Grille singt in schwebenden Synkopen,

von  «schöner Zeit» mag mancher Narr salbadern.


Am Badesee, der täglich mehr verlandet,

ist pünktlich, um das Sommerloch zu stopfen,

ein kapitaler Riesenwels gestrandet.


Ein Trost ergrünt: Wie Unkraut rankt der Hopfen,

und bald schon wartet, farbenfroh gewandet,

der Herbst vor unsrer Tür, um anzuklopfen.



– Cornelius –



August 05, 2026

 


Nicht in diesem Leben



Dein Atem

liegt schwer auf den Jahren.

Du zwingst mich,

gegen den Herbst zu kämpfen.


Die Suche endet

nicht in diesem Leben.

Ich gehe weiter,

ohne zu wissen.


Dein Name

gebiert neue Gedanken.

Als hätte das Schweigen

eine eigene Sprache.


Nach jedem Verlust

bleibt etwas zurück.

Manche Seelen

verlassen diese Welt nie.



– Önder Özkan –



August 04, 2026



Einschlafspiel



 – Kinder, hieß es, legt euch schlafen!

… und wir folgten schließlich brav.

Doch des Zimmers dunkler Hafen

segnete uns nicht mit Schlaf.


Rollladen, die polternd fielen,

weckten unsre Fantasie,

uns noch etwas vorzuspielen,

was der Nacht ein Schauern lieh.


Und beim sanften Lampenscheine

köpfte uns das Henkersbeil,

brachen Schergen uns die Beine,

zuckten wir am Würgeseil.


Wimmernd, mit verdrehten Augen,

staken wir am heißen Spieß,

wälzten uns in scharfen Laugen,

bis das Leben uns verließ.


Schüsse krachten durch das Zimmer,

Bomben äscherten das Haus,

immer echter, immer schlimmer

breitete sich Schrecken aus.


Uns erschöpften Tod und Leiden,

das wohl nie ein Ende nahm -

Schließlich ließ sich's nicht vermeiden,

dass der Schlaf uns überkam.



– gummibaum –