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September 08, 2026



Kyrie



 – Ich warf das Wort

Erbarmen

in den hohen Raum.


Er löste sich aus meinem Mund

und schwebte allein

durch das Gewölbe.


Ringsum

die geschlossenen Münder

des Chors.


Der Klang berührte jeden

und fand

kein Gegenüber.


Dann kehrte er

zurück,


schmaler,

an den Rändern wund.


Ich nahm ihn wieder

unter die Zunge.


Dort liegt er noch:

ein unbestatteter Ruf.



– Chandrika Wolkenstein –



August 21, 2026



Das Tier



 – Wir fütterten es

mit kleinen Zugeständnissen.


Zuerst fraß es nur

ein Wort vom Tisch,

dann einen Namen

aus dem Telefonbuch.


Wir sagten:

Es wird schon satt werden.


Doch nachts wuchs es

durch die Wände,

legte sein Ohr

an jedes Schlafzimmer

und soff den Schlaf

aus unseren Mündern.


Am Morgen fehlte wieder jemand.


Wir rückten die Stühle zusammen,

damit die Lücke

kleiner aussah.


Als es schließlich

unsere Kinder beschnupperte,

schlossen wir die Tür


von außen.



– Chandrika Wolkenstein –



August 11, 2026



Fremdkörper



 – Die Hügel liegen da

wie die Knöchel einer Hand,

die unter der Erde wartet.


Wurzeln ziehen

unter dem Gestein

die Sehnen straff.


Unter ihren Nägeln

eitert Plastik.


In ihren Gelenken

knirscht Metall.


Durch ihre Adern

pocht Öl

schwarz gegen das Herz.


Die Finger krümmen sich

so langsam,


dass über ihnen

Gras weiter wächst,


während tief darunter

ein Schlag

Geduld lernt.



 Chandrika Wolkenstein –





Juli 13, 2026



Trockendock



 – Die Straßen liegen da

wie gestrandete Schiffe.


Kein Wind hebt sie an.

Kein Regen

macht sie wieder seetüchtig.


Die Hitze hämmert

unter den Planken der Welt,

als wollte sie

den Sommer vernieten.


Wir treiben weiter,

bis unsere Schatten

wie verbrannte Taue

hinter uns schleifen.



– Chandrika Wolkenstein –



Juli 08, 2026



Anvertraut



 – Deine Hand

liegt in meiner.


Haut auf Haut.


Und doch

hält mein Körper

den Atem an,


als hätte jemand

etwas Seltenes,

in Tücher gewickelt,


an meine Brust gelegt

und gesagt:


Trag es vorsichtig.



– Chandrika Wolkenstein –



Juni 17, 2026



Beweisnot



 – Die Toten brauchen wenig, 

glauben wir.


Vielleicht nur Dunkel,

das nicht weh tut.


Vielleicht ein bisschen Regen,

damit die Erde

nicht so trocken klingt.


Wir Lebenden brauchen mehr.


Eine Hand.

Einen Namen.

Einen Grund,

nicht zu verschwinden.


Wir sammeln Dinge,

als könnten sie beweisen,

dass wir hier waren.


Tassen.

Fotos.

Narben.

Sätze, die niemand

zu Ende gesagt hat.


Wenn ich gehe,

soll niemand sagen,

ich hätte nichts gewollt.


Ich wollte viel.


Nicht aus Gier.


Aus Beweisnot.


Ich wollte meine Hände

so voll haben,

dass der Tod

kurz überlegen muss,

wo er mich anfassen soll.



– Chandrika Wolkenstein –



Juni 11, 2026



Anleitung zum Glücklichsein



 – Heute trägt die Welt

ihr Hemd verkehrt herum,

und ich finde es schön.


Der Himmel ist kein Himmel,

sondern eine offene Schublade

voller blauer Möglichkeiten.


Du lachst,

und irgendwo klappt ein alter Schmerz

seinen Campingstuhl zusammen.


Ich gehe neben dir

wie ein Mensch,

der gerade entdeckt hat,

dass unter seinen Rippen

ein Orchester wohnt.


Alles klingt.


Die Ampel springt auf Grün,

bevor wir sie bitten.


Der Hund sieht uns an,

als wüsste er mehr

über das Paradies

als alle Bücher.


Deine Hand in meiner

ist keine Hand,

sondern ein helles Zuhause

ohne Wände.


Ich will nichts besitzen,

nicht einmal diesen Augenblick.


Ich will nur

mit offenem Mund

in ihm stehen

wie in Sommerregen,

der nach Pfirsich schmeckt.


Liebe,

du übertreibst.


Mach weiter.



 – Chandrika Wolkenstein –