Mai 18, 2024


 

Mein vermutliches Vermächtnis



 – Mit spöttischer Verachtung will ich dereinst

da ich verbannt aus Epikurs Garten

die Stoa hinter mir lassend, den bunten Tand

die verschlungenen Pfade

den lärmenden Rausch fliehe

ausbrechen aus dem Zirkel von 

Gutsein und Genuss.


Eintreten ins Unbekannte

den Göttern nahe, doch nicht gleich

der Ewigkeit verbunden und ein jeder

der je hier wandelte oder wandeln wird

sein.


Erst in der vollkommenen Ordnung

der Ruhe frönen

und mit den Göttern das Nichts

erwarten, aus dem alles neu entsteht.

Auch die Götter.



– tueichler –



Mai 17, 2024



Einverleibung



– Die Großstadt, wie ein Biest mit kalten Klauen,
knipst abends ihre tausend Augen an.
Dann schleicht sie mit der Einsamkeit heran,
um manche bange Seele zu verdauen.

Genüsslich fängt sie an mit dem Zerkauen,
weiß, wie mit Sorgen sie zersetzen kann,
zieht Sinn und Zeit formlose Fetzen an
und einverleibt sich letztes Urvertrauen.

Zurück lässt sie so manche leere Hülle.
Jetzt rätselt man im Haus, wer ihn wohl kennt.
Fast kann man etwas wie Gemeinschaft spüren.

Ein fremder Nachbar in der Großstadtfülle 
– die Türe erst nach Wochen aufgestemmt.
( «Man konnte den Geruch nicht ignorieren!» ).



– Claudia Neubacher –




Oma



– wenn Oma

vom «Land der Väter» sprach

blickte sie gen Westen

mit Hoffnung

und Glanz im Auge


im Westen

stand Oma oft

am Fenster mit Ostblick –

in sich gekehrt


«Früher

in der Heimat …»

sagte sie dann

und ein kleiner Schweißtropfen

an ihren Wimpern

glänzte



– niemand – 


Mai 16, 2024



 Feierabendfaktor 



– Ich verlasse den Käfig

auf der Höhe

baumbeschnürte Weite

Schwalben malen fedrige Ellipsen in

kamillegesättigte

Luft

meine Lunge pumpt

Schönheit in verbrauchtes Blut

und in mein Herz

stehlen sich seltsam verliebte Triller

zeitlos

wartet die Katze im Blütengrün

Ich steige

wieder in den Käfig



– Andrea M. Fruehauf –





Reis auf Reisen



 – Ein Reiskorn ging auf Reisen

mit anderen im Sack,

wie es in seinen Kreisen

halt üblich ist, und – zack!

 

schon flog das Korn von Thailand

nach Lissabon, Paris,

Sevilla oder Mailand

ins Einkaufsparadies.

 

Und käme es aus Aden,

es läg am selben Tag

im ersten besten Laden

in Frankfurt oder Prag.

 

Nun harrte es für Stunden,

wahrscheinlich aber mehr,

der Kundinnen und Kunden,

doch bald kam irgendwer.

 

Der kaufte auch noch Brause

nebst Bockwurst, extra lang

und lagerte zu Hause

den Reis im Vorratsschrank.

 

Dort war es kühl und finster,

und alles stand herum,

der Schwarztee aus Westminster

wie Soda medium.

 

Danach vergingen Wochen,

bevor der Mann beschloss,

ein Reisgericht zu kochen,

das er zum Wein genoss.

 

So ist das Schicksal eben.

Ein Reiskorn, das verreist,

das hat kein gutes Leben

und wird profan verspeist.

 

Dann geht es durch den Magen

samt Darm und Pipapo

und ohne große Klagen

geradewegs ins Klo.



– Didi.Costaire –



Mai 15, 2024

 


Frühling, noch ein Lied



– Als Gott, der laue Winde nordwärts trägt, 

Ist er am Morgen übers Land gekommen. 

Der Spross, der sich seitdem im Innern regt, 

Hat seinen Ruf, noch halb betäubt, vernommen. 


Schon wird er ungeduldig, keimt und drängt, 

Meint ICH sei’s, der ihn in den Kerker sperrte. 

Er ahnt, das Weiß, das in den Bäumen hängt, 

Ist nur der Auftakt roter Festkonzerte. 


Ich halte ihn ... umsonst, er bricht hervor 

Und bleibt sogleich an allen Düften kleben. 

Er schaut mich an und lacht, weil ich ihm schwor, 

Es könne nie mehr einen Frühling geben. 



 – Dirk Tilsner –



Mai 14, 2024

 


voll bio logisch



 – Nachdem du die «Vergissmeinnicht»

die ich nur für dich in Nachbars Garten klaute 

rücksichtslos im Müll entsorgt hast


versuche ich ungeduldig

eine Arschlochpflanze zu züchten

die deinen Namen tragen wird.



– Morphea –