Schmidt erklimmt den Gipfel
( Terzine )
– Dirk Tilsner –
( Terzine )
– Dirk Tilsner –
Vollendet ist das Werk am siebten Tage.
Geschöpfe wimmeln, Gottes Wort entsprungen,
in allen Elementen. Keine Klage
erfüllt die reinen Lüfte. Wohl gelungen
sind alle die diversen Kreaturen.
Gazellen und Geparden lagern friedlich
im angenehmen Schatten auf den Fluren.
Sogar Hyänen wirken hier noch niedlich.
Nur einen Steinwurf von der Einhornweide
begegnen sich im Ur-Wald zwei Gestalten
und üben sich, ganz frei von Samt und Seide,
im Blicke tauschen und im Händchen halten.
Noch plagt die beiden Menschen kein Gewissen.
Der Apfel lockt. Gleich wird er angebissen.
II
Geborgen in dem Wundergarten Eden,
noch frisch erschaffen, war der Mensch die Zierde
der Schöpfung, durfte mit Jehova reden.
Doch mit dem Willen keimte die Begierde.
Sie hält seither sein ganzes Ich umschlungen,
regiert in jedem Augenblick sein Leben.
Es war ihm nicht als Wiegenlied gesungen:
Er darf und muss sich selbst Gesetze geben.
So flechten die Betuchten und die Nackten
die Leiber ineinander zu Girlanden
und wiegen sich nach abgezählten Takten
im Taumel der skurrilen Sarabanden.
Einst wollten seine Wellen überborden.
Nun ist der Born des Lebens schal geworden.
III
Ein glutgetränkter Wrasen wabert bleiern
und undurchdringlich um das Reich der Toten,
geschwängert mit dem Duft von faulen Eiern.
Den Lohn des Lasters zahlt man hier nach Noten:
Ein Sünder, eingespannt mit allen Vieren,
bewacht von einem Schwein mit Flötenrüssel,
muss Saiten einer Laute sordinieren.
Dem Darm des Tiers entweichen Bratschenschlüssel.
Dahinter gähnen bodenlose Schluchten.
Quer durch den Quintenzirkel wird gewinselt.
Hier unten kann kein Ohrenschutz mehr fruchten.
So hat es Bosch auf Eichenholz gepinselt.
Nun fragt sich, wer dies Panorama sichtet:
Ist das historisch? Oder nur erdichtet?
– Cornelius –
herbstliches heizungsklopfen
irritiert die sommersimulation
hinterm glas
ersucht eine wanze um einlass
amorphes zucken moderiert mich
in den jour fixe
die sinnsuche mäandert trist
durch projektpläne und terminkalender
ich protokolliere klimatisierte inhaltsleere
und wünsche mich in eine kernschmelze
sie sitzt ja immer noch
glotzt durch diesen spalt
zwischen Mahlzeit und Feierabend
im kaffee badet ein rest eigenlob
der kachelknast applaudiert und implodiert
die flüstert doch irgendwas
bald hast du’s geschafft
ich sollte das fenster öffnen
oder einfach mal den stecker ziehn
vielleicht weiß sie ja bescheid
und gibt mir mein leben zurück
am tassengrund nur noch ertrunkene
belanglosigkeit
wie lange es schon klingelt
oder schon wieder
noch drei minuten bis zum nächsten date
ich könnte es einfach abschalten
ich könnte mich einfach
nanu, sie ist weg
wollte wohl doch nicht rein
aber ich sollte nun
diese wolke da, sie erinnert mich an
du … wer warst du gleich nochmal
vielleicht bin ich morgen krank
wanze müsste man sein
– Marcus Sommerstange –
wenn er sich umdrehte
in alter zeit nickte er
es stand gut um die böden
die früchte für das leben
sein leben lang
der härte segensreicher schweiß
kühlte stets und der blick
am abend zum horizont war frei
frei von silhouetten
ungewohnter art
und ahnte er die asphaltierten
schneisen quer zur armen erde
würgte ihn das bessre
was die anderen wollten
in neuer zeit
mit bloßen händen grub er
nach beistand den er gott nannte
trostloser staub nur
rann das gesicht hinab
zurück in furchen
die bald für ratten
noch vor dem aushub
zu rennstrecken verkamen
und dann in großer spur
sich zeigen sollten
– Béla Wiesner –
( Sonett )
Vom Blockhaus pfeifen es die Schwarzkopfmeisen:
Dem neuen Erdenbürger wird man trauen,
das Land zu neuen Höhen aufzubauen,
wirft Sklavenketten bald zum alten Eisen.
Sein Sternen-Zwilling* geht auf weite Reisen,
wird Finken auf die Schnabelspitzen schauen,
sodann, entblößt von seinem Gottvertrauen,
die Schöpfung in das Reich der Fabel weisen.
Ihr Leben läuft in streng getrennten Gleisen,
doch alle beide schlagen (beim genauen
Betrachten) dem Jahrhundert neue Schneisen.
(Dem Brockhaus ist dies Wissen leicht zu klauen.
Wer danach hungrig ist, muss solche Speisen,
die man ihm auftischt, freilich auch verdauen …)
– Cornelius –
* «Sternen-Zwilling» im früher geläufigen Sinne für zwei Menschen,
die am selben Tag und im selben Jahr geboren sind.