Posts mit dem Label spalier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label spalier werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

September 14, 2026



spalier



 – im weinbaum

wuchs ein garten hoch

im stamm

da griffen hände


hoffnung

los auf blättern

tanzte morgen


licht im zweig

die adern sprechen


bände



– ubertas –




👉  Interpretationsversuch:

«spalier» erzählt vom Leben, das sich seinen Weg bahnt. Natur und Mensch werden dabei nicht klar voneinander getrennt. Der Baum wird zum Körper, der Garten zum inneren Lebensraum und die Adern zu einer Sprache.

Spannend ist der Gegensatz zwischen «hoffnung / los» und dem «morgen». Das Gedicht lässt offen, ob tatsächlich Hoffnungslosigkeit herrscht oder ob die Hoffnung gerade «losgelassen» wird. Diese Mehrdeutigkeit macht den Text geheimnisvoll. 

 
Man könnte die zentrale Aussage ungefähr so formulieren: Auch dort, wo Verletzung, Eingriff oder Hoffnungslosigkeit vorhanden sind, bleibt ein Impuls zum Wachsen und zur Erneuerung bestehen. Das Leben muss nicht ausdrücklich sprechen – seine Spuren und Bewegungen erzählen bereits davon. Auch formal passt das dazu: Die kurzen Zeilen, fehlende Satzzeichen und ungewöhnliche Zeilenumbrüche erzeugen einen tastenden, fragmentarischen Eindruck. Man liest es nicht wie eine abgeschlossene Geschichte, sondern eher wie einzelne Wahrnehmungen, die sich allmählich zu einer Bedeutung verbinden.