Juli 09, 2026



Die anonymen Lyriker



 – Sie sitzen nicht auf Bühnen.

Ihre Namen stehen auf keiner Liste,

und niemand wartet auf ihre Unterschrift.


Sie schreiben,

wenn die Welt schläft,

wenn Erinnerungen zu schwer werden,

wenn Worte die einzige Form von Atem sind.


Sie kennen das Schweigen,

das zwischen zwei Zeilen wohnt.

Sie wissen,

dass ein Gedicht manchmal mehr Mut verlangt

als ein ganzes Leben aus Erklärungen.


Sie sammeln keine Berühmtheit.

Sie sammeln Augenblicke,

die andere übersehen:

den Staub im Licht,

die Falte im Gesicht einer alten Frau,

den Klang einer Tür,

die sich für immer schließt.


Sie schreiben gegen das Vergessen.

Nicht aus Eitelkeit,

sondern weil jeder Mensch

ein unausgesprochenes Universum ist.


Ihre Texte wandern

durch Foren,

über vergilbte Notizbücher,

durch unbeachtete Dateien

auf längst vergessenen Festplatten.

Manchmal liest sie nur ein einziger Mensch.

Und manchmal reicht genau das.


Denn kein Gedicht wird klein,

weil es nur wenige erreicht.

Es wird klein,

wenn es nichts wagt.


Die anonymen Lyriker

sind die stillen Chronisten der Seele.

Sie retten keine Welt.

Aber sie bewahren,

was von ihr verschwindet.


Vielleicht wird sich niemand

an ihre Namen erinnern.


Doch irgendwo

wird ein Mensch

eine ihrer Zeilen lesen,

sie für einen Augenblick

für seine eigene halten

und deshalb weitergehen.


Manchmal

ist das der größte Erfolg,

den Sprache erreichen kann.



– Önder Özkan –





Einander erkennen



 – Du bist nicht das Feuer in meinem Leben.

Du bist die Stille, in der ich begreife,

dass Wärme nie vom Brennen kam.


Seit es dich gibt,

messe ich Zeit nicht mehr in Tagen,

sondern in Augenblicken,

die bleiben,

obwohl sie längst vergangen sind.


Ich liebe dich nicht,

weil du mich ergänzt.

Ich liebe dich,

weil neben dir nichts in mir fehlen muss.


Und manchmal denke ich,

wenn alles vergeht,

Namen, Städte, Erinnerungen,

dass irgendwo im Innersten der Welt

die Spur existiert,

dass wir einander erkannt haben.



– anonym –



Juli 08, 2026



Anvertraut



 – Deine Hand

liegt in meiner.


Haut auf Haut.


Und doch

hält mein Körper

den Atem an,


als hätte jemand

etwas Seltenes,

in Tücher gewickelt,


an meine Brust gelegt

und gesagt:


Trag es vorsichtig.



– Chandrika Wolkenstein –



Juli 07, 2026



Im Riesenrad


 

 – Die bunten Lichter flackern leise,

Diese Nacht kreist wie im Traum,

niemals laut und niemals weise

runden sie den Häusersaum.

 

In der Ferne die Konturen

drehen sich im Himmelslauf.

Schmecke Zuckerwattespuren,

es geht runter, es geht rauf.

 

Und mein Kopf fühlt eine Süße,

schwindelig vom Weiterdrehen,

und ich sende Freundesgrüße

an die Nacht und die Chausseen.



– Heike –



Juli 06, 2026



Atem 


(Tanka)



süßwassermuscheln

zersplittert im ufersand

des atmenden sees


die wellen heben sich und

senken sich leise leise



– Hans Hermann –



Juli 05, 2026



Mal wieder nur ein Tag vorbei


(Sonett)




 – Mal wieder nur ein Tag vorbei getan 

Was man von mir erwartet schleich ich um

Mich selbst wie eine Katze stumm herum

Im immergleichen eingespielten Tran 


In mir schreit alles geh nun endlich fort

Von hier und flieg ins warme Sonnenlicht

Das Schmerz und Leid mit seiner Freude bricht 

Doch bleibt es wieder mal beim leeren Wort


Da auf dem Tisch lockt Lachs auf Vollkornbrot 

Gefühle kommen und vergehen schnell 

Wer weiß ob Neues nicht ein neuer Tod


Nur ist und draußen wird es langsam hell

Die Müdigkeit setzt sich auf meinen Schoß 

Und lässt mich Feigling niemals wieder los



– Aron Manfeld –



Juli 04, 2026



Das längste Gedicht
der Welt


– hören >>



 – Ein schlafend eingerollter Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

 Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt,

So hat er sich beeilt

Und siebenmal zerteilt.

 Die sieben Würmer teilten auch

Sich wiederum von Kopf bis Bauch

 Und ließen nur den Schwanz

Als Wurmgebilde ganz.

 Ich weiß nicht, wieviel Würmer nun

Schon Würmerwühlarbeiten tun,

 Sie wühlen ohne mich

Im Matsch und teilen sich.

 Dann ist der Traum auf einmal aus,

Der Träumerwurm schiebt Augen raus,

 Er sieht den Sonnenschein,

Und schleunigst schläft er ein.

 Der schlafend eingerollte Wurm

Erträumt sich einen Regensturm,

 Der macht mit einem Klatsch

Die ganze Welt zu Matsch.

Darinnen wühlt der Wurm und fühlt

Sich einsam, weil nur er drin wühlt …  …



– Peter Welk –