Juli 06, 2025

 


Im Wind



 – Du kannst nicht vor dir selber fliehen

und nimmst dich mit auf fernen Wegen,

wie Wolken übers Wasser ziehen,

mal weiß und manchmal voller Regen.


Die Luft ist voll von ihrem Knistern,

sie türmt sich bis zum Wolkenbauschen,

du hörst die Wellen leise wispern,

bist frei und möchtest niemals tauschen.


Und auf den Meeren fliegen Schiffe,

sie ziehen mit dir in die Weite,

umfahren Lande, steile Riffe.


Du suchst nach deiner andren Seite,

erlebst die Schönheit, hörst das Klagen -

auf das dich viele Morgen tragen!



 – Heike –



Juli 05, 2025



Die Posaunen von Jericho



  ( Witze aus der Bronzezeit ) 



 – Die Wissenschaft sorgt manches Mal für Staunen.

Jüngst war die Presse von der Meldung voll:

Vor Jericho erklangen die Posaunen,

so gilt es nun als sicher, in d-Moll.


Man forschte in den heiligen Berichten,

hat Josua, Kapitel sechs, studiert.

Vers zwanzig half, die Dunkelheit zu lichten.

Dort steht: Die Mauern wurden d-molliert …



 – Cornelius –





als um nach hause



 – fettige schiebetür

die fingerabdrücke kann man noch riechen

und dazwischen das ziehende

licht wie ein schlauch aus seide

und innen eine stadt aus briefen gebaut

die straßen aus quecksilber

tragen sich selbst aus ihrer haut

und münden dein mund rostrote zärtlichkeit

ich habe dich vermessen vertraut

ist deine fingerkuppe am rand des himmels

es ist fast wie ein zerbröseln

du bist ein star aus violett blauen wasserfällen

ein metall aus zuckerguss

so selten wie eine umarmung

nach hinten.



– seefeldmaren –



Juli 04, 2025

 


Sommer 2118



 – Herrlich war des Sommers Größe,

die vor hundert Jahren prangte.

Anders als die Wüstenblöße,

die Europa bald erlangte.


Damals lag man noch an Seen,

und erging sich nachts auf Festen.

Heute blühen hier Kakteen

zwischen bleichen Knochenresten.


Nur ein Dichter kann durch Tränen,

die er trinkt, noch überdauern,

während Geier und Hyänen

schon vor seiner Höhle lauern …



 – gummibaum –



Juli 03, 2025



Am Strand



 – Heiß hier

auch abends noch

der Wind blättert durch

die Seiten in dem Buch


sie sagt

da draußen

und zeigt auf das Meer

ist was


Er sieht

nichts aber glaubt

dass da

was war



 – Shallow –



Juli 01, 2025



Vor der OP




 – Schon morgen lieg ich unterm Messer.

Vorangemeldet himmelhoch.

In vierzehn Tagen, weiß der Teufel, gehts mir besser,

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht

Werd ich wie weggeweht einfach verschwinden

Über den Winden.

 

Als Mensch war ich gelegentlich ein Knüller,

So immerhin sah ich mich selbst.

Ich seh den Teufel mit gezücktem Füller,

Er schreibt mich in sein Ofenbüchlein ein –

In vierzehn Tagen

könnt ich durch die Ofentür geschoben sein.

 Lebt erst mal wohl, ihr Glücklichen hier unten,

Ich hab den Sommer hinter mir.

Er zählte ohnehin nicht zu den bunten,

Die letzten grauen Tage gönn ich euch.

Und schreibt die Zeitung vom Chirurgenstreich

In einem gut geführten Hospital,

Dann, bitte, denkt an mich, dann war ich mal.

Dann, bitte, möcht ich nicht, dass irgendwo ein Stein

Mit eingekratztem Datum steht, der kostet nur.

Auch nicht ein Kreuz aus schlichtem Holz

vom Sonderangebot.

Besuche nicht erwünscht! – Ich lass euch eine Spur,

Versprochen. Irgendwie bin ich dann tot

Und abgedriftet hinters Abendrot.


Und manchmal morgens, wenn die Brötchen duften,

Wenn schon die Leute

in Gedanken um die Wette schuften,

Dann guck ich in den Tag und guck auf euch.

Vielleicht als Kröte

Mit Lust auf nichts als bisschen Morgenröte.



 – Peter Welk – 



Juni 30, 2025

 


Gesang der Oliven 

im Pizzaofen



 – An den Hängen der Abruzzen

hingen ohne großen Nutzen,

freilich auch zu niemands Schaden -

dies bedenke Euer Gnaden -

wir vereint an unserm Baum.

Damals ahnten wir es kaum,

dass man würde uns berücken

und uns von den Zweigen pflücken.

 

Eine unbekannte Hand

riss uns aus dem Heimatland,

hat uns erst die Haut entfernt

und gefühllos dann entkernt.

Eine flache Rührteigscheibe

ist nun unsre letzte Bleibe,

wo wir zwischen Formfleischschinken

im Tomatenmark versinken.

 

Um uns her brennt schon die Luft

in der heißen Ofengruft.

Bald durch eines Gastes Mund

gleiten wir in seinen Schlund,

müssen eine nach der andern

durch die Speiseröhre wandern,

lassen uns in seinem Magen

wehrlos dann zu Grabe tragen.

 

Solltest dieser Gast du sein,

horche in dein Herz hinein,

ob du uns dies antun willst,

wenn du deinen Hunger stillst.

Wie du dich nun auch entscheidest,

ob du's tun willst oder meidest -

wir am Ende hier vom Lied

wünschen guten Appetit!



 – Cornelius –