Juli 07, 2024

 


Dichter am Werk 

Goethe und Schiller 



– Welche Wörter, fragt sich Goethe, 

reimen sich auf meinen Namen? 

Hirtenflöte, Morgenröte …
das trifft den Geschmack der Damen. 

Das Geschwätz des alten Goethe 

lässt bei Schiller Missmut keimen: 

Hungersnöte, Knoblauchkröte 

zählen auch zu diesen Reimen! 


Was, ruft Goethe, Knoblauchkröte? 

Dann reim‘ du mal was auf Unken! 

Gern, spricht Schiller da zu Goethe: 

Freude, schöner Götterfunken! 



– Martin Möllerkies –



 


Nach oben 



– Geben uns unbeschwert 

die kalten Hände 

fliegen täglich aus 

und wechseln
ab, Schlag um Schlag 


Hängen unscheinbare 

Glieder mitten in die 

Mittagsglut 

wähnen 

sonnenverwandt uns 


Trauen dem Regen 

nicht, nicht den Wolken, 

nicht dem Wasser, das zum 

Himmel schwebt und 

fällt 


Reißen die wurzeln- 

den Worte aus 

fruchtbarem Boden 


Versiegeln die Nerven- 

enden im Schlaf 

wandeln mit
den Füßen zuerst 
nach oben 



– Arabella Walter –



Juli 06, 2024




( Fotografie von 1920/25 )


6. Juli

Weltkusstag


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– Der Menschheit größter Hochgenuss

Ist ohne Zweifel wohl der Kuss,

Ist beliebt, er macht vergnügt,

Ob man ihn gibt ob man ihn kriegt,

Kommt gezielt, kommt aus Versehn,

Kann unverhofft daneben gehn,

Kostet nichts, ist unverbindlich

Und vollzieht sich immer mündlich.


Der Mund gilt nicht allein

Als Endstation für Küsserein,

Nase küsst man, Kinn und Brust,

Auch sonst wohin enteilt die Lust,

Sucht sich Teile, welche leicht

Ein ungebremster Kuss erreicht,

Wenns dem Teil dann nicht gefällt,

Der Kuss, der hält.


Das Küssen treibt die Säfte,

Das Küssen schürt die Kräfte,

Man kann dabei im Innern reifen

Und kann sich außenrum vergreifen,

Man kann den Kuss zum Knall verdichten,

Kann Wolkenkussgebilde schichten,

Man kann zuviel küssen,

Muss nichts bereun müssen,

Der Mensch ist Mensch erst im Kuss.


Schon der erste Kuss drückt sich ins Gemüt,

Jeder weitre Kuss schmückt den, der ihn kriegt,

Küssen macht schön, obendrein auch noch klug,

Küssen kann jeder und keiner genug.

Sogar im Himmel, da schwörn

Die Blondengelgörn

Vom Kuss unterm Abendstern,

Und in der Hölle da tut’s den Schmorenden gut

Vom Küssen im Himmel zu hörn,

Die dicksten Küsse kriegt man von den dünnsten Dingern,

Man kann drauf lauern, dass Küsse dauern,

Beim Dauerkussgenuss gerät der Mensch ins Schlingern,

Und im Erschauern küsst er sich das Schlingern weg.


(Refrain)


 Der Menschheit größter Hochgenuss …



– Ogolo –



Juli 05, 2024

 


Posse 



– Ich saß auf meiner Gartenbank, 

Der Mond erschien mir gertenschlank, 

Beschrieb nur einen schmalen Bogen 

Und stieg der Nacht in das Genick. 

Ich folgte ihm mit meinem Blick 

Von seinem Strahlen angezogen. 


Von irgendwo und ungefähr 

Drang deine Stimme zu mir her, 

Kam leis‘ ums Blumenbeet geflogen. 

Sie streifte flüchtig mit Genuss 

Mir meine Lippen und ihr Kuss 

Hat süß dein Herz belogen! 



– LottaManguetti –



Juli 04, 2024

 


Die Pantherin 


(im shopping centre) 



– Ihr Blick scheint beim Vorübergehn der Läden 

Ein dunkler Schlund, in den sich alles saugt. 

Medusafinger schlingen sich wie Fäden 

Durch alles was für seine Leere taugt. 


Die Picke hackt mit jedem ihrer Schritte; 

Die Sehnsucht, die von ihren Hüften weht, 

Ist wie ein Sog von Saft um eine Mitte, 

In der umsonst ein großer Trottel fleht. 


Da plötzlich stürmt ein Feuer durch die Brille 

Und flammt mich ein. Jetzt geht mein(!) Bild hinein ... 

Ein Flackern, dann versinkt es wie Vanille
Im Eis und hört im Magen auf zu sein. 



– Dirk Tilsner –


Juni 30, 2024

 

Herr Nachtigall 

(Kindergedicht)


 – Du, Hanna, gestern bin ich übers Haus geflogen,
ja, gestern Nacht. Ich lag im Bett und war noch wach,
die Decke hatt‘ ich bis zur Nase hochgezogen,
als plötzlich eine Stimme leise zu mir sprach:

«He, du, ich bin Herr Nachtigall, schlaf ein, schlaf ein,
ich komm auf Traumbesuch, ich hol dich ab zum Fliegen!»
Ich sagte: «Fliegen? Kann ich nicht.» – «Nein», sagt die Stimme, «nein,
schlaf ein, dann kannst du‘s, wirst auf dunklen Wolken liegen 
und mit mir fliegen! 
Pfeif ich dir ein Lied, und jeder Ton
hebt dich ein Stück nach oben! 

Hörst du‘s? 
Fliegst du schon?»


– Peter Welk –


 


Dichterische Freiheit 



 – Der Dichter ist nach Versen gierig, 

Doch oftmals ist das Dichten schwierig.

 Jedoch steht fest: Ein guter Reim
Ist wichtig beim Gedichteschreim. 

Rechtschreiben nimmt man nicht so streng; 

Erlaubt ist durchaus auch mal Släng. 

Beachtet man zu sehr die Form,
Ist oft der ganze Vers verdorm. 

Ein Beispiel: Hat ein Lastenkahn 

Nun Kohle oder Kies gelan? 

Da ist «gelan» nicht ganz korrekt, 

Doch weiß man, was dahintersteckt. 


Doch and‘rerseits soll man beim Reim 

Sprachbeugung auch nicht übertreim: 

Des Dichters Freiheit, meine Liem, 

Zu übertreim, wär übertriem! 


Nichtsdestotrotz, wie dem auch sei, 

Es lebe hoch die Dichterei!
Wie? Was? Du liebst nicht meinen Reim? 
Dann kannst du mir gestohlen bleim! 



– Fritz Pfeiffer –