Juli 31, 2026



Die Berge schweigen



 – Die Welt trägt ihre Narben mit Würde.

Alte Bäume strecken ihre Äste in den Himmel,

als hätten sie nie aufgehört,

an das Licht zu glauben.

Flüsse bewahren Geschichten,

ohne sie festzuhalten.

Die Berge schweigen,

und gerade deshalb erzählen sie so viel.


Und wenn die Nacht kommt,

legt sie keinen Schatten über das Leben.

Sie sammelt nur die Stimmen des Tages ein

und verwandelt sie in Sterne.

Jeder von ihnen erinnert daran,

dass Licht niemals verschwindet.

Es wartet geduldig darauf,

wieder gesehen zu werden.


Und irgendwo

zwischen dem Schweigen der Berge

und dem Glanz der ersten Sterne


finde ich dich.



– Önder Özkan –



Juli 30, 2026



Noch bevor die Blätter fallen. 

Brief



 – Am Rande wovon - das führte zu weit.

Der granitne Stein, nicht klein, zeigt mir ein Gesicht: Augen, Nase, Mund.

Er besteht auf keiner Meinung. Derlei überlässt er mir.


Bin einmal hierhergekommen, Nebenflüsse zu besiedeln, bestenfalls mit Poesie.

Hab mich oft zurückgewandt, hin zum breiten Strom des Meinens, hab geworfen

Stock um Stock, Haselnuss und Esche - platsch! Hat man es gehört?


Den Mantel mit schmutzigen Flecken, den tragen seit jeher die andern.

Stimme vom Rand? Führte zu weit?

Magenverstimmung. Müde zudem.

Bestenfalls noch Poesie?


Nebenflüsse suchen, finden.

Auge, Nase, Mund.

Kam einmal hierher

zu siedeln.



– Scal –



Juli 29, 2026



Kopflabyrinth



 – in meinem Kopflabyrinth

gibt es verschlossene Räume

täglich vergesse ich den Inhalt

wie groß sie sind und wo sie liegen

Vermutungen besagen

sie sind nicht größer als eine Walnuss

oder ein Apfel

was man nicht sieht

kann nicht groß sein

aber nachts

spielen meine Träume dort Theater

abstraktes Kabarett

unsichtbare Besucher klatschen Beifall

verlangen Zugaben

es scheint

als ob die verschlossenen Räume

größer sind

als ich dachte



– stachelbeermond –



Juli 28, 2026



Die Zeit in Rom



 – Schwarzweißer Dunst der Straße

Die Zeit, Il Tempo, Tobsucht

Herzkoller im Gedankenwahn

Augenblick für den Blutmund

Gefüllt, fett, pochend


Wer den ersten Stein wirft …

Kugelhagel, Gedankenwahn

Blutmund lächelt schief:

"Der is keine gute Mensch"

Il Tempo

Herzkoller

Brandlöcher im Sakko

Carlo, WBM, Fler, Finanzen


Geldwäscheautomaten

Weiße Wörter, weiße Wächter

Weiße Waffen, weiße Wege

Marmorn ist die Gegenwart

Finanzbehörden, Palmen

Die Zeit in Rom



– Max Neumann –



Juli 27, 2026



Taverne



– Koriatiki und Kokoretsi,

ein frisches Brot und roter Wein,

vom Fass gezapft ist die Karaffe,

sie will ganz ausgetrunken sein.


Die Nacht schickt langsam ihre Boten,

die Fledermäuse schwirren stumm

mit aufgeregten Flügelschlägen

um das Tavernenlicht herum.


Das Knattern alter Dreiradkarren

stört die Besinnlichkeit der Nacht,

auch einen Hund, der müde anschlägt,

aus hundertjährigem Schlaf erwacht.


Der Leuchtturm setzt die roten Lichter,

Nachtfalter taumeln in das Licht,

fallen zu Boden, flattern weiter,

finden die neue Richtung nicht.


Die ersten Sterne werden sichtbar,

die Dunkelheit gewinnt Gewalt

über die Hügel, über die Felder,

schwärzt jetzt die Insel, macht sie alt.



– Karl Günther Schultze –



Juli 26, 2026



Grün


(Tanka)


 – grün die himmelshaut

grün gefiedert die äste

und grün der schatten:


dieses mächtige waldgrün

von sonne vollgesogen



– Hans Hermann –



Juli 25, 2026



Bergpredigt (Kurzfassung)



«Wer Weisheit sucht, der muss die Schlauen fragen»,

spricht Jesus. «Saht ihr jemals Meisen prahlen?

Ein guter Christ darf niemals Frauen schlagen!

Die Mühle wird zu Wucherpreisen mahlen.


Zum Abgrund muss der Reiche schmählich sausen.

Jehova wird dem Stolz sein Zelt verwehren.

Die Hungernden, sie werden selig schmausen,

die sich nach Recht in dieser Welt verzehren.


Der Teufel mag des Nachts nach Fliegen suchen,

doch schlecht soll es dem Bösen flott ergehen.

Ihr dürft nicht nach verpassten Siegen fluchen.

Das Heil lässt sich allein von Gott erflehen.


Ich sage: Mensch, du wirst vom Saufen toll!

Nur Wasser ist's, womit man taufen soll.»



– Cornelius –



Juli 24, 2026



Schweigemond



 – Die ferne Liebe verblasste
zwischen Kopfhörern
Sprachnachrichten
und Mitternachtszügen

[Schweigen]

Jetzt such ich dich in jedem Lied
das nachts auf Spotify läuft
wenn die Stadt endlich still wird
und selbst der Mond aussieht
als hätte er Liebeskummer



– Morphea –



Juli 23, 2026



Aufklärung



 – Familientag im Saunabad.

Die Luft stagniert bei achtzig Grad.

Ein Fliederblütenaufguss dampft,

man plaudert, transpiriert, entkrampft.


Da wundert sich der kleine Fritz

auf seinem warmen Erlensitz:

«Wer mag der Herr dort drüben sein?

Er streckt nur sein Gesäß herein …»


Die Tante sagt, im Blick die Tür,

mit pädagogischem Gespür:

«So merke, dass du's nicht vergisst:

Der Herr dort ist ein Posaunist!»



– Cornelius –



Juli 22, 2026



Stille



– Höchst behäbig naht der Morgen.
Grauer Himmel, tief und schwer,
hält das Licht im Dunst verborgen,
duldet keine Gegenwehr.

Von dem Dach der Silberlinde
kugelt sich der Samen Flut,
tollt noch mit dem letzten Winde,
bis ein jedes Blättchen ruht.

Stille liegt vor meinem Fenster,
zart durchwirkt mit Wiesenduft.
Sie erstickt die Traumgespenster.
und gibt meiner Seele Luft.

Bald schon ruft die frühe Meise
ihren Liebsten zärtlich heim.
Wohlig kühlend, plätscherleise,
regnet sich der Morgen ein.



– Andrea M. Fruehauf –



Juli 21, 2026

 


Übergestern



 – Wären wir wahrhaft frei,

wir würden springen.


Dies zu greifen macht aus dem Unmöglichen nur eine Möglichkeit

einer unmöglichen Erfüllung:


ein Streben immerfort ins gestrige Morgen.


Nur ein Gott kann uns noch helfen;

er ist Schmerz – die Furcht

vor einer Freiheit.


Ohne Grund,

unentschieden,

zu leicht gefangen

zwischen unseren Händen.


Bewahren wir ihn,

manchmal

zu nah am Herzen.


Liebe,

eine geschmiedete

Notwendigkeit


Wie die Angst,

dass nur die Angst uns hält.


Wer hielte ihn –

ließ ich ihn gehen?


Morgenstern


Vielleicht:

ein Verlangen, ein Wollen,

ein Wille im Werden –

im Fallen sein,


kollidieren und

Zerschmettern?


Die Welt ist alles,

wenn sie fällt.


Jeder Grund,

unhaltbare Notwendigkeit –

sie zerbricht

an unserem Wesen.


Mit verdrehten Köpfen

schöpfen wir ein Gestern

im Morgen,

als gäbe es eine Kraft,

die uns zu Schöpfern heißt.


Stella Nova


Ich frage dich,

und dein Ende

beginnt.



– Rufus –