Januar 16, 2025

 


Halbwertszeit



 – Im Urlaub fuhr Familie P.

nach Norden mit dem Pkw

und lebte dann in Dänemark

am See im Holzhaus recht autark.

 

Sie aßen täglich gut und frisch

aus eignem Fang gegrillten Fisch

und außer Störungen durch Mücken

schien die Erholung gut zu glücken.

 

Am Urlaubsende nach drei Wochen

sind sie zur Heimfahrt aufgebrochen

und endlich nach sehr vielen Staus

erreichen sie das eigne Haus.

 

Es schmerzt nach langer Fahrt der Nacken,

doch gilt es, Koffer auszupacken

und jede Menge Tragetaschen

verschmutzter Wäsche wegzuwaschen.

 

«Oh Gott!», ein spitzer Schrei der Mutter.

Die Blumen sind jetzt Trockenfutter,

dafür ist das Parkett gegossen –

ein Fenster war nicht gut verschlossen.

 

Beim Abarbeiten ihrer Post

bekommen sie fast Schüttelfrost.

Nur Rechnungen sind in den Briefen

und die Erhöhung von Tarifen.

 

Sie fühlen sich sofort gestresst,

ein Mäusenest besorgt den Rest.

Im Nacken immer noch ganz steif

sind sie schon wieder urlaubsreif.



 – Stefan Pölt –



Januar 15, 2025

 


Verzehrende Liebe



 – Die Liebe ist beileibe nicht

bloß eine reine Leibespflicht,

jedoch mit vollem Bauch

geht die Liebe auch.


Und willst du mit mir Liebe wagen,

dann führt die Liebe durch den Magen,

dann lieb ich dich mit Haar und Haut,

denn gut geliebt, ist halb verdaut!


Wen immer ich zum Liebsten wähl,

den liebe ich: from nose to tail.

Es zielt darum mein Liebesplan

von Shangri-La nach Ämirstan,


und zur Erhöhung deiner Reize

lieb ich dich ohne Würz' und Beize

und nehme bei der Liebeskür

zu guter Letzt dich ganz zu mir.


Dann sind wir zwei ein Unikum:

du innendrin, ich drumherum.



 – sufnus –



Januar 14, 2025


 

Tageslaunen



 – Heute trug der Tag bei sich

einen Sack mit Launen -

als ihm eine draus entwich,

konnte ich nur staunen.


Plötzlich wirkte er so hell,

anders als am Morgen.

Könnte ich, eventuell,

mir davon was borgen?


Fragte ich, erneut erstaunt

über meinen Geber

und bemerkte, gut gelaunt:

Läuft durch meine Leber,


jetzt noch nicht mal eine Laus -

welch ein Tageswunder!

Mittags gab, in meinem Haus,

mir der Tag dann Zunder.


Noch ein Läunchen, liebes Kind?

Fragte er, geschliffen.

Ich, wie große Kinder sind,

hab gern zugegriffen.


Bald war meine Laune da,

aber eine miese.

Der Tag grinste: Oh, la, la,

ohne Expertise


lässt sich niemand darauf ein -

fehlt es an Gespür?

Da warf ich, in meiner Pein,

ihn schnell aus der Tür.


Abends stand, mit seinem Sack,

er erneut und sprach:

Hab ein Läunchen, nach Geschmack -

greif doch zu, komm, mach!


Und so griff, zum letzten Mal,

ich zum Angebot -

diesmal eine gute Wahl,

denn im Abendrot


saßen wir zwei, Hand in Hand -

haben viel gelacht.

Bis der gute Tag entschwand,

tief im Schwarz der Nacht.



 – niemand –



Januar 12, 2025

 


Reif und reifer



Gut ist es, wenn wir früh begreifen:

Im Leben geht's darum zu reifen!

Der Mensch befindet sich auf Erden

Nur zu dem Zwecke, reif zu werden.


Bereits mit sechs wirst du gepackt:

Schulreife heißt der erste Akt!

Steht später dir der erste Steife,

Spricht man von der Geschlechterreife.


Dann geht's um Bildungsgrade pur:

Erst mittelreif, dann Abitur.

Danach – ob Studium, ob Lehre –

Ist man jetzt reif für die Karriere.


Bald kommen Frau und Kinder dran:

'Nen güld'nen Reif steckst du dir an,

Und ständig wirst du reif und reifer

Und leider täglich etwas steifer.


Und eh' man's noch so recht begreift,

Ist man dann völlig ausgereift

Und wird am Ende etwas faulig.

Das ist dann weniger erbaulich.



 – Fritz Pfeiffer –



Januar 11, 2025

 


Zusage



 – Bevor ich einschlag, noch drei Fragen,
dann gibt es später keine Klagen.
 
Ich wüsste erstens gerne mal:
Okay, wenn ich in Raten zahl?
 
Die zweite Frage: Ist Hawaii
bei diesem Angebot dabei?
 
Und drittens noch: Der geht retour,
der Typ mit der Betonfrisur!
 
Wird das vereinbart, sag ich Ja –
dann kaufe ich Amerika!



 – Martin Möllerkies –



Januar 08, 2025



Morgenprotokoll



 – azurblau
der Himmel
durchs Fenster

rasurrot
das Gesicht
im Spiegel

fast farblos
die Gedanken
vorm Aufbruch 


– Christian Fechtner –


 


Der Rabe



 – Mit blitzendem Auge verkündet der Rabe:
So hört einmal her, mein Talent, diese Gabe
Zu singen, bekam ich vom Gott aller Krähen!
Wer seid ihr denn, mich, meine Brüder zu schmähen,
Als sprächet ihr Recht von der Wiege zum Grabe?


Ihr ruft in den Tag, euer höhnisches Flehen
Ermutigt die Würmer, sich heimwärts zu drehen,
Auf dass euer Jaulen die Toten erlabe!
Ich kreise zum Abend, ich herrsche und klage
Und reite den Galgen, die Zukunft zu säen.



– Andrea M. Fruehauf –