Von der Last der Leidenschaft
– Dirk Tilsner –
– Dirk Tilsner –
– Zwei tiefe Felsenschlünde gähnen
bei Hornberg in den Wald hinein.
Kein Atlas möchte sie erwähnen.
Hier lässt es sich gut einsam sein.
Die linke Höhle hat ein Dichter
als seine Wohnstatt ausgewählt.
Nun fließt sein Leben deutlich schlichter,
seit ihn kein Kritikus mehr quält.
Daneben, einen Steinwurf weiter,
logiert ein zweiter Eremit.
Vor Zeiten war er Bauamtsleiter,
dann pfiff er plötzlich auf Profit.
Den Weg des Nachbarn nicht zu schneiden,
so lautet ihr geheimer Pakt,
Zusammentreffen streng zu meiden,
wenn möglich auch den Blickkontakt.
Sie sind sich ohne Worte einig:
Dass man die Einsamkeit im Tann
(der Weg hierher war steil und steinig)
nur mit sich selber teilen kann.
– Cornelius –
– Es waren Fragen,
die mich durchs Leben trieben.
Eine scheinbar endlose Route,
die sich spiralförmig
nach außen wand.
Immer weiter fort
von dem,
was ich zu sein glaubte.
Und vielleicht
immer näher
an das,
was ich niemals
benennen konnte.
Jede Gewissheit
wurde zum Anfang
eines neuen Zweifels.
Es war nie der Weg,
der mich führte.
Vielleicht waren es
die Fragen selbst,
die mich
am Leben hielten.
Vielleicht war das Ziel,
es nicht verstehen zu müssen.
– Önder Özkan –
***
Worte haben hier
keinerlei Wirkung,
Wirklichkeiten
finden nicht mehr statt.
"Schachmatt", sagt die Taube
und kackt aufs Brett.
***
Ok, Boomer.
Das hier ist
Winke-Winke-Endzeit-Linguistik
laut krakeelender Logikfehler.
Das hier sind
staatszersetzende Satzfetzen;
toxische Syntax-Faxen
politisch interessierter Teletubbies.
Frechgrins. Brechreiz. Gringe.
***
Völlig lost
beim endlosen
Stille-Post-Spielen
um Tod und Leben,
machst du "Piep"
- einfach nur,
um ein Geräusch
von dir zu geben -
&
sprengst allzu enge
Assoziationsketten
durch den gezielten Einsatz
archaischer Tierlaute.
***
Wuff! Wuff!! Wuff!!!
Sinnlos verpufft das Gebelle
an den kargen Wänden
der letzten intakten Gehirnzelle.
Bewusstsein blökt
IN GROSSBUCHSTABEN,
dass alle anderen
farbenblind sind,
während man selbst immerhin
schwarz und weiß
fehlerfrei erkennt.
***
Bürgerkriegsähnliche Zustände
beim Bingo der Bauchgefühle
&
blubberndes Gebrabbel
innerhalb der Bubble.
Sinn geht nirgendwo mehr hin,
doch schreit dafür seit Stunden schon
per Livestream Wahnsinn ins Weltnetz.
Diskussionen
wie tödlich drehende
Diskokugeln.
Sub-semantische
Untergangsromantik.
Und vor wutschnaubenden Mäulern
veranstalten sie
rauschende Schaumpartys!
***
Nur noch Tierstimmen
in Bild und Schrift:
Was von
meiner Sprache
noch übrig ist,
kehre ich einfach
zu einem Gedicht
zusammen.
***
– klaatu –
– Nachts
beugt sich der Himmel
mit offenem Mund.
Zwischen den Sternen
atmet etwas,
das lautlos
seine Flügel öffnet.
Der Mond
legt eine silberne Schuppe
auf das Wasser.
Darunter wendet sich
die Tiefe im Schlaf.
Für einen Augenblick
öffnet sie
ein schwarzes Auge.
Unsere Hände
tasten ins Dunkel
und kehren zurück
mit fremdem Staub
in den Poren.
Am Morgen
liegt eine Feder
auf der Fensterbank,
nass von Sternen.
Das Fenster
ist geschlossen.
– Chandrika Wolkenstein –
( Schüttelreime )
– Schlüpfst du aus 'nem fremden Ei,
steht es dir in Emden frei,
was dir an Max Weber liegt
und was deine Leber wiegt.
Wo - im Zoo - im Löwenmagen
schon mal tote Möwen lagen,
Bauern keinen Türmer wollen
und im Watt die Würmer tollen,
siehst du aus Beschauer-Rolle:
Pflügend wird auf rauer Scholle
mit bestrumpftem Zeh getuckert
und mit Kandis Tee gezuckert.
Hier wird «alter Walter» Kind.
Freilich: Weht ein kalter Wind,
müssen nicht nur nackte Friesen,
sondern auch Befrackte niesen ...
– Cornelius –