Gelegenheitskomposition
– Still vergnügt entnahm ein Mensch
einer Truhe Lam und Pensch,
fügte hintendran ein Irm –
fertig war der Lampenschirm.
– Cornelius –
– Du kommst zur Welt
zum Geräusch einer Sirene.
Von Geburt an
Warnweste und Sicherheitshelm.
In deinem Kopf
platzt Luftpolsterfolie;
vor den Gedankengängen
flattert Absperrband.
X X X
Du hast
die freie Wahl
zwischen Zwang
und Pflicht.
Jeder Gedanke wird
mit Strichcode
versehen.
Ge broch en
und neu
zusammengesetzt,
empfindest du
völlige Freiheit
beim lustvollen Ablecken
deiner Gitterstäbe.
X X X
Nichts
strebt mehr
nirgendwo hin.
Du wartest auf Alternativen
wie auf
ausgefallene Züge.
Versuchst
ein Leben lang,
deinen Kopf
durch ein Schlüsselloch
zu quetschen.
Biegst deine Gedanken,
bis sie zer brech en.
Zählst bis
in alle Ewigkeit
immer wieder bis Eins
und wartest
gespannt darauf,
was passiert.
– klaatu –
– Ein Gartenhäuschen suchte ich,
um luftiger zu dichten.
Nicht eines inspirierte mich
zum Tanz auf den Gewichten.
Die grade Wand war zu banal
mit ihren rechten Winkeln.
Ihr Einfluss reichte nicht einmal
zu schöpferischem Pinkeln.
So musste es Frank Gehri sein.
Er liebt ja keine Normen.
Ich rief ihn an und lud ihn ein,
und er begann zu formen.
Er zeichnete ein Gartenhaus
mit Korkenzieherwänden.
Dort fließt die Luft jetzt ein und aus,
ein Weitendes zu spenden.
Auch wachsen Bäume grün und licht
durch seine Zimmerdecken,
und alles kann als ein Gedicht
den Garten in mir wecken …
(am 6. Dezember ist Frank Gehry gestorben)
– gummibaum –
– Vom Wind gestreichelt liegt die Myrtenheide.
Ein Wombat müht sich, den Bewuchs an Halmen
mit muskulösen Kiefern zu zermalmen.
Ein Kerbtier summt. Die Luft ist weich wie Seide.
So weidet er versonnen, rupft und mümmelt.
Sodann beginnt im dunklen Darmgetriebe
versteckt das peristaltische Geschiebe,
wobei er scheinbar faul im Grase lümmelt.
Es geht hier freilich nicht allein ums Fressen.
Das Eingebrachte gilt es zu verwerten
und in ein praktisches Quadrat zu pressen.
Der Leierschwanz lässt fern sein Lied erschallen.
Wo wären jene, die noch mehr begehrten?
Ein kurzer Druck. Die Würfel sind gefallen.
– Cornelius –
– Ein kleines Tröpfchen Staunen senkt sich sanft ins Kerzenlicht.
Es hört das Singen heller Stimmen durch die Scheibe nicht,
noch ahnt es von den Worten, die der Prediger dort spricht.
Sacht streichelt es das Spiegeln auf dem gläsernen Gesicht
und schreibt mit seiner Seidenspur für dich dieses Gedicht.
Das kleine Tröpfchen Staunen spricht die Sprache, die entsteht,
wenn eines langen Tages Leuchten schwach wird und vergeht.
Es braucht den Ton nicht, keinen Spruch, kein Kreuz und kein Gebet,
nur Achtsamkeit benötigt es. Denn sie ist’s, die versteht:
Im Unscheinbaren wird der Welt Beschaffenheit konkret.
Siehst Du ein kleines Tröpfchen Staunen, schau genauer hin.
Auch wenn es wesenlos erscheint, steckt so viel für dich drin.
Sein Dasein ist ein flüchtiges, und dennoch ein Gewinn:
In seinem steten Schwinden schenkt sein Schimmern dir den Sinn
für jedes Tages oder jedes Jahres Neubeginn.
– Marcus Sommerstange –
es zog mich
in die stunde
deines sternenkranzes
du nahmst mich
aus den reihen
wie hände
sich aus staub
ein windstrich
ließ dich liegen
er brach
dein blaues leuchten
wie mich
in deinen grund
– ubertas –
Bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas …
… Andernorts hatte ich ja eine Infragestellung bestimmter Formen von Gedichtinterpretation formuliert, nämlich solcher Interpretationen, welche eine Gedichtrede in «Klarsprech» übersetzen und damit alles das über Bord gehen lassen, was für mich ein Gedicht typischerweise (mit regelbestätigenden Ausnahmen!) zum Gedicht macht.
Diese meine Skepsis gegenüber bestimmten Formen von Interpretationen im Dienste der De-Poetisierung bedeutet aber keineswegs, dass ich nicht auch mit einem verstehenwollenden Anspruch an ein Gedicht herantrete, er wird eben nur durch einen emotionalen Ansatz ergänzt und am Ende steht je nachdem entweder ein: «Ich fühle es, weil ich es verstehe» oder ein: «Ich fühl es, das genügt» oder auch ein «Ich fühle es, weil (sic!) ich es nicht verstehe».
… bei diesen wunderbaren Zeilen von dir, liebe ubertas, wohne ich irgendwo zwischen all diesen drei Ansätzen und das ist mir beim Gedichtelesen der liebste Zustand …
… zunächst einmal, dass hier ein lyrisches Ich eine gefährdete Glückserfahrung in der Begegnung mit einem lyrischen Du schildert. Das lyrische Ich ist die Singstimme des Gedichts, das lyrische Du ist eine Kornblume und die (nicht ganz eindeutig wirksame) Bedrohung geht vom «Windstrich» aus. Dieser Windstrich – und hier verlasse ich die Ebene des «unpoetischen Redens und Fühlens» – scheint mir eine Art luftiger Landstrich zu sein und im Gegensatz zum geläufigen und auf festem Boden ruhenden Landstrich ist diesem luftgeisthaften Windstrich eine gewisse Geschäftigkeit zu eigen, die dem ortsfesten Landstrich, zumindest außerhalb eines Gedichts, fremd bleibt. Ob die Wirkungen des Windstrichs nun eher dem Schönen oder dem Destruktiven verpflichtet sind, bleibt ein bisschen offen, woraus ich schließe, dass hier ein bisschen was von beidem «im Spiel» ist.
Zuletzt, komme ich bei der Aufhebung jeder Versteh-Haltung an und genieße die Vorstellung, dass in diesem Gedicht eine kleine Kornblume einen glücksempfänglichen Menschen aus dem grauen Leutestrom gebrochen hat (mit tätiger Windhilfe) und die zwei hübschen, Blume und Mensch, nun Einträchtigkeit üben. Es müsste doch unbedingt einen Kornblumenkavalier geben, der könnte sich dann von seinem großen Geschwister eine Zeile ausborgen: «Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein.»
– sufnus –