Oktober 18, 2026

 


Die zweite Geburt



 Zuerst 

ist da nur Dunkelheit.


Nicht die Dunkelheit der Nacht,

denn die Nacht ist bereits vergangen,

sondern jene andere,

die noch zwischen mir

und dem ersten Gedanken liegt.


Irgendwo

atmet das Haus.


Ein kaum hörbares Knacken

im Holz,

das ferne Geräusch eines Autos,

das schon unterwegs ist,

während ich noch nicht entschieden habe,

ob dieser neue Tag

wirklich mich meint.


Dann fällt Licht

durch den Spalt zwischen den Vorhängen.


Nur ein schmaler Streifen.


Und plötzlich

ist die Welt wieder da.


Nicht die Welt von gestern.


Noch nicht.


Für einen kurzen Augenblick

besitzt der Morgen

die seltene Gnade,

dass nichts geschehen ist.


Keine Worte,

die man bereut.


Keine Entscheidungen,

die getroffen werden müssen.


Keine Vergangenheit,

die ihren Anspruch erhebt.


Nur dieses Bett,

dieser Körper,

dieser Atem.


Zwischen Schlaf und Wachsein

glaube ich für einen Moment,

ich könnte noch einmal

jemand anderes werden.


Vielleicht der Mensch,

der ich einmal war.


Vielleicht der,

den ich nie geworden bin.


Dann stehe ich auf.


So unspektakulär

beginnt ein Leben.


Kein Engel erscheint,

keine Tür zum Himmel öffnet sich.


Nur zwei Füße,

die den Boden berühren.


Aber in dieser Bewegung

steckt etwas Ungeheuerliches:


Ich verlasse

die kleine Ewigkeit des Schlafes

und betrete wieder

die Zeit.


Das Licht liegt inzwischen

auf dem Fensterbrett.


Der Morgen wartet nicht auf mich.


Er war längst da.


Ich bin es,

der zu spät gekommen ist.


Und während ich

durch den stillen Raum gehe,

begreife ich,

dass jeder Morgen

vielleicht nichts anderes ist

als eine zweite Geburt,

von der wir nur deshalb

nichts wissen,

weil wir uns

nicht daran erinnern können.



Das Badezimmer

zeigt mir mein Gesicht

im Spiegel.


Es ist dasselbe Gesicht.


Und doch hat die Nacht

etwas hinzugefügt,

das kein Spiegel finden kann.



– Önder Özkan –