Mai 09, 2026



Ursel



 – Ursel steht am Fenster, und sie lächelt

Hoch zum Mond, der heute Henry heißt,

Henry seinerseits guckt auf die Ursel,

Die nach oben lächelnd Fingernägel beißt.


Ursel sucht nach einer leichten Zeile,

Die sie zum Gedicht verlängern will,

Einen Kuss schickt Henry ihr vom Himmel,

Um die Ursel wirds gedankenschwer und still.


Ursel sieht die Welt umarmt von Henry,

Wörter fliegen um die Ursel rum …


Aus den Wörtern werden Träume,

Um die Ursel wachsen Räume …


Ob die Ursel schließlich henrywärts entschwebt?

Wenn, dann – hat sie dies‘ Gedicht nicht überlebt.



– Peter Welk –



Mai 08, 2026



Der Mond im Keller



 – Im Keller liegt ein Mond

Aus glänzenden Brocken

Auf den Brocken sitzen zwei Mädchen

Aneinander geschmiegt

Still und friedlich

Die Mädchen lächeln

Schlafen sie?

Falls ja – träumen sie

Mit Sicherheit

Sie lächeln so glücklich

Bestimmt träumen sie was Schönes


Irgendwo ist ein Mond im Keller

Voller Mondgestein

Bewohnt von zwei Träumenden



– Max Neumann –



Mai 07, 2026



ausklang



 – nachts,

wenn die träume ihre kulissen aufbauen,

der mond, sich hinter wolken versteckend,

nach gründen für sein halbes gesicht sucht,

jeder schlag der kirchturmuhr ein tiefes oommm hinter sich herzieht,

der efeu sich nach und nach durch unser zimmer rankt,

licht und schatten, von vorbeifahrenden autos in den raum geworfen,

«ich fang dich» spielen,

das ticken und tacken des weckers, schon längst nicht mehr nervend,

mehr willkommener schlaftrunk,

das grüne standby des receivers an einen leuchtturm

in den tiefen des grau und schwarz erinnert … 


lausche ich heimlich der spinne beim bau ihres netzes,

beobachte glühwürmchen beim irrenden-wirrenden flug

und erzähle dir still von meiner liebe.



 – Otto Lenk – 



Mai 06, 2026



Zeit ohne Punkt 



 – Zwischen einer Unschärfe 

zwischen Ebbe und Flut 

bin ich ein Schrödinger-Mensch. 

Von Geburt an

lebenslänglich undefiniert! 

Geboren aus dem Zellgestöber 

einer Zufälligkeit 

am Rande des Kontinuums. 

Immer ohne zu wissen 

in welchem Bewusstseinsaggregat, 

zwischen welcher Welle 

ich gerade ertrinke.



– Morphea –



👉  Mit dem Bild des «Schrödinger-Menschen» wird ein Bezug zur Quantenphysik hergestellt – ähnlich, wie Schrödingers Katze gleichzeitig lebendig und tot ist, empfindet sich der moderne Mensch als nicht eindeutig festlegbar. Er bezieht sich auf Relationen, er braucht Koordinaten, um sich als solcher wahrzunehmen.

 

«Was wir wirklich sind, waren und werden, das lässt sich leider nicht auf die Quantenebene herunterbrechen, aber genau das wäre hochinteressant, und wir wären  superpositionär, funktioniert aber im Makroversum nicht.» (Morphea)


 

Mai 05, 2026



Doppeltes Erinnern



 – Ein Geniales, das ich habe,

(manche zählen mich zu Spinnern)

ist die ausgeprägte Gabe,

mich an Frühstes zu erinnern.


Diese Fähigkeit ist doppelt:

Schwimme ich in Mutters Teich,

öffnet sich, daran gekoppelt,

der Ur-Ozean sogleich.


Embryo mit Kiemenbögen,

winke ich dem Lungenfisch,

unser Darm lernt das Vermögen,

Luft zu atmen, atemfrisch.


Kurz danach kann ich jetzt schon

meine Gliederknospen zeigen,

und im wärmenden Devon

flossenlos das Land besteigen.


Danach bin ich Fötus gerne,

sehe, höre mit Pläsier,

und Erinnern schenkt aus Ferne

Saurier und Säugertier.


Schön ist schließlich die Geburt,

als die Eltern mich begrüßen.

Und ich blick sie an – absurd –

mit vorangeschickten Füßen …



– gummibaum –



Mai 04, 2026



gebet 

an einen zweifel



 – verweigere die wärme

sei spiegelndes irrlicht

in klirrender nacht


bereite mir die ferne

schenk zeitlose einsicht

belanglose macht


erwarte nicht belohnung

weitab vom gestade

der endlosigkeit


gewähre keine schonung

gewähre die gnade

der gottlosigkeit


durchtrenne meine bande

mit mitleid und zucht

und gieriger schuld


wo immer ich auch lande

sei stets meine flucht

von glauben und kult



– Marcus Sommerstange –



Mai 03, 2026



Was in uns bleibt


 – Irgendwo zwischen

der Schwere des Körpers

und der vorsichtigen Hoffnung,

dass der Tag etwas bereithält,

das sich lohnt zu berühren.


Freude kommt selten laut.

Sie setzt sich eher neben dich,

wie jemand, der nichts verlangt,

und plötzlich ist da ein Licht,

das nicht blendet,

sondern wärmt.


Traurigkeit dagegen

kennt deinen Namen.

Sie spricht ihn nicht aus,

aber du spürst, wie sie ihn trägt,

in jeder langsamen Bewegung,

in jedem Blick, der zu lange verweilt.


Dann ist da diese Stille,

die alles enthält,

wie ein Fundament,

auf dem die Kathedrale steht,

an der du ein Leben lang baust.

Manche Zimmer

willst du nie wieder betreten,

in anderen wohnt der Frieden.


Und vielleicht ist das genug:

dass alles, was in dir lebt,

nicht gelöst werden muss,

sondern gehalten,

wie der Mond

die Nacht hält.



– Önder Özkan –