Juni 30, 2024
Dichterische Freiheit
– Der Dichter ist nach Versen gierig,
Doch oftmals ist das Dichten schwierig.
Rechtschreiben nimmt man nicht so streng;
Erlaubt ist durchaus auch mal Släng.
Ein Beispiel: Hat ein Lastenkahn
Nun Kohle oder Kies gelan?
Da ist «gelan» nicht ganz korrekt,
Doch weiß man, was dahintersteckt.
Doch and‘rerseits soll man beim Reim
Sprachbeugung auch nicht übertreim:
Des Dichters Freiheit, meine Liem,
Zu übertreim, wär übertriem!
Nichtsdestotrotz, wie dem auch sei,
– Fritz Pfeiffer –
Liebeserklärung
– Du, ich fühl mich ungelogen
magisch zu dir hingezogen,
seit ich dich beim Bäcker traf.
Millionen Moleküle
überschäumender Gefühle
rauben mir den Schönheitsschlaf.
Du, ich stopf mir schon seit Wochen
Spritzgebäck und Liebesknochen
in den Aphroditenbauch,
doch es hört nicht auf zu brodeln,
und ich werd vor Freude jodeln,
wenn du sagst, du spürst es auch.
Du, ich möchte mit dir kuscheln,
dir vertraut ins Öhrchen nuscheln:
«Du bist nicht wie Kunz und Hinz!»
Will von deinem Apfel beißen
und für dich Schneewittchen heißen,
denn du bist mein Märchenprinz.
Du, ich würde dir erlauben,
die Regale abzustauben,
und ich bügle dir sogar
ohne merkliches Befremden
die türkisgestreiften Hemden
für ‘nen Kuss als Honorar.
Du, ich möchte mit dir streiten,
dich zum Fußballspiel begleiten
nach verlorner Kissenschlacht,
pflück dir bunte Tausendschönchen,
schenk dir Töchterchen und Söhnchen.
Willst du sieben oder acht?
– Claudia Bräutigam –
Juni 29, 2024
Det iss der Lebenssinn
– Die Ilse sagt, der Victor iss nich helle,
Die Ilse sagt, der Victor iss mein Held,
Ick bin halt uff Jesundheit einjestellt,
Und oben rum ham andre ooch ne Delle.
Mir iss der Kopp nur jut zum Haarewaschen,
Die Ilse mach ick glücklich mitm Rest,
Ick halt mir anner juten Laune fest,
Denn darf det Ilseken am Victor naschen
In unsra Laube, sonntags, bis et scheppert,
Da wird keen Firlefanz zusammjeleppert,
Da jehts, wies jehn soll, inne Rinne rin,
So wie det Leben ehm spielt im Sonntagstrotte,
Und sind die Manneskräfte denn beim liebn Jotte,
Sagt Ilseken, det iss der Lebenssinn.
– Joe Fliederstein –
Juni 28, 2024
Juni 27, 2024
Die Letzte
– Der Morgen dräut, mein Schädel brummt
und schmerzt im Übermaße,
mein Mund ist taub, ein Tierchen summt
um meine müde Nase.
Ich hole aus – das blöde Vieh
entfleuchte wohl ins Zimmer –
und schlage mir mit Energie
aufs Maul. Es kommt noch schlimmer!
Nun heb ich mich ins Waagerecht
und seh auf der Toilette:
Am Spiegel hängt mein Folterknecht
und putzt sich die Facette.
Mein Handtuch saust, das Glas zerschellt,
und ich bin Ach! zerschunden.
Die Fliege? Bleibt auf dieser Welt
und leider auch verschwunden.
Der Mokka röchelt, ich hab Zeit
und streck am Tisch die Glieder,
da schwirrt das Untier, kampfbereit,
auf meine schweren Lider.
Ich schrecke auf, der Kaffee mit,
und tünch mir Hemd und Hose,
die Fliege kreist als Satellit
um meine Zuckerdose.
Gleich setzt sie sich! Ich atme nicht,
vorm Auge weiße Blitze –
der Tisch, der nun zusammenbricht,
schlägt mir ans Kinn! Na, Spitze!
Der Morgen dräut, mein Schädel brummt
und schmerzt im Übermaße,
der Mund ist taub, ein Tierchen summt
um meine müde Nase …
– Andrea M. Fruehauf –