Dezember 30, 2024

 


Wie weit würde ich gehen,
wenn ich wüsste, wohin?



 – In meinem

kaputten Glashaus

sitze ich


und


kaue Scherben.


Höre

das Gras wachsen,

bis mir fast

das Trommelfell platzt


und


versuche,


Türen offenzuhalten,

die besser auf ewig

geschlossen blieben.


In meinen Gedanken

scheiden sich die Geister


und


streiten sich

um das Sorgerecht.


Wenn wir schon

vor die Hunde gehen müssen,

will ich sie zumindest


vorher noch mal

streicheln dürfen.



– klaatu –



Dezember 28, 2024

 


Ungeschlagen



 – Der Weg durch den Wald

ist voller Zauber

unberührt

steht der Tannenbaum


das grüne Gewand

ist einfach genadelt


die Stille adelt

ihn und

den Raum



 – niemand –



Dezember 27, 2024

 


Fein geleimt ist auch gelungen



Kommt es aus der Nähmaschine,

was da klopft, so rhythmisch, schlicht,

oder fährt wer auf der Schiene:

Regelkunst im Reim-Gedicht?


Ratatata, ratatata, ratatata! Wie das kracht!

Karlchens super stolze Miene

spricht: Ich habe das vollbracht!


Mutti streicht dem Sohn die Wange,

mit den Worten: Bin so stolz!

Dabei denkt sie, reichlich bange,

das Gedicht gleicht trocknem Holz.


Millimeter fein gespalten,

für ein Zündeln im Kamin,

jedoch kaum noch auszuhalten -

da ist doch kein Leben drin!


Karlchen aber wirkt recht heiter

und leimt, bald dem Genius nah,

immerfort und immer weiter:


Ratatata, tata, ta!



 – niemand – 



Dezember 26, 2024

 


Berühmt



 – Es balgen sich die Dichteliten

Im Forum um die Sternensaat

Doch das Erlagen von Meriten

Verhindert meist ein Wortsalat

 

Es gibt sie noch, die Edelgilde

Der talentierten Architekten

Der akkuraten Satzgebilde

Und auch des Witzes, des versteckten

 

Doch welch Poet kann von sich sagen

Ich bin im Lande wohl bekannt

Der Künstler wird an trüben Tagen

Nur Dichter Frühnebel genannt



 – Volker Teodorczyk –



Dezember 25, 2024

 


Erdbeermilch 



Leg dich auf mich
Du süßes Stück
Und lass dich kühl umschlingen 
Die Welt kann uns
Im Rosenglück
Von Herzen berlichingen 



 – Andrea M. Fruehauf –



Dezember 24, 2024

 


nicht zu fassen 



verpasst 


manche momente 

zum beispiel 


als wir uns 

auf der rolltreppe 

begegnen 


du dir lächelnd 

durchs haar 

streichst und 


ich vergesse 

mich umzudrehen 


wegen dir 



 – Jörg Schaffelhofer – 



Dezember 23, 2024

 


Aus den Chroniken 

eines Steppkes 



 – Die Straße hatte damals eine Länge
von etwa sieben Lederstrumpfgeschichten. 
Wir konnten jagen, stromern ... ohne Zwänge, 

und wenn es hart kam, auf Bonbons verzichten. 


Am Strand im Urlaub sammelten wir Muscheln 

und ihrer Schönheit wegen(!) Kieselsteine. 

Im Schilfgras hörten wir die Nymphen tuscheln: 

«Der See birgt alte Schätze und Gebeine.» 


Im Kirschkern-Spucken warn wir echte Meister, 

bei Sauriern, ha! In jedem Streit die Schlausten. 

Wir glaubten an die Kraft der Poltergeister 

und dass Zyklopen nur in Märchen hausten. 


Der Kuchen Omas ließ uns dicker werden. 

Wenn Opa nieste, wackelten die Wände.
Ihr Garten galt als Paradies auf Erden:
Die Himbeerstaude nahm und nahm kein Ende. 


Den Becher Milch trank ich stets bis zur Neige. 

Ich war Korsar, ein guter, mit Gewissen. 

Mitunter leider auch ein wenig feige –
ich habe nie in einen Frosch gebissen. 



 – Dirk Tilsner –




Dezember 22, 2024



Winteres



 – Mein Mund schmeckt den Atem der Nacht, ihr Kadaver

zersetzt sich bereits, wird zu schwammigem Blau.

Das Funkeln der Sterne vergreist im Palaver

und fällt in den Rinnstein, zerschlissen und mau.

 

Ich mag kein verkrustendes Sehnen mehr, schleiche,

mein Herz in der Tasche, am Ufer entlang.

Die Wasser sind sprachlos, und Sturm trägt das bleiche

Gewölle der Zuversicht über den Hang.

 

Das Ding aber flattert, erbarmungslos brennend,

wie schwärendes Blut unter baumhohem Grind,

zerstörerisch krampft es mich niederzuzwingen.

 

Doch endlich ertrinkt es. Ein trotziges Kind,

das wütend zurückschlägt, sein Schicksal erkennend.

Vermag eine Nachtigall winters zu singen?



 – Andrea M. Fruehauf –



 

Dezember 21, 2024

 


Winterlied



Denkst du noch an jenen Sommerabend

Als der erste Kuss daneben ging?

Hast du noch die Rosen in der Nase?

Siehst du noch, wie hoch der Himmel hing?

 

Wär ich damals in den Baum gestiegen ...

Hätt‘ ich ein paar Sterne umgedreht ...

Hättest du beim Knöpfen still gehalten …

Ach, die Zeit hat alles überweht ...

 

Kälte ist schon übers Dach gekommen.

Winterblumen spannen Silbernetze.

Hätt‘st du je das Ende so gedacht?

Sommerwünsche wurden über Nacht

Zwei im Schnee vergess‘ne Lieblingsplätze.



 – Peter Welk –