Oktober 25, 2025



Atlas



– Hier lag ein Pferd, eine Karkasse

ein Restgewicht im Gras


im toten Winkel der Sonne

dort, unter den Kronen

bei den gebrochenen Kameen


wo in mir erstmals eine Glut aufkam,

Stiefel voll Seerand und Spiegellicht,

als ich über verdorrte Ernte marschierte


ein Tier auf Scherben kauen sah


ahnte ich, dass über Bruchlinien

und Hangwälder ziehen zu müssen

mehr als nur ein Entwurf mit Gelände war


sondern womöglich ein letzter Weg

dich aus dem Geröll der Jahre zu heben



 – Kol Deda –



Oktober 24, 2025



Geplättet


 

 – Vor Jahrzehnten war die Flunder
noch viel fülliger und runder,
wie es sich für einen Fisch nun mal gehört.
Und sie fraß sich immer dicker,
erstens fand sie sich so schicker,
zweitens, weil man so den Kugelfisch betört.

 

Bis dann später ein profunder
Doktorfisch ihr zu gesunder
Fastenkur mit lauter Flüssigkeiten riet.
Gleich nach dieser Diagnose
griff sie zur Getränkedose
und was sonst noch so im Meer vorüberzieht.

 

Eines Tages stieß die Flunder
auf 'ne Flasche Bommerlunder,
von der Scholle aus der Arktis eisgekühlt.
Später wurd noch Spätburgunder
angespült, die arme Flunder
ist seitdem genauso platt, wie sie sich fühlt.



 – Stefan Pölt

Oktober 23, 2025



 Pille Palle


(Kindergedicht)


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Der Igel Pille trifft den Igel Palle:

«Tach, Palle, schon gehört, die Welt ist rund!»

«Nee, Pillemännchen, nee, die Welt hat Ecken,

Die Welt ist wie ‘ne Kiste zum Verstecken!»

«Ach, Pallekopp, wat redste da fürn Quatsch,

Hast aufn Augen heute Pallematsch,

De Welt ist rund!» – «Hat Ecken!» – «Rund!» – «Ist eine Kiste!»

«Ach, Pallemann, ‘n Kistenknallkopp biste!»

«Und du?» – «Wieso, wat ich?» – «Ja, wat bist du?»

«Wat weiß denn ich?» – «‘n Kistenkänguruh!»

«Und du?» – «Und ich?» – «Ja, du!» – «Ich nicht, nur du!»

«Nein, du!» – «Du!» – «Was denn?» – «Ach, las mich in Ruh!»



– Peter Welk –



Oktober 22, 2025



Lebenswandel 


(Schüttelreime)


– Kernig war ich meist und forsch,

heute bin ich feist und morsch.

Wenn mit meinen ollen Sechzig

Dinge laufen sollen, ächz ich.

  

Mir gefällt's, mich hinzusetzen

statt ganz ohne Sinn zu hetzen.

Bloß zur Faulheit steh ich Erbe

der Flaneure (eh ich sterbe).

  

Doch man rät mir: »Biege deine

Muskeln, Sehnen, die Gebeine!

Mach es immer wieder, gleich,

so nur bleiben Glieder weich.

  

Aktiviere die Gelenke!«

Weil ich an die Liege denke,

bilde ich den Reim zur Hast

und der lautet: Heim zur Rast.

  

Selten soll ich feiern, buttern,

niemals wie die Bayern futtern,

lieber täglich Möhrchen essen

und's Gewicht samt Öhrchen messen.

  

Nun, ich mag's mit Fetten lieber

und bin im Buletten-Fieber,

trinke gern auf Festen Bier,

eins zwei drei, am besten vier.

  

Seit den frühen Jugendtagen

kann man mich mit Tugend jagen.

Aber halt mal, war nicht gar ... ?

Vieles hier ist gar nicht wahr.



– Didi.Costaire –



Oktober 21, 2025



Wiedergeboren



 – Er grinst und schreit

Über dem Boden schwebend

Der Dämon auf der Jagd

Jagd nach meiner Seele


Wendeltreppe Bahnhofsviertel

TRANCE 24/7

Pavel, Axt, Yok Yok, Musti, Reizgas MK 2

Crowd aus Junkies, Fetzerei, Tritt in die Fresse


Betrüger der Nächte, gelber Lambo

Ruhrpottadresse, Scheine, Ibesh

Escada-Tücher aus Seide

Der Dämon stößt eine Drohung aus


Von oben Frieden

Auf der Straße 38 mal gestorben

Todeskrämpfe waren einst der

Freizeitpark des Dämons


Dreckspension Alpha, Schweiß, Sirenen

Sie kommen dich holen!

Aus demselben Bett in dem

Ein kranker Mensch, Hand in

Hand mit Gott, dir Tränen schenkte


In der Zeit vertrockneter Gefühle

Im Reich der Kruste


5 Tage lange Gedichte

Immer überarbeiten

Getrieben vom Dämon

Ritt auf der Seele


Heute ist der Schweiß vertrocknet

Blick vom Strand auf die Wüste

Nicht umgekehrt

Vom Dämon befreit


Lichtfarben

Herzschwanger

Liebeslustig

Golden und proper


Wiedergeboren

Hmmh



– Max Neumann –



Oktober 20, 2025



Mit jedem Schritt ins Meer



 – Ich kam im Abstieg

durch Kiefernhaine

zum Strand.

Der Tag verschwand

in meiner aufgehenden Hand,

und das Schweigen der Steine

bekam einen

Herzschlag.


Der Sand –

derselbe Sand, in den

Gott seine Müdigkeit grub –

trug nun auch meine.

Und meine Beine

fallen.

Das Meer legt seine Stirn

an meine.


Ich möchte mich ins Blaue krallen,

schwirren durch seine

dunkelblauen Hallen,

alleine,

leer und doch so voller

Gestirn.


Ich trete in das Blau, das keine

Richtung kennt, das meine

Strandung Heimkehr nennt.

Und eine dunkelbraune, kleine

Strandfrau kennt mich besser,

als mein Vater

mich je kannte.


Hier sind sie alle nahe Verwandte,

und sie kennen dich

in- und auswendig.

Bloß die Welt verlernt mich

gänzlich

mit jedem Schritt ins Meer.



– Dionysos von Enno –



Oktober 19, 2025



Am Sprichwort gescheitert



 – Mein Nachbar hing zum vierten Mal.

Ich sah sein Ende kommen.

Doch diesmal hab ich ihn am Schal

zu spät vom Ast genommen.


Er dachte sich, wild aufgeknüpft

an meiner schönen Linde,

dass er wie stets dem Tod entschlüpft,

wenn ich ihn röchelnd finde.


Und dass ich wieder durch die Tat

erschreckt auf einmal gerne

den Löwenzahn am Maschendraht

vor seinem Beet entferne.


Doch leider war ich nicht so frei,

das Sprichwort zu umgehen.

Auch guter Taten sind nur drei.

Die waren schon geschehen …



– Gummibaum –