See-Tanka (für R.)
– Ein Herz Ostseestrand
Lichtvermehrt im Wolkenriff
Dünen streichen Sträucher weiß
Im Sandschein leuchtet Frieden
Gräser wiegen nichts allein
– ubertas –
Ruft die Oma hoch zum Dino:
Hallo, du auf meinem Schornstein,
Komm doch runter und erzähl mir,
Wo du hergekommen bist!
Ruft der Dino: Weißt du, Oma,
Ich bin überhaupt nicht hier,
Bin kein grünes Dinotier,
Das auf deinem Schornstein hockt,
Bin vielleicht nur ein Gedanke,
Nur ein Bild aus alten Zeiten,
Das der Rauch aus deinem Schornstein
In die Luft für dich gemalt hat,
Guck noch mal ums Schornsteineck,
Hallo, Oma, und bin weg.
– Peter Welk –
– Sternblüth war zurück metastasiert
im lunatischen Lymphpark
das stille Kind beim Nähen
Zeremoniengewänder flüchtiger Wunder
So mancher bleibt abends ohne Befund
doch Sternblüth umfasste
mutational landscapes
großer onkologischer Schönheit
Darum saß sie da
glaubte an die Stimmen der Eltern
die längst viel freundlicher waren als früher
räumte die Fenster zur Nachbarschaft leer
verschwieg das meiste
belauschte die Amseln
begann sich zu lösen
– sufnus –
Oma schimpfde frieor immor:
Mädl! Schäl dn Schporschl dinnor!
Un, de Schaln, die mussde waschn!
Du du ja nüschd vorhär naschn,
kochn muss das Zeusch, das deure,
allweil roh hads blaue Säure!
Schbäder dad dann unsre Muddor
Schnidzl broden, mid viel Buddor.
Vader, schonn in Filzbandoffeln,
schmiss nor Salz off de Gardoffeln -
Ferdisch war das Sonndachsessen.
Aaach, das wersch wo nie vorgessn.
Nur de Schaln warn noch am Kochn,
wie als wärs ä Rindorknochn.
Das entwässord ohne Schwidzn!
dadn Omas Oochn blidzn:
Vonnem Mund voll Sporschlbriehe
seechsde wie ne Herde Giehe.
– Andrea M. Fruehauf –
– lithosphären aus zärtlichkeit,
die sich unter lichtkuppeln
der erinnerung dehnen und verweigern.
dein daumen: ein reich
aus wüstenzeichen und moosalphabeten
liebe. als hitzeflimmern
ich taste mich durch
glaziale dörfer deiner handlinien,
überquere grenzen, die
mir nachgehen wie schafe
(hier: die wärme deiner greifbewegung,
die erste form des einlassens –)
aus den fingerbeeren sickert
das salz der meere,
die einst unsere namen trugen
in ein neues azur.
im zeigefinger
eine südliche provinz,
und jeder pfad, begehbare abschiede unter schwalben.
dein mittelfinger trägt
die ruinen meiner stolzesten städte
ich wohne noch dort, als mythos,
(und doch: dein lachen, das manchmal
wie ein visum wirkt)
an deinem ringfinger
wächst eine schweigsame regierung aus licht,
deren gesetze nur im traum verlesen werden
verbrieft nicht auf papier,
sondern in der wechselwärme
zwischen hauch und haut
ein kodex aus atmung,
die nie besitz behauptet
nur duldung –
auf gläserner schwelle
und wenn dein finger zittert
kehrt ein land zurück,
im kleinen finger
ein zeltlager aus schnee,
der schneefall flüstert dort: «komm zu spät,
aber komm»
(dann: deine hand auf meiner,
der abruf aller topographien in einem tastmoment)
und so wandere ich
tagelang durch deine linien,
ohne zu wissen, wo du endest
und nenne dich welt.
– seefeldmaren –