Januar 30, 2025
– einfach weg
sagt er sich
den koffer gepackt
alles, alles rein, nichts bleibt hier
außer diesem scheißleben
auf seinem weg
begegnen ihm
gesichter
deren mimik fragt ihn
meinst du
uns geht es anders?
sein schritt wird schneller
mit dem blick zur uhr
am bahnsteig
steht schon der zug
weg hier, jetzt oder nie
sagt die anzeigetafel
und ein pfiff gellt
höchste zeit
dann fährt er
der zug
ohne ihn ab
– Jörg Schaffelhofer –
Januar 28, 2025
Januar 27, 2025
Weitsicht
– Als ich gestern in die Ferne sah,
schien mir diese plötzlich seltsam nah.
Näher noch – ich weiß, das klingt jetzt dumm –
als der leere Raum um mich herum.
Dieser Raum, gefüllt mit lauer Luft,
die mir dauernd in die Seele pufft;
diese schnöde Enge ganz aus Nichts,
die Garotte meines Gleichgewichts.
Dieses ungreifbare Nichts-Substrat,
licht- und schattenarme Wechselbad;
dieses körperlose Hindernis,
steter Zwang, im Ausgang – ungewiss.
Als mir, wie schon oben angeführt,
diese Ferne jäh im Innern rührt,
fand ich darin einen tiefen Sinn:
Manchmal will der Mensch woanders hin.
– Dirk Tilsner –
Januar 26, 2025
Damals, im Ennigloher Dom
( Sonett )
Ich freute mich auf seine Krönungsfeier
Der Chor, er pumpte rhythmisch Backen auf
Ließ dann den Tönen deformiert den Lauf
Auf der Empore grinsten Friedensgeier
Die Krone kam aus Blech und Silberdrähten
Hereingebracht von Pfarrers Haushaltsmagd
Und wie sie dann: „Hier is dat Dingen“, sagt
Hört man mich leise herzzerreißend beten
Kniescheiben schabten über kalte Stufen
Und Weihrauch küsste wärmend mein Gesicht
Ich fühlte Eisbefall an meinen Hufen
Das Krönchen strahlte frech im Sonnenlicht
Man schob ihn aus dem Dom, auf gold‘nen Kufen
Ihm war es recht, schon wegen seiner Gicht
– Volker Teodorczyk –
Januar 25, 2025
Januar 24, 2025
Tom und ich
– Drei Jahre nach meinem Tod
besuchte ich noch einmal Tom
in seiner Werkstatt an der Brücke.
Wir saßen auf der alten rostigen Eisenbank
und das Licht des Abends vergeudete sich
in Fächer verschiedenster Schattierungen.
Unten am Bahndamm spielten kleine Kinder,
so wie ich in den frühen Siebzigern,
suchten nach Schneckenhäusern
und huschten zwischen Kamille und Brennnessel
wie kleine flinke Rehe dahin.
«Du siehst gut aus», sagte Tom.
«Findest du?», fragte ich skeptisch.
«Doch, durchaus …»
Die Strahlen der untergehenden Sonne
hüllten den späten Augustabend
in eine Glocke aus bersteinfarbenem Gold.
Zwischen meinen skelettierten Rippen
brach sich das Licht
und floss funkelnd hinüber
zur lärmenden Kinderschar.
«Ich habe abgenommen», sagte ich.
«Aber du siehst klasse aus», antwortete Tom.
Ich blickte hinüber zu den Bergen am Horizont,
die ich als Kind «mein wildes Räuberland» nannte.
Ich hatte alles gehabt,
ich hatte alles aufgenommen,
und alles gab ich wieder zurück.
«Tom, siehst du, die Sonne fließt durch mich hindurch …»
Wir saßen noch lange dort.
Fast ein Jahrzehnt.
Tom und ich.
Oder länger.
– Herbert Fehmer –
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