Der Marmorbrunnen
– der marmorbrunnen
im winterlichen friedhof
tränkt sein spiegelbild
ach – vergebens fische ich
im becken nach der sonne
– Hans Herrmann –
– die Stimmungsbörse schon wieder im Keller
bei diesem Stau tanzt ganz allein
ein von Schnabel bis zu den Krallen
beringter Spaßvogel
vor der Ampel und jongliert
ballert voll Allegro um sich
wie ein Finanzberater mit seinen Verheißungen
wenigstens fällt ihm nach jedem großen Wurf
eine Nulldividende spielend in die Hände
so in etwa
funktioniert wohl die Wirtschaft:
der Eine sitzt am Steuer und sieht ständig rot
während sich der Andere sein täglich
Glück aus der Luft zaubern muss
wir kommen uns trotzdem näher
in den letzten Sekunden vor der nächsten
Konjunkturwelle der Abgasindustrie
Danke, Amigo! – jauchzt er mir noch hinterher
– Dirk Tilsner –
aus DAS GEDICHT, Bd. 32: Menschlichkeit
Die Poesie der Nähe, 2024
Vom Finden und Verlieren
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Ich fand Kompromisse
schwer verletzt im Straßengraben liegen,
aber keine Zeit,
Erste Hilfe zu leisten.
Den Verstand
hatte ich da schon
längst verloren
- in irgendeinem Krieg
oder beim Pokern.
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Ich fand nur Haare
und suchte die Suppe
vergebens,
während blinde Hühner
ganze Kornfelder leerfraßen.
Konstant
verlor ich meine Würde,
so wie andere Leute
ihre Hautschuppen verlieren.
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Ich verlor sogar
das innere Gleichgewicht
und fand mich selbst
auf dem Boden der Tatsachen wieder.
+++
Dann fand ich Gott
beim Aufräumen
unter der Couch
und verlor
auch noch
den Glauben
an mich selbst.
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– Wenn sich die Welt
aus Winters Hülle schält
nicht mehr gezwungen wird
sich so gestählt zu geben
Wenn wieder Leben
in die Bäume fährt
und keine Schneewolken
am Himmel kleben
Der Kranich wiederkehrt
um zu stolzieren
an Gräben
deren Wasser
nicht mehr frieren
Der Sonne Lächeln sich
ins Blau ergießt
der Krokus aus dem Rau
des Bodens sprießt
Was welk war
neu sich in Potenz erhebt
dann weiß der Mensch
der Lenz ist da -
und lebt
– niemand –
– Es hilft kein Leugnen und kein Lügen.
Ich muss mich der Bestimmung fügen.
Ja, ich mag Blut und selten Bier.
Ich bin ein einsamer Vampir.
Bei Kurzen sag ich selten nein.
Einsfünfzig sollten sie schon sein.
Und auch mein Sohn ist gut geraten.
Er übt schon mal an Fleischtomaten.
Und wirft sich dann in Beißerpose
Beim Lochen der Kondensmilchdose.
– Volker Teodorczyk –
– An der Endstation
warten schon letzte,
fast zersetzte Reste Realität.
Kafkaeske Krümel,
die wieder und wieder
neu zusammengesetzt werden.
Die Wahrnehmung
ist weitgehend verwirkt,
während die Wirklichkeit
zunehmend verwahrlost.
Das Karussell der Wahrheiten
dreht immer weiter
seine Runden
&
nur ein völlig Blinder
kann noch ernsthaft glauben,
den Durchblick zu haben.
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Alles nur noch
unbezahlte Lobbyarbeit.
Nichts ist wie es scheint.
Jede neue Zeile
nur eine neue Stufe
der Eskalation.
Draußen hagelt es Meteorologen
&
über den Kriegsgebieten
werfen sie Friedensforscher ab.
Die angeblichen Worte
deiner vorgeschobenen Feinde,
sind bloß deine scheinbaren Freunde
mit verstellten Stimmen.
+++
Personifizierte Altherrenwitze
wollen weiter die Welt beherrschen!
Doch leider endet
jeder Flirt mit Autokratie
in Vergewaltigung.
Und überhaupt …
hätte Jesus eine Peitsche genommen
&
euch in die Fresse gehauen!
+++
Fässer laufen nicht mehr über,
sie schwimmen ziellos davon.
Fundamente erzittern
wie Arschbacken beim Twerken
&
Grundpfeiler verbiegen sich dermaßen,
dass sie selbst das Niveau im Limbo schlagen.
Das ist
Kontinentaldrift
im Zeitraffer.
Alle Leitsterne
schicken dir gleichzeitig
die Abschlussrechnung.
Der Boden unter dir
geht plötzlich
einfach über dich hinweg
- und geradewegs an die Börse.
+++
Alle Akten sind geschlossen.
Finale Schuldzuweisungen wurden
wie Werbeflyer verteilt
&
himmlischer Frieden
mit brutaler Gewalt durchgesetzt.
Vom Vorstand
gesalbt und abgesegnet.
Welches Land
als nächstes bombardiert wird,
erfahrt ihr nach
einer kurzen Mitteilung
unseres Sponsors.
Das Ende der Welt
- jetzt in jedem 7. Ei.
+++
All die Worte über mir
können doch
nichts Gutes bedeuten!
ich distanziere mich
- vorsichtshalber -
von uns allen
&
verlasse das Gedicht.
+++
– klaatu –