Januar 03, 2026



Paaradox 



– Warum gab uns Gott zwei Hände? 
Zum Begreifen dieser Welt, 
weil man manches nur verstände, 
wenn man es in Händen hält? 

Gab uns Gott die Beine doppelt, 
dass wir besser stehn und gehn, 
und zwei Augen, gut gekoppelt, 
um auch in 3D zu sehn? 

Hat uns etwa Gott die Ohren 
für den Hörgenuss gepaart? 
Sind wir zum Genie erkoren? 
Nein! Beim Hirn hat er gespart ... 


– Stefan Pölt –



Januar 02, 2026



Warum der Elefant 

einen Rüssel hat 


(Märchen aus Botswana)



 – Der Elefant betrat die Bühne

der Schöpfung schon als grauer Hüne,

allein: Sein wohlbekannter Rüssel,

der stets bereite Allzweckschlüssel

für alles unterm Brotbaumwipfel,

war anfangs nur ein kurzer Zipfel.


Einst streifte eine kleine Herde

auf der noch jugendfrischen Erde

durch staubiges Savannenland,

wo sich zum Glück ein Tümpel fand.

Sie knieten tief, um mit den Lippen

vom heiß ersehnten Nass zu nippen.


Ein Bulle in den Flegeljahren,

verträumt und etwas unerfahren,

sah sich zu Rast und Ruh bewogen,

als schon die Alten weiterzogen.

Der Kleine ist im Sonnenschein

an diesem Tümpel nicht allein.


Ein eingetauchtes Krokodil

erwählt sich diesen Gast zum Ziel.

Es schnellt hervor wie von der Wippe,

verbeißt sich in erwähnte Lippe,

lässt ihren Träger nicht entfliehen

und will ihn unter Wasser ziehen.


Die Panzerechse zurrt und zerrt,

jedoch: Der junge Streuner sperrt

sich tapfer und behält die Stellung.

Wohl spürt er schon den Schmerz der Schwellung -

da löst die Echse ihre Kiefer.

(Die Sonne steht schon deutlich tiefer.)


Was ihm der Wasserspiegel zeigt,

als er das Haupt erleichtert neigt,

das lässt ihn freilich jäh erschrecken

und sich im Dorngebüsch verstecken:

Sein Mundwerk baumelt bis zum Bauch

gleich einem alten Gartenschlauch.


So umgestaltet, will er heute,

nein: niemals wieder unter Leute.

Sein Anhang, Wurzel dieser Nöte,

erglüht in tiefer Schamesröte,

doch ist er keineswegs erschlafft:

Durch ihn strömt ungeahnte Kraft.


Im kleinen Dickkopf reift sogleich

der Plan zu einem kühnen Streich:

Mit diesem Werkzeug mag es glücken,

das Affenbrot vom Baum zu pflücken,

dort, wo der Webervogel singt.

Ein kurzer Schwung - der Griff gelingt.


Die süßen, hoch gehängten Früchte,

bislang für Jumbos nur Gerüchte,

sind mit dem Rüssel zu beschleichen

und ohne Mühe zu erreichen.

Selbst Leckereien in entfernten

Geästen weiß er so zu ernten.


Derart getröstet, wird die Nacht

in sanftem Schlummer zugebracht.

Sein Status bleibt am neuen Morgen

den Seinen freilich nicht verborgen.

Auch wenn man ihn fürs Erste meidet -

er wird doch insgeheim beneidet.


Darauf erzählt er ohne Scham,

wie er zu seinem Rüssel kam.

Der Abend naht, und zu den Teichen

sieht man die Elefanten schleichen,

um dort Geheimes zu verrichten.

Das Krokodil schiebt Sonderschichten …



– Cornelius –



Januar 01, 2026



Wir gehen nach Haus



 – Die Stille hier drinnen.

Ich weiß, dass sie mir zuhört.

Und nur darauf wartet.

Ja, ich glaube inzwischen,

sie wartet nicht auf ein Kommando von mir.

Sie will ertragen werden.

Sie lauert.

Ja, das tut sie.

Sie hört das Geräusch des Kritzelns,

wenn ich auf Papier schreibe über sie.

Sie hört mich sogar noch ein Streichholz nehmen.



– ubertas –



Dezember 31, 2025







Silvesterliedchen



 – Ich wünsch mir nix fürs neue Jahr,

Ich sing mir nur ein Liedchen,

Und wird es, wie das alte war,

Machts kaum ein Unterschiedchen.


Ich wünsch den andern Leuten Glück

Beim Jagen und beim Sammeln,

Ich zieh mich in mich selbst zurück

Und höre Wiener Schrammeln.


Vor meinem Fenster dreht die Welt

Sich unter tausend Flocken,

Ich hab mich mal dazugestellt

In dicken Wollesocken.


Ich schlüpf gleich wieder unters Dach

Und zähl Tapetenschäfchen,

Und mitten im Silvesterkrach

Mach ich ein Neujahrsschläfchen.


Ihr andern Leute, tobt euch aus,

Lasst die Raketen schweifen,

Ich pack in meinen Träumerein

Die Welt in rosa Watte ein

Mit goldnen Glitzerstreifen.



 – tordilo –



Dezember 30, 2025



Jahres(w)ende



 – Was war das für ein tolles Jahr

(in dubio pro reo)!

Es hieß bereits im Januar

»Habemus papam Leo!«

 

Ach nee, das war ja erst im Mai,

auch Merz kam mit Verspätung,

man wählte ihn in Runde zwei

zum Chef der Volksvertretung.

 

Ansonsten ging es steil bergauf

mit Preisen, Pleiten, Mieten,

die sich bis jetzt im Zeitverlauf

einander überbieten.

 

Auch ›Stromberg‹ kam vom Abstellgleis

zurück ins Deutsche Kino

und Trump erhielt den Friedenspreis

von Kumpel Infantino.

 

Im Kühlschrank steht der Schampus kalt,

bis nicht nur Korken fliegen,

zum Schluss wird noch mal durchgeknallt,

als müsst man was besiegen.

 

Ich hoffe, auch das neue Jahr

wird annähernd so wunderbar.



 – Stefan Pölt – 





Kästners Stilblüte



 – Mein Vater hat gerne Gedichte gelesen

und ab und zu gab er bei Feiern und Festen

auch Verse von Rilke und Kästner zum Besten.

Wir liebten vor allem sein heiteres Wesen.


So las er: «VOM FENSTER AUS KONNTE MAN SCHIFFEN …»,
hielt inne und ließ das Gedichtbändchen sinken.

Mein Bruderherz grinste und hat mich gekniffen,

als Papa ganz trocken hinzufügte: «… WINKEN.»



– Didi.Costaire –