Januar 01, 2026



Wir gehen nach Haus



 – Die Stille hier drinnen.

Ich weiß, dass sie mir zuhört.

Und nur darauf wartet.

Ja, ich glaube inzwischen,

sie wartet nicht auf ein Kommando von mir.

Sie will ertragen werden.

Sie lauert.

Ja, das tut sie.

Sie hört das Geräusch des Kritzelns,

wenn ich auf Papier schreibe über sie.

Sie hört mich sogar noch ein Streichholz nehmen.



– ubertas –



Dezember 31, 2025







Silvesterliedchen



 – Ich wünsch mir nix fürs neue Jahr,

Ich sing mir nur ein Liedchen,

Und wird es, wie das alte war,

Machts kaum ein Unterschiedchen.


Ich wünsch den andern Leuten Glück

Beim Jagen und beim Sammeln,

Ich zieh mich in mich selbst zurück

Und höre Wiener Schrammeln.


Vor meinem Fenster dreht die Welt

Sich unter tausend Flocken,

Ich hab mich mal dazugestellt

In dicken Wollesocken.


Ich schlüpf gleich wieder unters Dach

Und zähl Tapetenschäfchen,

Und mitten im Silvesterkrach

Mach ich ein Neujahrsschläfchen.


Ihr andern Leute, tobt euch aus,

Lasst die Raketen schweifen,

Ich pack in meinen Träumerein

Die Welt in rosa Watte ein

Mit goldnen Glitzerstreifen.



 – tordilo –



Dezember 30, 2025



Jahres(w)ende



 – Was war das für ein tolles Jahr

(in dubio pro reo)!

Es hieß bereits im Januar

»Habemus papam Leo!«

 

Ach nee, das war ja erst im Mai,

auch Merz kam mit Verspätung,

man wählte ihn in Runde zwei

zum Chef der Volksvertretung.

 

Ansonsten ging es steil bergauf

mit Preisen, Pleiten, Mieten,

die sich bis jetzt im Zeitverlauf

einander überbieten.

 

Auch ›Stromberg‹ kam vom Abstellgleis

zurück ins Deutsche Kino

und Trump erhielt den Friedenspreis

von Kumpel Infantino.

 

Im Kühlschrank steht der Schampus kalt,

bis nicht nur Korken fliegen,

zum Schluss wird noch mal durchgeknallt,

als müsst man was besiegen.

 

Ich hoffe, auch das neue Jahr

wird annähernd so wunderbar.



 – Stefan Pölt – 





Kästners Stilblüte



 – Mein Vater hat gerne Gedichte gelesen

und ab und zu gab er bei Feiern und Festen

auch Verse von Rilke und Kästner zum Besten.

Wir liebten vor allem sein heiteres Wesen.


So las er: «VOM FENSTER AUS KONNTE MAN SCHIFFEN …»,
hielt inne und ließ das Gedichtbändchen sinken.

Mein Bruderherz grinste und hat mich gekniffen,

als Papa ganz trocken hinzufügte: «… WINKEN.»



– Didi.Costaire –


 

Dezember 29, 2025



Fragewolken 



 – Das Jahr klingt aus und wird Vergangenheit
und war doch eben noch zum Greifen nah,
man hat Probleme und verläuft sich in der Zeit
und steht am Ende ganz verwundert da

und fragt sich heimlich, während Frösche krachen
und lila Blitze um die Dächer schweifen:
Werd' ich im neuen Jahr die alten Fehler machen,
werd' ich vielleicht zu neuer Größe reifen?

Werd' ich in neue Höhen klettern dürfen,
wird mich ein Teufel in die Tiefe schmeißen,
werd' ich in Höllenschluchten schürfen,
wird mir ein Glücksschwein in den Hintern beißen?

Und so, indem man Fragewolken schiebt,
schiebt man Probleme, die's noch gar nicht gibt,
ins neue Jahr und vor sich her und durch die Zeit,
hinsteuernd Richtung Ewigkeit.



– Peter Welk –





Im Traum 



– Nur der Mond berührt 

zärtlich den schlafenden Mund. 

Das Herz ist verreist. 



– AlmaMarie Schneider –



Dezember 28, 2025


 

Tauwetter



 – Heimlich, kurz vor Mitternacht,

lud der Himmel weiße Fracht

auf frisierte Buchsbaumhecken,

küsste triste Straßenecken.


Heute lutscht man Weihnachtskrapfen,

muss durch braune Sülze stapfen,

und aus leeren Krähennestern

tröpfelt sacht der Schnee von gestern ...



 – Cornelius –