November 22, 2025



Der kleine Unterschied



 – Mein kleiner Enkelsohn und ich

ähneln sich:

Wir haben je drei Zähne.

Bei ihm gilt das als Sensation.

Ich ernte nichts als Spott und Hohn,

besonders, wenn ich gähne.


Mein kleiner Enkelsohn und ich

ähneln sich:

Wir haben je drei Beißer.

Ein kleiner Unterschied jedoch:

Er hat sie schon, ich hab sie noch.

«Grins nicht so frech, du Scheißer!»



– Günter Nehm –



November 21, 2025



Schlamassel


(Kindergedicht)


(hören)



 – Es war einmal ein Dromedar.

Was ist denn das, was da mal war,

ein Dromedar? «Wer bin ich bloß?

Ein Irgendwer und namenlos?»

Das fragte sich das Dromedar,

das ziemlich durcheinander war,

es guckte dromedarisch scheel:

«Vielleicht bin ich ja ein Kamel,

auf jeden Fall, ich bin ein Tier,

ach, wüsste ich doch mehr von mir!

Ich könnte ja die Hanna fragen:

He, Hanna, könnt‘ ich zu ihr sagen,

ich frage dich als Dromedar,

kommst du in dem Schlamassel klar?

Was bin ich? Ein Kamel? Ein Stier?

Ein Hund? Ein Huhn? Verrat‘ es mir!»



– Peter Welk –



November 20, 2025



Ein Tag 

wie viele andere



 – Ich prüfe mich auf Herz und Nieren:

Was treibe ich (die Wahl fällt schwer),

um diesen Tag zu zelebrieren,

als graute mir kein Morgen mehr?


Den Pulli mit dem Frack vertauschen

zwecks Eintritt in den Musensaal

und weihevollen Klängen lauschen,

fünf Stunden lang im "Parsifal"?


Man könnte freilich beim Spazieren

im feierlichen Fichtendom

die Stunden mit Gewinn verlieren.

Ein Trampelpfad führt auch nach Rom.


Mir schwant: Am Ende dieses Tages

verweile ich in meinem Bau

als Stammgast des Ein-Mann-Gelages

im Flimmerschein der Tagesschau.


Und schleicht ein Schatten durch die Gassen,

so ist es wohl Gevatter Hein.

Ich will mich gerne finden lassen,

nur schaut er nicht bei mir herein.



– Cornelius –



November 19, 2025



wie jedes jahr



 – ich sitz auf meiner nebelbank

lass lang die füße baumeln

und lieb wie letzten sonnentrank

im herbst das blättertaumeln


in weiße schwaden eingehüllt

durchstreif ich berg und wälder

sind vorratskammern vollgefüllt

bedeck ich leere felder


bestäub mit reif das gras als frost

leg die natur zur ruhe

nun sucht im kerzenschein ihr trost

nach decken in der truhe


sie geben wärme die ich nahm

und es vollzieht die planung

wie jedes jahr sich - seht: ich kam

ich bin die winterahnung



– Claudia Neubacher –



November 18, 2025



(Fotografie um 1920)


Zielen Sie!



 – Erst zielen Sie betrachtend mal auf Mitte
Und blenden ganz die Außenlandschaft weg –
Was sehn Sie? – Konzetrieren Sie sich, bitte!
Sie sehen, na? Ein hingewölbtes Eck,

Wie es der Künstler gern in Marmor haut.
Wie es in Parks den Mittagsschlendrer schreckt.
Wie man es gern zu Brunnenschmuck verbaut.
Wie es im Kenner das Erschauern weckt.

Jetzt zielen Sie betrachtend mal auf mich,
Auf mich als Ganzes, wenn Sies noch vermögen:
Sie sehen, na? Sie sähen mehr, wenn sich
Die Bilder, die Sie sehn, zusammenzögen

Zu einem Wunschtraumbilderbuchgeblätter,
Das wär dann ich. Ganz Wölbung. Nicht nur Eck.
Sie sehn das nicht? Dann haben Sie halt Bretter …
Am besten blenden Sie die ganze Landschaft weg.



 – Joe Fliederstein –



November 17, 2025



Neglegere



Das Wort ist tot.

Viele hören sein Echo,

manche spüren ihm nach –

und fühlen nichts.


Das Wort ist tot.

Wer wollte es

in hallenden Gewölben,

in Schweigen bewahren.


Das Wort ist tot.

Des Wortes Wort,

vom Gerede getragen –

niemand spricht.



– Rufus –



November 16, 2025



alles bleibt kurz



ich wach auf und denk,

vielleicht ist das hier gar kein morgen.

die sonne hängt wie ein ladebalken

über den häusern,

alles wartet auf ein update,

auch die vögel,

auch ich. beim frühstück

sagt brudi: man müsse sich entscheiden,

aber wofür,

wenn jede richtung

bloß eine andere form von warten ist.

danach seh ich menschen im supermarkt

mit gesenkten köpfen,

verwelkt wie sonneblumen vor den kühlregalen,

die den fettrand ihrer sehnsucht mustern.

an der kasse lacht die kassiererin,

du lellek,

so hell,

dass für einen moment

alles ruckelt.

ich denk:

vielleicht war das glück,

oder bloß ein fehler in der wiedergabe.



– seefeldmaren –