September 27, 2025



Sinkflug



In der alten Küchenecke gestern

in ihrer nächtlichen Bunkernische vorgestern

an der heutigen Wand abgesunken.


In ihrem Schlafanzug durch die brennende Stadt mitten in der Nacht

Kriegsväter halten ihre Front die Fronten hielten schon Großväter

auf fröhlichsten Bildern vom Sterben nicht ab.



 – Rachel –



September 26, 2025



Wer kann heut noch …



 – Wer kann heut noch in Frieden wohnen?

Im trauten Dorf selbst summt die Luft.

Wohin man schaut, sind kleine Drohnen.

In alle Zimmer späht ein Schuft.


Ich dachte erst, es seien Bienen,

doch dann hat mich ein Mensch gewarnt,

dass sie entfernten Mächten dienen

und alles filmen, gut getarnt.


Dass sie uns heimlich längst bekriegen,

und fühle jemand sich bedroht

und schlüge um sich wie nach Fliegen,

so schössen sie ihn sicher tot.


Das musste ich erst mal verdauen.

Ich hatte mich ja so geirrt. -

Doch schön, dass wir jetzt Panzer bauen,

damit es nicht noch schlimmer wird …



– gummibaum –



September 25, 2025



Schon Herbst



Schon packt der Herbst die Welt in Watte,

verbirgt am Hang die Wiesenmatte;

die weite Welt, die uns umfängt,

wird wieder klein, vertraut, beengt.


Die Schwalben – eben fortgeflogen!

Der Igel hat sein Haus bezogen

und auch die Menschen zieht’s hinein

zu Kürbisduft und Kerzenschein.


Die Hirsche röhren um die Wette,

im Fuchsfell reitet keck die Klette;

der Mohn versamt sich mit dem Wind,

fliegt fort wie auch das Spinnenkind.


Der Mischwald steht in Blätterflammen,

die Stare finden sich zusammen,

wer bleibt, erfrisst sich Winterspeck

(bald ist das letzte Futter weg!).


Noch bläst der Sturm - die Winterruhe

folgt ihm bald nach. Und aus der Truhe

holt man die warmen Decken vor;

legt sich – dem Igel gleich – aufs Ohr.


Der Nebel webt es in die Zweige:

das volle Jahr geht nun zur Neige.

Die Tage dunkeln; wir beginnen

uns auf das Innen zu besinnen.



 – Claudia Neubacher – 



September 24, 2025

 


Sonetto Siciliano





Ich habe eine Liebste auf Sizilien

(vielleicht, ich weiß es aber nicht genau) …

Ich denk sie mir als zeitentrückte Frau

Inmitten sizilianischer Fossilien:


Da steht ein Krug und vor dem Krug, verführend,

Hockt meine Liebste, schön und fossiliert,

Oft bin ich schon um sie herumstolziert,

Den Mann betonend und Verlangen schürend


Und hoffend, dass sie sich nach mir verzehre;

So, wie auch mich die Gier nach ihr zerquält,

Wenn sie sich manchmal aus Vergangnem schält,


Gedanklich – nackt die Gegenwarten sucht,

Auf Sizilianisch einen Lustfluch flucht

Und unversehens türmt. Ins Ungefähre …


Und zieht mich wie ein Spielzeug hinterher …

(Wenn das nicht typisch sizilianisch wär!)



 – Peter Welk –



September 14, 2025



Ein Gedicht, 

das im Wald beginnt



Dein Glanz

Dein Licht

Dein Tanz im Moos

Als Springkraut

Deiner Weben

Zu Ihnen setz ich mich

Zu deinen Stümpfen

Die mir Rast sind

Verblasst sind

Und wir

Die Felsen

Ein Glanz sind

Ein Licht

Ein Tanz aus Flechten

Aus Fugen

Wirrt es Sprengkraft

Schwirrt es

Klirrt es

Wirft es uns ein

Läuft uns im Bade

Ein Wasser von hier

zum Flusskieselstein


– ubertas –





September 13, 2025

 


Neupeking



 – Mein Opa wal noch Demoklat.

So hießen damals die Balbalen,

die in Eulopa sesshaft walen,

bis China sie velöstlicht hat.


Ihl Litus wal die fleie Wahl,

denn es gab mehlele Palteien

im Kampf um gutes Staatsgedeihen.

Heut ist die Einheit hiel nolmal.


Neupeking wählt die Fleißpaltei.

Wil lelnen schon im Kindelgalten,

dulch Ackelbau das Land gestalten,

und alle bleiben geln dabei …



 – gummibaum –



September 12, 2025



Aufbruch



– In den Fußspuren der Jungen

blüht das Ungewisse wie der Mohn

im Morgenwind.

Sie singen, schlendern eng umschlungen,

lachen, denn sie wissen noch nicht,

wer sie sind.


Die Vergangenheit ist bloß ein

abgelegtes Kleid,

das nicht mehr passen will,

dessen Farben nur noch stören.

Falsch sind sie und grell und schrill,

sie stammen noch aus einer Zeit,

als nicht ein Stern vom Himmel fiel.


In den Hautfalten ihrer unverstellten Nacktheit

sammelt sich der Duft der fernen Orte,

die rufen in der Lieblichkeit der Worte.

Und alle müssen sie vergessen:

nur einmal noch die Stirn der Mutter küssen,

einmal noch das schlichte Abendessen,

dann auf in tiefe Dunkelheit.


Das Loslassen ist Kunst

aus Namenlosigkeit,

ein Kunstwerk, das sich selbst erfindet,

ein Kunstwerk, das sich von aller Künstlichkeit befreit,

während es verschwindet.



– Dionysos von Enno –

  


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