Juli 30, 2025



Paris



 – Eiffelturm

Eisernes Gebet im Dunst.

Früh morgens: Leere, Stille.

Ein erster Wurm, eine erste Grille.

In den Cafés schon überall Kunst.

Männer mit Tintenhänden,

die Blicke fern und

wund.


Ein Mädchen tritt ins Licht,

wie eine offene Frage.

Jemand rezitiert ein Gedicht,

und es klingt wie eine Völkersage.

Ein Blinder überquert die Straße –

Taktgeber des

Unsichtbaren.


Die Nacht hat echte Leben verzehrt.

Der Morgen kommt schnell und hart.

Und in der Rue Mouffetard

wurde ein Ochse von hinten entleert.

Sein Fleisch ist so viel wert –

die Häute über dem Hoden

sind warm und zart.


Wer braucht schon einen Namen

in dieser Stadt,

die so viele dunkle Fenster hat.

Und jedes dunkle Fenster hat

einen hellen Rahmen.

Wir gehen anders,

als wir kamen.


Der Himmel hängt tief,

als wollte er hören, was wir verbergen.

Und wieder hängt ein Liebesbrief

an die Schlawiner und ihre Schergen –

im Café de Deux Magots,

in einem Türspalt, schief,

auf einer Tür vor einem

Stricherklo.


Die Nacht hier

ist ein Briefumschlag für dich.

Leer. Jemand spielt auf einem

Schifferklavier

Brel für die Huren und Diebe.

Man sagt, die Freiheit triebe

noch immer durch diese Stadt.

Und es stimmt:

In mir treibt alles, was Liebe

hat,

an.


 – Dionysos von Enno –



(KI-generiert)

Juli 29, 2025



wiesen blumen leuchten



 – augen bis zur spur

im schnee

im abend

liegt ein lächeln


rot auf spiegeln

bist du ja du

brichst


morgen

ziehst du weiß



 – ubertas –





👉  Interpretation von N.Valen zum Gedicht:


Die «wiesen blumen» leuchten – und verblühen nicht, sie leuchten bis in den Schnee.

Ein Sommer, der nicht weicht, sondern sich einnistet in Spuren, in Lächeln, in Spiegeln.

Es ist ein Gedicht über Erinnerung, aber nicht nostalgisch. Es ist nicht weich, sondern bruchhaft schön.

«augen bis zur spur» – wie das Sehen selbst zur Spur wird, als würde man mit den Augen schreiben.

Und die zweite Strophe: «bist du ja du» – fast eine Überraschung über die eigene Existenz,

über Identität in der Reflexion («rot auf spiegeln») – aber dann «brichst» – kein Satz, nur ein Sturz. Ein Kipppunkt.

Der letzte Vers ist futurisch. «morgen / ziehst du weiß» – der Winter kommt, aber nicht als Kälte, sondern fast als Tracht, als Kleid: weiß nicht als Leere, sondern als neue Farbe über der Spur. Und die Blumen leuchten noch immer, unter dem Schnee.



 

Wiese im Sommer



 – Die Grille geigt in hohen Gräsern

zum Lerchenlied den Kontrapunkt,

wo, leicht geflügelt, zart und gläsern,

ein Kerf das Haupt in Nektar tunkt.


Ein sanfter Windhauch streift die Spelze

vom Halm und führt sie tänzelnd fort.

Am Saum des Baches wippt die Stelze,

als treibe sie Gymnastiksport.


Das Bächlein eilt, sich zwischen Stängeln

von überfließend rotem Mohn

und Hahnenfuß hindurchzuschlängeln.

Der Bienenchor summt polyphon.


«Warum so eilig, Bach?» fragt schüchtern

beim Trinken wohl das scheue Reh.

Aus Bächleins Murmeln klingt es nüchtern:

«Das ist mir hier zu viel Klischee.»



– Cornelius –



Juli 28, 2025

 


nicht heute?



 – ein falsches lächeln, dunkel und vertraut

zieht dich hinunter in das nichtgesicht

wo jenes hoffnungslos sterile licht

dich nicht mehr deiner traurigkeit beraubt


ein leerer raum, ein nichtverstehen schaut

mit sanftem warmem hauchen hoch zu dir

ein raunen rauschen fauchen: komm zu mir

ein feuchter ton, vor dem dir plötzlich graut


du zitterst, drückst dich nieder in das jetzt

versagst den kühlen lippen ihren kuss

das nichtgeschehen trifft sie wie ein schuss

der alles nichtbegehren dumpf zerfetzt


in das zerrissne bild blickst du zurück

das nichtich ächtet dich und den verrat

die frage gibt die antwort, nicht die tat

doch lächelt es erneut, dann, stück für stück ...



 – Marcus Sommerstange –



website von Marcus Sommerstange:

https://vertextlicht.wordpresss.com




Juli 27, 2025




Der Dirigent des Schlafes



 – Es klingt Musik, wie ein Zerreißen

zum atonalen Klang der Welten,

wenn Geigensaiten reißen, spleißen

und Trommeln hämmern, schelten

fast wie bei einer Schlacht.


Leg nun die Hast auf eine Wiese

und fühle Beben und das Weiche,

im Moos zu einer frischen Brise,

Musikmagie der Himmelsreiche

ist in dir eine Pracht.


Und das Orchester sucht nach Noten –

der Dirigent wirkt fast verlegen,

er will noch um sein Schicksal loten

und ahnt den Schlaf, was für ein Segen

alleine mit der Macht.


Nun legt er seinen Taktstock nieder

und sieht die Notenblätter fliegen,

noch rebellieren Sänger Lieder,

ein Xylophon zerbricht, bleibt liegen,

dann schläft der Maestro sacht.



 – Heike –




👉  Eine kurze Interpretation des Gedichts von  – sufnus –


Du hast mich mit diesem prachtvollen Gedicht ja schon längst gewonnen.

Ein bisschen lasse ich die Zeilen aber noch in mir schwingen, bevor ich mich weitergehend äußere. Es gibt da noch ein paar Spannungslinien, bei denen ich noch nicht genau weiß, ob ich die ganz besonders mag und daher unter Bewunderungsschutz stellen möchte oder doch lieber noch etwas «entspannt» sehen wollen würden könnte.

Manchmal braucht das Lesen eines Gedichts so viel Zeit wie das Schreiben. Und das ist eigentlich immer ein sehr gutes Zeichen für das betroffene Werk. 


– sufnus –



Juli 26, 2025


(Bild: KI-generiert)


Täterbeschreibung



 – «Aha, am Auge eine Narbe.

Und seine Haare? Länge, Farbe?»

«Herr Kommissar, das ist nicht schwer.

Er hatte keine Haare mehr!»

 

«Dann seine Kopfhaut, war die eher

dem Dunklen oder Blassen näher?»

«Das weiß ich leider nicht genau,

denn nachts sind alle Glatzen grau.»



 – Stefan Pölt –




Juli 25, 2025

 


V



 – Ich schrei dir ins Gesicht


Internalisierter

Cappuccino

Hundeblick


Hirnverdrehtes

Apfelzimtig

Schöngefärbtes

Sonnenschein

Einmaleins


Düster

Infam

Chronisch

Hoffnungslos


und Vater?



 – Rufus –




👉   Interpretation des Gedichts von – ubertas –


das ist ein emotional aufgeladener Text. Hervorragend! Zwischen Wut, Enttäuschung, Vergebung und vielem mehr. Ich schrei dir ins Gesicht, schrei dagegen. Mir ist, als rührt sich nichts im Gegenüber. Keine Reaktion. Ein Fragezeichen bleibt wie ein Schrei.

Nur Gedanken zu einem außergewöhnlich gutem Gedicht!



👉   Interpretation von – sufnus –


Der Sub-Titel (bzw. die "einzeilige Anfangsstrophe"), also das "Ich schrei dir ins Gesicht", ist mir zu "direkt" und fügt dem Gedicht keine Bedeutungsebene hinzu, es ist eher ein Explizifizieren (weia!), das mit blasseren Worten quasi "doppelt", was bereits im Akrostichon offensichtlich wird.

Als sehr gelungen empfinde ich aber die "Beschimpfungen" der ICH-HASSE-Strophen. Demgegenüber ist die DICH-Strophe vergleichsweise schon recht platt.

Und das "Und Vater?" lässt mir zu wenig Lesespielraum. Vielleicht möchte ich das Gedicht gar nicht mit Fragezeichen lesen. Und auch nicht mit einem beiordnenden "und". Wobei man eine kleine "Auflösung" am Schluss schon als hilfreich empfinden könnte. Oder? Ich grübele.

Nur ausgehend vom Titel "V" (der großartig ist, weil er so viele Denkanknüpfungen anbietet!), wäre ich vermutlich auf alles mögliche gekommen, aber evlt. dann doch nicht auf Vater. Oder doch. Hm. Na … vielleicht doch … doch … schon.

Aber: Ich wär mir meiner Sache nicht sicher gewesen und das wäre dann ja gerade der Kniff bei der Sache.