September 20, 2026

 


Hinter dem Verstehen



 – Es waren Fragen,

die mich durchs Leben trieben.


Eine scheinbar endlose Route,

die sich spiralförmig

nach außen wand.


Immer weiter fort

von dem,

was ich zu sein glaubte.


Und vielleicht

immer näher

an das,

was ich niemals

benennen konnte.


Jede Gewissheit

wurde zum Anfang

eines neuen Zweifels.


Es war nie der Weg,

der mich führte.


Vielleicht waren es

die Fragen selbst,

die mich

am Leben hielten.


Vielleicht war das Ziel,

es nicht verstehen zu müssen.



– Önder Özkan –



September 19, 2026



Was von meiner Sprache 

noch übrig ist


***


Worte haben hier

keinerlei Wirkung,


Wirklichkeiten

finden nicht mehr statt.



"Schachmatt", sagt die Taube



und kackt aufs Brett.


***


Ok, Boomer.


Das hier ist

Winke-Winke-Endzeit-Linguistik

laut krakeelender Logikfehler.


Das hier sind

staatszersetzende Satzfetzen;


toxische Syntax-Faxen

politisch interessierter Teletubbies.


Frechgrins. Brechreiz. Gringe.


***


Völlig lost

beim endlosen

Stille-Post-Spielen

um Tod und Leben,


machst du "Piep"


- einfach nur,

um ein Geräusch

von dir zu geben -


&


sprengst allzu enge

Assoziationsketten

durch den gezielten Einsatz

archaischer Tierlaute.


***



Wuff! Wuff!! Wuff!!!



Sinnlos verpufft das Gebelle

an den kargen Wänden

der letzten intakten Gehirnzelle.


Bewusstsein blökt

IN GROSSBUCHSTABEN,


dass alle anderen

farbenblind sind,


während man selbst immerhin

schwarz und weiß

fehlerfrei erkennt.


***


Bürgerkriegsähnliche Zustände

beim Bingo der Bauchgefühle


&


blubberndes Gebrabbel

innerhalb der Bubble.


Sinn geht nirgendwo mehr hin,

doch schreit dafür seit Stunden schon

per Livestream Wahnsinn ins Weltnetz.


Diskussionen

wie tödlich drehende

Diskokugeln.


Sub-semantische

Untergangsromantik.


Und vor wutschnaubenden Mäulern

veranstalten sie

rauschende Schaumpartys!


***


Nur noch Tierstimmen

in Bild und Schrift:


Was von

meiner Sprache

noch übrig ist,


kehre ich einfach

zu einem Gedicht

zusammen.


***



– klaatu –



September 18, 2026



Nass von Sternen



  – Nachts

beugt sich der Himmel

mit offenem Mund.


Zwischen den Sternen

atmet etwas,

das lautlos

seine Flügel öffnet.


Der Mond

legt eine silberne Schuppe

auf das Wasser.


Darunter wendet sich

die Tiefe im Schlaf.


Für einen Augenblick

öffnet sie

ein schwarzes Auge.


Unsere Hände

tasten ins Dunkel

und kehren zurück


mit fremdem Staub

in den Poren.


Am Morgen

liegt eine Feder

auf der Fensterbank,


nass von Sternen.


Das Fenster

ist geschlossen.



– Chandrika Wolkenstein –



September 17, 2026



Im Norden


( Schüttelreime )



– Schlüpfst du aus 'nem fremden Ei,

steht es dir in Emden frei,

was dir an Max Weber liegt

und was deine Leber wiegt.


Wo - im Zoo - im Löwenmagen

schon mal tote Möwen lagen,

Bauern keinen Türmer wollen

und im Watt die Würmer tollen,


siehst du aus Beschauer-Rolle:

Pflügend wird auf rauer Scholle

mit bestrumpftem Zeh getuckert

und mit Kandis Tee gezuckert.


Hier wird «alter Walter» Kind.

Freilich: Weht ein kalter Wind,

müssen nicht nur nackte Friesen,

sondern auch Befrackte niesen ...



– Cornelius –



September 16, 2026



september



 – du möchtest die haare kürzer.

wir tragen einen stuhl auf den balkon.

kinder sind draußen am spielen,

es dauert, eines hat noch einen stein gefunden.


dann lege ich dir ein handtuch um.

dein nacken kommt zum vorschein,

diese helle, von dir selbst

so selten angesehene stelle.

wie schön.

hier auch, sagst du und zeigst

nach hinten. deine hand sucht etwas,

das ich sehen kann.

die schere haben wir sonst für papier.

ich nehme wenig zwischen die finger,

schneide über ihnen ab.

du erzählst von deiner arbeit,

bei jedem namen bewegt sich dein kopf.


warte mal.


du wartest mitten im satz.

ich halte ihn mit einer strähne fest.

so bleiben wir, bis unten jemand hupt

und du die schultern hochziehst.

ein büschel landet in der minze.

ich kriege es nicht wieder ganz heraus.

im sommer, sagst du,

riechst du dann beim kochen nach mir.

links ist es kürzer.

du tastest nach und sagst, das wächst definitiv.

ich weiß das.

trotzdem gehe ich noch einmal um dich herum.

danach hältst du den spiegel

und ich den anderen dahinter.

erst siehst du die gegenüberliegenden häuser,

meinen arm und ein stück september.

höher, sagst du. ein bisschen.



– seefeldmaren –