Januar 30, 2026



Dies irae



 – Es donnert, die Posaunen schallen.

Ein Schweifstern fällt vom Firmament.

In Flammen stehn des Himmels Hallen.

Es blitzt, die Atmosphäre brennt.


Der Lauf der Zeit ist abgeschlossen.

Das Weltmeer siedet, braust und zischt.

Zum Mond, vom Blutstrom überflossen,

hinauf zur Sonne sprüht die Gischt.


Beim Toben der Naturgewalten,

im Glanz des kalten Himmelslichts,

wird heute Weltgericht gehalten.

Danach versinkt das All ins Nichts.


Die Gräber jeder Erdenzone

beginnen Tote auszuspein.

Gleich wie Milliarden Xylophone,

so klappert schaurig ihr Gebein.


Die Seele wirft man in die Waage,

und fehlt auch nur das letzte Gramm:

Schon stürzt sie mit gedehnter Klage

in bodenlose Höllenklamm.


Im Norden, Süden, Westen, Osten,

da brodelt heute das Gericht.

Ein jeder Mensch muss davon kosten,

es mundet manchem Gaumen nicht.


Der Wind weht schweflige Gerüche.

Die Welt hat sich ins Ziel geschleppt.

Wers glaubt, der kommt in Teufels Küche

und steht dort ohne Kochrezept ...



– Cornelius (aus der Schublade) –



Januar 29, 2026



ergebung



ein himmel sieht

so weit in dich

so unbesprochen

wirst du dich

aus seinen bändern wählen

zu einem

der sich binden lässt

auf licht geküsster hand



– ubertas –



Januar 28, 2026



Weil niemand da war



 – Im Auge der Suche

Auge der Zuflucht

Auge der Angst

Auge der Augen


Nichts anderes am roten Strand

Strand im Herzen

Strand im Denken

Strand aus Sand


Weil niemand da war

Weil der leere Altbau

Weil die knarrenden Dielen

Weil die Ritzen voller Staub


Keine Blicke am Horizont

Kein Leid würde uns heimsuchen

Kein Wort uns verletzen

Keine Einsamkeit überlisten


Diese Jahre sind gestorben

Im Goldbad der Reichen

Grauen Ghettos der Stadttauben

Diese Jahre sind gestorben


Weil niemand da war



– Max Neumann –



Januar 27, 2026



etwas von dir



 – der Morgen tastet sich

über den Fluss

ein dünner Nebel

lernt das Licht


ein Vogel löst sich

aus dem Schweigen

sein Flügelschlag

schreibt Kreise

in die Luft


das neue Blatt erblickt

den ersten Tag

es weiß nichts

vom Ziel

nur vom Jetzt


das Wasser vergisst

seinen Namen

es trägt den Himmel

im Vorübergehen davon


in jeder Bewegung

finde ich etwas von dir



– Önder Özkan –



Januar 26, 2026



Erster Krokus

schon im Fokus


(Bild Wikipedia)



Viel zu früh und viel zu klein,

drängt die grüne Spitze

– fast zu nah am Mauerstein –

aus des Bodens Ritze.


Zeigt sich täglich etwas mehr,

harrt nicht Blauer Bänder

eines Frühlings. Stellt sich quer –

pfeift auf den Kalender.


Gestern noch ein kleiner Dorn,

in des Beetes Narbe,

steht er heut viel offner. Vorn

ahnt der Blick schon Farbe.


Voll ins Freie drängt‘s den Wicht

– nichts hält ihn am Zügel –

zittert zwar im Winterlicht

noch, wie Elfenflügel,


doch ihm raubt den Lebensmut

weder Wetters Laune,

noch Kalenders Zahlen-Wut.

Komme, Mensch und staune.



– niemand –



Januar 25, 2026



Aus dem Nebelnichts 


( Tanka )



 – aus dem nebelnichts

schwebt eine geisterbarke

still über den see


keiner der steuert – und doch

hält sie genau auf mich zu



 – Hans Herrmann –



Januar 24, 2026



Zeit zu verschenken!





Ich guck nur, weil du guckst.

Ich schlafe eigentlich.

Wie Möpp, der Kater, kann ich locker spucken

Auf Stunden und Sekunden,

Uns ist die Zeit egal.

Dem Tag folgt allemal die Nacht, na und?

Kein Grund,

Den Lauf der Welt in Happen kleinzudenken.

Wir haben Zeit zu verschenken!

Scheint noch die Sonne draußen? Oder schneits?

Hat unser Mensch bereits

Sein Tannenbäumchen bunt gemacht?

Aufs Jahr gelacht, das grade war?

 Mit rosarot umgaukelten

Von Zuversicht umschaukelten

Gedankenpurzelbäumeklettertouren?

Guckt unser Mensch schon wieder auf die Uhren,

Die für ihn ticken, die ihn weiterschicken

Die Jahre lang? Was so kein Hund versteht,

Weil Hund nicht nach Kalenderblättern geht,

Hundsein geht anders. Katersein geht auch

Ganz anders.

Nee, Kalender,

Nee, sowas müssen wir nicht haben,

Der Möpp und ich,

Wir können schlafend lange Wege traben

Und Zeit verbuttern

Beim Träumefuttern …  



– Peter Welk –