November 02, 2026

 


Wintertagstraum



 Fliederstein gerät in einen Hinterhalt, 

Wird in einen Sack gewuchtet und entführt.

Als er später dann die Abendkühle spürt,

Scharfer Wind ihm in den Ohrenmuscheln rührt,

Sieht er sich befreit in einem Winterwald.


Hier begegnet ihm an einem Gletscherbach

Nackt und tausendschön die Elfe Ursula,

Die er so noch nie in seinen Träumen sah,

Wie von rauem Reif umhaucht steht sie nun da,

Lange sagt sie gar nichts und dann schlotternd «Ach!»


Winterabend ist es. Und die Sterne blinken,

Während Ursula den Fliederstein umträumt,

Ihm die Männerwünsche aus den Kleidern räumt.

Morgens hat er sich noch einmal aufgebäumt,

Und er sieht die Elfe in der Ferne winken.



– Peter Welk –



November 01, 2026



Schmidt erklimmt den Gipfel


( Terzine )



 Schmidt versucht, sich dichtend von der Plage 
seines tristen Alltags zu befrein.
Nägel knabbernd stellt er sich der Frage:

Preisen meine Verse süßen Wein,
Gladiolen, Orpheus oder Schinken?
Nein, ruft er, das WORT soll Thema sein!

Wörter, reimt er, sind geheime Klinken
an den Herzens-Türen. Leider auch
wilde Seen, in denen wir versinken.

Hin und wieder sind sie Schall und Rauch.
Sinngemäß belegen sie die Zunge.
Die ganz bösen wackern schwer im Bauch

oder stechen ätzend in der Lunge.
Meidest du ein Wort, dann kann es sterben.
Streichelst du es zärtlich, kriegt es Junge.

Wörter kann man schlachten, häuten, gerben.
Neu gebären, siehe «Glatzenzopf».
Die sie häckseln, nennt man Goethes Erben.

Wörter tanzen pausenlos im Kopf
oder purzeln ungeschickt zu Boden.
Wörter hängen ab und an am Tropf.

Manche jucken fürchterlich am Hoden.



– Dirk Tilsner –



Oktober 31, 2026

 


entenheben



 die elefanten gehen mit den pudeln 

auf bleich geküssten höckern

drehn sie sich im kreis

ein ufo landet unbescholten

steigt aus steigt aus


auf popcorn


in einen pfad aus pferdemist

mit eseln fest im boden

längs weicher sättel

bunte zotteln


noch sind wir

unvergolten

zuckerwattereich



– ubertas –



Oktober 30, 2026



( Bildquelle Wikipedia ) 


Der Garten der Lüste


( drei Sonette )


 Vollendet ist das Werk am siebten Tage. 

Geschöpfe wimmeln, Gottes Wort entsprungen,

in allen Elementen. Keine Klage

erfüllt die reinen Lüfte. Wohl gelungen


sind alle die diversen Kreaturen.

Gazellen und Geparden lagern friedlich

im angenehmen Schatten auf den Fluren.

Sogar Hyänen wirken hier noch niedlich.


Nur einen Steinwurf von der Einhornweide

begegnen sich im Ur-Wald zwei Gestalten

und üben sich, ganz frei von Samt und Seide,

im Blicke tauschen und im Händchen halten.


Noch plagt die beiden Menschen kein Gewissen.

Der Apfel lockt. Gleich wird er angebissen.


II


Geborgen in dem Wundergarten Eden,

noch frisch erschaffen, war der Mensch die Zierde

der Schöpfung, durfte mit Jehova reden.

Doch mit dem Willen keimte die Begierde.


Sie hält seither sein ganzes Ich umschlungen,

regiert in jedem Augenblick sein Leben.

Es war ihm nicht als Wiegenlied gesungen:

Er darf und muss sich selbst Gesetze geben.


So flechten die Betuchten und die Nackten

die Leiber ineinander zu Girlanden

und wiegen sich nach abgezählten Takten

im Taumel der skurrilen Sarabanden.


Einst wollten seine Wellen überborden.

Nun ist der Born des Lebens schal geworden.


III


Ein glutgetränkter Wrasen wabert bleiern

und undurchdringlich um das Reich der Toten,

geschwängert mit dem Duft von faulen Eiern.

Den Lohn des Lasters zahlt man hier nach Noten:


Ein Sünder, eingespannt mit allen Vieren,

bewacht von einem Schwein mit Flötenrüssel,

muss Saiten einer Laute sordinieren.

Dem Darm des Tiers entweichen Bratschenschlüssel.


Dahinter gähnen bodenlose Schluchten.

Quer durch den Quintenzirkel wird gewinselt.

Hier unten kann kein Ohrenschutz mehr fruchten.

So hat es Bosch auf Eichenholz gepinselt.


Nun fragt sich, wer dies Panorama sichtet:

Ist das historisch? Oder nur erdichtet?



– Cornelius –





–>> Youtube: 

Informationen zu Hieronymus Boschs Gemälde






Oktober 29, 2026



schreibtischtraum



 herbstliches heizungsklopfen 

irritiert die sommersimulation

hinterm glas

ersucht eine wanze um einlass

amorphes zucken moderiert mich

in den jour fixe


die sinnsuche mäandert trist

durch projektpläne und terminkalender

ich protokolliere klimatisierte inhaltsleere

und wünsche mich in eine kernschmelze

sie sitzt ja immer noch

glotzt durch diesen spalt

zwischen Mahlzeit und Feierabend


im kaffee badet ein rest eigenlob

der kachelknast applaudiert und implodiert

die flüstert doch irgendwas

bald hast du’s geschafft

ich sollte das fenster öffnen

oder einfach mal den stecker ziehn

vielleicht weiß sie ja bescheid

und gibt mir mein leben zurück

am tassengrund nur noch ertrunkene

belanglosigkeit


wie lange es schon klingelt

oder schon wieder

noch drei minuten bis zum nächsten date

ich könnte es einfach abschalten

ich könnte mich einfach

nanu, sie ist weg

wollte wohl doch nicht rein

aber ich sollte nun

diese wolke da, sie erinnert mich an

du … wer warst du gleich nochmal

vielleicht bin ich morgen krank

wanze müsste man sein



– Marcus Sommerstange –



Oktober 28, 2026



autobahn



 wenn er sich umdrehte 

in alter zeit nickte er

es stand gut um die böden

die früchte für das leben

sein leben lang


der härte segensreicher schweiß

kühlte stets und der blick

am abend zum horizont war frei

frei von silhouetten

ungewohnter art


und ahnte er die asphaltierten

schneisen quer zur armen erde

würgte ihn das bessre

was die anderen wollten

in neuer zeit


mit bloßen händen grub er

nach beistand den er gott nannte

trostloser staub nur

rann das gesicht hinab

zurück in furchen


die bald für ratten

noch vor dem aushub

zu rennstrecken verkamen

und dann in großer spur

sich zeigen sollten



– Béla Wiesner –



Oktober 27, 2026



blaubraun


 

 im ozean türkiser kastanien 

stachelnde wellen aus gras

zackige blätter wirbeln am

grund

 

aus sandschalen

häuten sich kugeln

glatt 

glänzend

im fall



– ubertas –