Januar 07, 2026



Wie immer 

(Im Atem der Katze)



 – Wie im Atem der Katze

Im Atem der Enge

Im Atem der Eltern

Im Atem


Wie im Gesang der Fische

Im Gesang der Gospelkinder

Im Gesang der Fremde

Im Gesang


Wie im Fluchen des Vaters

Im Fluchen der Fans

Im Fluchen der Vergangenheit

Im Fluchen


Wie im Mantel der Nackten

Im Mantel der Verwirrung

Im Mantel der Heillosen

Im Mantel


Wie im Toben des Kindes

Im Toben des Sturms

Im Toben der Ausgelassenheit

Im Toben


Wie aus Idolen geschnitzt

Wie angemalt

Wie vor einem Erdbeben bewahrt

Wie immer



 – Max Neumann –



Januar 06, 2026

 


Klecks im Meer



 – die Luft sie flirrt und irgendwer

hat rote Farben angemischt

mit Blau aus nordgeneigtem Meer

und über’s Morgenland gewischt


gen Westen zieht ein lila Band

legt sich auf Leinwand-Schafe

verwirkt sich mit dem Abendland

ins Dunkelblau - zum Schlafe



 – Morphea –



Januar 05, 2026



Versuch über das Scheitern



 – nie aufzugeben – es unermüdlich aufs Neue versuchen:

beim undichten Schuh nicht das Wetter verfluchen

denselben auch einmal pro Monat putzen

das Firmenklo nicht fürs Nickerchen nutzen

Gewieher bei zotigen Witzen vermeiden

die Scheiben in kleinere Scheibchen schneiden

nicht acht Gläser trinken, wenn sieben genügen

die Klappe halten, wenn andere lügen

wenn's sakrosankt schwabbelt, nicht heimlich glotzen

nicht durchdrehen, weil wieder mal alles – zum Kotzen …


als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:

das Binsengepinsel daktylisch vernickeln

den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen

hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen

dann klar und verständlich, in manischen Festen

(Legende, Traktat, messianisches Mästen)

in dampfenden Jamben den Lorbären fangen

und zähmen, mit alles durchbrechenden Stangen

zuweilen zart-bitteres Herzdampfgebläse

und endlich dein Opus: das Wort in der Fräse


frag dich doch selbst:

..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber

..... wie viele braucht ein geiler Vers?



 – Dirk Tilsner –



Januar 04, 2026

 


niederschmetternder Gedanke



– Wenn dieselben Leute,

die Texte schön finden,

die ich grauenhaft finde,

wenn dieselben Leute also loben,

was ich unter keinen Umständen für lobenswert erachte,

wenn genau sie meine Texte aber auch loben

und schön finden,

wie grauenhaft schreibe ich dann eigentlich?



– tulpenrot –



Januar 03, 2026



Paaradox 



– Warum gab uns Gott zwei Hände? 
Zum Begreifen dieser Welt, 
weil man manches nur verstände, 
wenn man es in Händen hält? 

Gab uns Gott die Beine doppelt, 
dass wir besser stehn und gehn, 
und zwei Augen, gut gekoppelt, 
um auch in 3D zu sehn? 

Hat uns etwa Gott die Ohren 
für den Hörgenuss gepaart? 
Sind wir zum Genie erkoren? 
Nein! Beim Hirn hat er gespart ... 


– Stefan Pölt –



Januar 02, 2026



Warum der Elefant 

einen Rüssel hat 


(Märchen aus Botswana)



 – Der Elefant betrat die Bühne

der Schöpfung schon als grauer Hüne,

allein: Sein wohlbekannter Rüssel,

der stets bereite Allzweckschlüssel

für alles unterm Brotbaumwipfel,

war anfangs nur ein kurzer Zipfel.


Einst streifte eine kleine Herde

auf der noch jugendfrischen Erde

durch staubiges Savannenland,

wo sich zum Glück ein Tümpel fand.

Sie knieten tief, um mit den Lippen

vom heiß ersehnten Nass zu nippen.


Ein Bulle in den Flegeljahren,

verträumt und etwas unerfahren,

sah sich zu Rast und Ruh bewogen,

als schon die Alten weiterzogen.

Der Kleine ist im Sonnenschein

an diesem Tümpel nicht allein.


Ein eingetauchtes Krokodil

erwählt sich diesen Gast zum Ziel.

Es schnellt hervor wie von der Wippe,

verbeißt sich in erwähnte Lippe,

lässt ihren Träger nicht entfliehen

und will ihn unter Wasser ziehen.


Die Panzerechse zurrt und zerrt,

jedoch: Der junge Streuner sperrt

sich tapfer und behält die Stellung.

Wohl spürt er schon den Schmerz der Schwellung -

da löst die Echse ihre Kiefer.

(Die Sonne steht schon deutlich tiefer.)


Was ihm der Wasserspiegel zeigt,

als er das Haupt erleichtert neigt,

das lässt ihn freilich jäh erschrecken

und sich im Dorngebüsch verstecken:

Sein Mundwerk baumelt bis zum Bauch

gleich einem alten Gartenschlauch.


So umgestaltet, will er heute,

nein: niemals wieder unter Leute.

Sein Anhang, Wurzel dieser Nöte,

erglüht in tiefer Schamesröte,

doch ist er keineswegs erschlafft:

Durch ihn strömt ungeahnte Kraft.


Im kleinen Dickkopf reift sogleich

der Plan zu einem kühnen Streich:

Mit diesem Werkzeug mag es glücken,

das Affenbrot vom Baum zu pflücken,

dort, wo der Webervogel singt.

Ein kurzer Schwung - der Griff gelingt.


Die süßen, hoch gehängten Früchte,

bislang für Jumbos nur Gerüchte,

sind mit dem Rüssel zu beschleichen

und ohne Mühe zu erreichen.

Selbst Leckereien in entfernten

Geästen weiß er so zu ernten.


Derart getröstet, wird die Nacht

in sanftem Schlummer zugebracht.

Sein Status bleibt am neuen Morgen

den Seinen freilich nicht verborgen.

Auch wenn man ihn fürs Erste meidet -

er wird doch insgeheim beneidet.


Darauf erzählt er ohne Scham,

wie er zu seinem Rüssel kam.

Der Abend naht, und zu den Teichen

sieht man die Elefanten schleichen,

um dort Geheimes zu verrichten.

Das Krokodil schiebt Sonderschichten …



– Cornelius –