November 08, 2026



Novemberin



 ich bin die Stürmin die 

den Staub der Zeit

ins Sterben fegt


im Ozean Sekunden mischt

und übers Wasser

Locken legt



– Morphea –



November 07, 2026



Unmögliche Gedichte!

In Erinnerung an:


Günter Nehm



 Ein Dichter, der im Denken scharf, 

die Menschheit froh beschenken darf,

kann in gereimten Musenbildern

so manchen Frust im Busen mildern.


Nicht Böses, was Gelichter denkt,

nur Edelmut den Dichter lenkt,

der sich, den Versfuß fein zu binden,

stets müht, das richt’ge Bein zu finden.


Wenn er auch eine Weile zagt,

bis er die erste Zeile wagt,

wird er die Tat im Schwunge zeigen, 

doch soll hiervon die Zunge schweigen …?




 

👉  Anfrage beim Verlag des Dichters: Können Sie ein Foto von Günter Nehm

zur Verfügung stellen? Der Verlag bedauert. Im Internet kursiert nur ein briefmarkengroßes Bild, das zeitlich nicht einzuordnen ist. 

Wer ist dieser hemmungslos drauflosfabulierende Dichter und Silbenschüttler?

Im Klappentext zu Laura & Leopold liebten sich lüstern – Günter Nehms Unmögliche Gedichte im Sammelband (Verlag Gerhard Winter), findet man Stichworte: Jahrgang 1926, war 30 Jahre lang im Ruhrkohlenbergbau als Diplomingenieur tätig, hat vier Enkelkinder, eines charakterisierte den Großvater so: «Mein Opi ist ein großer Dichter, und meine Omi ist sehr stolz auf ihn.»



November 06, 2026



kalender



 die leere 

nichts ist bei licht

enttäuschender

das bild kaputt

das kindsgefühl

hängt sie nun

stunden noch

spleißoffen der bauch

voller gänsegräten

hinter denen

nur wand war

die leere



– Béla Wiesner –



November 05, 2026



Kurzer Prozess



 Heute hält ein dunkler Wagen 

mit Gardinen vor dem Haus.

Schwarze Herren, die es wagen,

ziehen mir die Kleidung aus.


Ich gebärde mich befremdet,

doch die Reaktion ist karg,

kalt gewaschen, weiß behemdet,

senkt man mich in einen Sarg.


Ehe ich es recht begreife,

schraubt man rasch den Deckel auf,

und tatsächlich, Leichensteife

zieht vom Fuß zum Kopf herauf.


Alles ist doch nur Versehen,

und es klärt sich sicher bald,

doch, wie soll ich das verstehen,

meine Hände sind eiskalt.


Höre Glocken, Orgelklänge,

Schluchzen und ein Trosteswort,

dann getragene Gesänge,

und zuletzt schleppt man mich fort.


Auf den Deckel poltern Steine -

Meine Glocken schrillen Sturm.

Doch umsonst! In meine Beine

bohrt sich schon der erste Wurm ...



– gummibaum –



November 04, 2026



Nach dem Gewitter



 der Himmel immer noch grau verbeult 

der Asphalt längst wieder

trocken geleckt

und die ganze Straße eine Landschaft

aus missglücktem Abend

in der kleine Scharen von Tonnen

dichtgedrängt beisammen stehen

als simulierten sie

ein Warten auf säumige Hirten



– Christian Fechtner –



November 03, 2026



Ortung



 Wir haben jetzt einen Hinweis, 

wo sich Gott versteckt hält.


Die Instrumente schlugen aus,

als du mitten im Streit

deinen Zorn

aus meiner Wunde nahmst.


Ein kaum messbarer Ausschlag.

Doch für Sekunden

verlor der Hass

seine Richtung.


Wir sollten dort suchen:

im Windschatten der Wut,

wo einer dem anderen

die Waffe

aus der Stimme nimmt.



– Chandrika Wolkenstein –



November 02, 2026

 


Wintertagstraum



 Fliederstein gerät in einen Hinterhalt, 

Wird in einen Sack gewuchtet und entführt.

Als er später dann die Abendkühle spürt,

Scharfer Wind ihm in den Ohrenmuscheln rührt,

Sieht er sich befreit in einem Winterwald.


Hier begegnet ihm an einem Gletscherbach

Nackt und tausendschön die Elfe Ursula,

Die er so noch nie in seinen Träumen sah,

Wie von rauem Reif umhaucht steht sie nun da,

Lange sagt sie gar nichts und dann schlotternd «Ach!»


Winterabend ist es. Und die Sterne blinken,

Während Ursula den Fliederstein umträumt,

Ihm die Männerwünsche aus den Kleidern räumt.

Morgens hat er sich noch einmal aufgebäumt,

Und er sieht die Elfe in der Ferne winken.



– Peter Welk –