November 05, 2026



Kurzer Prozess



 Heute hält ein dunkler Wagen 

mit Gardinen vor dem Haus.

Schwarze Herren, die es wagen,

ziehen mir die Kleidung aus.


Ich gebärde mich befremdet,

doch die Reaktion ist karg,

kalt gewaschen, weiß behemdet,

senkt man mich in einen Sarg.


Ehe ich es recht begreife,

schraubt man rasch den Deckel auf,

und tatsächlich, Leichensteife

zieht vom Fuß zum Kopf herauf.


Alles ist doch nur Versehen,

und es klärt sich sicher bald,

doch, wie soll ich das verstehen,

meine Hände sind eiskalt.


Höre Glocken, Orgelklänge,

Schluchzen und ein Trosteswort,

dann getragene Gesänge,

und zuletzt schleppt man mich fort.


Auf den Deckel poltern Steine -

Meine Glocken schrillen Sturm.

Doch umsonst! In meine Beine

bohrt sich schon der erste Wurm ...



– gummibaum –



November 04, 2026



Nach dem Gewitter



 der Himmel immer noch grau verbeult 

der Asphalt längst wieder

trocken geleckt

und die ganze Straße eine Landschaft

aus missglücktem Abend

in der kleine Scharen von Tonnen

dichtgedrängt beisammen stehen

als simulierten sie

ein Warten auf säumige Hirten



– Christian Fechtner –



November 03, 2026



Ortung



 Wir haben jetzt einen Hinweis, 

wo sich Gott versteckt hält.


Die Instrumente schlugen aus,

als du mitten im Streit

deinen Zorn

aus meiner Wunde nahmst.


Ein kaum messbarer Ausschlag.

Doch für Sekunden

verlor der Hass

seine Richtung.


Wir sollten dort suchen:

im Windschatten der Wut,

wo einer dem anderen

die Waffe

aus der Stimme nimmt.



– Chandrika Wolkenstein –



November 02, 2026

 


Wintertagstraum



 Fliederstein gerät in einen Hinterhalt, 

Wird in einen Sack gewuchtet und entführt.

Als er später dann die Abendkühle spürt,

Scharfer Wind ihm in den Ohrenmuscheln rührt,

Sieht er sich befreit in einem Winterwald.


Hier begegnet ihm an einem Gletscherbach

Nackt und tausendschön die Elfe Ursula,

Die er so noch nie in seinen Träumen sah,

Wie von rauem Reif umhaucht steht sie nun da,

Lange sagt sie gar nichts und dann schlotternd «Ach!»


Winterabend ist es. Und die Sterne blinken,

Während Ursula den Fliederstein umträumt,

Ihm die Männerwünsche aus den Kleidern räumt.

Morgens hat er sich noch einmal aufgebäumt,

Und er sieht die Elfe in der Ferne winken.



– Peter Welk –



November 01, 2026



Schmidt erklimmt den Gipfel


( Terzine )



 Schmidt versucht, sich dichtend von der Plage 
seines tristen Alltags zu befrein.
Nägel knabbernd stellt er sich der Frage:

Preisen meine Verse süßen Wein,
Gladiolen, Orpheus oder Schinken?
Nein, ruft er, das WORT soll Thema sein!

Wörter, reimt er, sind geheime Klinken
an den Herzens-Türen. Leider auch
wilde Seen, in denen wir versinken.

Hin und wieder sind sie Schall und Rauch.
Sinngemäß belegen sie die Zunge.
Die ganz bösen wackern schwer im Bauch

oder stechen ätzend in der Lunge.
Meidest du ein Wort, dann kann es sterben.
Streichelst du es zärtlich, kriegt es Junge.

Wörter kann man schlachten, häuten, gerben.
Neu gebären, siehe «Glatzenzopf».
Die sie häckseln, nennt man Goethes Erben.

Wörter tanzen pausenlos im Kopf
oder purzeln ungeschickt zu Boden.
Wörter hängen ab und an am Tropf.

Manche jucken fürchterlich am Hoden.



– Dirk Tilsner –



Oktober 31, 2026

 


entenheben



 die elefanten gehen mit den pudeln 

auf bleich geküssten höckern

drehn sie sich im kreis

ein ufo landet unbescholten

steigt aus steigt aus


auf popcorn


in einen pfad aus pferdemist

mit eseln fest im boden

längs weicher sättel

bunte zotteln


noch sind wir

unvergolten

zuckerwattereich



– ubertas –



Oktober 30, 2026



( Bildquelle Wikipedia ) 


Der Garten der Lüste


( drei Sonette )


 Vollendet ist das Werk am siebten Tage. 

Geschöpfe wimmeln, Gottes Wort entsprungen,

in allen Elementen. Keine Klage

erfüllt die reinen Lüfte. Wohl gelungen


sind alle die diversen Kreaturen.

Gazellen und Geparden lagern friedlich

im angenehmen Schatten auf den Fluren.

Sogar Hyänen wirken hier noch niedlich.


Nur einen Steinwurf von der Einhornweide

begegnen sich im Ur-Wald zwei Gestalten

und üben sich, ganz frei von Samt und Seide,

im Blicke tauschen und im Händchen halten.


Noch plagt die beiden Menschen kein Gewissen.

Der Apfel lockt. Gleich wird er angebissen.


II


Geborgen in dem Wundergarten Eden,

noch frisch erschaffen, war der Mensch die Zierde

der Schöpfung, durfte mit Jehova reden.

Doch mit dem Willen keimte die Begierde.


Sie hält seither sein ganzes Ich umschlungen,

regiert in jedem Augenblick sein Leben.

Es war ihm nicht als Wiegenlied gesungen:

Er darf und muss sich selbst Gesetze geben.


So flechten die Betuchten und die Nackten

die Leiber ineinander zu Girlanden

und wiegen sich nach abgezählten Takten

im Taumel der skurrilen Sarabanden.


Einst wollten seine Wellen überborden.

Nun ist der Born des Lebens schal geworden.


III


Ein glutgetränkter Wrasen wabert bleiern

und undurchdringlich um das Reich der Toten,

geschwängert mit dem Duft von faulen Eiern.

Den Lohn des Lasters zahlt man hier nach Noten:


Ein Sünder, eingespannt mit allen Vieren,

bewacht von einem Schwein mit Flötenrüssel,

muss Saiten einer Laute sordinieren.

Dem Darm des Tiers entweichen Bratschenschlüssel.


Dahinter gähnen bodenlose Schluchten.

Quer durch den Quintenzirkel wird gewinselt.

Hier unten kann kein Ohrenschutz mehr fruchten.

So hat es Bosch auf Eichenholz gepinselt.


Nun fragt sich, wer dies Panorama sichtet:

Ist das historisch? Oder nur erdichtet?



– Cornelius –





–>> Youtube: 

Informationen zu Hieronymus Boschs Gemälde