Mai 19, 2026



Sonnengleich



 – Oh, wie lieb ich diese kleinen

sonnengleich wie silberfeinen

Tausendschönchen grad im Mai.

Wenn ich mir ein Kränzchen winde,

blätterweis das Glück ergründe,

wirds mir sonntagsleicht dabei.



– Andrea M. Fruehauf –



Mai 18, 2026



Das Schnabeltier




(Bild Wikipedia)



– Was hat der liebe Gott gedacht

in seinem Schöpferwahn,

als er das Schnabeltier gemacht?

Es paddelt seine Bahn

 

in manchem trägen Dschungelfluss

im Antipodenland

und ist nach Gottes weisem Schluss

nur mit sich selbst verwandt,

 

entschlüpft der Ente gleich dem Ei,

bloß harmoniert nicht ganz

sein Entenschnabelkonterfei

mit seinem Biberschwanz.

 

Ein Fersensporn mit Kobragift

zählt auch zum Arsenal.

Ein Feind, den dieser Stachel trifft,

empfindet Todesqual.

 

Es nähme gern den Schnabel voll,

doch leider bleibt es stumm.

Das findet es so semitoll.

Es wüsste gern, warum.



– Cornelius –

Mai 17, 2026

 


Viele Fragen



 – Es beginnt im Stillen,

dort, wo kein Maßstab greift

und kein Auge je verweilte,


mit der Frage,

warum überhaupt etwas ist

und nicht vielmehr nichts.


Ein Flimmern im Vakuum,

ein kaum gedachter Anfang,

der sich ausdehnt ohne Ziel,

und wir stehen darin

wie ein Atemzug,

der sich selbst betrachtet.


Warum trägt das Universum

die Form, die es trägt,

warum diese Gesetze,

diese leise, unerschütterliche Ordnung

inmitten scheinbarer Unruhe.


Warum hat ein Elektron

genau diese Ladung,

nicht mehr, nicht weniger,

warum diese Masse,

als wäre sie beschlossen worden

in einer Sprache, die niemand kennt.


Warum verharren die Konstanten

auf ihren stillen Werten,

fein austariert

wie ein Gleichgewicht

auf Messers Schneide,

als hätte jemand gerechnet,

lange bevor Zeit entstand.


Warum krümmt sich Raum,

und formt den Weg des Lichtes.

Warum zerfällt, was existiert,

und bildet sich neu

aus den Trümmern des Vorherigen.


Warum trägt jede Antwort

den Keim einer weiteren Frage,

wie ein Schatten,

der sich nicht abschütteln lässt.


Während wir zählen,

messen, beschreiben,

während wir Formeln

in die Stille schreiben,

bleibt etwas offen,

immer,

wie ein Fenster ohne Rahmen.


Und dann,

ganz am Rand

dieses großen,

schweigenden Rätsels,

die entscheidende Frage,

leise,

unerwartet konkret:


Wann muss die Steuererklärung

abgegeben werden?



– Önder Özkan –



Mai 16, 2026



Herne-Sodingen 1986



 – Ja damals war’s, auf dieser Fete

Was war ich voll, denn nur dann tanz ich

Da sagt mein Freund: «Du kriss ne Pläte

Bei dir sind die Hormone ranzich!»

 

Den Spiegel her, er hatte recht

Trank Alpecin, hab mich bekleckert

Der Hals, er brannte, mir war schlecht

Und die Verdauung hat gemeckert

 

Ich lallte laut, ich wollte Haare!

Ich wollte dicke, schöne, lange

Doch nix passierte all die Jahre

Mir war so vor ner Glatze bange!

 

Wat hatt’ ich Spaß an diesen Gildo

Der hatte Haare, meine Güte

Doch ein Toupet, als Kopfhautdildo?

Ne, dat kommt gar nicht in die Tüte!  

 

Noch heute kämme ich die Strähnen

Von links nach rechts, von rechts nach quer

Vom Schnitt her ähnelts den Hyänen

Doch wenigstens lacht mein Friseur!



– Volker Teodorczyk –



Mai 15, 2026

 


Der zweite Atem



 – Vor etwa zweieinhalb Milliarden Jahren,

brach eine erste Katastrophe aus.

Aus allen Badewannen wurden Bahren,

und eine Eiszeit überzog das Haus.


Wie kam es zu dem Sterben und Erkalten?

Ein kleiner Mörder, ein Bakterium,

nahm sich das Sonnenlicht zum Wasserspalten,

und blubberte mit Giftgas um sich rum.


Die Anaerobier im Meer verreckten

und in der Atmosphäre das Methan.

Das Kohlendioxid, das es erweckte,

hat kaum noch was als Treibhausgas getan.


Nur Arten, die Entgiftungswege fanden,

und gegen lange Fröste stille Glut,

sind leicht bis schwer verwandelt noch vorhanden

und nutzen dieses Giftgas ziemlich gut.


Doch eine will nun wieder Mörder spielen,

indem sie dessen Nutzung übertreibt,

schon sterben die Empfindlichsten der Vielen,

wer weiß, ob diesmal jemand übrig bleibt …



– gummibaum –



👉  Cornelius kommentiert das Gedicht so:

Die «große Sauerstoffkatastrophe» vor knapp zweieinhalb Milliarden Jahren hast du so wunderbar lyrisch dargestellt, dass man buchstäblich den Atem anhalten muss.


Was die mikroskopisch kleinen Cyanobakterien damals mit ihrer «Wasserspalterei» anrichteten, führte zwar zu einem Massenaussterben anaerober Daseinsformen, legte aber die Grundlage für die Entfaltung des Lebens, wie es bis heute existiert – und hoffentlich weiter bestehen wird, wenn nicht, wie in deinem Gedicht angedeutet, eine einzelne aerobe Spezies allen anderen die Luft zum Atmen nimmt.


Leider neigt Geschichte, auch Naturgeschichte, dazu, sich zu wiederholen ...


 

Mai 14, 2026



Trauertag



 – Den Vatertag in jedem Jahr

verbring ich mit den Kindern,

um Zweifel, wer ihr Vater war,

im Voraus zu verhindern.


Den Rest des Jahres lass ich sie

in einem Heim erziehen.

Sie wären, machte ich es, nie

und nimmer so gediehen.


Auch wenn ich diese Kinder mag,

sie sollten mich verklagen,

und das nicht nur am Vatertag

für klägliches Versagen …



– gummibaum –



 


Himmelfahrt


– hören >>



 – Lieber Gott, ich sah dich gestern kommen

Gradewegs zur Kneipentür herein.

Anfangs glaubte ich, es könnt ein Irrtum sein,

Denn ich sah dich zwar, doch sah ich dich verschwommen,

Und dein Gang, entschuldige, war mehr ein Wanken,

Und das ließ mich rundherum im Glauben schwanken.

 

Doch dann hast du zu den Himmelsachsen

Dich ins Lot gebracht und aufrecht kamst du her,

Nichts von Wanken oder Schwanken sah ich mehr,

Vielmehr schiens, als sollten dir jetzt Flügel wachsen,

Und wie dir – mir auch! So dass wir Schleifen flogen

Kneipenauswärts und vereint gen Himmel zogen.

 

Möglich, dass wir bis zur Himmelspforte kamen,

Bloß, ich weiß es nicht und wüsst es gerne,
amen.



– Peter Welk –