März 18, 2026



Rheumatoid



 – Leicht fliegt ein Spatz und setzt sich nieder

auf grauem Zweig. «Der Lenz ist da ...»

entnehme ich dem Klang der Lieder.

Ich reck und strecke meine Glieder -

was ausbleibt ist ein Trallala ...


Es zwickt und zwackt in allen Knochen -

jetzt hülfe nur der Sonne Schein.

Doch die hat sich im Grau verkrochen,

ihr Heilsversprechen längst gebrochen,

vielleicht wirds morgen anders sein.


Der Ginster scheint auch nichts zu taugen,

(grad heute hätt ich ihn gebraucht)

schaut aus verwaschnen Blütenaugen,

als hätt er sie in tausend Laugen

zum Farb-Entgolden eingetaucht.


Das Beet fragt, ob ich es denn wisse,

dass man es neu bepflanzen soll,

denn eine kleine Zwerg-Narzisse

(nicht höher, als der Spann der Füße)

macht sich dekorativ nicht toll.


Ach, habt mich alle heute gerne -

mein Kopf tut weh, das ist nicht schön.

Der Nacken spannt, ich sehe Sterne

und zu, dass ich mich gleich entferne.

Jetzt hilft nur noch Ibuprofen!



– niemand –



März 17, 2026



nichts mit heute



 – mit dreizehn wollte ich nichts werden

eine schwester an der barbie die andere


mit taschengeld zur sparbüchse

und nichts als hausaufgaben


ich hörte nichts auf witzplatten

«ja wo laufen sie denn?»


wollte nichts mit dschungel

«probiers mal mit gemütlichkeit»


mit nichts als nur gemütlichkeit

das war auch alles nichts – nichts mit fünfzehn


und heute? nichts als jetzt?

sarg an totholz sarg an totholz


unter dem verfuckten deckel

große – weite – welt – nichts


als überfall und überall nichts als

krieg oder frieden nichts



– Rachel –



März 16, 2026



Mit dem Wind



Und so sitze ich auf dem Dach …


und warte darauf

ein Teil des Mooses zu werden

Bis dahin denke ich

an all die Träume

von denen die Sterne erzählten

Vergleiche

Realität und Traum

Komme zu dem Schluss

dass sich das Warten lohnt


Ich erzähle den Sternen davon

wie es ist so zu sein

die Bäume ringsherum beginnen bedächtig

zu lauschen verstehen

und schlängeln ihre Wurzeln

hinauf zu mir aufs Dach

beginnen mich zu umarmen


… und der Wind singt sein Lied dazu



– Otto Lenk –



März 15, 2026



Epischer Zorn



 – Wir sind die Guten, und sie sind die Bösen.

Wie Gottes Zorn sind wir, und wir erlösen

ein Volk von seinen Peinigern präzise,

und stirbt ein Haufen Mädchen, warn es diese.


Es irrt kein Gott, und sollte ihm gefallen,

zwecks Body Count ein Dörfchen abzuknallen,

ein Krankenhaus mit seiner Faust zu treffen,

so darf er das, auch wenn Idioten kläffen.


Kein Mensch ist doch befugt, das breitzutreten

worüber Gott selbst schweigt. Er hat zu beten,

und wenn der Herr durch Foltern seine Feinde

zu Tode bringt, was kümmerts die Gemeinde.


Gott schickte einst die Schwarzen und die Roten

in seiner Neuen Welt ins Reich der Toten,

und nimmt den Tomahawk nach neuem Schärfen

nun selbst zur Hand, um cool damit zu werfen …



– gummibaum –



März 14, 2026



Es schlägt noch



 – In deiner stillen Wohnung stapelt sich dein Leben.

Jede Ecke vibriert, ist bis zum Zerbersten gefüllt.


Wir tauchen ab bis in den Keller

und wühlen in den Taschen

alter Nerzfellmäntel.

So voll wie gestopfte Weihnachtsgänse.


Wir lassen los, mit leeren Händen treiben wir hinauf.

In deiner Wohnung fliegt uns um die Ohren,

was du nicht mitnehmen konntest.


Deine Schuhe, Bilder und die Figuren aus Glas.

Wir strecken uns und stecken ein, was hängen bleibt.


Und in all deinem stummen Trubel

stehen wir hier ohne dich,

und wo du weg bist,

ist alles erfüllt von dir.



– Liesa Schier –

März 13, 2026



Alfred zum Achtzigsten



 – Die Zeit ist da! Er wagt ein letztes Schmunzeln,

Das sich ihm schütter um die Wangen spinnt,

Vergebens deckt er Runen zu und Runzeln,

Und seine letzte Locke hebt der Wind.


Wir alle denken noch an jene Glücksmomente,

Da wir ihm sagen konnten: «Siebzig, Alfred, und!

Es geht dein Geist noch lange nicht in Rente,

Du brauchst noch lange keinen Ausgehhund!»


Das war einmal. Jetzt, da die Achtzig kommen,

Und kommt Umnachtung unaufhaltsam auch,

Jetzt stehn wir stumm und irgendwie benommen

Vor einem einstens aufgeblühten Strauch.


Jetzt muss ein Hund her, dass der Strauch nicht dorre,

Jetzt macht die letzte Kraft den letzten Schnitt.

Tritt aus dem Dunkel, Alfred, und verknorre

Nicht gar so schnell! Wir kommen da nicht mit!


Bleib noch ein Weilchen in der alten Wärme,

Halts noch ein Weilchen in den Dingen aus,

Lass die Gedanken noch mal los und lärme

Unter den Fenstern ferner Jugendschwärme,

Dann geh uns tapfer und gefasst voraus.



– Peter Welk –



März 12, 2026




Dem Mohn


 – Ein Zauber liegt im warmen Ton,

aus dem die Bilder keimen.

Mir hilft des Schlafes Bruder Mohn,

beim Dichten nicht zu leimen.


Im Garten an geheimem Ort

verheißt sein Blühen zartes

von Licht erfülltes mildes Wort,

ein welkend noch Apartes.


Die volle Kapsel lässt den Saft,

wenn ich sie ritze, schießen,

und trocknend bündelt er die Kraft,

ins All des Traums zu fließen.


Und bin ich dort, von Rauch umrankt

und selig ohnegleichen,

so pflücke ich, was farbig wankt

und binde es in Zeichen …



– gummibaum (2016) –