April 14, 2026



Vollendung



 – Liebe ist wie eine Blüte,

nicht nur zart, sondern vergänglich im Kern,

ein leises Aufbegehren gegen das Vergehen,

ein Duft, der schon im Entstehen Abschied in sich trägt.


Sie wächst nicht im Licht allein,

sondern in den Rissen unserer Unvollkommenheit,

dort, wo Sehnsucht sich mit Angst vermischt

und Nähe zugleich Rettung und Abgrund wird.


Jede Berührung ist ein Versprechen,

das die Zeit nicht halten kann,

und doch halten wir daran fest,

als wäre gerade dieses Zerbrechen der Sinn.


Denn Liebe ist kein Zustand,

sie ist ein Übergang,

ein ständiges Werden und Verlieren,

ein stilles Erkennen,

dass wir im Anderen nie ganz ankommen,

aber ohne ihn noch weniger bei uns selbst sind.


Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,

weil sie uns nicht erfüllt,

sondern uns öffnet,

wie eine Blüte,

die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,

im vollen Wissen,

dass sie fallen wird.



– Önder Özkan –



April 13, 2026



Zusammenbruch



 – Hinweggeschwemmt ist alle Ruhe,

er treibt in dem Gedankenfluss,

ein Kopf in Strudeln, sieht die Schuhe

am Ufer kleiner werden, muss


sich mühen, oben auf zu bleiben.

Zerrissenes Ideengut

beginnt ihn grausam zu zerreiben,

und leeres Wissen trübt die Flut.


Und hinter ihm noch all die Fragen,

die eine Antwort suchten und

ihn wie mit Keulen vorwärts jagen -

Es wächst ein Schrei in seinem Mund


und reißt ihn fort, er fällt Kaskaden

zerspellend abwärts ohne Halt -

Erwacht, und seine Schläfen baden

in Kissen einer Heilanstalt …



– gummibaum –



April 12, 2026

 


Ein T-Rex 

im Streichelzoo



I.


 – Die Hunde

haben das Haus übernommen

und Menschenhütten

im Garten errichtet.


Du kannst Recht behalten

oder deine eigenen Zähne.


Das ist der Preis

für deine Träume:


Kein Preisschild,

sondern rohe Gewalt.


Im freien Fall

verkündet der innere Kompass

voller Stolz,


dass es nun endlich

wieder aufwärtsgehe.



II.


Reiß das Fenster auf

und lass die Dunkelheit rein.


Begehe Massaker

vor lauter Mitgefühl


und ziehe


– zum Beweis deiner Ehrlichkeit –


frei erfundene Fakten

aus deinem Rektum,


wie ein Zauberer

Kaninchen aus dem Hut.


Die Welt wird so

zum grenzenlosen Katzenklo

und du bleibst stolz darauf,

zur Streu zu gehören.



III.


Da steht ein Plastikgott

mit Wackelkopf

auf dem Fensterbrett


– bete ihn einmal an

und du hast zwei Sünden frei.


Bekennende Kannibalen

gewinnen plötzlich Wahlen


und unsere Träume

beginnen zu träumen


– von einer Welt ohne uns.


Irgendwo

implodiert leise

ein Kopf.


Es könnte deiner sein.



IV.


LASST MICH LOS!


Ich muss das hier noch

ganz schnell aufschreiben!


Nur noch diese eine Strophe,

dann werden sie es verstehen!


BITTE!


Nur noch dieser Absatz!

Nein, ICH bin nicht verrückt,


IHR SEID VERRÜCKT!


NEIN!!!



– klaatu –



April 11, 2026



Durch den 

Fensterladenspalt


(Ballade)



 – Es war einmal ein Mensch, der war zufrieden,

Der hatte einen Zaun und einen Hund,

Ihm war der hominide Gang beschieden,

Und zur Beschwerde sah er keinen Grund.


Er hatte außerdem ein Gegenüber,

Das ihm den Zweifel von der Seele nahm,

Er litt an gar nichts – nur am Lampenfieber,

Wenn ihm die Zukunft in die Quere kam.


Zum Beispiel fing sein Nachbar an zu fliegen,

Der Mensch sahs durch den Fensterladenspalt,

Und tags darauf ist er aufs Dach gestiegen,

Und in Gedanken flog er Richtung Wald,


Es hat der Mensch die Arme ausgebreitet,

Und nur der Absprung hätte noch gefehlt,

Der Brustkorb war ihm heldenhaft geweitet,

Der Mensch hat froh bis hundertelf gezählt


Und stieg bei hundertzwölf vom Dach herunter,

Er ging zu Bett und träumte von dem Flug,

Der ihn als Schwalbe aus Papier dann unter

Den Sternen hin zum Kinderspielplatz trug.


Dort ist er lautlos übern Sand geglitten,

Verfing sich jäh in einem Purzelbaum,

Und eine Besenhexe kam geritten –

Dann war er aber aus, der schöne Traum.


Der Mensch ist wieder hoch aufs Dach geklettert,

Und nunmehr hob er wirklich ab und flog,

Ist rein in einen Schweinestall gebrettert,

Als ihn der Wind auf Nachbars Grundstück zog.


Die Zukunft, sprach der Mensch, liegt nicht im Fliegen,

Des Bürgers Zukunft liegt im Flugverbot.

Dann ist er einmal noch aufs Dach gestiegen,

Man sah ihn fliegend um den Kirchturm biegen,

Er wollte einen Überflieger kriegen …

(und falls er abgestürzt ist – ist er tot).



– Peter Welk –