Nachtgedicht
Es war einmal ein Elefant,
Der kam in einen Laden
Und sprach: «Ich möcht, ich möcht so gern
Im Porzellane baden!»
«Ein Bad», sprach die Verkäuferin,
«das nehmen Sie am besten
Dort zwischen Meißen zweite Wahl
Und Nymphenburger Resten.»
Der Elefant bedankte sich
Und ging zu den Regalen,
Er warf die ihm benannten um,
Dann trat er in die Schalen
Und Schüsseln, dass es Scherben gab,
Ganz wundervoll zerstampfte,
Darinnen nahm er dann ein Bad,
Dass es bis Meißen dampfte.
Und als er aus dem Bade stieg,
Gewaschen und erfrischet,
Da hat er die Verkäuferin
(sie war ja noch im Laden drin)
Am Blusenknopf erwischet:
«Sie!» sprach er, «Sie verstehen mei-
ne Porzellanneurose,
Doch darf die nie ans Tageslicht!
Was sag’ ich! Schon als Nachtgedicht
Verschweigen wir die Chose!»
Dann ging der Elefant hinaus
Und ward nicht mehr gesehen …
Zwei Fragezeichen blieben lang
Mit unverhohlnem Fragedrang
Am Ladenfenster stehen.
– Peter Welk –
👉 Interpretationsversuch:
Auf den ersten Blick wirkt das Nachtgedicht wie eine ulkige Geschichte, an der es nicht viel zu interpretieren gibt: ein Elefant, der in einem Porzellanladen baden möchte. Steckt dahinter womöglich mehr als nur ein lustiger Einfall?
Die Handlung spielt bewusst mit der bekannten Redewendung «wie ein Elefant im Porzellanladen». Der Elefant tut genau das, was man erwartet: Er zerstört alles. Die Szene wird dabei übertrieben und fast genüsslich beschrieben («ganz wundervoll zerstampfte»), was den komischen Effekt verstärkt.
Interessant ist, dass der Elefant sein Verhalten bewusst auslebt. Er fragt höflich nach einem Bad und bekommt sogar eine scheinbar ernsthafte Antwort. Alle Beteiligten tun so, als sei die Situation ganz normal, obwohl sie völlig absurd ist.
Der Elefant könnte für ungehemmte Triebe oder zerstörerische Impulse stehen: Er weiß, dass sein Verhalten problematisch ist («darf nie ans Tageslicht»), trotzdem lebt er es vollständig aus. Das deutet auf einen Konflikt hin: Menschen haben oft Wünsche, die sie gesellschaftlich unterdrücken müssen. Das Bad im Porzellan wird so zu einem Symbol für verbotene Lust, heimliches Ausleben von Chaos oder Zerstörung.
Am Ende wird alles vertuscht («Verschweigen wir die Chose!»). Die letzten Zeilen sind besonders auffällig: «Zwei Fragezeichen blieben lang … am Ladenfenster stehen.» Das kann bedeuten: Es bleiben Zweifel und ungelöste Fragen. Die Fragezeichen symbolisieren: Staunen, Unverständnis, vielleicht auch Kritik am Geschehen.