Sonnengleich
– Oh, wie lieb ich diese kleinen
sonnengleich wie silberfeinen
Tausendschönchen grad im Mai.
Wenn ich mir ein Kränzchen winde,
blätterweis das Glück ergründe,
wirds mir sonntagsleicht dabei.
– Andrea M. Fruehauf –
– Was hat der liebe Gott gedacht
in seinem Schöpferwahn,
als er das Schnabeltier gemacht?
Es paddelt seine Bahn
in manchem trägen Dschungelfluss
im Antipodenland
und ist nach Gottes weisem Schluss
nur mit sich selbst verwandt,
entschlüpft der Ente gleich dem Ei,
bloß harmoniert nicht ganz
sein Entenschnabelkonterfei
mit seinem Biberschwanz.
Ein Fersensporn mit Kobragift
zählt auch zum Arsenal.
Ein Feind, den dieser Stachel trifft,
empfindet Todesqual.
Es nähme gern den Schnabel voll,
doch leider bleibt es stumm.
Das findet es so semitoll.
Es wüsste gern, warum.
– Cornelius –
– Es beginnt im Stillen,
dort, wo kein Maßstab greift
und kein Auge je verweilte,
mit der Frage,
warum überhaupt etwas ist
und nicht vielmehr nichts.
Ein Flimmern im Vakuum,
ein kaum gedachter Anfang,
der sich ausdehnt ohne Ziel,
und wir stehen darin
wie ein Atemzug,
der sich selbst betrachtet.
Warum trägt das Universum
die Form, die es trägt,
warum diese Gesetze,
diese leise, unerschütterliche Ordnung
inmitten scheinbarer Unruhe.
Warum hat ein Elektron
genau diese Ladung,
nicht mehr, nicht weniger,
warum diese Masse,
als wäre sie beschlossen worden
in einer Sprache, die niemand kennt.
Warum verharren die Konstanten
auf ihren stillen Werten,
fein austariert
wie ein Gleichgewicht
auf Messers Schneide,
als hätte jemand gerechnet,
lange bevor Zeit entstand.
Warum krümmt sich Raum,
und formt den Weg des Lichtes.
Warum zerfällt, was existiert,
und bildet sich neu
aus den Trümmern des Vorherigen.
Warum trägt jede Antwort
den Keim einer weiteren Frage,
wie ein Schatten,
der sich nicht abschütteln lässt.
Während wir zählen,
messen, beschreiben,
während wir Formeln
in die Stille schreiben,
bleibt etwas offen,
immer,
wie ein Fenster ohne Rahmen.
Und dann,
ganz am Rand
dieses großen,
schweigenden Rätsels,
die entscheidende Frage,
leise,
unerwartet konkret:
Wann muss die Steuererklärung
abgegeben werden?
– Önder Özkan –
– Ja damals war’s, auf dieser Fete
Was war ich voll, denn nur dann tanz ich
Da sagt mein Freund: «Du kriss ’ne Pläte
Bei dir sind die Hormone ranzich!»
Den Spiegel her, er hatte recht
Trank Alpecin, hab’ mich bekleckert
Der Hals, er brannte, mir war schlecht
Und die Verdauung hat gemeckert
Ich lallte laut, ich wollte Haare!
Ich wollte dicke, schöne, lange
Doch nix passierte all die Jahre
Mir war so vor ’ner Glatze bange!
Wat hatt’ ich Spaß an diesen Gildo
Der hatte Haare, meine Güte
Doch ein Toupet, als Kopfhautdildo?
Ne, dat kommt gar nicht in die Tüte!
Noch heute kämme ich die Strähnen
Von links nach rechts, von rechts nach quer
Vom Schnitt her ähnelt’s den Hyänen
Doch wenigstens lacht mein Friseur!
– Volker Teodorczyk –
– Vor etwa zweieinhalb Milliarden Jahren,
brach eine erste Katastrophe aus.
Aus allen Badewannen wurden Bahren,
und eine Eiszeit überzog das Haus.
Wie kam es zu dem Sterben und Erkalten?
Ein kleiner Mörder, ein Bakterium,
nahm sich das Sonnenlicht zum Wasserspalten,
und blubberte mit Giftgas um sich rum.
Die Anaerobier im Meer verreckten
und in der Atmosphäre das Methan.
Das Kohlendioxid, das es erweckte,
hat kaum noch was als Treibhausgas getan.
Nur Arten, die Entgiftungswege fanden,
und gegen lange Fröste stille Glut,
sind leicht bis schwer verwandelt noch vorhanden
und nutzen dieses Giftgas ziemlich gut.
Doch eine will nun wieder Mörder spielen,
indem sie dessen Nutzung übertreibt,
schon sterben die Empfindlichsten der Vielen,
wer weiß, ob diesmal jemand übrig bleibt …
– gummibaum –
👉 Cornelius kommentiert das Gedicht so:Die «große Sauerstoffkatastrophe» vor knapp zweieinhalb Milliarden Jahren hast du so wunderbar lyrisch dargestellt, dass man buchstäblich den Atem anhalten muss.
Was die mikroskopisch kleinen Cyanobakterien damals mit ihrer «Wasserspalterei» anrichteten, führte zwar zu einem Massenaussterben anaerober Daseinsformen, legte aber die Grundlage für die Entfaltung des Lebens, wie es bis heute existiert – und hoffentlich weiter bestehen wird, wenn nicht, wie in deinem Gedicht angedeutet, eine einzelne aerobe Spezies allen anderen die Luft zum Atmen nimmt.
Leider neigt Geschichte, auch Naturgeschichte, dazu, sich zu wiederholen ...
– Den Vatertag in jedem Jahr
verbring ich mit den Kindern,
um Zweifel, wer ihr Vater war,
im Voraus zu verhindern.
Den Rest des Jahres lass ich sie
in einem Heim erziehen.
Sie wären, machte ich es, nie
und nimmer so gediehen.
Auch wenn ich diese Kinder mag,
sie sollten mich verklagen,
und das nicht nur am Vatertag
für klägliches Versagen …
– gummibaum –
– Lieber Gott, ich sah dich gestern kommen
Gradewegs zur Kneipentür herein.
Anfangs glaubte ich, es könnt ein Irrtum sein,
Denn ich sah dich zwar, doch sah ich dich verschwommen,
Und dein Gang, entschuldige, war mehr ein Wanken,
Und das ließ mich rundherum im Glauben schwanken.
Doch dann hast du zu den Himmelsachsen
Dich ins Lot gebracht und aufrecht kamst du her,
Nichts von Wanken oder Schwanken sah ich mehr,
Vielmehr schiens, als sollten dir jetzt Flügel wachsen,
Und wie dir – mir auch! So dass wir Schleifen flogen
Kneipenauswärts und vereint gen Himmel zogen.
Möglich, dass wir bis zur Himmelspforte kamen,
– Peter Welk –