Januar 21, 2026



eine auferstehung



 – wir sitzen auf der schlachtbank

und schauen gen osten

wo das echo großer ideen immer noch

sein mausoleum sucht


du fragst mich, ob ich gott spielen will

wenn ich bloß wüsste, wie napalm riecht

doch ich schmecke nur die filterlosen

diese kriegsberichterstattungsschlager

ihre kippen hebe ich auf

für die wirklich schlechten zeiten


du fragst mich, ob sie bald kommen

wenn ich bloß wüsste, aus welcher richtung

dennoch habe ich begonnen zu beten

und stelle mir dabei vor, wie sie ist

die ewigkeit

ich bete ihre farbe in mein blut

ich bete ihr aroma in die form

eines verbrannten satzzeichens

ich bete sie als vorschlag in ein amen

aber wer hört mir schon zu?


wenn ich auf die knie falle

sehnt sich mein herz zugleich

nach einem neuen deal

mit meinem verstand

doch auch ihn zog es fort

auf einen kreuzzug unter der flagge

eines woken tinnitus

ich wüsste zu gern

ob er tatsächlich kämpfen wird


vielleicht spiele ich ja doch

ich spiele mit dir

denke dich morgen-rot

und erkläre dir den reim

dann ziehen wir gemeinsam los

ihn zu suchen

irgendwo in jener hölle

dort im osten



 – Marcus Sommerstange – 



Januar 20, 2026



Der Marmorbrunnen


( Tanka )


 – der marmorbrunnen

im winterlichen friedhof

tränkt sein spiegelbild


ach – vergebens fische ich

im becken nach der sonne



– Hans Herrmann –



Januar 19, 2026




der Andere



 – die Stimmungsbörse schon wieder im Keller

bei diesem Stau tanzt ganz allein

ein von Schnabel bis zu den Krallen

beringter Spaßvogel

vor der Ampel und jongliert


ballert voll Allegro um sich

wie ein Finanzberater mit seinen Verheißungen

wenigstens fällt ihm nach jedem großen Wurf

eine Nulldividende spielend in die Hände


so in etwa

funktioniert wohl die Wirtschaft:

der Eine sitzt am Steuer und sieht ständig rot

während sich der Andere sein täglich

Glück aus der Luft zaubern muss


wir kommen uns trotzdem näher

in den letzten Sekunden vor der nächsten

Konjunkturwelle der Abgasindustrie

Danke, Amigo! – jauchzt er mir noch hinterher



– Dirk Tilsner –



aus DAS GEDICHT, Bd. 32: Menschlichkeit

Die Poesie der Nähe, 2024

 

Januar 18, 2026


 

Vom Finden und Verlieren



+++


Ich fand Kompromisse

schwer verletzt im Straßengraben liegen,


aber keine Zeit,

Erste Hilfe zu leisten.


Den Verstand

hatte ich da schon

längst verloren


- in irgendeinem Krieg

oder beim Pokern.


+++


Ich fand nur Haare

und suchte die Suppe

vergebens,


während blinde Hühner

ganze Kornfelder leerfraßen.


Konstant

verlor ich meine Würde,


so wie andere Leute

ihre Hautschuppen verlieren.


+++


Ich verlor sogar

das innere Gleichgewicht

und fand mich selbst


auf dem Boden der Tatsachen wieder.


+++


Dann fand ich Gott


beim Aufräumen

unter der Couch


und verlor

auch noch


den Glauben

an mich selbst.


+++


    – klaatu –


Januar 17, 2026



blondes Haar



 – blondes Haar
blonder
flauschiger Jackenkragen:
die junge Frau
schwach leuchtend
im Januarmorgen
der noch nicht weiß
wohin mit dem Grau



– Christian Fechtner –



Januar 16, 2026



Auferstehen



 – Wenn sich die Welt

aus Winters Hülle schält

nicht mehr gezwungen wird

sich so gestählt zu geben


Wenn wieder Leben

in die Bäume fährt

und keine Schneewolken

am Himmel kleben


Der Kranich wiederkehrt

um zu stolzieren

an Gräben

deren Wasser

nicht mehr frieren


Der Sonne Lächeln sich

ins Blau ergießt

der Krokus aus dem Rau

des Bodens sprießt


Was welk war

neu sich in Potenz erhebt

dann weiß der Mensch

der Lenz ist da -


und lebt



– niemand –



Januar 15, 2026

 


Anders 



– Es hilft kein Leugnen und kein Lügen. 

Ich muss mich der Bestimmung fügen. 

Ja, ich mag Blut und selten Bier. 

Ich bin ein einsamer Vampir. 


Bei Kurzen sag ich selten nein. 

Einsfünfzig sollten sie schon sein. 

Erobere auch Bluter gerne.
Nach Longdrinks seh ich Mond und Sterne. 


Und auch mein Sohn ist gut geraten. 

Er übt schon mal an Fleischtomaten. 

Und wirft sich dann in Beißerpose 

Beim Lochen der Kondensmilchdose. 



– Volker Teodorczyk –