Juni 18, 2026



kann/sein



der geruch von maikraut

dieses schelmische 'was du nicht sagst'

hand in hand

around and around

die ewigkeit

nur einen steinwurf entfernt

und immer wieder dieser schelm in dir

alles hinterfragend bestätigend

alles alles außer frage

selbst der eingefangene sonnenstrahl

in deinen händen

außer frage


kann nicht sein kann nicht sein


der geruch von maikraut

auf deiner nackten haut

around and around

ewigkeit

alles alles

was du nicht sagtest

was deine hände erzählten

und dieser geruch von maikraut

den ich mitnehme

für die zeit danach



– otto lenk –



Juni 17, 2026



Beweisnot



 – Die Toten brauchen wenig, 

glauben wir.


Vielleicht nur Dunkel,

das nicht weh tut.


Vielleicht ein bisschen Regen,

damit die Erde

nicht so trocken klingt.


Wir Lebenden brauchen mehr.


Eine Hand.

Einen Namen.

Einen Grund,

nicht zu verschwinden.


Wir sammeln Dinge,

als könnten sie beweisen,

dass wir hier waren.


Tassen.

Fotos.

Narben.

Sätze, die niemand

zu Ende gesagt hat.


Wenn ich gehe,

soll niemand sagen,

ich hätte nichts gewollt.


Ich wollte viel.


Nicht aus Gier.


Aus Beweisnot.


Ich wollte meine Hände

so voll haben,

dass der Tod

kurz überlegen muss,

wo er mich anfassen soll.



– Chandrika Wolkenstein –



Juni 16, 2026



Gaslicht



 – Im Blick so flügellahm,

die Liebe wie der schwere Stein

als Erlösung,

die vernichten will.



– Rufus –



Juni 15, 2026



Nass



 – Der Grauhimmel  pieselt,

es wabert und rieselt

vom Dach durch die Locken

ins Hemd und die Socken!

Das war nicht der Plan!

Ich bin im Momente

so nass wie 'ne Ente,

wo ist mein Umbrella?

 

Der liegt in der Bahn!



– Andrea M. Fruehauf –



Juni 14, 2026



Gewissensfrage



 – Die Lüge schminkt sich farbenreich

Ihr Lächeln schimmert seiden

Sie bettet dich behutsam weich

Die Wahrheit lässt dich leiden

 

Doch immer wieder lassen wir

Uns streichelzart umgarnen

Und Komplimente steh’n Spalier

Wer hört da noch das Warnen?

 

Selbst ein verzaubernd süßer Schwall

Mit Schwüren eingeläutet

Wird demaskiert zu Rauch und Schall

Wenn sich die Lüge häutet

 

Der Wahrheit einfaches Gewand

Zeigt schlichten Stil und Strenge

Bescheiden, doch dezent galant

Hebt es sich aus der Menge

 

Doch wer mag schon Bescheidenheit?

Wie lieben wir die Lüge!

Sie spielt mit unsrer Eitelkeit

Doch sie macht herbe Züge



– Volker Teodorczyk –



Juni 13, 2026


 

Der überraschend

hohe Sinngehalt



 – Ein Hamster beschloss an einem Dienstag, eine Firma zu gründen.

Sein Geschäftsmodell bestand darin,

Sonnenblumenkerne von links nach rechts zu tragen

und anschließend eine Besprechung darüber abzuhalten.


Nach drei Minuten stellte er fest,

dass er der Geschäftsführer, die Buchhaltung,

die Personalabteilung und der Hausmeister war.

Daraufhin kündigte er sich selbst.


Die Personalabteilung war empört.

Die Buchhaltung schrieb eine Beschwerde.

Der Hausmeister ignorierte alles und aß einen Keks.


Währenddessen erschien eine Ente mit einer Aktentasche.

Niemand wusste, warum die Ente eine Aktentasche hatte.

Nicht einmal die Ente.

Trotzdem wirkte sie kompetent.


Der Hamster stellte sie sofort ein.

Die Ente hielt eine Präsentation

über die strategische Zukunft von Pfützen.

Alle klatschten.


Es gab niemanden außer dem Hamster.

Er klatschte so begeistert, dass er vom Stuhl fiel.

Der Stuhl nahm das persönlich.


Am Nachmittag übernahm ein Brokkoli die Leitung des Unternehmens.

Die Ente fand das nachvollziehbar.


Der Hamster war inzwischen damit beschäftigt,

einem Toaster das Fahrradfahren beizubringen.

Der Toaster zeigte Talent.

Das Fahrrad nicht.


Gegen Abend wurde beschlossen,

dass der Mond künftig nur noch mittwochs erscheinen sollte.

Der Mond reagierte nicht.

Er war vermutlich in einer anderen Besprechung.


Am Ende machte die Firma einen Gewinn von drei Murmeln,

einem Gummiband und einer äußerst selbstbewussten Kartoffel.


Bis heute weiß niemand, was eigentlich verkauft wurde.


Aber die Kartoffel hat inzwischen einen Parkplatz

mit eigenem Namensschild.



– anonym –



Juni 12, 2026



Aus.sichten



Das Blut, an deinen Lippen,

längst geronnen, schmeckst du nicht.

Bist verschwunden,

in diesem Tunnel, der keinen Blick gewährt,

auf das was war.


Stehst am Fenster, blickst hinaus.

Denkst:

Manchmal klingt der Regen wie Applaus.



– Otto Lenk –