Mai 23, 2026

 




(Fotografie von 1925)



Im Lesegarten I


– Ach, wissen Sie, ich liebe Literaten,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Dem einen hab ich mal ein Steak gebraten

Und nahm ihn in den Lesegarten mit.


Mein Literat hat seine eigne Glätte,

Man bleibt als Frau nicht lange an ihm dran.

Jedoch, wenn ich ihn überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Kerlen aufgepeppt.





Im Lesegarten II



Ach, wissen Sie, ich liebe Lyrikfrauen,

Ich folge ihnen gern auf Schritt und Tritt,

Die eine hab ich mal im Rausch verhauen

Und nahm sie in den Lesegarten mit.


Sie  hat als Perle ihre  eigne Glätte,

Man bleibt als Mann nicht lange an ihr dran.

Jedoch, wenn ich sie überhaupt nicht hätte,

Was fing ich dann im Lesegarten an?


Man hat Gefühl. Man ist ja nicht von Pappe.

Man gibt sich hin. Und wird auch mal geneppt.

Ich seh das Leben insgesamt als Schlappe –

Gelegentlich mit Perlen aufgepeppt.



– Peter Welk –



Mai 22, 2026



Schneider und Schnieder



 – Minister wie Schneider und Schnieder

verwechselt man immer mal wieder

und festliche Lieder singt leider

kein Mensch über Schnieder und Schneider.

 

Minister wie Schnieder und Schneider,

die seien zu bieder und beider

Bekanntheit für Neider zu nieder.

Sie pfeifen auf Schneider und Schnieder.



– Didi.Costaire –



Mai 21, 2026

 


abwracknacht



 – in dieser nacht änderte sich alles

(du jedoch wirst dich niemals ändern)

eine ahnung von unberechenbarkeit

erbrach sich in unsere realität

und gebar ihr wort

es kündete von neuer größe

und altem zorn


bescheidene besonnenheit verätzte es zu

zügelloser leidenschaft

(du kennst diese geile, brutale gier)

fraß forderungen in unsere verwahrlosung:

verweigert euch belangloser verantwortung

vergesst längst verblichene schuld

vertraut eurer versteckten gesinnung

(du weißt genau, was ich meine)


und wieder waren wir gehorsam

kreuzigten unsere zweifel

und verschrieben ihren kindern empfehlungen

gesammelt auf schwarzen listen

(du weißt, wie man befehle ausführt)


zurück zu den waffen rief es uns

(du hörst das echo nicht)

griff nach unseren hüllen

die noch immer tage schauten und welten spiegelten

und ihre oberflächen mit wokem lack schützten

vielleicht war es nur eine vermutung von liebe

(du willst es nicht verstehen)


zurück in die schlacht warf es uns

das irre lachen hörten wir nicht

nur die sirenen und das geheul

der enthaupteten zukunft

(du bist ihr untotes gedicht)


zum schluss erinnerten wir fragmente eines bildes:

geriatrische zehen in öligem terrain

virile tattoos auf kraftlosen muskeln

verbrannte augen im geschichtsblinden himmel

im hintergrund das stimmvieh im stillen gebet

an den müll der stadt

dazwischen, brennend auf einer matten scheibe, ein

NIE WIEDER

und, die szenerie dominierend, ein invertierter phallus

scheinbar unentschlossen über einem roten knopf schwebend


ja, in dieser nacht änderte sich alles

(du jedoch wirst dich niemals ändern)



 – Marcus Sommerstange – 



Mai 20, 2026



Der Zuertragende



 – Dein Verständnis

ist meine Pflicht.

Bin ich nur

der Zauberspruch,

der dein faules Gebräu

zur Wirkung bringt?


Weder Opfer

noch Vollstrecker,

nur das zwischen dir

und …


und wem eigentlich?


Dir und dir?


Wäre ich doch nur

ein Spiegel,

du könntest ertrinken

in mir.


Doch du trinkst mich leer

und hüllst dich in mich ein.


Geschmeidig und ein wenig schwer,

so erträgst du mich.


Wäre ich doch Sackleinen,

das dir die Haut aufreißt,

dass du mich ablegst und vergisst.


Doch: der Zuertragende,

der zu tragende,

der schwere Schal,

der dich wärmt


und erstickt.



– Rufus –



Mai 19, 2026



Sonnengleich



 – Oh, wie lieb ich diese kleinen

sonnengleich wie silberfeinen

Tausendschönchen grad im Mai.

Wenn ich mir ein Kränzchen winde,

blätterweis das Glück ergründe,

wirds mir sonntagsleicht dabei.



– Andrea M. Fruehauf –



Mai 18, 2026



Das Schnabeltier




(Bild Wikipedia)



– Was hat der liebe Gott gedacht

in seinem Schöpferwahn,

als er das Schnabeltier gemacht?

Es paddelt seine Bahn

 

in manchem trägen Dschungelfluss

im Antipodenland

und ist nach Gottes weisem Schluss

nur mit sich selbst verwandt,

 

entschlüpft der Ente gleich dem Ei,

bloß harmoniert nicht ganz

sein Entenschnabelkonterfei

mit seinem Biberschwanz.

 

Ein Fersensporn mit Kobragift

zählt auch zum Arsenal.

Ein Feind, den dieser Stachel trifft,

empfindet Todesqual.

 

Es nähme gern den Schnabel voll,

doch leider bleibt es stumm.

Das findet es so semitoll.

Es wüsste gern, warum.



– Cornelius –

Mai 17, 2026

 


Viele Fragen



 – Es beginnt im Stillen,

dort, wo kein Maßstab greift

und kein Auge je verweilte,


mit der Frage,

warum überhaupt etwas ist

und nicht vielmehr nichts.


Ein Flimmern im Vakuum,

ein kaum gedachter Anfang,

der sich ausdehnt ohne Ziel,

und wir stehen darin

wie ein Atemzug,

der sich selbst betrachtet.


Warum trägt das Universum

die Form, die es trägt,

warum diese Gesetze,

diese leise, unerschütterliche Ordnung

inmitten scheinbarer Unruhe.


Warum hat ein Elektron

genau diese Ladung,

nicht mehr, nicht weniger,

warum diese Masse,

als wäre sie beschlossen worden

in einer Sprache, die niemand kennt.


Warum verharren die Konstanten

auf ihren stillen Werten,

fein austariert

wie ein Gleichgewicht

auf Messers Schneide,

als hätte jemand gerechnet,

lange bevor Zeit entstand.


Warum krümmt sich Raum,

und formt den Weg des Lichtes.

Warum zerfällt, was existiert,

und bildet sich neu

aus den Trümmern des Vorherigen.


Warum trägt jede Antwort

den Keim einer weiteren Frage,

wie ein Schatten,

der sich nicht abschütteln lässt.


Während wir zählen,

messen, beschreiben,

während wir Formeln

in die Stille schreiben,

bleibt etwas offen,

immer,

wie ein Fenster ohne Rahmen.


Und dann,

ganz am Rand

dieses großen,

schweigenden Rätsels,

die entscheidende Frage,

leise,

unerwartet konkret:


Wann muss die Steuererklärung

abgegeben werden?



– Önder Özkan –