Oktober 09, 2026



Verwandlung



 Vorbei scheint 

jedes Wachsen jedes Werden

ein stilles Sein

verlangt nach seiner Zeit

Gedämpft sind

alle hektischen Gebärden

es macht sich etwas Müdes

weit und breit


Und über allem schwebt

ein dunkles Sehnen

an welches

ein Wohin sich

fragend schmiegt


Zum Horizont

hört man den Herbstwind tönen

dorthin wo bald ein weißes

Leinen liegt



– Niemand –



Oktober 08, 2026

 


Vollmond heute



 Spukgestalten in Gemäuern, 

Sagen, die vom Werwolf handeln.

Späßchen, die das Herz erneuern,

Mädchen, die im Schlafe wandeln.


Fahler Glanz von Himmelsküsten,

Eulen, die vor Freude jodeln.

Schimmer macht aus stillen Lüsten

Beulen, die im Fieber brodeln.


Über das Gewölbe jagen

pegasüße Feuerreiter.

Glühende Zentauren tragen

Sternenschnüppchen als Begleiter.


Trolle hoffen auf Romanzen,

holde Feen auf fette Beute.

Krater platzen. Kälbchen tanzen

in Ekstase: Vollmond heute!



– Dirk Tilsner –



Oktober 07, 2026

 


Elegie der stehenden Gewässer



  Über zehn Jahre, und immer dieselben beschissenen Stunden. 

Raus mit dem Laken, nur raus, alles hier stinkt nach Urin.

Mutter, ich drehe dich um, und du schreist, und ich zähle Sekunden,

Blick auf die Uhr, dann zur Tür, gleich hab ich einen Termin!


Unten im Treppenhaus bleibe ich stehen und lausche nach oben:

nichts, und schon renne ich hoch: «Mutter, was machst du da bloß?»

Mutter, ich bleibe, ich habe das Treffen auf morgen verschoben,

hebst nur die Augen zu mir, lasse die Türklinke los.


Später im Bus riecht die Jacke nach dir, und ich wechsle die Plätze,

Handy auf lautlos gestellt, schalte den Ton wieder ein:

Vater, er fragt, ob ich komme, ich tippe und lösche die Sätze,

tippe ein Ja, dann ein Nein, lasse es lieber ganz sein.


«Sorry», sagst du, ich ziehe das Laken und höre dich schlucken,

tu so, als suchte ich was. (Wo ist ein sauberes Tuch?) -

Wasche die Hände, noch einmal die Hände, dann würgen und spucken,

streiche das Laken glatt, atme den vollen Geruch.



– seefeldmaren –



Oktober 06, 2026



färbung



 aus sonnenbäumen 

banden sie mein haar

nach hinten september

zogen eine strähne

orangerieroten lockens



– ubertas –



Oktober 05, 2026



Brodgar



– Du erklingst in Versen, Schattenkind.
Singst zu mir die wolkenschweren Weiten,
flüsterst mir die knöchernen Gezeiten.
Hauchst du einen Zauber in den Wind,


sind es Echos deiner Schöpfung Meister.
Manchmal, wenn sie in der Jetztwelt branden,
fallen Tränen ihrer klaren Geister
dort, wo jene wohl am Urgrund standen.


Schenkten ihre Weisheit kaltem Stein,
spröde Riesen, die mich sanft umkreisen.
Dieser Erde stille, stolze Waisen
laden mich in deine Träume ein.


Sternenperlen schmücken deine Lieder,
schmeicheln deinem Lichterfädenkleid.
Sinkt mein Sehnen schließlich zu dir nieder,
lächelst du nur Unergründlichkeit.



– Marcus Sommerstange –


– aktuelle Website >>



Oktober 04, 2026


 

Vielleicht war das Leben 

nie anders



 Vielleicht waren wir es,

die immer versucht haben,

es anders zu machen.


Wir nannten es

Anfang,

weil wir nicht wussten,

dass alles längst begonnen hatte.


Wir nannten es

Ende,

weil wir Angst davor hatten,

dass nichts wirklich endet.


Und irgendwo dazwischen

gingen wir durch die Jahre,


mit unseren kleinen Wahrheiten

in den Taschen,


als könnten sie uns

vor der Dunkelheit schützen.


Wir liebten,

als gäbe es ein Morgen.


Wir verloren,

als wäre gestern

noch irgendwo zu finden.


Wir suchten nach einem Sinn

und übersahen dabei

die Dinge,

die keinen brauchten.


Eine Hand,

die uns hielt.


Ein Blick,

der blieb.


Das Geräusch eines Menschen,

der neben uns atmete,

während die Welt

für einen Augenblick

aufhörte,

etwas von uns zu verlangen.


Vielleicht ist das

alles gewesen.


Nicht die großen Antworten.


Nicht das,

was wir erreicht haben.


Nicht einmal

die Geschichten,

die wir später über uns

erzählen werden.


Vielleicht war das Wichtigste

immer nur dieser eine

unbemerkte Augenblick,


in dem wir

noch nicht wussten,

dass er gerade

unser Leben war.


Und vielleicht


ist das Geheimnis

nicht herauszufinden,

warum wir hier waren,


sondern irgendwann

zu begreifen,


dass wir nie

woanders sein mussten.



– Önder Özkan –



Oktober 03, 2026



Effigie




 – Sie trägt noch immer jenes blaue Kleid.

Im Hintergrund verdunkeln sich die Bäume.

Der Maler gab ihr einen Mund aus unbezahlter Zeit

und um die Schultern unbewohnte Räume.


Als wäre jemand längst

Vergessenes heimgekehrt,

liegt auf den Lippen dieses tiefe Beben.

So hat sie einst auf deinen Schritt gehört,

bevor er unterging in all dem

deinen

ungelebten Leben.


Du hast ihr Zimmer fortgegeben.

Langsam zuerst:

den Schrank. Das Bett. Zuletzt

den Reif, der ihr im Leben

das lange Haar gehalten hat.

Und abends kam ein

Nachtigallenpaar

und starb.


Du wurdest groß.

Dann älter als die Hände,

die doch so vieles von dir nahmen.

Und manchmal gingst du nachts durch fremde Wände

im Traum zu ihr.

Sie ruft dich immer noch,

als seist du Kind

und habest keinen

Namen.


Nun stehst du wieder da. Auf ihren Knien

ruht eine Hand, als müsse sie dich halten,

wie damals, als du gingst,

ihr zu entfliehen und

deine Flügel zu entfalten

– und gingst doch bloß, um

furchtbar lang

und schwer zu altern.


Nun trittst du hin

zu ihrem Stein

ins Licht.

Etwas beginnt zu steigen:

dein Angesicht. Vom langen Leben blind

darfst du dich endlich wieder hin zu ihren vielen Armen neigen.

Sie wartet auf ihr Kind.

Und du bist alt genug.



– Dionysos von Enno –