Februar 06, 2026



Winterwanderung



– Endlich liegt wieder Schnee

auf kahlgewehten Bäumen.

Schweigen, das sich

einen Körper gibt.

Und wer die Stille wirklich liebt,

der findet sie beim Wandern

in den weiß verschneiten

Räumen.


Im Wald, da wohnt jetzt eine Ferne

von allem Leben, wie die

fast perfekte

Einsamkeit.

Und glänzten dort am Himmel nicht die Sterne,

man sähe nichts und spürte

bloß die Zärtlichkeit

der Kälte.


Birkenspiel.

Bräute in weißem Kleid aus Reif.

Mit letzten Ästen fassen sie sich an.

Das Sternenlicht auf Eis,

es frommt

dem späten Wandersmann,

der leis anstimmt den alten Sang

an Steingerðr,

die Wintermaid.


Nacht kommt.

Hand, die so gerne trösten will

und doch nicht kann.

Gottes Nähe hängt daran,

sagt man.

Nicht, weil er still

in größter Dunkelheit verschwand,

nein, weil man

spüren kann,

wie sehr er in den rauen Nächten

fehlt.


Vieles bleibt fern

in diesen stillen kalten Tagen,

so fern, dass selbst die Sehnsucht nicht mehr reicht.

Schneeflocken beklagen.

Ein längst verloschener Stern.

Kunst, die schmilzt,

bevor man sie begreift.



 – Dionysos von Enno –



Februar 05, 2026

 


Winterlied



 – Denkst du noch an jenen Sommerabend

Als der erste Kuss daneben ging?

Hast du noch die Rosen in der Nase?

Siehst du noch, wie hoch der Himmel hing?

 

Wär ich damals in den Baum gestiegen ...

Hätt' ich ein paar Sterne umgedreht ...

Hättest du beim Knöpfen still gehalten …

Ach, die Zeit hat alles überweht ...

 

Kälte ist schon übers Dach gekommen.

Winterblumen spannen Silbernetze.

Hätt'st du je das Ende so gedacht?

Sommerwünsche wurden über Nacht

Zwei im Schnee vergess'ne Lieblingsplätze.



 – Peter Welk –



Februar 04, 2026



An der Schwelle 

des Morgens



 – Du stehst an der Schwelle des Morgens,

das Licht kennt deinen Namen noch nicht.

Die Zeit atmet langsam

unter deinen Füßen.


In deinen Augen liegt ein fernes Meer,

wellenlos, aber tief.

Eine Stille,

die niemand berührt hat.


Dein Herz ist wie ein altes Haus,

dessen Fenster offen geblieben sind.

Der Wind tritt ein

und hebt die Vergangenheit

behutsam aus ihrer Ruhe.


Du sprichst ein Wort,

schwerer als seine Bedeutung.

Es bleibt in der Luft

und verschwindet dann,

ohne eine Spur zu hinterlassen.


Als der Abend näherkommt,

werden die Schatten länger,

Du bleibst an deinem Ort,

mit der bloßen Existenz.


Und die Welt,

selbst wenn sie dich nicht bemerkt,

wird durch dich

still vervollständigt.



– Önder Özkan –



Februar 03, 2026



Tonic



 – Sie lässt das Tonic schon lange weg

Ist genügsam geworden

Gin reicht ihr

Darüber hinweg

Selbst worüber ist schon lange weg

Darüber hinweg reicht ihr


Die Fotografie

Längst aus dem Rahmen genommenes

Der Blick auf den leeren Rahmen reicht ihr

Tage, Stunden, Minuten vergehen

Einfach so

Das genügt ihr ...


... und der Blick auf die traurigen Gardinen

Die das Fenster ohne Aussicht umrahmen



– Otto Lenk –



Februar 02, 2026



der Schreiber von ui!



 – Das Echo der Rose im Mark. –  versuchte er zunächst.
Zu sentimental,
lautete die Antwort.

Meine Sehnsucht verschlingt den Mond. – ersann er darauf.
Pah! Das ist viel zu pathetisch,
höhnte der Lektor.

Der Juni ist tot. Lass die Ziegen fliegen! – experimentierte er.
Misogyner Schwachsinn,
frotzelte der andere.

Flügel zu Messern! – hieß sein neuer Titel.
Oh nein, nicht schon wieder ein Pamphlet,
stöhnte der Lektor.

Alles schmilzt bei ihrer Hitze wie ein Toffee aus Lakritze.
Das soll Lyrik sein?

das täglich allrot | gelübde im krumengewölk
Lächerliches Rilke-Imitat! (oder doch Celan? Hm …)

Veröffentlicht in Anthologien und online. – stand in der Vita.
Diesem Schnösel wird nie ein Gedicht gelingen,
sagte der Lektor vom Schreiber.



– Dirk Tilsner –


Februar 01, 2026



Poesie



 – Es ist gedankliches Entrücken,

Verlust an Haftung und an Halt.

Gleich einer bunten Traumkaskade

wird Wunsch zur festen Wirklichkeit,

gewinnt an Form und an Gestalt.

Welch wunderschöne Maskerade!

 

Und so wird man hineingezogen

in eine dichte Wörterwelt,

um wie betäubt dann zu verweilen,

gibt sich den Sätzen haltlos hin.

Dann fällt fast jeder wie bestellt

herein auf diese Macht der Zeilen.

 

Welch Poesie, welch sanfte Worte!

Und letzte Zweifel sind versiebt.  

Ein Lebensborn statt einer Brache.

Kritik ist ihrer Macht beraubt.

Was sich noch vor die Sonne schiebt

verschwindet mit der Kraft der Sprache.

 

Doch wenn sie platzt, die zarte Blase,

Die schnell zur Träumerei verführt.

Dann schließen Wolkenkuckucksheime.

Sie ist enttarnt, die Illusion.

Der Leser wach, denkt irritiert:

Sie waren täuschend schön, die Reime!



 – Volker Teodorczyk –



Januar 31, 2026



Verschwiegen



 – Mir scheint

Als dringe nichts nach draußen

Obwohl ich doch ein fenster bin

Eines

Nur gedacht gemacht

Für diesen blick

Nach außen hin


Mir scheint

Als ob die blicke

Nur nach innen dringen

In diesen raum

Der mauer gleich

Aus dem das fenster einst gehauen


Mir scheint

Man hat mir was verschwiegen



– Otto Lenk –