Gerochene Stille (Tanka)
– Frequentierter Sumpf
Libellenflügellidschlag
Augenblick gehört
Das Blasengeplatz im Sumpf
hört auf, ich höre nichts mehr
– Marcus Soike –
– Ein Tagblatt titelt: «Liebe Leser
an Elbe, Mosel, Rhein und Weser!
Der Lenz beginnt nun seinen Lauf.
Wir fordern euch zum Dichten auf:
Vier Zeilen schickt uns, reimgebunden,
die schnörkellos und unumwunden
dem Kuckuck zugeeignet seien
und seinem heuer ersten Schreien.
Ergreift die Chance gleich beim Schopf!
Dem Sieger winkt ein Blumentopf.»
Die Resonanz, sie war gewaltig,
das Resultat recht vielgestaltig.
Nach angemessen kurzer Zeit
war jene Redaktion bereit
(obschon mit leichtem Wimpernzucken),
die folgenden «Top 5» zu drucken:
«Der Buntspecht lässt sein Ticktock hören,
die Meise singt ihr Zizidäh,
der Zeisig zwitschert in den Föhren,
doch ohne Kuckuck fehlt der Schmäh!»
*
«Ich blas auf meiner Klarinette
mit jedem Kuckuck um die Wette.
Wie hüpft beim Klang der kleinen Terz
mein altes Vogelfreunde-Herz!»
*
«So mancher kleinkarierte Motzer
beschimpft ihn wohl als Brutschmarotzer,
doch alle Schmähungen erlahmen,
ruft uns der Kuckuck seinen Namen!»
*
«Was treibt mich an, mich aufzurappeln
zum Wandern unter grünen Pappeln,
beschnürschuht und spazierbestockt?
Es ist der Kuckuck, der mich lockt!»
*
«Der Hund liegt träge hinterm Ofen.
Ihn lockt kein Frühlingslied zum Schwofen,
weil so ein Lied erst richtig groovt,
wenn mittendrin der Kuckuck ruft!»
*
Darunter, etwas eingerückt,
stand, durch kursive Schrift geschmückt:
«Wir danken allen für ihr Streben.
Es wird kein erster Preis vergeben.»
– Cornelius –
– Nirgends eine Öffnung
Alle suchen den Ausgang
Wollen wer anders sein
Glatte Gesichter
Glatte Haut
«Träumer» ein Schimpfwort
Die Zeit drängt; unterwegs
Durchs Leben ohne Öffnung
Ellenbogen-Existenzen
Geboren im glatten Mund
Glatte Mundwinkel
Glatte Häute
Auf der Suche nach der Öffnung
Die Zeit rennt; was ist geplant?
Am Rand der Erde ist ein Loch
Sagt man—eine Öffnung
Dort will ich hin
Das ist fest geplant
– Max Neumann –
– Liebe ist wie eine Blüte,
nicht nur zart, sondern vergänglich im Kern,
ein leises Aufbegehren gegen das Vergehen,
ein Duft, der schon im Entstehen Abschied in sich trägt.
Sie wächst nicht im Licht allein,
sondern in den Rissen unserer Unvollkommenheit,
dort, wo Sehnsucht sich mit Angst vermischt
und Nähe zugleich Rettung und Abgrund wird.
Jede Berührung ist ein Versprechen,
das die Zeit nicht halten kann,
und doch halten wir daran fest,
als wäre gerade dieses Zerbrechen der Sinn.
Denn Liebe ist kein Zustand,
sie ist ein Übergang,
ein ständiges Werden und Verlieren,
ein stilles Erkennen,
dass wir im Anderen nie ganz ankommen,
aber ohne ihn noch weniger bei uns selbst sind.
Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,
weil sie uns nicht erfüllt,
sondern uns öffnet,
wie eine Blüte,
die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,
im vollen Wissen,
dass sie fallen wird.
– Önder Özkan –
– Hinweggeschwemmt ist alle Ruhe,
er treibt in dem Gedankenfluss,
ein Kopf in Strudeln, sieht die Schuhe
am Ufer kleiner werden, muss
sich mühen, oben auf zu bleiben.
Zerrissenes Ideengut
beginnt ihn grausam zu zerreiben,
und leeres Wissen trübt die Flut.
Und hinter ihm noch all die Fragen,
die eine Antwort suchten und
ihn wie mit Keulen vorwärts jagen -
Es wächst ein Schrei in seinem Mund
und reißt ihn fort, er fällt Kaskaden
zerspellend abwärts ohne Halt -
Erwacht, und seine Schläfen baden
in Kissen einer Heilanstalt …
– gummibaum –
I.
– Die Hunde
haben das Haus übernommen
und Menschenhütten
im Garten errichtet.
Du kannst Recht behalten
oder deine eigenen Zähne.
Das ist der Preis
für deine Träume:
Kein Preisschild,
sondern rohe Gewalt.
Im freien Fall
verkündet der innere Kompass
voller Stolz,
dass es nun endlich
wieder aufwärtsgehe.
II.
Reiß das Fenster auf
und lass die Dunkelheit rein.
Begehe Massaker
vor lauter Mitgefühl
und ziehe
– zum Beweis deiner Ehrlichkeit –
frei erfundene Fakten
aus deinem Rektum,
wie ein Zauberer
Kaninchen aus dem Hut.
Die Welt wird so
zum grenzenlosen Katzenklo
und du bleibst stolz darauf,
zur Streu zu gehören.
III.
Da steht ein Plastikgott
mit Wackelkopf
auf dem Fensterbrett
– bete ihn einmal an
und du hast zwei Sünden frei.
Bekennende Kannibalen
gewinnen plötzlich Wahlen
und unsere Träume
beginnen zu träumen
– von einer Welt ohne uns.
Irgendwo
implodiert leise
ein Kopf.
Es könnte deiner sein.
IV.
LASST MICH LOS!
Ich muss das hier noch
ganz schnell aufschreiben!
Nur noch diese eine Strophe,
dann werden sie es verstehen!
BITTE!
Nur noch dieser Absatz!
Nein, ICH bin nicht verrückt,
IHR SEID VERRÜCKT!
NEIN!!!
– klaatu –