April 19, 2026


Vorstoß in Blau

dem Gral entgegen 



Es preschet ein Reiter, weit abseits vom Trosse,
mit kühnscharfem Auge auf willigem Rosse bei sin-
kender Sonne wohl über ein Feld - ein glühendes Däm-

mern verklärt schon die Welt und taucht jedes Ding in ein

magisches Licht, es zaubert auch Glut auf des Reiters Ge-

sicht. Das Dunkel des Waldes, in den er nun reitet, ist

wie schwarzer Samt, der um Nachtgeister gleitet, das

Tier bläht die Nüstern, er lockert die Zügel und

stemmt seine Stiefel nur fest in die Bügel,
er schaut in die Runde, das Dickicht

wird dichter, doch drinnen, von

ferne, da schimmert's 

wie Lichter.
Er

steigt

aus

dem

Sattel
und späht

nach dem Leuch-

ten, bahnt tastend

den Weg sich im hemmen-

den, feuchten Geäst und Ge-

sträuch, oft auch straucheln die

Tritte - doch plötzlich ein Freies und

in seiner Mitte astralend der Gral, den rings

Blumen umschließen mit bläulichem Schein, die aus

 Feenhänden                                                          sprießen. 





– Harzgebirgler (Figurengedicht) –


April 18, 2026



Innehalten



 – manchmal schaust du mich an

und beginnst zu weinen.

als wäre da ein stilles erkennen,

ein wissen um etwas, das man nicht deuten,

aber dennoch fühlen kann.


in solchen momenten muss ich innehalten.

mich zurücknehmen.

mich selbst davor bewahren dich zu fragen,

ob du um mich weißt.

muss mich von deinen tränen tragen lassen.


tragen lassen.

über die dunkle dunkle see.



 – Otto Lenk –



April 17, 2026

 


Gerochene Stille (Tanka)



 – Frequentierter Sumpf

Libellenflügellidschlag

Augenblick gehört


Das Blasengeplatz im Sumpf

hört auf, ich höre nichts mehr



– Marcus Soike –



April 16, 2026

 


Kuckuck …



 – Ein Tagblatt titelt: «Liebe Leser

an Elbe, Mosel, Rhein und Weser!

Der Lenz beginnt nun seinen Lauf.

Wir fordern euch zum Dichten auf:


Vier Zeilen schickt uns, reimgebunden,

die schnörkellos und unumwunden

dem Kuckuck zugeeignet seien

und seinem heuer ersten Schreien.


Ergreift die Chance gleich beim Schopf!

Dem Sieger winkt ein Blumentopf.»

Die Resonanz, sie war gewaltig,

das Resultat recht vielgestaltig.


Nach angemessen kurzer Zeit

war jene Redaktion bereit

(obschon mit leichtem Wimpernzucken),

die folgenden «Top 5» zu drucken:


«Der Buntspecht lässt sein Ticktock hören,

die Meise singt ihr Zizidäh,

der Zeisig zwitschert in den Föhren,

doch ohne Kuckuck fehlt der Schmäh!»


*


«Ich blas auf meiner Klarinette

mit jedem Kuckuck um die Wette.

Wie hüpft beim Klang der kleinen Terz

mein altes Vogelfreunde-Herz!»


*


«So mancher kleinkarierte Motzer

beschimpft ihn wohl als Brutschmarotzer,

doch alle Schmähungen erlahmen,

ruft uns der Kuckuck seinen Namen!»


*


«Was treibt mich an, mich aufzurappeln

zum Wandern unter grünen Pappeln,

beschnürschuht und spazierbestockt?

Es ist der Kuckuck, der mich lockt!»


*


«Der Hund liegt träge hinterm Ofen.

Ihn lockt kein Frühlingslied zum Schwofen,

weil so ein Lied erst richtig groovt,

wenn mittendrin der Kuckuck ruft!»


*


Darunter, etwas eingerückt,

stand, durch kursive Schrift geschmückt:

«Wir danken allen für ihr Streben.

Es wird kein erster Preis vergeben.»



– Cornelius –



April 15, 2026



Eine Öffnung



 – Nirgends eine Öffnung

Alle suchen den Ausgang

Wollen wer anders sein

Glatte Gesichter

Glatte Haut

«Träumer» ein Schimpfwort


Die Zeit drängt; unterwegs

Durchs Leben ohne Öffnung

Ellenbogen-Existenzen

Geboren im glatten Mund

Glatte Mundwinkel

Glatte Häute


Auf der Suche nach der Öffnung

Die Zeit rennt; was ist geplant?

Am Rand der Erde ist ein Loch

Sagt man—eine Öffnung

Dort will ich hin

Das ist fest geplant



– Max Neumann –



April 14, 2026



Vollendung



 – Liebe ist wie eine Blüte,

nicht nur zart, sondern vergänglich im Kern,

ein leises Aufbegehren gegen das Vergehen,

ein Duft, der schon im Entstehen Abschied in sich trägt.


Sie wächst nicht im Licht allein,

sondern in den Rissen unserer Unvollkommenheit,

dort, wo Sehnsucht sich mit Angst vermischt

und Nähe zugleich Rettung und Abgrund wird.


Jede Berührung ist ein Versprechen,

das die Zeit nicht halten kann,

und doch halten wir daran fest,

als wäre gerade dieses Zerbrechen der Sinn.


Denn Liebe ist kein Zustand,

sie ist ein Übergang,

ein ständiges Werden und Verlieren,

ein stilles Erkennen,

dass wir im Anderen nie ganz ankommen,

aber ohne ihn noch weniger bei uns selbst sind.


Und vielleicht ist sie gerade deshalb wahr,

weil sie uns nicht erfüllt,

sondern uns öffnet,

wie eine Blüte,

die sich dem Unendlichen entgegenstreckt,

im vollen Wissen,

dass sie fallen wird.



– Önder Özkan –



April 13, 2026



Zusammenbruch



 – Hinweggeschwemmt ist alle Ruhe,

er treibt in dem Gedankenfluss,

ein Kopf in Strudeln, sieht die Schuhe

am Ufer kleiner werden, muss


sich mühen, oben auf zu bleiben.

Zerrissenes Ideengut

beginnt ihn grausam zu zerreiben,

und leeres Wissen trübt die Flut.


Und hinter ihm noch all die Fragen,

die eine Antwort suchten und

ihn wie mit Keulen vorwärts jagen -

Es wächst ein Schrei in seinem Mund


und reißt ihn fort, er fällt Kaskaden

zerspellend abwärts ohne Halt -

Erwacht, und seine Schläfen baden

in Kissen einer Heilanstalt …



– gummibaum –