fluss
– alle sind wir fließende:
du, ich und der fluss.
wir sind auch verharrende:
du und ich – im fluss.
– Hans Hermann –
– Instantgötter aus der Tüte,
schnell mit Wasser angerührt,
Glaubensinhalt erster Güte,
schluckweis seelisch eingeführt.
Hosianna um die Ohren
und im Herz ein Jubelchor
und im Frostfach eingefroren
hält der Spirit länger vor.
Nichts mehr vom «Verstande, der
glaubend nach Verstehen strebt».
Die Scholastik? Längst verlebt!
Denken macht das Dasein schwer,
also halt dein Hirn schön hohl,
freu dich dumm am Seelenwohl.
– sufnus –
wir waren arglose geisterfahrer und rasten durch halbstarke zeiten
im stroboskopwesten verschwitzten wir unsere unschuld
und ritten uns unter dem applaus der nachtfalter in viriler einfalt zuschanden
wir waren kutten aus betonierter aggression
schossen nieten auf die blutarmut der sonntagsfahrer
in deren zellen wir stählerne messen feierten
manchmal beschworen blondierte hoffnungen eine engelszunge
bevor uns neue realitäten zur musterung schickten
wir waren proletarische alchemisten
verwandelten schwarzes gold in schwieligen wohlstand
vertauschten die selbstgefälligkeit der straße mit zukunftsängstlicher demut
destillierten den lohn der finsternis zu kornklarem vergessen
und umschlossen empathie mit dem abraum der voyeure
wir träumten uns in ferne weiten
badeten im eisblau fremder gedanken
erzählten uns im schwarzweiß der hornbrillen, pomaden und blümchenkittel
in die wärme schlichter selbstvergewisserung
und wir waren flüchtlinge eines längst beendeten krieges
dessen dämonen wir tief in unseren herzen gefangen hielten
wir waren motor und plage
wir waren laut und unsichtbar
wir waren feinripp und krawattennadel
wir waren klassenclowns und jederleute
und wir waren
zuhause
– Marcus Sommerstange –
👉 Interpretationsversuch:
«Revierheimat, oder was wir waren» zeichnet in dichter, bildhafter Sprache ein kollektives Selbstporträt einer Generation – vermutlich aus einem industriell geprägten Milieu (das Ruhrgebiet – angedeutet durch Begriffe wie «schwarzes Gold», also Kohle). Insgesamt geht es um Erinnerung und Identität: Das «Wir» blickt auf eine Vergangenheit zurück, die von Jugend, Rebellion und Härte geprägt war. Am Anfang stehen Wildheit, Orientierungslosigkeit und eine gewisse Naivität («arglose Geisterfahrer»), verbunden mit exzessiven Erfahrungen und einem fast selbstzerstörerischen Lebensstil.
Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus stärker auf soziale Realität: harte Arbeit, Arbeiterkultur und das Leben im industriellen Umfeld. Es wird gezeigt, wie diese Menschen versuchen, aus schwierigen Bedingungen etwas zu machen («proletarische Alchemisten»), gleichzeitig aber auch Abstumpfung, Verdrängung und emotionale Distanz entwickeln. Zwischendurch blitzen Sehnsucht und Träume auf – der Wunsch nach einem anderen Leben, nach Weite und Sinn. Doch diese bleiben eher imaginär und stehen im Kontrast zur tatsächlichen Lebenswelt.
Gegen Ende wird das Ganze ernster und nachdenklicher: Die Menschen erscheinen wie «Flüchtlinge eines längst beendeten Krieges», was darauf hindeutet, dass sie innere Konflikte, Traumata oder gesellschaftliche Prägungen mit sich tragen, die nie ganz verschwunden sind.
Die abschließenden Zeilen bündeln die Gegensätze: laut und unsichtbar, gewöhnlich und besonders, Teil der Masse und doch individuell. Trotz aller Widersprüche und Härten mündet alles in einem Gefühl von Zugehörigkeit – «wir waren zuhause».
Das Gedicht ist eine rückblickende, leicht melancholische Reflexion über Herkunft, Jugend, Arbeitermilieu und den Versuch, in einer widersprüchlichen Welt eine Identität und ein Gefühl von Heimat zu finden.
Feng shui mal an!
Fachmann 1:Sollen wir das Bett shui aufstellen?Fachmann 2:Jo, dann feng shui mal an.Fachmann 1:Angefengt hast du doch immer.Fachmann 2:Muss du jetzt Streit anfengen?Fachmann 1:Stimmt das, dass der Kopf immer nach Osten liegen soll?Nach Norden fengt er unruhig an zu werden.Fachmann 2:Kann shui sein!Fachmann 1:Die Wand nach Osten ist aber zu klein. Hier kann ich nicht anfengen.Fachmann 2:Dann nimm die andere, wird shui irgendwie passen!Fachmann 1:Nee, da shui ich mich etwas davor. Die Wand nach Süden ist besser.Ich feng dann an der Tür an. Dann hat der Mann sie im Blick.Linke Seite, Blick zur Tür ist gut. Ist die Frau mal im ein Gezänkanfengen, kann er weglaufen. Ist shui voll gut!Fachmann 1:Du, da hängt aber ein Spiegel an der Wand nach Süden.Ist shui komisch. Mit Spiegeln im Schlafzimmer fengt manlieber nicht an. Hab ich gehört.Fachmann 2:Häng ihn ab und stell hinter den Schrank. Wird shui keiner merken.Die fengen doch erst zu gucken an, wenn wir shui weg sind.Fachmann 1:Und die Palme?Fachmann 2:Pflanzen sollten shui sein. Wegen der Atem-osphäre.Fachmann 1:Was soll das denn shui wieder sein?Fachmann 2:Feng zu denken an! Sauerstoff und Stickstoff!Die Leute sind sauer auf den Stickstoff und die Pflanze muss ihndann shui wegatmen. Ist doch eine feine Sache.Fachmann 1:Pflanzen-Verarsche ist das aber shui.Fachmann 2:Hier steht: Vermeiden sie nach innen gerichtete Kanten und Ecken.Das ist aber shui komisch. Wie man auch dreht, die Kanten richtensich immer nach irgendwo.Fachmann 1:Biste jetzt fertig?
Fachmann 2:
Nö, was ich anfeng ist falsch. Ich muss mal aufs Klo!
Fachmann 1:
Pass aber shui auf, wenn du fertig bist? Der Toilettendeckel muss immer
verschlossen bleiben. Sagen sie.
Fachmann 2:
Wie soll ich das denn anfengen? Das ist ja schlimmer als bei der Kati,
zuhause. Da muss ich sitzen und hier auch noch durch den Deckel?
Fachmann 1:
Oh, shui zwölf Uhr? Feierabend! Feng shui mal an einzupacken.
Fachmann 2:
Wir sind aber noch nicht fertig!
Fachmann 1:
Egal, das wird gehen. Die fengen sowas an, dann können
sie es shui auch alleine weiter machen.
– niemand –
👉 Leser-Kommentar: Feng Shui ist die Fähigkeit, die Schuld für alles, was im Leben schief läuft, auf die Möbel zu schieben.
– Am Fuße des Merapi
steht einsam ein Okapi,
von Dschungelgrün umrahmt.
Sein rechter Schenkel lahmt
vom unentwegten Wandern.
«Wo sind denn nur die andern?
Wo steckt der scheue Bongo,
mein Kumpel aus dem Kongo?»
Es war auch, leicht benommen,
ein Stück durchs Meer geschwommen,
blickt nun auf kalte Lava.
«Willkommen hier auf Java!»
verkündet ihm ein Schild.
Da ist das Tier im Bild
und seufzt mit tiefem Bangen:
«Ich bin zu weit gegangen …»
– Cornelius –
– Geborensein, der große Fristbereiter:
Wir sind die Schwelle und die Zeit der Schreiter
auf Reisen von Paris nach Finistère:
Hic sunt dracones - keine Handbreit weiter!
Ein Kinderspiel vom Jetzt zum Ziel ... nicht schwer ...
Da darf uns schon die scheue Frage beuteln:
Was war nochmal in diesem Affenstall
der tiefre Sinn? Das ganze Kanzeldeuteln
führt in die Irre oder nirgends hin
(soweit die Innensicht vorm Einzel-Fall,
dem Absturz aus dem Traum vom Lustgewinn).
Doch wenn der Geist weht, steigt im Wind der Mut,
selbst Leib und Seele sind einander gut,
der Menschenkuckuck pfeift auf Klagefragen,
und Freude füllt den Kopf bis untern Hut
und hält das Schmuckstück lächelnd auf dem Kragen.
– Chamonixius –
👉 Interpretationsversuch – Das Gedicht beschreibt drei Stadien menschlicher Existenz
Aufbruch und Illusion: Leben als scheinbar einfacher Weg mit klaren Zielen.
Zweifel und Sinnverlust: Kritik an Religion, Vernunft und der Idee eines festen Lebenssinns.
Lebensbejahende Wendung: Sinn entsteht nicht durch Erklärung, sondern durch Erleben, Mut und Freude.