Kästners Stilblüte



Mein Vater hat gerne Gedichte gelesen

und ab und zu gab er bei Feiern und Festen

auch Verse von Rilke und Kästner zum Besten.

Wir liebten vor allem sein heiteres Wesen.


So las er: «VOM FENSTER AUS KONNTE MAN SCHIFFEN …»,
hielt inne und ließ das Gedichtbändchen sinken.

Mein Bruderherz grinste und hat mich gekniffen,

als Papa ganz trocken hinzufügte: «… WINKEN.»



– Didi.Costaire –


 




Als Gott die Welt gemacht, erfand

er auch den Oberlehrerstand

und sah sein Werk, pauschal betrachtet,

mit keinerlei Defekt befrachtet.

So kam, von Gott gesandt, der Oberlehrer auf die Erde,

auf dass er hier fortan unsterblich werde.




Im Traum 



– Nur der Mond berührt 

zärtlich den schlafenden Mund. 

Das Herz ist verreist. 



– AlmaMarieSchneider –



 


Alles noch da?



– Ich beiß vor Wut noch in den Tisch,

es ist zum Mäusemelken,

mein Inneres scheint blütenfrisch –

doch außen blüht mein Welken.


Das Herz schlägt unverbraucht und jung,

es fühlt sich ohnegleichen

bereit zum Hoch- und Seitensprung.

Mein Gang nur noch zum Schleichen.


Mein Können hätte diese Welt

gern hier und da beflügelt,

doch wird, in Körpers Haft gestellt,

sein Genius stark gezügelt.


Klar wie Kristall agiert mein Hirn.

Grad wirkt es wie besessen,

als suche es in meiner Stirn.

Wonach? Ich hab‘s vergessen!



– niemand –



 


Iterare 



Vom Nebel verhangene Zinnen, der Morgen 

Greint mit den Krähen, das Licht ziert sich kühl, 

Die Wege im Park sind vom Warten geronnen, 

Wie wahllos verstreut dämmern Träume im Gras. 


Die Nymphe am Brunnen beginnt sich zu räkeln, 

Nur einen Lidschlag lang seh ich ihr Herz, 

Ein Vögelchen wispert, es müsse bald ziehen, 

Und wieder versilbert ein Spinnweb mein Haar. 



– Andrea M. Fruehauf – 





wert 



den höchsten wert, verehrteste 

hat doch der allerwerteste 

er hieße ja sonst apropos 

ganz zweifellos kaum jemals so 



– harzgebirgler – 



 


Senryu #1 



Die Zeit schlägt Wellen 

Ich setz Segel in den Sturm 

Das Festland kentert 



– Morphea –



Treffpunkt Alexandrowka 

(für Heike) 


– Erinnerst du dich? Weißt du noch? Na klar!

Die Zeiten, die wir unbeschwert verbrachten. 

Wenn‘s manchmal nichts zu lachen gab, wir lachten! 

Weil dann die graue Werkstatt bunter war. 


Wir kamen ziemlich weit, und offenbar 

Auf Wegen, die wir nicht im Traum bedachten. 

Das Altern kann man dabei so betrachten: 

Wo sich heut‘ Wolken spiegeln, störte Haar. 


Verdammt lang her! Ein Fetzen Jugend reißt 

Sich täglich los von uns. Nichts wird sie halten. 

Quatsch! Wer zu früh flennt, den bestraft ... Das heißt: 


Trotz ein paar Kilo mehr und Lächelfalten, 

Das Foto mit uns beiden drauf beweist, 

Im Grunde sind wir ganz und gar die Alten! 



– Dirk Tilsner –




 

gassen



– laternen leuchten

durch die schmalen gassen und

keine spur von mir


– Jörg Schaffelhofer –





 SEK



– Beim Bankraub in Süss an der Weihe

Tanzt Scharfschütze Schorsch aus der Reihe,

Er stürmt im Alleingang

Den vorderen Eingang

Und schießt aus der Drehtür ins Freie.



– Stefan Pölt –



 

Albtraumfabrik



– Mühsam

lernte ich mit euch die Schritte,

die uns gemeinsam

in den Untergang führen werden.


Meine Fantasie

wurde zu einer Fabrik

für Albträume


- ein atmendes

Atom-U-Boot

in ständiger

Alarmbereitschaft.


+++


Eure


W       E       I        T         E


macht

mein Denken

eng.


So eng,

dass ich

mich

sel

bst

ka

um

me

hr

ve

rs

te

h

e


+++


Vergessene Erkenntnisse

auf zerrissenen Schmierzetteln,

die im Staubsaugerbeutel

meiner Erinnerung landeten:


Ich weiß noch,

dass ich mich bunt

oder zumindest grau fühlte,


doch an der Garderobe

gaben sie nur

einheitlich schwarze

oder weiße Kleidung raus.


+++


Nun stehe ich

Fahne schwenkend

am Bahnhof,


Kausalitäter und

-opfer gleichzeitig,


und winke schluchzend

meinem Verstand hinterher,

wie er gerade


mit dem letzten Zug

Richtung Front abfährt.



– klaatu –



 


Passantin



gut anderthalb Meter
über dem Asphalt
eine energisch schwebende
Riesenschildkröte
die pink
durch den Regenmorgen leuchtet



– Christian Fechtner –





Käsekrümel und Rose

(Kindergedicht)
– Auf Omas großem Gartentisch
ist Platz genug für dicke Fliegen, 
die haben sich gerade auf den Tisch gehockt,
ein Käsekrümel hat dicken Fliegen angelockt. 
Ein schöner weißer Schmetterling
kann auf dem Gartentisch nicht landen,
die Fliegen rennen alle kreuz und quer,
mal eine vorneweg, mal alle hinterher,
ganz plötzlich alle hin zum Käsekrümel,
der Schmetterling steht flatternd in der Luft,
die Sonne hat den Käse weich gemacht und drum
treibts alle dicken Fliegen um den Käse rum.
Da kommt ein gelber Schmetterling herangeflogen
und hat den weißen mit sich fortgezogen
zu einer dunkelroten Rose hin. Dort sitzen
die beiden jetzt an dunklen Blütenblätterritzen
und saugen süßes Rosenwasser ein …
in Omas Garten wird’s bald Sommer sein.


– Peter Welk –